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Belohnter Mut

ZWISCHEN OST UND WEST
(Diverse Komponisten)

Besuch am
6. April 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Deutsche Kammer­aka­demie Neuss im Zeughaus, Neuss

Neue Musik ist Kassengift“, gehört wohl zu den häufigsten Antworten, wenn man Konzert­ver­an­stalter fragt, warum neue Musik so gut wie gar nicht auf ihren Programmen auftaucht. Belege dafür gibt es nicht. Im Gegenteil sind Neue-Musik-Veran­stal­tungen seit der Pandemie deutlich besser besucht. Ein Phänomen, dem bislang keiner weitere Beachtung schenkt. Dabei wäre schon in der Zeit der Romantik kaum jemand auf die Idee gekommen, seinem Publikum veraltete Musik zu präsen­tieren. Weder in den Salons noch auf den Konzert­bühnen oder in den Kirchen. Nur so konnte sich die Musik weiter­ent­wi­ckeln. Und eben das passiert in der Gegenwart nicht. Um neue Musik einordnen zu können, fehlt den meisten Menschen die Beurteilungs‑, die Vergleichs­grundlage. Eigentlich müssten die Konzert­häuser danach lechzen, ihrem Publikum neue Musik zu bieten.

Jetzt hat sich die Deutsche Kammer­aka­demie Neuss mal getraut, ihren Abonnenten ein Programm anzubieten, bei dem die neue Musik überwiegt. Und siehe da, die Aufführung am Sonntag­abend ist trotz wunder­baren Ausflugs­wetters nicht besser oder schlechter besucht als die „üblichen“ Konzerte. Da scheinen Namen wie Barber, Montgomery, Auerbach oder Say doch nicht die vielbe­schworene abschre­ckende Wirkung zu haben. Und besonders originell ist der Titel des Programms, Zwischen Ost und West, wahrlich nicht. Was man sicher unter­stellen darf, ist ein Grund­ver­trauen des Publikums in „sein“ Orchester. Wenn die was aufs Programm schreiben, wird es schon was Ordent­liches sein, erst recht, wenn Isabelle van Keulen die musika­lische Leitung des Abends übernimmt. Und so falsch ist die Annahme nicht.

Quirine Viersen – Foto © Michael Zerban

Das Programm eröffnet mit Samuel Barbers Adagio for Strings. 1936 entstand das Streich­quartett opus 11, aus dessen zweitem Satz Barber das Adagio entwi­ckelte, das später weltbe­rühmt wurde. Beigetragen hat dazu sicher seine Verwendung als Filmmusik in Charlie Chaplins Der große Diktator 1940 oder im Antikriegsfilm Platoon aus dem Jahr 1986. Es ist nicht unbedingt die „Gute-Laune-Musik“, mit der man einen solchen Abend üblicher­weise eröffnet. So wurde das Adagio bei der Beerdigung John F. Kennedys und nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center gespielt. Aber wenn man schon mal einen Abend abseits aller Gewohn­heiten gestaltet, warum dann nicht auch mit Musik beginnen, die schwer­mütig und nachdenklich stimmend daherkommt?

In dem Jahr, in dem Barber starb, das war 1981, wurde Jesse Montgomery geboren. Sie studierte Violine an der Juilliard School und anschließend Film- und Multi­media-Kompo­sition an der New Yorker Univer­sität. Gerade mal drei Minuten dauert ihr Stück Starburst, das 2012 am Ende ihres Studiums entstand. Unter starburst versteht man die rasche Entstehung neuer Sterne, deren Zahl groß genug ist, um die Struktur der Galaxie erheblich zu verändern. Starburst ist „ein Spiel mit Bildern rasch wechselnder musika­li­scher Farben. Explo­die­rende Gesten werden sanften, flüch­tigen Melodien gegen­über­ge­stellt, um eine mehrdi­men­sionale Klang­land­schaft zu schaffen“, sagt Montgomery über ihr Werk. Die Kammer­aka­de­miker haben verstanden und bieten eine überzeu­gende Interpretation.

Lera Auerbach ist ein Name, der in der jüngeren Zeit häufiger auftaucht. Sie ist 1973 in Russland geboren. 1991 kehrte sie von einer Konzert­reise in die USA nicht mehr in ihre Heimat zurück. Sie studierte an der Juilliard School und belegte litera­tur­wis­sen­schaft­liche Kurse an der Columbia. Später schloss sie ihr Studium mit dem Konzert­examen in Hannover ab. Ihre Strei­cher­sin­fonie Nr. 1 trägt den Beinamen Vespera: Memoria Lucis – Abend: Erinnerung ans Licht. In der Darbietung der Kammer­aka­demie wird es ein vielschich­tiges Werk, das nach den sich einander ablösenden Soli von zweiter Geige, Bratsche, Cello und erster Geige zu Grusel und Tragik neigt. Das treibt einen schon mal auf die Stuhl­kante. Und mit Applaus wird wahrlich nicht gespart.

Foto © Michael Zerban

Da gibt es in der Pause ausrei­chenden Diskus­si­ons­stoff, ehe es anschließend in die bekannten Gefilde geht. Für das dreisätzige Cello-Konzert in A‑Dur von Carl Philipp Emanuel Bach hat die Kammer­aka­demie Quirine Viersen aus den Nieder­landen einge­laden. Sie zählt, so ist zu lesen, zu den „bedeu­tendsten Musiker­per­sön­lich­keiten ihrer Generation“. Ein wenig überra­schend ist, dass die Solistin vom Blatt spielt, was ihre Virtuo­sität indes keineswegs schmälert. Eine kleine Zugabe von Johann Sebastian Bach beendet den Ausflug in den Barock.

Das Finale furioso bestreitet heute Abend kein Gerin­gerer als Fazil Say. 1970 in Ankara geboren, studierte der Pianist unter anderem an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. Auch wenn die westlichen Einflüsse in seinen Werken unbestreitbar sind, bleibt er doch der türki­schen Musik treu. Glück­li­cher­weise, möchte man sagen, wenn die Streicher zur Kammer­sin­fonie opus 62 aufspielen. Unter dem Eindruck der Gezi-Proteste in Istanbul 2013 entstand das dreisätzige Werk. „Das 20-minütige Werk ist gänzlich von türki­scher Musik inspi­riert und thema­ti­siert meine persön­liche Ausein­an­der­setzung mit den komplexen Gescheh­nissen in der heutigen Türkei“, sagt Say selbst über sein Stück, dass das Publikum von Anfang bis Ende in seinen Bann zieht. Wer sich im Verlauf der Aufführung an 1001 Nacht erinnert, liegt damit vermutlich nicht ganz falsch. Der 7/​8‑Takt, in der tradi­tio­nellen türki­schen Musik nicht ungewöhnlich, verleiht dem deutschen Ohr doch immer noch den Hauch des Exoti­schen. Das Publikum ist aus dem Häuschen, feiert die Kammer­aka­demie Neuss frene­tisch, um dann nach fast zwei Stunden das Zeughaus in Neuss zügig zu verlassen.

Ein großar­tiger Abend, zu dem man der Kammer­aka­demie Neuss nur gratu­lieren kann. Selbst­ver­ständlich mit dem Hinter­ge­danken, dass die Moder­nität nun verstärkt in die Program­matik einfließen möge. Das Publikum heute Abend jeden­falls freut sich darüber.

Michael S. Zerban

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