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Toujours l’amour – als Rezept für eine Operette als harmlos nette Unterhaltung mit witzigen Zügen, komischem Verwirrspiel, mit schwungvoll spritziger Musik, Melodien zum Nachträllern, vielen Tanz-Elementen in bunten Kostümen – ist das noch zeitgemäß? Anscheinend „zieht“ eine solche Darbietung noch immer beim Publikum, zu beobachten bei der umjubelten Nürnberger Erstaufführung von Paul Abrahams Ball im Savoy. 2019 endet hier diese letzte große Operette recht konventionell, mit einer fast kitschig wirkenden plötzlichen Versöhnung nach erbittertem Eifersuchts-Kampf von Mann und Frau. Alles wie gehabt, alles wieder in Butter. Doch das Werk, 1932 bei der Uraufführung in Berlin noch ein rauschender Erfolg, 1933 von den Nazis schnell vom Spielplan gestrichen, weist sowohl von der Musik wie auch vom Libretto her durchaus ungewöhnliche Züge auf. Abraham verwob darin Jazz, Revue, Tango, Csárdás, Schlager, rhythmisch pulsierende Elemente, Modetänze und vieles mehr, was damals „in“ war, zu einem in sich vibrierenden Ganzen. Und seine Textdichter Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald schufen dafür „mit Musik umrankte Märchen“, damit die „ganze Weltmisere“ dahin schmelze durch „Farben, Töne, Licht und Liebe, Tangoseufzer, Walzerträume“; alles sei eben „holder Unsinn“, so Grünwald. Sie nahmen die Handlung also nicht ernst, wollten trotz Ironie Optimismus ausstrahlen. Mit ihren frivolen, erotisch-frechen Anspielungen aber unterstrichen sie einen ernsteren Gedanken, nämlich die Gleichberechtigung der Frau mit der Frage: Darf sich die Frau dieselben Freiheiten erlauben wie der Mann? Es geht also um Rollenklischees und darum, dass sie hier ironisch auf den Kopf gestellt werden. Am Schluss, als die von ihrem Mann scheinbar betrogene Ehefrau öffentlich zur Revanche aufruft, als Gegenmittel zur Untreue, gibt es in Nürnberg doch die unerwartete Versöhnung des Ehepaars: Beide fallen sich in die Arme, Küsschen, Küsschen, alles wieder auf Anfang! So ist die „Moral“ wiederhergestellt. Aber in der Berliner Uraufführung blieb offen, ob Madeleine nun wirklich fremdgegangen sei.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Eine positive Antwort darauf stellen auch weitere Gestalten in Frage, die das eherne Gesetz der bürgerlichen Moral von der Rollenverteilung bei Mann und Frau durchbrechen. So benutzt die Amerikanerin Daisy, die attraktive Cousine von Ehefrau Madeleine und Sex-Emanze, als Jazzkomponistin das männliche Pseudonym José Pasodoble, denn nur so kann sie Erfolg haben und sich zudem selbst ihren Partner aussuchen. Mit ihrer irritierend erotischen Ausstrahlung landet sie bei dem türkischen Lüstling Mustapha Bei, Verfechter der Vielweiberei und politisch absolut inkorrekt, einen Volltreffer. Dass eine solche Figurenzeichnung das Übliche durcheinanderwirbelt, ist klar, und dass eine Operette, die noch dazu mit Jazz und gewagten rhythmischen Variationen aufwartet, bei den Nazis ab 1933 keine Gegenliebe fand, ebenfalls. Sie protegierten harmlose, heimattümelnde Unterhaltung, heile Welt, wie sie auch nach dem Krieg noch bevorzugt wurde. Noch dazu waren Abraham und seine Librettisten Juden. Der Komponist konnte sich gerade noch auf Umwegen nach New York retten, litt aber zunehmend unter durch eine Syphilis verursachten Nervenkrankheiten und starb geistig umnachtet 1960 in Hamburg. Löhner-Beda aber, Texter beliebter Vorkriegs-Schlager, wurde samt Familie nach Buchenwald deportiert und dort ermordet. Grünwald gelang die Flucht in die USA. Ball im Savoy aber wurde nach dem Krieg recht entstellt, mit viel Streicherschmalz, ab und zu aufgeführt.

In Nürnberg unternimmt Stefan Huber bei seiner Inszenierung den Versuch, das reizvoll Irritierende des Werks herauszukitzeln. Das gelingt ihm nur zum Teil; so gibt es nach der Pause auch Längen. Ein Pluspunkt aber ist die Besetzung der drei Hauptrollen durch die Schweizer Kabarett-Truppe Die Geschwister Pfister. Während Tobias Bonn als Marquis Aristide de Faublas dabei stimmlich wie darstellerisch eher im Erwarteten bleibt – er muss einen schicken Adligen und Frauenversteher spielen und angenehm singen – drehen Christoph Marti als Daisy Parker und Andreja Schneider als Mustapha voll auf: Diese Daisy tanzt unglaublich geschmeidig, hat eine tolle Figur, sieht umwerfend aus und trällert auch hervorragend ungeniert. Ihr Gegenpart, klein, etwas mollig, ist der türkische Attaché, eine groteske Figur, mit heller Fistelstimme, stets wuselig in Aktion, nie um Ausreden und Einfälle verlegen, ein Stehaufmännchen, wenn er etwa sein Einstecktuch gen Mekka ausbreitet, Liebling seiner sechs Ex-Frauen, von denen eine zum Vergnügen des Publikums sich durch ihren Dialekt als echte Nürnbergerin ausweist. Einer selbstbewussten Ehefrau aber entspricht in schlanker Figur, weiblichem Aussehen und kontrolliert kokettem Auftreten, tänzerischer Beweglichkeit und leicht nasalem, absolut vielseitigem Soubretten-Sopran mit respektabel gemeisterten Höhen Frederike Haas als Madeleine; natürlich muss sie blond sein, auch ein wenig traurigen Frust versprühen, wenn sie in Verkleidung als russisches Flittchen auf dem Ball ihren Ehemann beim außerehelichen Abenteuer erwischen will. Aber sie bleibt dabei immer Dame. So triumphiert sie letztlich über ihre Rivalin La Tangolita, die Verflossene des Marquis, die wiederum ironischer Weise als Präfekt von Nancy ihren Ehemaligen zum Souper ins Separee nötigt. Obwohl Andromahi Raptis in ihrer roten Robe umwerfend wirkt, mit glockenhellem Sopran singt und sich erotisch reizvoll bewegt, hat sie gegen Madeleine keine Chance. Denn die ist mit allen Wassern gewaschen, geht strategisch vor und sucht sich den tapsigen, kurzsichtigen, romantisch veranlagten, schüchternen Celestin als männliche Gegenwaffe gegen Aristide; Cem Lukas Yeginer ist als unbeholfener Rechtspraktikant ebenso überzeugend wie als groteske Schneiderin Madame Albert. Immer wieder werden die „Damen“ umschwärmt von einer achtköpfigen männlichen Tanztruppe, choreografiert von Danny Costello, die auch als exotische Bauchtänzerinnen überraschen. Madeleine kann sich im Glanz ehemaliger Verehrer sonnen, von Maurice, Alexander Alves de Paula, und René, Tobias Link. Als eleganter Kammerdiener und Ober beweist Hans Kittelmann erstaunliche Fähigkeiten im Umgang mit Flaschen und Diskretion. Stephanie Gröschel-Unterbäumer komplettiert das Hauspersonal als Zofe. Der Chor, einstudiert von Tarmo Vaask, ist ständig beschäftigt als neugierige Freunde und tanzende Ballgäste, und kann auch noch schön revuemäßig die Gliedmaßen bewegen.
Alles spielt sich ab in einem hohen, an die dreißiger Jahre erinnernden Raum von Timo Dentler und Okarina Peter mit beweglichen Pilastern und Bauhaus-Leuchten daran. Die Villa in Nizza, angedeutet durch einen Palmengarten im Orchestergraben, Wellenspiegelungen an der Decke und wenigen hellen Möbeln, kann durch Verschieben der Säulen-Elemente schnell in einen Ballsaal verwandelt werden, der sich dann am Ende des zweiten Akts nach hinten öffnet, den Blick aufs Orchester frei gibt und auf eine Bühne, auf der per Mikrofon Daisy und Madeleine ihre „Enthüllungen“ öffentlich machen. Alle Mitwirkenden geben das Flair der 30-er Jahre wieder in den passenden Kostümen von Heike Seidler, die schnell wechselnden Stimmungen werden durch das farbige Licht von Kai Luczak unterstrichen.
Dass Volker Hiemeyer am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg steht, wird erst gegen Ende sichtbar; souverän leitet er das Orchester, das durch Gäste am Saxophon, der Jazztrompete und der Gitarre erweitert ist, und lässt so ein kraftvolles, oft leicht schräges Klangbild entstehen auf der Basis von Arrangeur Kai Tietje, das sich an der Rekonstruktion des Originals orientiert.
Während schon zwischendurch immer wieder die Auftritte Einzelner durch Beifall gewürdigt werden, bricht nach dem allzu versöhnlichen, alle Diskrepanzen wegwischenden Ende ein Sturm der Begeisterung im voll besetzten Haus los. Das Publikum wünscht eben Spaß und Unterhaltung, keine kritischen Fragen.
Renate Freyeisen