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Frauenrechte – ach was

BALL IM SAVOY
(Paul Abraham)

Besuch am
19. Januar 2019
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Toujours l’amour – als Rezept für eine Operette als harmlos nette Unter­haltung mit witzigen Zügen, komischem Verwirr­spiel, mit schwungvoll sprit­ziger Musik, Melodien zum Nachträllern, vielen Tanz-Elementen in bunten Kostümen – ist das noch zeitgemäß? Anscheinend „zieht“ eine solche Darbietung noch immer beim Publikum, zu beobachten bei der umjubelten Nürnberger Erstauf­führung von Paul Abrahams Ball im Savoy. 2019 endet hier diese letzte große Operette recht konven­tionell, mit einer fast kitschig wirkenden plötz­lichen Versöhnung nach erbit­tertem Eifer­suchts-Kampf von Mann und Frau. Alles wie gehabt, alles wieder in Butter. Doch das Werk, 1932 bei der Urauf­führung in Berlin noch ein rauschender Erfolg, 1933 von den Nazis schnell vom Spielplan gestrichen, weist sowohl von der Musik wie auch vom Libretto her durchaus ungewöhn­liche Züge auf. Abraham verwob darin Jazz, Revue, Tango, Csárdás, Schlager, rhyth­misch pulsie­rende Elemente, Modetänze und vieles mehr, was damals „in“ war, zu einem in sich vibrie­renden Ganzen. Und seine Textdichter Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald schufen dafür „mit Musik umrankte Märchen“, damit die „ganze Weltmisere“ dahin schmelze durch „Farben, Töne, Licht und Liebe, Tango­seufzer, Walzerträume“; alles sei eben „holder Unsinn“, so Grünwald. Sie nahmen die Handlung also nicht ernst, wollten trotz Ironie Optimismus ausstrahlen. Mit ihren frivolen, erotisch-frechen Anspie­lungen aber unter­strichen sie einen ernsteren Gedanken, nämlich die Gleich­be­rech­tigung der Frau mit der Frage: Darf sich die Frau dieselben Freiheiten erlauben wie der Mann? Es geht also um Rollen­kli­schees und darum, dass sie hier ironisch auf den Kopf gestellt werden. Am Schluss, als die von ihrem Mann scheinbar betrogene Ehefrau öffentlich zur Revanche aufruft, als Gegen­mittel zur Untreue, gibt es in Nürnberg doch die unerwartete Versöhnung des Ehepaars: Beide fallen sich in die Arme, Küsschen, Küsschen, alles wieder auf Anfang! So ist die „Moral“ wieder­her­ge­stellt. Aber in der Berliner Urauf­führung blieb offen, ob Madeleine nun wirklich fremd­ge­gangen sei.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Eine positive Antwort darauf stellen auch weitere Gestalten in Frage, die das eherne Gesetz der bürger­lichen Moral von der Rollen­ver­teilung bei Mann und Frau durch­brechen. So benutzt die Ameri­ka­nerin Daisy, die attraktive Cousine von Ehefrau Madeleine und Sex-Emanze, als Jazzkom­po­nistin das männliche Pseudonym José Pasodoble, denn nur so kann sie Erfolg haben und sich zudem selbst ihren Partner aussuchen. Mit ihrer irritierend eroti­schen Ausstrahlung landet sie bei dem türki­schen Lüstling Mustapha Bei, Verfechter der Vielwei­berei und politisch absolut inkorrekt, einen Volltreffer. Dass eine solche Figuren­zeichnung das Übliche durch­ein­an­der­wirbelt, ist klar, und dass eine Operette, die noch dazu mit Jazz und gewagten rhyth­mi­schen Varia­tionen aufwartet, bei den Nazis ab 1933 keine Gegen­liebe fand, ebenfalls. Sie prote­gierten harmlose, heimat­tü­melnde Unter­haltung, heile Welt, wie sie auch nach dem Krieg noch bevorzugt wurde. Noch dazu waren Abraham und seine Libret­tisten Juden. Der Komponist konnte sich gerade noch auf Umwegen nach New York retten, litt aber zunehmend unter durch eine Syphilis verur­sachten Nerven­krank­heiten und starb geistig umnachtet 1960 in Hamburg. Löhner-Beda aber, Texter beliebter Vorkriegs-Schlager, wurde samt Familie nach Buchenwald depor­tiert und dort ermordet. Grünwald gelang die Flucht in die USA. Ball im Savoy aber wurde nach dem Krieg recht entstellt, mit viel Strei­cher­schmalz, ab und zu aufgeführt.

Foto © Bettina Stöß

In Nürnberg unter­nimmt Stefan Huber bei seiner Insze­nierung den Versuch, das reizvoll Irritie­rende des Werks heraus­zu­kitzeln. Das gelingt ihm nur zum Teil; so gibt es nach der Pause auch Längen. Ein Pluspunkt aber ist die Besetzung der drei Haupt­rollen durch die Schweizer Kabarett-Truppe Die Geschwister Pfister. Während Tobias Bonn als Marquis Aristide de Faublas dabei stimmlich wie darstel­le­risch eher im Erwar­teten bleibt – er muss einen schicken Adligen und Frauen­ver­steher spielen und angenehm singen – drehen Christoph Marti als Daisy Parker und Andreja Schneider als Mustapha voll auf: Diese Daisy tanzt unglaublich geschmeidig, hat eine tolle Figur, sieht umwerfend aus und trällert auch hervor­ragend ungeniert. Ihr Gegenpart, klein, etwas mollig, ist der türkische Attaché, eine groteske Figur, mit heller Fistel­stimme, stets wuselig in  Aktion, nie um Ausreden und Einfälle verlegen, ein Stehauf­männchen, wenn er etwa sein Einstecktuch gen Mekka ausbreitet, Liebling seiner sechs Ex-Frauen, von denen eine zum Vergnügen des Publikums sich durch ihren Dialekt als echte Nürnber­gerin ausweist. Einer selbst­be­wussten Ehefrau aber entspricht in schlanker Figur, weiblichem Aussehen und kontrol­liert kokettem Auftreten, tänze­ri­scher Beweg­lichkeit und leicht nasalem, absolut vielsei­tigem Soubretten-Sopran mit respek­tabel gemeis­terten Höhen Frederike Haas als Madeleine; natürlich muss sie blond sein, auch ein wenig traurigen Frust versprühen, wenn sie in Verkleidung als russi­sches Flittchen auf dem Ball ihren Ehemann beim außer­ehe­lichen Abenteuer erwischen will. Aber sie bleibt dabei immer Dame. So trium­phiert sie letztlich über ihre Rivalin La Tangolita, die Verflossene des Marquis, die wiederum ironi­scher Weise als Präfekt von Nancy ihren Ehema­ligen zum Souper ins Separee nötigt. Obwohl Andromahi Raptis in ihrer roten Robe umwerfend wirkt, mit glocken­hellem Sopran singt und sich erotisch reizvoll bewegt, hat sie gegen Madeleine keine Chance. Denn die ist mit allen Wassern gewaschen, geht strate­gisch vor und sucht sich den tapsigen, kurzsich­tigen, roman­tisch veran­lagten, schüch­ternen Celestin als männliche Gegen­waffe gegen Aristide; Cem Lukas Yeginer ist als unbehol­fener Rechts­prak­tikant ebenso überzeugend wie als groteske Schnei­derin Madame Albert. Immer wieder werden die „Damen“ umschwärmt von einer achtköp­figen männlichen Tanztruppe, choreo­gra­fiert von Danny Costello, die auch als exotische Bauch­tän­ze­rinnen überra­schen. Madeleine kann sich im Glanz ehema­liger Verehrer sonnen, von Maurice, Alexander Alves de Paula, und René, Tobias Link. Als eleganter Kammer­diener und Ober beweist Hans Kittelmann erstaun­liche Fähig­keiten im Umgang mit Flaschen und Diskretion. Stephanie Gröschel-Unter­bäumer komplet­tiert das Hausper­sonal als Zofe. Der Chor, einstu­diert von Tarmo Vaask, ist ständig beschäftigt als neugierige Freunde und tanzende Ballgäste, und kann auch noch schön revue­mäßig die Glied­maßen bewegen.

Alles spielt sich ab in einem hohen, an die dreißiger Jahre erinnernden Raum von Timo Dentler und Okarina Peter mit beweg­lichen Pilastern und Bauhaus-Leuchten daran. Die Villa in Nizza, angedeutet durch einen Palmen­garten im Orches­ter­graben, Wellen­spie­ge­lungen an der Decke und wenigen hellen Möbeln, kann durch Verschieben der Säulen-Elemente schnell in einen Ballsaal verwandelt werden, der sich dann am Ende des zweiten Akts nach hinten öffnet, den Blick aufs Orchester frei gibt und auf eine Bühne, auf der per Mikrofon Daisy und Madeleine ihre „Enthül­lungen“ öffentlich machen. Alle Mitwir­kenden geben das Flair der 30-er Jahre wieder in den passenden Kostümen von Heike Seidler, die schnell wechselnden Stimmungen werden durch das farbige Licht von Kai Luczak unterstrichen.

Dass Volker Hiemeyer am Pult der Staats­phil­har­monie Nürnberg steht, wird erst gegen Ende sichtbar; souverän leitet er das Orchester, das durch Gäste am Saxophon, der Jazztrompete und der Gitarre erweitert ist, und lässt so ein kraft­volles, oft leicht schräges Klangbild entstehen auf der Basis von Arrangeur Kai Tietje, das sich an der Rekon­struktion des Originals orientiert.

Während schon zwischen­durch immer wieder die Auftritte Einzelner durch Beifall gewürdigt werden, bricht nach dem allzu versöhn­lichen, alle Diskre­panzen wegwi­schenden Ende ein Sturm der Begeis­terung im voll besetzten Haus los. Das Publikum wünscht eben Spaß und Unter­haltung, keine kriti­schen Fragen.

Renate Freyeisen

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