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Dass eine frühbarocke Oper auch dem heutigen Publikum riesigen Spaß bereiten kann, beweist die Nürnberger Oper mit Francesco Cavallis La Calisto. Dabei war das 1651 uraufgeführte Werk des Opern-Vielschreibers Cavalli an Venedigs kleinstem Theater kein großer Erfolg. Das lag vor allem daran, dass der Sänger der wichtigen Rolle des Hirten Endimione, ein Alt, kurz vor der Premiere ernsthaft erkrankte und sein Ersatz offensichtlich den Ansprüchen der Zuhörerschaft nicht genügte. Dass eine Indisposition immer mal passieren kann, ist auch in Nürnberg der Fall: Der Altus für diese Rolle laboriert an Fieber, doch man hört das kaum.
Also kann man sich ganz konzentrieren auf die vielen Verwechslungen, erotischen und sexuellen Verwirrungen, zynischen Gemeinheiten und witzigen Anspielungen auf das schwierige Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Da alles wie am Schnürchen mit ständig wechselnden Perspektiven abläuft, vor allem auch musikalisch, vergehen die fast drei Stunden wie im Flug. Cavalli hatte seine Oper zur Unterhaltung des Publikums nach der Geschichte aus Ovids Metamorphosen zusammen mit seinem Librettisten Giovanni Faustini geschrieben, für den Karneval, und die da auftretenden Götter und Halbgötter werden keineswegs ernst genommen, sind vielmehr menschlich – allzu menschliche Typen, und dass er sich auch der Figuren der Commedia dell’ arte bedient, etwa einer komischen Alten oder eines liebeskranken Pagen, erhöht noch den Unterhaltungswert.
Gerade deshalb macht sich auch die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog lustig über die geschilderte Götterwelt, übersetzt den Text von Faustini, wo nötig, neu in unser heutiges Alltags-Deutsch, was den komischen Effekt noch verstärkt. Der Regisseur lässt alles in einem vornehmen Mädchen-Internat spielen, geleitet von der sittenstrengen Direktorin Diana, die eines immer wieder postuliert: Haltet euch fern von Männern! Ihre Musterschülerin Calisto engagiert sich ganz für den Umweltschutz, schreibt Formeln dazu an die große Tafel im Mittelpunkt und hält einen Diavortrag über Naturzerstörung. Natürlich beginnt alles mit einem Blick in den Opern-„Himmel“, wo drei komische Gestalten, die Natur, die Ewigkeit und das Schicksal, über die Weltläufe räsonieren, allerdings ohne Resultat. Zurück im Internat steht ein Besuch des Ministers an, Jubiter, eines reichen, charmanten, eleganten, sexbesessenen Mannes, begleitet von seinem lässigen Adlatus, Merkur. Jubiter aber hat gleich ein Auge auf den Stern in der Mädchenschar, den kleinen Nymphen Calisto. Und er entwirft ihr gleich ein Bild eines luxuriösen Lebens auf einer Yacht oder im Swimmingpool, und verspricht, dass er etwas gegen die Dürre in der Welt unternehmen werde und dass die Quelle wieder sprudeln würde.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Doch Calisto lässt sich davon nicht beeindrucken. Erst als sich Jupiter dank seiner Verkleidungskünste in die von der Kleinen hoch verehrte Diana verwandelt und ihr in der Dusche zu nahe kommen kann, hat der Verführer Erfolg. Doch Calisto gerät ab da in emotionale Schwierigkeiten: Ihre plötzliche, aufdringliche Anhänglichkeit aufgrund der missverstandenen Zuneigung missfällt Schulleiterin Diana; sie weist sie brüsk ab. Diana selbst, nach außen hin zugeknöpft, wird aber vom Hirten Endimione, hier ihrem Bediensteten, heimlich geliebt, und sie selbst ist auch in diesen braven Träumer verliebt. Als er einschläft, beseligt vom Mondschein – Diana ist der antiken Überlieferung nach mit der Mondgöttin Semele gleichzusetzen – nähern sich beide einander an, gestehen sich ihre Zuneigung. Doch Diana hat noch weitere Verehrer, den Macho Pan, der immer assistiert wird von seinem groben Kumpanen Silvanus, sowie einem jungen Boten, den kleinen Satyr. Pan haust in einer unterirdischen Höhlen-Werkstatt, wo Mopeds repariert werden, die auch häufig über die Bühne knattern. Auch die verklemmte Lehrerkollegin von Diana, Linfea, wird von der erotisierenden Atmosphäre angesteckt, möchte den kleinen Satyr vernaschen. Doch der wird von ihr eher abgeschreckt, auch wenn sie sich ihm in Reizwäsche offeriert. Inzwischen aber erscheint Juno, alarmiert von der langen Abwesenheit ihres Gatten, auf der Szene, vermutet gleich das Richtige, ertappt ihren untreuen Mann, als er gerade die verwirrte Calisto in Verkleidung noch einmal verführen will, lässt die unschuldige Calisto von Dunkelmännern verprügeln. Doch da greift Jupiter ein, der eigentlich Schuldige, rettet die Angeschlagene, die mittlerweile im Rollstuhl sitzt, und erhebt sie als das Sternbild des großen Bären in den Himmel, nicht ohne sie vorher mit einer Kranzniederlegung zu ehren. Das göttliche Ehepaar ist wieder vereint, und auch Endimione kommt durch Eingreifen Dianas von der Folter durch Pan und Genossen frei; beide schwören sich ewige Liebe, wenn auch nur platonische. Nur Linfea geht leer aus – wer weiß. All diese komischen Verwicklungen laufen rasch hintereinander ab, denn auf der Bühne von Mathis Neidhardt werden schnell die nötigen Kulissen herein‑, zusammen- oder heraufgeschoben, so dass mal ein Klassenzimmer, mal eine Umkleide mit Duschkabinen, mal ein Schlafsaal oder ein Waschraum zu sehen sind oder die enge Höhle des Pan. Und wenn sich die Schultafel öffnet, blickt man in einen Sternenhimmel oder, ganz zum Schluss, in eine poetische Leere. Das Sternbild des großen Bären aber dient als Bühnenvorhang. Dass hier das Zynische siegt, ist tragisch, aber Schicksal. Alle handelnden Figuren sind durch Sibylle Gädeke heutig gekleidet; zu bewundern ist dabei die Verwandlung des eleganten Mannes Jupiter in eine Diana mit schwarzen Haaren im lilafarbenen Kostüm, in eine nackte Frau mit weiblichen Kurven.

Ein Meisterstück aber ist auch die Musik. Denn Wolfgang Katschner, ausgewiesener Alte-Musik-Experte, hat das ursprünglich von Cavalli in seiner erhaltenen Original-Partitur aufgezeichnete kleine Orchester von sechs Musikern – gedacht für ein kleines Haus – zu einem 16-köpfigen Ensemble mit historischen Instrumenten erweitert, vor allem mit drei Barockposaunen ergänzt, welche die Auftritte der „staatstragenden“ Personen wie Jupiter unterstreichen, verwendet für die „drastischen“ Figuren wie Pan das Regal oder lässt bei Calisto oder Endimione Sensibles anklingen durch Harfe, Lirone und Chitaronni. Außerdem hat er zusätzlich Musiken von Zeitgenossen Cavallis eingefügt, so von dessen Lehrer Monteverdi oder auch die Ciaconna aus dem Lamento della Ninfa des Komponisten. So ergibt sich ein geschlossenes, warmes, vielfarbiges und vielfältiges Klangbild, das die Sänger unterstützt und zur Größe des Nürnberger Hauses passt. Katschner eilt dabei nie, betont ganz unauffällig auch die emotionalen Momente der Ariosi und kurzen Arien. Das verleiht dieser Aufführung auch musikalische Tiefe, fern jeder antiquierten Darbietung, und Katschner hat das Glück, für die teils schwierigen Partien exzellente Sänger-Darsteller zur Verfügung zu haben.
Der Anfang mit den drei Göttern, der Natur, Martin Platz, der Ewigkeit, Emily Bradley und dem Schicksal, Amlerija Delic, gleicht durch die hohen Stimmen auch äußerlich eher einer Parodie auf den antiken Götterhimmel. Als Jupiter aber beeindruckt danach Jochen Kupfer, übrigens in seiner ersten Barock-Opern-Rolle, nicht nur durch seine hoheitliche Erscheinung und seine männliche Präsenz, sondern vor allem durch seinen kraftvollen, wohl klingenden Bassbariton, der sowohl starke Tiefen und differenzierte Liniengestaltung wie auch das souveräne Umschwenken in den weiblichen Diskant mühelos ohne Bruch meistert – das Auftreten in der Verkleidung als Frau wird sonst häufig von einem Sopran gesungen; durch die flacher klingende Höhe eines Mannes aber ergibt sich von vorneherein ein komischer Effekt. Als eifersüchtige Ehefrau Juno imponiert mit attraktivem Äußeren und sicherem, hellem Sopran Emily Bradley. Sie behält am Schluss die Oberhand. Mercurio, John Carpenter, ist mit seinem angenehmen Tenor ein eher willenloser Erfüller der Wünsche des Hauptgottes. Almerija Delic gestaltet mit ihrem dunkel timbrierten, eher dramatischen Sopran, ihrer autoritären Würde und ihrer unterdrückten emotionalen Glut wunderbar die starke Figur der Diana, verliebt in Endimione, dem David DQ Lee trotz Indisposition stimmlich viele Facetten seines angenehm großen Altus verleiht und der als verträumter Hirte überzeugt. Tenor John Punphrey gibt einen herrlich grobschlächtigen Pan, unterstützt in seinen Aktionen vom dunklen Bass von Silvano, Wonyong Kang, und bewundert vom kleinen Satyr, der auch als eine Art Pizzabote fungiert und überall herumwuselt, und dem Irina Maltseva mit heller Stimme viel jugendliche Unreife verleiht. Eine herrlich groteske Figur stellt Martin Platz als männertolle alte Jungfer Linfea mit hellem Tenor und dürrer Gestalt auf die Bühne; besonders komisch, wenn er in reizvoller Unterwäsche auf dem Mofa durch die Szene braust. Nicht zum Lachen aber ist das tragische Schicksal der armen verführten Nymphe Calisto: Julia Grüter gibt ihr viel mädchenhafte Unschuld und kann mit ihrem vollen, wohl klingenden, facettenreichen Sopran in jeder Hinsicht begeistern.
Das Publikum im voll besetzten Opernhaus ist hin und weg von dieser mitreißenden, witzigen Aufführung und feiert alle Mitwirkenden mit vielen Bravos und langem Beifall.
Renate Freyeisen