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ZEUGHAUSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
10. Oktober 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Während in dem einen oder anderen Opernhaus inzwischen mal ein Gedanke aufblitzt, ob das Opernmuseum tatsächlich für die Zukunft tragfähig ist – und man insgeheim wohl frohlockt, dass Barrie Kosky und Tobias Kratzer wieder frischen Wind auf die alte Bühne bringen, Hosianna, wir können doch weitermachen wie bisher – wandeln die Konzerthäuser unbeirrt auf alten Pfaden und bieten die gewohnten Programme an. Sie haben ja Recht: Die Publikumssäle sind gefüllt bis zur letzten Reihe. Ja. Mit alten Leuten. Aber was ist eigentlich falsch an den alten Leuten? Die haben sich doch redlich verdient, bis in alle Ewigkeiten Wiener Klassik zu hören. Im Radio, im Konzert und bitte schön auch auf dem Kopfhörer, der an ihr Smartphone angeschlossen ist. Und sie werden auch nicht aussterben. Es kommen so viele nach. Trotz zunehmender Altersarmut wird es immer genug geben, die sich noch das Konzert-Abonnement werden leisten können.
Also alles gut. Oder doch nicht so ganz. Eine Kultur, die sich nicht weiterentwickelt, hungert aus und stirbt. Egal, wie viel Alte es gibt. Nein, es geht nicht um Respektlosigkeit. Wer sich heute Abend im Neusser Zeughaus umschaut, erschrickt. Willkommen im Altenheim Zeughaus. Wer hier unter 60 ist, gehört zum Betreuungspersonal. Und das, obwohl an diesem Abend niemand Geringeres auftritt als Vilde Frang und Michael Lifits. Musiker, die man ganz kurz beschreiben kann: Weltklasse. Da ist irgendetwas nicht in Ordnung. Und darüber sollten sich die Veranstalter dringend Gedanken machen.

Gewiss, auf dem Programm steht kein aufregender Komponist der Gegenwart, der ein junges Publikum in Scharen anlocken könnte. Aber annehmbar ist es doch. Brahms, der jugendliche Verehrer Clara Schumanns, immer noch ist geheimnisumwittert, was da im einzelnen Bestandteil der Beziehung war, Franz Schubert als Komponist aus der benachbarten Landeshauptstadt und schließlich Béla Bartók als Notenschreiber, der sich um Althergebrachtes kaum scherte, sondern neue Klangtechniken in Umlauf brachte. Lassen wir die Jahreszahlen weg, ist das doch eine ganz attraktive Angelegenheit.
Vilde Frang wie Michael Lifits bringen Leben in die alten Noten. Und wie. Zwar ist der Rahmen für die Kammermusik eher spärlich, aber wen interessiert das auf diesem Qualitätsniveau? Zu Beginn der Aufführung wird das Licht gedämmt. Zwei Scheinwerferlein zusätzlich hätten hier sicher Wunder gewirkt. Stattdessen stehen respektive sitzen die Musiker im Halbdunkel. Es ist warm und muckelig. Da müssen sich die Musiker gewaltig anstrengen, um die Menschen im Saal wach zu halten. Mit der Violinsonate Nr. 1 G‑Dur von Johannes Brahms wird es schwierig. Zumal die Akustik des Zeughauses hier ihre Grenzen zeigt. Brahms hat diese Sonate vor dem Hintergrund des Todes seines Patenkindes Felix geschrieben, und Frang und Lifits gelingt es, die Tragödie nachzuzeichnen, auch wenn Frangs Violine zeitweilig unter den Klängen des Flügels untergeht.
Ganz anders bei Franz Schuberts Fantasie für Violine und Klavier C‑Dur. Hier pulsiert das Leben, steht doch im Vordergrund der Variationensatz über Schuberts Lied Sei mir gegrüßt. Frang steht wie bei der Brahmschen Violinsonate mit überwiegend geschlossenen Augen vor dem Notenpult und lässt die Töne fließen. Lifits sekundiert in ebensolcher Perfektion mit weichen Anschlägen.
Beglückt von diesem Spiel, bleiben nach der Pause einige Sitze leer. Bartók kenn ich nicht, will ich nicht. Tatsächlich überflügelt die Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 die bisherigen Darbietungen. Die Anforderungen steigen erheblich für beide Seiten. Im verbliebenen Publikum ist seismographisch Unwohlsein zu spüren. Auf der Bühne hingegen höchste Konzentration. Und es bedarf schon solcher Virtuosen wie Frang und Lifits, um die drei Sätze der Sonate zu einem spannenden Hör-Abenteuer werden zu lassen, bei dem man gerne dabei ist. Da geraten die leisen Zwischentöne mit langgezogenem Bogen ebenso zum Wagnis wie die dröhnenden Akkorde, die der Pianist jetzt auch schon mal mit harter Hand angehen muss, sich eignen, sich todesmutig von Klippen zu stürzen. Es ist ein Spiel mit Feuer und Öl, das die Künstler hier in Einklang bringen. Und so wird das Finale furioso, wenn man das Allegro so verstehen will, tatsächlich ein solches. Manch ein Besucher mag seine Irritation über den Kontrast zu den vorangegangenen Klangerlebnissen kaum zu verbergen. Aber eines wissen alle im Saal: Dass sie hier gerade einem wunderbaren Musik-Erlebnis beiwohnen durften.
Völlig zu Recht also der stürmische Beifall, der das Duo immer wieder zu neuen Verbeugungen auf die Bühne ruft – und mit Estrellita von Manuel María Ponce aus dem Jahr 1912 zu einer Zugabe veranlasst, die man ohne Weiteres als herrliche Süßigkeit zum Abschluss des Abends schlürfen darf.
Michael S. Zerban