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Foto © Ludwig Olah

Lohn eines Fehltritts

LA CALISTO
(Francesco Cavalli)

Besuch am
23. November 2019
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Dass eine frühba­rocke Oper auch dem heutigen Publikum riesigen Spaß bereiten kann, beweist die Nürnberger Oper mit Francesco Cavallis La Calisto. Dabei war das 1651 urauf­ge­führte Werk des Opern-Vielschreibers Cavalli an Venedigs kleinstem Theater kein großer Erfolg. Das lag vor allem daran, dass der Sänger der wichtigen Rolle des Hirten Endimione, ein Alt, kurz vor der Premiere ernsthaft erkrankte und sein Ersatz offen­sichtlich den Ansprüchen der Zuhörer­schaft nicht genügte. Dass eine Indis­po­sition immer mal passieren kann, ist auch in Nürnberg der Fall: Der Altus für diese Rolle laboriert an Fieber, doch man hört das kaum.

Also kann man sich ganz konzen­trieren auf die vielen Verwechs­lungen, eroti­schen und sexuellen Verwir­rungen, zynischen Gemein­heiten und witzigen Anspie­lungen auf das schwierige Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Da alles wie am Schnürchen mit ständig wechselnden Perspek­tiven abläuft, vor allem auch musika­lisch, vergehen die fast drei Stunden wie im Flug. Cavalli hatte seine Oper zur Unter­haltung des Publikums nach der Geschichte aus Ovids Metamor­phosen zusammen mit seinem Libret­tisten Giovanni Faustini geschrieben, für den Karneval, und die da auftre­tenden Götter und Halbgötter werden keineswegs ernst genommen, sind vielmehr menschlich – allzu mensch­liche Typen, und dass er sich auch der Figuren der Commedia dell’ arte bedient, etwa einer komischen Alten oder eines liebes­kranken Pagen, erhöht noch den Unterhaltungswert.

Gerade deshalb macht sich auch die Insze­nierung von Jens-Daniel Herzog lustig über die geschil­derte Götterwelt, übersetzt den Text von Faustini, wo nötig, neu in unser heutiges Alltags-Deutsch, was den komischen Effekt noch verstärkt. Der Regisseur lässt alles in einem vornehmen Mädchen-Internat spielen, geleitet von der sitten­strengen Direk­torin Diana, die eines immer wieder postu­liert: Haltet euch fern von Männern! Ihre Muster­schü­lerin Calisto engagiert sich ganz für den Umwelt­schutz, schreibt Formeln dazu an die große Tafel im Mittel­punkt und hält einen Diavortrag über Natur­zer­störung.  Natürlich beginnt alles mit einem Blick in den Opern-„Himmel“, wo drei komische Gestalten, die Natur, die Ewigkeit und das Schicksal, über die Weltläufe räsonieren, aller­dings ohne Resultat.  Zurück im Internat steht ein Besuch des Ministers an, Jubiter, eines reichen, charmanten, eleganten, sexbe­ses­senen Mannes, begleitet von seinem lässigen Adlatus, Merkur. Jubiter aber hat gleich ein Auge auf den Stern in der Mädchen­schar, den kleinen Nymphen Calisto. Und er entwirft ihr gleich ein Bild eines luxuriösen Lebens auf einer Yacht oder im Swimmingpool, und verspricht, dass er etwas gegen die Dürre in der Welt unter­nehmen werde und dass die Quelle wieder sprudeln würde.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Doch Calisto lässt sich davon nicht beein­drucken. Erst als sich Jupiter dank seiner Verklei­dungs­künste in die von der Kleinen hoch verehrte Diana verwandelt und ihr in der Dusche zu nahe kommen kann, hat der Verführer Erfolg. Doch Calisto gerät ab da in emotionale Schwie­rig­keiten: Ihre plötz­liche, aufdring­liche Anhäng­lichkeit aufgrund der missver­stan­denen Zuneigung missfällt Schul­lei­terin Diana; sie weist sie brüsk ab. Diana selbst, nach außen hin zugeknöpft, wird aber vom Hirten Endimione, hier ihrem Bediens­teten, heimlich geliebt, und sie selbst ist auch in diesen braven Träumer verliebt. Als er einschläft, beseligt vom Mondschein – Diana ist der antiken Überlie­ferung nach mit der Mondgöttin Semele gleich­zu­setzen – nähern sich beide einander an, gestehen sich ihre Zuneigung. Doch Diana hat noch weitere Verehrer, den Macho Pan, der immer assis­tiert wird von seinem groben Kumpanen Silvanus, sowie einem jungen Boten, den kleinen Satyr. Pan haust in einer unter­ir­di­schen Höhlen-Werkstatt, wo Mopeds repariert werden, die auch häufig über die Bühne knattern. Auch die verklemmte Lehrer­kol­legin von Diana, Linfea, wird von der eroti­sie­renden Atmosphäre angesteckt, möchte den kleinen Satyr verna­schen. Doch der wird von ihr eher abgeschreckt, auch wenn sie sich ihm in Reizwäsche offeriert. Inzwi­schen aber erscheint Juno, alarmiert von der langen Abwesenheit ihres Gatten, auf der Szene, vermutet gleich das Richtige, ertappt ihren untreuen Mann, als er gerade die verwirrte Calisto in Verkleidung noch einmal verführen will, lässt die unschuldige Calisto von Dunkel­männern verprügeln. Doch da greift Jupiter ein, der eigentlich Schuldige, rettet die Angeschlagene, die mittler­weile im Rollstuhl sitzt, und erhebt sie als das Sternbild des großen Bären in den Himmel, nicht ohne sie vorher mit einer Kranz­nie­der­legung zu ehren. Das göttliche Ehepaar ist wieder vereint, und auch Endimione kommt durch Eingreifen Dianas von der Folter durch Pan und Genossen frei; beide schwören sich ewige Liebe, wenn auch nur plato­nische. Nur Linfea geht leer aus – wer weiß. All diese komischen Verwick­lungen laufen rasch hinter­ein­ander ab, denn auf der Bühne von Mathis Neidhardt werden schnell die nötigen Kulissen herein‑, zusammen- oder herauf­ge­schoben, so dass mal ein Klassen­zimmer, mal eine Umkleide mit Dusch­ka­binen, mal ein Schlafsaal oder ein Waschraum zu sehen sind oder die enge Höhle des Pan. Und wenn sich die Schul­tafel öffnet, blickt man in einen Sternen­himmel oder, ganz zum Schluss, in eine poetische Leere. Das Sternbild des großen Bären aber dient als Bühnen­vorhang. Dass hier das Zynische siegt, ist tragisch, aber Schicksal. Alle handelnden Figuren sind durch Sibylle Gädeke heutig gekleidet; zu bewundern ist dabei die Verwandlung des eleganten Mannes Jupiter in eine Diana mit schwarzen Haaren im lilafar­benen Kostüm, in eine nackte Frau mit weiblichen Kurven.

Foto © Ludwig Olah

Ein Meister­stück aber ist auch die Musik. Denn Wolfgang Katschner, ausge­wie­sener Alte-Musik-Experte, hat das ursprünglich von Cavalli in seiner erhal­tenen Original-Partitur aufge­zeichnete kleine Orchester von sechs Musikern – gedacht für ein kleines Haus – zu einem 16-köpfigen Ensemble mit histo­ri­schen Instru­menten erweitert, vor allem mit drei Barock­po­saunen ergänzt, welche die Auftritte der „staats­tra­genden“ Personen wie Jupiter unter­streichen, verwendet für die „drasti­schen“ Figuren wie Pan das Regal oder lässt bei Calisto oder Endimione Sensibles anklingen durch Harfe, Lirone und Chita­ronni. Außerdem hat er zusätzlich Musiken von Zeitge­nossen Cavallis eingefügt, so von dessen Lehrer Monte­verdi oder auch die Ciaconna aus dem Lamento della Ninfa des Kompo­nisten. So ergibt sich ein geschlos­senes, warmes, vielfar­biges und vielfäl­tiges Klangbild, das die Sänger unter­stützt und zur Größe des Nürnberger Hauses passt. Katschner eilt dabei nie, betont ganz unauf­fällig auch die emotio­nalen Momente der Ariosi und kurzen Arien. Das verleiht dieser Aufführung auch musika­lische Tiefe, fern jeder antiquierten Darbietung, und Katschner hat das Glück, für die teils schwie­rigen Partien exzel­lente Sänger-Darsteller zur Verfügung zu haben.

Der Anfang mit den drei Göttern, der Natur, Martin Platz, der Ewigkeit, Emily Bradley und dem Schicksal, Amlerija Delic, gleicht durch die hohen Stimmen auch äußerlich eher einer Parodie auf den antiken Götter­himmel. Als Jupiter aber beein­druckt danach Jochen Kupfer, übrigens in seiner ersten Barock-Opern-Rolle, nicht nur durch seine hoheit­liche Erscheinung und seine männliche Präsenz, sondern vor allem durch seinen kraft­vollen, wohl klingenden Bassba­riton, der sowohl starke Tiefen und diffe­ren­zierte Linien­ge­staltung wie auch das souveräne Umschwenken in den weiblichen Diskant mühelos ohne Bruch meistert – das Auftreten in der Verkleidung als Frau wird sonst häufig von einem Sopran gesungen; durch die flacher klingende Höhe eines Mannes aber ergibt sich von vorne­herein ein komischer Effekt. Als eifer­süchtige Ehefrau Juno imponiert mit attrak­tivem Äußeren und sicherem, hellem Sopran Emily Bradley. Sie behält am Schluss die Oberhand. Mercurio, John Carpenter, ist mit seinem angenehmen Tenor ein eher willen­loser Erfüller der Wünsche des Haupt­gottes. Almerija Delic gestaltet mit ihrem dunkel timbrierten, eher drama­ti­schen Sopran, ihrer autori­tären Würde und ihrer unter­drückten emotio­nalen Glut wunderbar die starke Figur der Diana, verliebt in Endimione, dem David DQ Lee trotz Indis­po­sition stimmlich viele Facetten seines angenehm großen Altus verleiht und der als verträumter Hirte überzeugt. Tenor John Punphrey gibt einen herrlich grobschläch­tigen Pan, unter­stützt in seinen Aktionen vom dunklen Bass von Silvano, Wonyong Kang, und bewundert vom kleinen Satyr, der auch als eine Art Pizzabote fungiert und überall herum­wuselt, und dem Irina Maltseva mit heller Stimme viel jugend­liche Unreife verleiht. Eine herrlich groteske Figur stellt Martin Platz als männer­tolle alte Jungfer Linfea mit hellem Tenor und dürrer Gestalt auf die Bühne; besonders komisch, wenn er in reizvoller Unter­wäsche auf dem Mofa durch die Szene braust. Nicht zum Lachen aber ist das tragische Schicksal der armen verführten Nymphe Calisto: Julia Grüter gibt ihr viel mädchen­hafte Unschuld und kann mit ihrem vollen, wohl klingenden, facet­ten­reichen Sopran in jeder Hinsicht begeistern.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus ist hin und weg von dieser mitrei­ßenden, witzigen Aufführung und feiert alle Mitwir­kenden mit vielen Bravos und langem Beifall.

Renate Freyeisen

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