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Am Sonntagmorgen geht man in die Kirche, zum Stammtisch oder bleibt am besten gleich im Bett. Alles andere übersteigt eher das Aufnahmevermögen. Da wird ein Klavierkonzert morgens um elf zur besonderen Herausforderung. Zumindest dann, wenn man nicht der Zielgruppe der Bettflüchter gehört. Die sind meist jenseits der 70 Jahre und freuen sich, wenn sie am Sonntagmorgen Unterhaltung geboten bekommen. Ziemlich genau das ist das Publikum, dem niemand Geringeres als Joseph Moog an diesem Morgen im Neusser Zeughaus gegenübersitzt. Aber auch hier scheint es Ausfälle zu geben. Zumindest bleiben etliche Plätze frei.
Moogs Eltern sind Orchestermusiker, und so verwundert es nicht, dass Joseph mit vier Jahren am Klavier saß. Früh gibt er sein Debüt in der Öffentlichkeit, wird mit zehn Jahren an der Hochschule als Jungstudent angenommen. Lehnt aber das Angebot einer Agentur ab, sich als „Wunderkind“ vermarkten zu lassen. Er macht lieber seinen Weg, bleibt auch über die Pubertät hinaus am Klavier hängen und hat inzwischen eine typische Konzert-Karriere hingelegt, die inzwischen immer seltener wird. Der Pianist, mittlerweile 32 Jahre alt, hetzt von Kontinent zu Kontinent, um seine Virtuosität zu beweisen. Sein Ding ist das klassische romantische Repertoire, auch wenn er betont, dass er nebenbei eher unbekannte Komponisten im Koffer mit sich führt. Die sind auch in Neuss nicht gefragt. Hier will man das klassische Repertoire eines Ausnahmetalents am Klavier hören, sagen die Organisatoren.

Damit ist das Programm für diesen Sonntagmorgen im Neusser Zeughauskonzert geklärt. Schubert, Beethoven, Liszt. Da fühlt man sich als Hörer gleich mal um zweihundert Jahre zurückgesetzt. Junge Leute haben auf so etwas keine Lust. Und bleiben dem Konzert konsequent fern. Moog ficht das nicht an. Schließlich sind die Alten die, die das Geld haben und in der Überzahl sind. Also funktioniert das System.
Dieser Zielgruppe allerdings hat Moog einiges zu bieten. Über seine fantastische Spielweise ist inzwischen wohl alles gesagt. Da bleibt in Neuss allenfalls festzuhalten, dass alles stimmt, was an Lobhudeleien je geäußert wurde. Mit geschlossenen Augen widmet sich der Pianist zunächst dem Adagio und dem Rondo in E‑Dur von Franz Schubert. Da sieht man ihn vor dem geistigen Auge von Flughafen zu Flughafen eilen, um in möglichst vielen Konzertsälen auf der ganzen Welt zu spielen. Aber jetzt eben auch in Neuss. Nicht zum ersten Mal, aber immer wieder gern. Selbst am Sonntagmorgen ist das Zeughaus einen Besuch wert, auch für die Musiker. Moog fühlt sich hier sichtlich wohl, obwohl ihn die Sonnenstrahlen im Gesicht kitzeln.
Nach Fragmentarischem gibt es die Sonate Nummer 26 in Es-Dur von Ludwig van Beethoven, die unter dem Namen Les Adieux – der Abschied – bekannt ist. Bei den Bettflüchtern gibt es jetzt etliche, die mit geschlossenen Augen in tiefer Konzentration versinken. Eine Haltung, die man in einem Konzert dieser Qualität erwartet. Und so geraten Musiker und Publikum in abgründige Kontemplation, während die drei Sätze in die Tiefe des Saals dringen. Ganz wunderbar und ohne jeglichen Aufwand für die Hörer. Dass hier offenbar auch fachunkundiges Publikum sitzt, dass zwischen den Sätzen klatscht, bringt Moog nicht aus der Ruhe, sondern veranlasst ihn zu einem freundlichen Dankeschön im Sitzen.
In der Pause darf es auch schon mal ein Sekt sein – für den Kreislauf. Aber wer sich danach auf einen entspannten Liszt vor dem Mittagessen eingestellt hat, so wie man es aus dem Vormittagsprogramm des klassischen Radiosenders kennt, wird herbe enttäuscht. Moog macht aus der Sonate in h‑moll Rock’n’Roll. Wenn das die Jugend hätte hören können. Da hat es sich alsbald mit der Kontemplation. Moog rockt den Flügel, dass er bebt. Es ist wirklich großartig. Die Sonne erhellt den vormittäglichen Saal, während Moog den Flügel attackiert, wie es Liszt verlangt. Das gibt Kraft und Stärke für den Tag. Und ermutigt die alten Leute auf den Hinterbänken zu Bravo-Rufen, nachdem auch der letzte Satz verklungen ist. Auch der Musiker im extravaganten Anzug mit Einstecktuch, unter dem er ein T‑Shirt trägt, ist bewegt.
Gleich zwei Zugaben hat er vorbereitet – die es eigentlich nicht gebraucht hätte. Eigentlich ist schon nach der Liszt-Sonate alles gesagt. Aber gern lauscht das Publikum dann doch noch der heiteren, gelösten, verspielten Barcarole von Gabriel Fauré, ein Stück, das ausgesprochen selten gespielt wird; zu Unrecht, wie der Ausnahmemusiker da oben auf der Bühne zeigt. Und schließlich gibt es noch eine Etüde von Rachmaninoff obendrein. Wozu?
Immer wieder stellt sich bei Musikern, die längst jede Norm des bislang Gehörten gesprengt haben, die Frage, warum sie sich nicht aus den „Gesetzen des Konzertbetriebs“ lösen können. Ein Joseph Moog könnte in T‑Shirt und Jogginghose auftreten, gut, dazu hat Lagerfeld eindeutig Stellung bezogen, aber es würde im Konzertbetrieb vielleicht etwas bewegen. Stattdessen ist der junge Mann eifrig darauf bedacht, regelgerecht den Knopf am Sakko zu öffnen und zu schließen. Und das will er in den kommenden dreißig Jahren so machen? Musikalisch ist er doch längst auf dem Höhepunkt angelangt.
Das Publikum scheint es gut zu finden. Nur die Zugaben sind dann doch zu viel. Immerhin wartet jetzt im Rentnerleben das Mittagessen. Da fällt der nach Programmende so enthusiastische Applaus nach der zweiten Zugabe nur noch dünn aus. Es ist eindrucksvoll, in ein 200 Jahre altes Programm, meisterhaft dargeboten, einzutauchen, irgendwie so, wie Alkohol am Vormittag trinken. Aber auch das ist wie mit dem Alkohol bei Tageslicht: Für den Rest des Tages bleibt ein schaler Geschmack.
Michael S. Zerban