O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Es war eine langwierige Genese, die Entstehung der Oper Don Carlos von Giuseppe Verdi. Für 1867 wurde sie als Grand Opéra für Paris in Auftrag gegeben, wurde aber da schon als zu lang befunden und Verdi nahm Kürzungen vor. Doch auch das verhalf bei der Uraufführung nicht zum Erfolg. Ähnlich war die Reaktion 1868 bei der um den ersten Akt gekürzten Fassung. Dennoch blieb Verdi an seinem Lieblingsprojekt dran, konnte aber die Oper erst, nachdem das Zerwürfnis mit Camille Du Locle, seinem Librettisten, dem Direktor der Pariser Oper, beendet war, die Arbeit daran wieder aufnehmen. Selbst die zweite französische Fassung fand 1884 wenig Anklang. Sie bildet aber nun die Grundlage für die Nürnberger Aufführung. Übrigens hat Verdi noch drei weitere italienische Fassungen geschaffen. Oft wird der erste Akt mit der Vorgeschichte in Fontainebleau weggelassen, das Ballett im Gartenakt sowieso. Trotzdem hatte die Oper keinen durchschlagenden Erfolg, und Verdi äußerte seinen Unmut über die Reaktionen des „ignoranten“ Publikums. Mit dem Don Carlos wollte er indirekt auch gegen die Unterdrückung Italiens durch die Monarchien der Habsburger und Bourbonen sowie gegen die Macht des Papstes protestieren. Damit befindet er sich auf einer Linie mit Schiller, der ihm die Vorlage lieferte: Auch der zeigte anhand einer – erfundenen – Geschichte am spanischen Königshof des 16. Jahrhunderts, wie die Ideen der Aufklärung, von Menschlichkeit und Freiheit, kollidieren mit den persönlichen Gefühlen von Liebe und Freundschaft und tragisch scheitern müssen an einer rigiden Staatsräson und Religionsauslegung. Die Handlung weist also unhistorische Brüche auf, denn damals gab es halt noch keine bürgerlichen Rechte.
Und der Komponist hat diese seine verdeckten Anliegen mit einer äußerst dichten, kraftvollen Musik unterstrichen. Manchem, wie Bizet, erschien die Orchestrierung zu „dick“, und einige störten sich auch daran, dass beispielsweise die viermalige Wiederholung des „Freundschaftsmotivs“ zu sehr an Wagners Leitmotivik erinnert. Doch Verdi hat hier wunderbare musikalische Farben gefunden, oft unterlegt von Schwermut, für den Idealismus eines Marquis Posa, seine edle Freundschaft zu Carlos, das tragische Festklammern an der Macht bei König Philipp, die entsagende Liebe der Elisabeth und die verschmähte der Eboli; dazwischen hat er auch folkloristische Klänge eingewebt wie beim maurischen Lied der Prinzessin Eboli; breite feierliche Flächen lassen auch an Kirchenchoräle denken.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Jens-Daniel Herzog aber unternimmt noch ein Übriges, um den inneren Riss in der Handlung zu verstärken: Er hebt die unhistorische Handlung auf unsere gegenwärtige Ebene, bleibt dabei aber ungenau. Ihm geht es darum zu zeigen, wie diktatorische Systeme jede Menschlichkeit niederknüppeln. Das allerdings versteht der Zuschauer auch ohne Stilisierung und Aktualisierung aus dem Verlauf der Geschehnisse in der Oper. In Nürnberg spielt alles in einem irgendwie unbestimmten Raum von Mathis Neidhart zwischen verschiebbaren hölzernen oder weißen Wand-Elementen. So besteht der Wald von Fontainebleau aus weißen Wänden, wo eine weiß gekleidete Frau – die Hirschkuh? – gejagt wird. Sie entpuppt sich als Elisabeth von Valois, die hierbei auf Carlos, den Infanten von Spanien, trifft, ihren Verlobten. Während sie sich verlieben und schon von Heirat träumen – die wird in Cut und zeremoniellem Hochzeitskleid bereits vorgestellt – kommt die Nachricht, dass Philipp, der verwitwete König von Spanien, nun Elisabeth ehelichen wird, um so den Frieden zwischen Frankreich und Spanien zu sichern. Natürlich sind die beiden Liebenden verzweifelt. Nach Spanien zurückgekehrt, ergibt sich Carlos seinem Liebeskummer. Meist verfolgt er passiv auf einer grünen Couch das Geschehen. Erst als sein Jugendfreund Posa auftaucht und ihn bittet, sich für die unterdrückten Flamen einzusetzen – mit Videobildern aus dem Ersten Weltkrieg untermauert er sein Anliegen – kommt Bewegung in ihn; er gesteht seine heimliche Liebe zu seiner „Mutter“ Elisabeth; beide schwören sich ewige Freundschaft. Lauschig ist es nicht im Garten; hier genießt eine aufgekratzte Damengesellschaft, von Sibylle Gädeke gekleidet zwischen Nutte und biederer Matrone, Drinks und amüsiert sich am erotisch anzüglichen Spiel zwischen dem wehrlosen Pagen Thibault und Prinzessin Eboli, einer Art düsterer, aggressiver Domina, wahrlich keiner Schönheit. Elisabeth im blumigen Sommerkleid und Carlos können sich unter Aufsicht von Posa zwar über ihre unverbrüchliche Liebe aussprechen, aber sie besteht auf ihrer Pflicht gegenüber dem König. Der ist danach empört darüber, als er sie ohne Begleitung vorfindet, macht die erste Hofdame dafür verantwortlich, die dann zur Strafe nicht verbannt, sondern erschossen wird, was Elisabeth zur Arie an die Tote Non pianger – also: weine nicht – veranlasst. Als die eifersüchtige Eboli die Liebe von Carlos zu Elisabeth aufdeckt, kann Posa die Situation gerade noch retten. Wie eine Faschingsveranstaltung mit jubelndem Volk und Luftballons läuft das Autodafé ab: Elisabeth mit Schwangerschaftsbauch erscheint – den wirft sie später wieder ab – ebenso der König mit der kleinen Tochter an der Hand, und als er gerade auf dem goldenen Thron seinen Platz einnehmen will, stört Carlo mit seinem Eintreten für die Freiheit von Flandern den Ablauf. Posa rettet wiederum die Situation, indem er Carlos entwaffnet und dieser gefangen genommen wird. Die flandrischen „Aufrührer“ aber werden umgebracht, während ein kitschiger goldener Engel als Stimme des Himmels oben schwebt und ihnen Trost spendet. Nach diesem blutigen Tag kommt Philipp zur Erkenntnis, dass Elisabeth ihn nie geliebt habe. Er wehrt sich aber auch gegen das Ansinnen des Großinquisitors, der den Tod von Carlos und Posa fordert, wobei deutlich wird, wie wenig ihm am Sohn liegt. Während aller grausamen Handlungen darf das Töchterlein zur Ablenkung Comic-Videos schauen. Es ist ganz im Bann des Vaters, der es einmal herumzerrt, ein andermal gut behandelt. Er rastet aber aus, als es in kindlicher Neugier das Bild von Carlos aus der von Eboli der Königin gestohlenen Schatulle betrachtet, und als Elisabeth ohnmächtig wird, verflucht er seinen Argwohn. Prinzessin Eboli bereut ihre Tat, wird vom Hof geschickt, ist jedoch wohl nicht so leicht zu bändigen, wie ihre wütende Arie O don fatale beweist. Im Gefängnis, vor weißen Wänden, auf die Carlos „Gefangener der Inquisition“ kritzelt, nehmen beide Freunde bewegt voneinander Abschied. Posa weiß, dass er sterben wird, wie Io morro zeigt, und er wird vom König selbst erstochen. Das Volk, das die Freiheit von Carlos fordert, wird von der Inquisition auf die Knie gezwungen; der tote Posa wird auf einen Stuhl gesetzt, ein Schild mit der Aufschrift „Liberté“ vor sich. Elisabeth hat wohl den Entschluss gefasst, nach Frankreich zurückzukehren, entlässt ihre Hofdamen, Carlos will nach Flandern; die Liebenden verabschieden sich ein letztes Mal. Philipp überrascht die beiden, will sie bestrafen. Da ertönt zum Schrecken aller eine Stimme aus dem Jenseits, und die kleine Infantin setzt sich die Krone auf und verschwindet nach hinten.

Während dieser deprimierende Schluss eine optisch oft banale Aufführung beendet, sind die Zuhörer eigentlich bis zuletzt gebannt von der Musik. Das liegt vor allem an Joana Mallwitz und der Staatsphilharmonie Nürnberg. Die Dirigentin scheut nicht zurück vor mitreißenden Klangballungen, setzt aber auch Akzente auf fein intime Stellen und breite Flächen; subtile Streicher-Höhen, empfindsame Cello-Kantilenen und ausgezeichnete Bläser imponieren. Der ansonsten durch Tarmo Vaask gut geführte Chor und Extrachor des Staatstheaters scheint manchmal zu groß besetzt und deshalb zu laut.
Die Rolle des Don Carlos wird durch Tadeusz Szlenkier leider etwas zu steif, zu wenig sensibel dargestellt, und sein äußerst kräftiger, noch etwas unkontrolliert geführter Tenor unterstreicht diesen Eindruck noch durch allzu viel Impetus, herausgestoßene Höhen und wenig flexible Verzierungen. Nicolai Karnolsky passt mit seinem großen, in den Tiefen nicht allzu fülligen Bass recht gut in die Figur des kalten, gefühllosen Königs von Spanien; Emotionen zeigt er allein in seiner gut gestalteten Arie Ella giammai m’amo . Auch die Rolle des Großinquisitors erfordert einen Bass; Taras Konoshchenko verleiht seiner Figur wenig priesterliche Würde, ist eben nur ein blinder Mann im Anzug wie der König, und seine große füllige Stimme allein ist kein Ausweis für seine Macht. Als gefühlskalte Prinzessin Eboli kann Martina Dike ihren hochdramatischen, sicheren, starken Mezzosopran mit durchdringenden Höhen effektvoll einsetzen – eine zutiefst unglückliche Person. Ihr Gegenpol ist die schöne, blonde Elisabeth der Emily Newton; mit ihrem kraftvollen, zu dramatischen Steigerungen fähigen und vor allem im letzten Akt himmlisch zart schimmernden Sopran zeichnet sie eine Frau von großer emotionaler Ausdrucksfähigkeit. Sängerisch wie darstellerisch am imponierendsten ist Sangmin Lee als Marquis Posa; sein voller, großer, auch strahlender Bariton verfügt über eine Fülle an Klangfarben, klingt nie angestrengt, und wenn er auftritt, wirkt alles glaubhaft. Auch die Leistungen des Pagen Thibault, Emily Bradley mit hell-kräftigem Sopran, der „Stimme von oben“, Julia Grüter mit glänzenden Höhen, sowie des Mönchs, Wonyong Kang mit profundem Bass, begeistern; unauffällig sind als Graf Lerma John Pumphrey und als Herold Sergei Nikolaev. Bemerkenswert aber ist der kindliche Ernst der kleinen Infantin Ottilie Herold.
Beifall für alle Anstrengungen im voll besetzten Haus, aber wohl nicht allseitige Zustimmung.
Renate Freyeisen