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Dürer’s Dog macht neugierig, denn eigentlich ist Dürer für seinen Hasen bekannt. Doch ein zotteliger Hund findet sich tatsächlich unten im Mittelpunkt des Kupferstichs Die Geißelung Christi aus Die große Passion von Albrecht Dürer und blickt frech dem Betrachter entgegen. Der Nürnberger Ballettchef Goyo Montero wurde von diesem Wesen inspiriert, stellte sich die Frage, was das Tier wohl bedeutet, und schuf nun nach einer lang gehegten Idee für den berühmtesten Künstler Nürnbergs am Staatstheater ein abstraktes Tanzstück. Es endet mit diesem Hund, streift aber nur ganz assoziativ Dürers Schaffen. Im Grund geht es um ein allgemeines Thema jeden Künstlers, um das Problem, wie er seine Gedankenwelt bildlich umsetzen kann. Es geht um den inneren Schöpfungsprozess, um die Suche nach der Essenz von Natur und Mensch. Dürer wollte der Gesetzmäßigkeit von Schönheit und Proportion auf die Spur kommen, zu verfolgen an seiner berühmten Proportionsfigur, etwa an der Seitenansicht eines durchschnittlichen Mannes von 1528. Auch mit der idealen Gestalt einer Kugel beschäftigte er sich. Montero interessiert sich in seinem Ballett für die Selbstzweifel und Ideen des Künstlers Dürer, „seine dunklen Gedanken, seine ständige, fast obsessive Suche nach Schönheit“. Er erinnert nur vage an einige von Dürers Gestalten, etwa an Adam und Eva, und er meint, dass Dürers Arbeiten ihm „Gefühle und Sinnlichkeit, aber keine konkreten Situationen“ vermitteln. Zu sehen sind also abstrakte Tanzbilder ohne eigentliche Handlung.
| Musik | ![]() |
| Tanz | ![]() |
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Der schwer fassbaren Konkretisierung entspricht das „luftige“ Bühnenbild von Eva Adler, verschiebbare transparente Wände vor Schwarz, wolkige Stoffgebilde, ein Kubus mit durchsichtigen Wänden; einzige konkrete Figur ist eine Kugel, eine Figur, an deren idealer Darstellbarkeit Dürer sich gescheitert sah, hier im Teil Sphäre begleitet von dramatischer Musik. Die 24 Tänzer, in Ganzkörpertrikots von Angelo Alberto, drücken ebenso keine „konkreten“ Gestalten aus, nur gegen Ende erinnern sie an Dürers gezeichnete menschliche Proportionsfigur, an die stereometrische Zerlegung des Körpers. Dürer bemühte sich damit um Erkenntnis, gelangte aber zur Einsicht in die Begrenztheit menschlichen Verstehens und bekannte: „Was aber die Schönheit ist, weiß ich nicht“. Montero, hauptsächlich angeregt durch Dürers Grafiken, vollzieht den prozessualen Gestaltungsakt des Künstlers nach in ständiger Bewegung; dazu verhelfen ihm auch die bewegten Bildinstallationen der Videos von Frieder Weiss. Ein ganz elementares Gestaltungsmittel ist das Lichtdesign von Olaf Lundt, besonders wichtig, wenn in der dritten Szene des neunteiligen Balletts an die glühenden Farben des Blaurackenflügels von Dürer erinnert werden soll. Auch sonst werden durch die geschickte Lichtregie stimmungsvolle Bildassoziationen geschaffen.

Innere Visionen herrschen vor. Der Künstler Dürer, zuerst im Kubus als Mensch abgeschottet von der Masse, die ihn umrundet, tritt daraus hervor, als der Würfel sich öffnet zu einem Irrgarten, in dem die zuerst abwartenden Menschen sich immer schneller bewegen. Bei Adam und Eva enthüllen sich die Gestalten in Körpertrikots als nackte Wesen, und die beiden Protagonisten, Rachelle Scott und Alessandro Akapohi, imponieren in äußerst einfallsreichen, ungewöhnlichen Pas de deux, angezogen voneinander und sich wieder abwendend. Die Masse der Menschenwesen aber bewegt sich ständig hin und her. Figuren tauchen aus dem Untergrund auf und versinken wieder, verhüllte Gestalten nähern sich, verschwinden, so eine Pietà, die starken Bewegungen verlieren sich, Dürer wäscht sich die Hände, ein Schattenbild zeigt sich, der Künstler selbst, Oscar Alonso, vorher braun akzentuiert, reiht sich nun in die Reihe der Gestalten mit sichtbarer Proportionenberechnung ein, graues Licht überzieht alles, aus der Masse am Boden scheinen sich Hilfe suchende Gesten zu recken, und schließlich, zu sehr verlangsamter Adaption von Richter und Vivaldi und nach dem laut gesprochenen Text von Dylan’s Dog von Patti Smith, gefolgt von Lachen, wird es hell, und die Zuschauer, die optimal sitzen, können nun auch Dürer’s Dog als zotteligen Kopf sehen. Damit ist das rätselhafte, abstrakte Assoziationen-Ballett zu Ende. Zum Ereignis machen es die Tänzer des Nürnberger Balletts durch ihre körperliche Präsenz und Beweglichkeit voller Elan; allerdings werden von ihnen hauptsächlich gymnastische Elemente gefordert.
Zur optischen Faszination auf der Bühne erklingt aus dem Orchestergraben der Staatsphilharmonie Nürnberg unter der Leitung von Guido Johannes Rumstadt die von Montero in Auftrag gegebene Musik, so von Owen Bolten raffinierte elektronische Effekte vor allem als Einleitungen und Übergänge zu den einzelnen Szenen, von Max Richter, der Stücke aus Vivaldis berühmten Vier Jahreszeiten geschickt verfremdet, und Ausschnitte aus Krszysztof Pendereckis dritter Sinfonie, die vor allem die dramatischen Kulminationspunkte unterstreicht. Alles aber wirkt zusammengefügt als Ballettmusik wie aus einem Guss, ohne irgendwelche Brüche und zudem noch klangschön.
Das Premierenpublikum im ausverkauften Haus feiert sein Ballett langanhaltend und begeistert.
Renate Freyeisen