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Foto © O-Ton

Besondere Herausforderung

ZEUGHAUSKONZERT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
1. März 2020
(Einmalige Aufführung)

 

Zeughaus Neuss

Am Sonntag­morgen geht man in die Kirche, zum Stamm­tisch oder bleibt am besten gleich im Bett. Alles andere übersteigt eher das Aufnah­me­ver­mögen. Da wird ein Klavier­konzert morgens um elf zur beson­deren Heraus­for­derung. Zumindest dann, wenn man nicht der Zielgruppe der Bettflüchter gehört. Die sind meist jenseits der 70 Jahre und freuen sich, wenn sie am Sonntag­morgen Unter­haltung geboten bekommen. Ziemlich genau das ist das Publikum, dem niemand Gerin­geres als Joseph Moog an diesem Morgen im Neusser Zeughaus gegen­über­sitzt. Aber auch hier scheint es Ausfälle zu geben. Zumindest bleiben etliche Plätze frei.

Moogs Eltern sind Orches­ter­mu­siker, und so verwundert es nicht, dass Joseph mit vier Jahren am Klavier saß. Früh gibt er sein Debüt in der Öffent­lichkeit, wird mit zehn Jahren an der Hochschule als Jungstudent angenommen. Lehnt aber das Angebot einer Agentur ab, sich als „Wunderkind“ vermarkten zu lassen. Er macht lieber seinen Weg, bleibt auch über die Pubertät hinaus am Klavier hängen und hat inzwi­schen eine typische Konzert-Karriere hingelegt, die inzwi­schen immer seltener wird. Der Pianist, mittler­weile 32 Jahre alt, hetzt von Kontinent zu Kontinent, um seine Virtuo­sität zu beweisen. Sein Ding ist das klassische roman­tische Reper­toire, auch wenn er betont, dass er nebenbei eher unbekannte Kompo­nisten im Koffer mit sich führt. Die sind auch in Neuss nicht gefragt. Hier will man das klassische Reper­toire eines Ausnah­me­ta­lents am Klavier hören, sagen die Organisatoren.

Foto © O‑Ton

Damit ist das Programm für diesen Sonntag­morgen im Neusser Zeughaus­konzert geklärt. Schubert, Beethoven, Liszt. Da fühlt man sich als Hörer gleich mal um zweihundert Jahre zurück­ge­setzt. Junge Leute haben auf so etwas keine Lust. Und bleiben dem Konzert konse­quent fern. Moog ficht das nicht an. Schließlich sind die Alten die, die das Geld haben und in der Überzahl sind.  Also funktio­niert das System.

Dieser Zielgruppe aller­dings hat Moog einiges zu bieten. Über seine fantas­tische Spiel­weise ist inzwi­schen wohl alles gesagt. Da bleibt in Neuss allen­falls festzu­halten, dass alles stimmt, was an Lobhu­de­leien je geäußert wurde. Mit geschlos­senen Augen widmet sich der Pianist zunächst dem Adagio und dem Rondo in E‑Dur von Franz Schubert. Da sieht man ihn vor dem geistigen Auge von Flughafen zu Flughafen eilen, um in möglichst vielen Konzert­sälen auf der ganzen Welt zu spielen. Aber jetzt eben auch in Neuss. Nicht zum ersten Mal, aber immer wieder gern. Selbst am Sonntag­morgen ist das Zeughaus einen Besuch wert, auch für die Musiker. Moog fühlt sich hier sichtlich wohl, obwohl ihn die Sonnen­strahlen im Gesicht kitzeln.

Nach Fragmen­ta­ri­schem gibt es die Sonate Nummer 26 in Es-Dur von Ludwig van Beethoven, die unter dem Namen Les Adieux – der Abschied – bekannt ist. Bei den Bettflüchtern gibt es jetzt etliche, die mit geschlos­senen Augen in tiefer Konzen­tration versinken. Eine Haltung, die man in einem Konzert dieser Qualität erwartet. Und so geraten Musiker und Publikum in abgründige Kontem­plation, während die drei Sätze in die Tiefe des Saals dringen. Ganz wunderbar und ohne jeglichen Aufwand für die Hörer. Dass hier offenbar auch fachun­kun­diges Publikum sitzt, dass zwischen den Sätzen klatscht, bringt Moog nicht aus der Ruhe, sondern veran­lasst ihn zu einem freund­lichen Danke­schön im Sitzen.

In der Pause darf es auch schon mal ein Sekt sein – für den Kreislauf. Aber wer sich danach auf einen entspannten Liszt vor dem Mittag­essen einge­stellt hat, so wie man es aus dem Vormit­tags­pro­gramm des klassi­schen Radio­senders kennt, wird herbe enttäuscht. Moog macht aus der Sonate in h‑moll Rock’n’Roll. Wenn das die Jugend hätte hören können. Da hat es sich alsbald mit der Kontem­plation. Moog rockt den Flügel, dass er bebt. Es ist wirklich großartig. Die Sonne erhellt den vormit­täg­lichen Saal, während Moog den Flügel attackiert, wie es Liszt verlangt. Das gibt Kraft und Stärke für den Tag. Und ermutigt die alten Leute auf den Hinter­bänken zu Bravo-Rufen, nachdem auch der letzte Satz verklungen ist. Auch der Musiker im extra­va­ganten Anzug mit Einstecktuch, unter dem er ein T‑Shirt trägt, ist bewegt.

Gleich zwei Zugaben hat er vorbe­reitet – die es eigentlich nicht gebraucht hätte. Eigentlich ist schon nach der Liszt-Sonate alles gesagt. Aber gern lauscht das Publikum dann doch noch der heiteren, gelösten, verspielten Barcarole von Gabriel Fauré, ein Stück, das ausge­sprochen selten gespielt wird; zu Unrecht, wie der Ausnah­me­mu­siker da oben auf der Bühne zeigt. Und schließlich gibt es noch eine Etüde von Rachma­ninoff obendrein. Wozu?

Immer wieder stellt sich bei Musikern, die längst jede Norm des bislang Gehörten gesprengt haben, die Frage, warum sie sich nicht aus den „Gesetzen des Konzert­be­triebs“ lösen können. Ein Joseph Moog könnte in T‑Shirt und Jogginghose auftreten, gut, dazu hat Lagerfeld eindeutig Stellung bezogen, aber es würde im Konzert­be­trieb vielleicht etwas bewegen. Statt­dessen ist der junge Mann eifrig darauf bedacht, regel­ge­recht den Knopf am Sakko zu öffnen und zu schließen. Und das will er in den kommenden dreißig Jahren so machen? Musika­lisch ist er doch längst auf dem Höhepunkt angelangt.

Das Publikum scheint es gut zu finden. Nur die Zugaben sind dann doch zu viel. Immerhin wartet jetzt im Rentner­leben das Mittag­essen. Da fällt der nach Programmende so enthu­si­as­tische Applaus nach der zweiten Zugabe nur noch dünn aus. Es ist eindrucksvoll, in ein 200 Jahre altes Programm, meisterhaft darge­boten, einzu­tauchen, irgendwie so, wie Alkohol am Vormittag trinken. Aber auch das ist wie mit dem Alkohol bei Tages­licht: Für den Rest des Tages bleibt ein schaler Geschmack.

Michael S. Zerban

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