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Kraftvoll ertönt die Musik des Orchesters aus dem Bühnengraben, der Vorhang ist geschlossen, leichte Nebelschwaden bewegen sich wie silberne Fäden vor dem Vorhang. Eine mit einem weißen Tuch verhüllte Staffelei ist das einzige sichtbare Requisit. Dann schreitet eine junge Frau langsam über die Bühne auf die Staffelei zu, bekleidet mit einem farbverschmutzten, weißen Overall. Sie saugt die Musik förmlich auf, jedes Motiv verändert ihren Gesichtsausdruck. Und wie die Ouvertüre mit ihren vielen Leitmotiven schon die Handlung vorwegnimmt, erzählen Mimik und Gestik der jungen Frau schon ihre Geschichte, die erkennbar kein gutes Ende nehmen wird. Wir sind im Nürnberger Staatstheater. Während draußen über 100.000 Menschen in Nürnberg die „Blaue Nacht“ begehen, ein großes Kulturevent, erleben die Menschen im Opernhaus gerade die Ouvertüre zur Premiere der Neuinszenierung von Richard Wagners Fliegendem Holländer. Die Kenner im Publikum bemerken natürlich, dass die Staatsphilharmonie unter der Leitung ihres GMD Roland Böer die überarbeitete Fassung von 1860 spielt, also mit dem Erlösungsmotiv am Schluss der Ouvertüre und dem Finale des dritten Aufzuges. Das ist insofern interessant, weil schnell klar wird: Die Erlösung im klassischen Sinne Richard Wagners wird es in dieser Inszenierung nicht geben.
Die junge Frau ist natürlich Senta, die Tochter des norwegischen Kapitäns Daland, die von dem Bild des Fliegenden Holländers geradezu besessen ist. Und diese Besessenheit nutzt Regisseurin Anika Rutkofsky in ihrer ersten Wagner-Inszenierung, um Senta nicht als passive Märtyrerin, die um jeden Preis den verfluchten Holländer erlösen will, sondern als eine radikal unangepasste Figur darzustellen. Senta ignoriert das banale Gerede der anderen und widmet sich obsessiv dem Bild des Holländers – an dem sie unablässig malt. So gerät Wagners musikalischer Subtext zum Ideenstrom in Sentas Kopf. Als Schöpferin hat nur sie die Macht, den Fliegenden Holländer sterben zu lassen – indem sie ihn loslässt. Inspiration für Senta waren surrealistische Malerinnen wie Leonora Carrington oder Frida Kahlo genauso wie die hellsichtigen Frauenfiguren aus den Romanen von Isabel Allende oder Gabriel García Márquez, in deren Welten das Magische jederzeit in der Realität auftauchen darf – und umgekehrt.
Sentas erstes Bild zu Beginn der Oper, das auf der Staffelei steht, zeigt in düsteren Farben ein Schiff mit Matrosen an Bord, inmitten stürmischer See und umgeben von dämonischen Naturgeistern. Und dieses Bild entspricht genau dem Bühnenbild des ersten Aufzuges. Die Matrosen haben alle unterschiedliche Kleidung an, als ob sie aus ganz unterschiedlichen Zeiten stammen. Der Steuermann, elegant gekleidet, aber mit einer Peitsche in der Hand, drückt eine üble Brutalität aus. Er schlägt und tritt seine Matrosen, aber vor seinem Kapitän buckelt er, und vor dem Auftritt des Holländers macht er sich fast angstvoll in die Hose. Der Auftritt des Holländers scheint wirklich „wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten“ zu entstammen.

Wie in Wagners Libretto beschrieben, wird der Holländer als bleicher Mann mit dunklem Bart in schwarzer, spanischer Tracht dargestellt. Eines seiner Porträts könnte aus der Sammlung des Malers Hans Holbein des Jüngeren stammen. Historisch führt seine Figur zurück in die Zeit der Konquista, zu Seefahrern wie Vasco da Gama, Missionaren und Kolonialherren, die auf den Weltmeeren und in der sogenannten Neuen Welt Schuld auf sich luden. Zwar verlegte Wagner den ersten Aufzug in die norwegischen Fjorde, doch das scheinbar harmlose Lied vom Südwind, das Dalands Mannschaft singt, enthält noch Hinweise auf Mitbringsel vom „Mohrenstrand“, ein Ausdruck, der koloniale Gewalt und Ausbeutung andeutet, ohne sie auszusprechen. Was enthält die Fracht des Holländer-Schiffes denn außer Goldschätzen noch? Edelmetalle, Gewürze, versklavte Menschen? Die Ruchlosigkeit, die mit dem Holländer in Wagners Musik auftaucht, lässt keinen Zweifel, an der Fracht des Geisterschiffs klebt Blut, so die Lesart des Regieteams. Mit Schuld hatte sich einst der holländische Seefahrer beladen, als er Gott lästerte, wofür er zum ewigen Kreuzen auf den Weltmeeren verdammt wurde. Mit Schuld hat sich auch eine Gesellschaft beladen, die sich auf dem Rücken anderer Völker und Länder bereichert hat. Das ist das Grundgerüst des Regiekonzepts von Anika Rutkofsky.
Daland stammt aus einer anderen Zeit als der Holländer, er ist ein Mann des 19. Jahrhunderts, kapitalistisch orientiert und erfolgsgetrieben. In der Ehe seiner Tochter mit dem reichen Fremden sieht er nicht nur die Aussicht auf materielle Bereicherung, sondern auch auf Arbeitskraft für seine Produktionsstätte. Er ist so begeistert vom vermeintlich guten Geschäft, dass er die Sagengestalt des verfluchten Seefahrers gar nicht erkennt, obwohl in seinem Wohnzimmer ein Porträt des Holländers hängt. In dieser Inszenierung lebt Dalands Familie nicht mehr in Skandinavien, sondern als Nachkommen europäischer Siedler in der Karibik. Doch Anleihen von der Film-Saga Fluch der Karibik, wie sie das Staatstheater Meiningen bei seiner Neuinszenierung des Holländers im Herbst 2021 auf die Bühne brachte, ist die Produktion weit entfernt. Daland betreibt eine Zuckerproduktion, ein Verweis auf die ausbeuterische Plantagenökonomie der Kolonialzeit. Die körperliche Arbeit findet draußen statt, auf den Zuckerrohrfeldern, und zwar in der unsichtbaren Sphäre des Geisterchors. Drinnen singt der Chor das alte Lied vom Spinnrad nur noch aus Langeweile, schwitzend in der feuchten Tropenhitze, stets auf der Suche nach kleinen Sensationen oder dem nächsten Zuckerkick. Die Damen sind im zweiten Aufzug in riesige Biedermeier-Kleider, so genannte Tortenkostüme gesteckt. Es sind Kostüme wie zu Wagners Zeiten, somit ist die Inszenierung in der Entstehungszeit des Werkes angelegt. Die Chordamen haben alle die gleiche Frisur, sind austauschbar, langweilige Masse. Lediglich Mary ragt als strenge Gouvernante in ihrem wuchtigen schwarzen Kleid aus der Masse heraus. Die Kostüme stammen von Adrian Bärwinkel, das Bühnenbild von Julius Theodor Semmelmann.
Im zweiten Aufzug, wenn der Holländer das erste Mal Senta begegnet, stehen jede Menge Porträtbilder dieser Figur im Raum, teils verhüllt, teils noch in der Entstehung. Senta imaginiert sich ihre Holländerfiguren, mal surreal, mal brutal, dann wieder verträumt und edel. Und Daland, der im ersten Aufzug vom Holländer eine goldene Totenmaske geschenkt bekommen hat, trägt die nun als Relikt eines erfolgreichen Geschäftsdeals. Seine schwierige Tochter und der reiche Fremde, alle existenziellen Probleme scheinen gelöst. Dass dabei der Jäger Erik, der Senta eigentlich versprochen ist, auf der Strecke bleibt, interessiert keinen mehr. Der dritte Aufzug schließlich löst das ganze Rätsel. Die Matrosen Dalands erscheinen als Zuckerbäcker, die sich über eine riesige Hochzeitstorte hermachen, dazu fließt der Rum in Strömen. Doch weder Torte noch Rum bekommen den Seeleuten und den Frauen. Die Matrosen bekommen krampfartige Anfälle, erbrechen Blut, liegen sterbend auf dem Boden. Eine der Damen schneidet sich immer wieder mit einem Messer in die Arme, bis sie blutüberströmt ist. Eine andere hat sich ihre Augen herausgeschnitten und präsentiert sie stoisch auf ihren ausgestreckten Händen. Es sind verstörende Bilder, die das Regieteam um Rutkofsky dem Publikum präsentiert, aber es sind Bilder aus der obsessiven Gedankenwelt Sentas, die da auf der Bühne dargestellt werden. Ihr letztes Bild entspricht dem Schlussbild, das auf die Bühne projiziert wird. Während sie mit schwarzer Farbe das Bild übermalt, wird auch die Projektion immer schwärzer, bis es am Schluss komplett verschwunden ist, genauso wie der Holländer. Das ist keine Erlösung im Wagnerschen Sinne, sondern eine radikale nihilistische Abkehr von der eigenen Imagination. Wenn Erlösung, dann hat sich Senta selbst erlöst, indem sie sich von ihren Obsessionen befreit hat. Doch ihr Schrei am Schluss und ihr zu einer Grimasse verzerrtes Bild sprechen eine andere Sprache.
Es ist nicht nur ein Abend der kontrastierenden und teilweise verstörenden Bilder, es ist auch musikalisch und sängerisch durchaus eine großartige Vorstellung. Mit dem Ausdruck der zerstörten, nach Erlösung suchenden Seele legt Kammersänger Jochen Kupfer bei seinem Rollendebüt die Gestaltung des Holländers an. In jungen Jahren debütierte Kupfer als Wolfram von Eschenbach in Meiningen, es folgten Kurwenal, Beckmesser, Amfortas. Während seiner Studentenzeit in Leipzig sah er den großen Simon Estes, der 1978 mit seiner Darstellung als Holländer in Bayreuth für Furore gesorgt hat, und jetzt interpretiert der Bassbariton mit Mitte 50 erstmalig selbst die Rolle. Und wie er es tut. Kupfer hat die Reife in Stimme und Ausdruck, und ist an diesem Abend die alles überscheinende Figur. Mimik und Gestik zeigen seine innere Zerrissenheit. Sein Auftrittsmonolog Die Frist ist um im ersten Aufzug besticht durch ein kräftiges Fundament in der Tiefe und starke Höhen in den dramatischen Ausbrüchen. Sein Ausdruck und sein Gestus bei seiner ersten Begegnung mit Senta sind von einer derartigen Intensität, dass die Qualen, von denen er singt, förmlich sichtbar werden. Sein Auftritt lässt ihn direkt in einer Reihe großer Holländer-Interpreten wie George London, Thomas Stewart, Theo Adam oder Bernd Weikl stehen. Ein überzeugendes Rollendebüt!

Die Erwartungen nicht erfüllen kann dagegen Anna Gabler als Senta. Ihrem jugendlich dramatischen Sopran fehlt die notwendige Leucht- und Strahlkraft. Nicht überzeugend ist ihre dramatische Stimmführung, in der Ballade im zweiten Aufzug wechselt sie zwar vom zarten Piano in furienhafte Ausbrüche, doch insgesamt ist ihr gesanglicher Auftritt etwas blass, die Höhen klingen zu schrill. Dafür ist der spielerische Ausdruck umso beeindruckender. Hier hätte man sich von der Nürnberger Intendanz gewünscht, dass man der hauseigenen Emily Newton, die in der Rolle ja noch zum Zuge kommen wird, auch die Premiere gegeben hätte. Sehr schade.
Taras Konoshchenko gibt den aalglatten Daland, der für Reichtum sogar seine Tochter verkauft, mit wohltönendem und markantem Bass und großer Textverständlichkeit. Bei Christoph Strehl in der Partie des Erik merkt man, dass er nicht mehr die Kraft für einen jungen Heldentenor hat. Gegen das Orchester kommt er nicht an, im Schlussterzett mit Senta und dem Holländer ist er fast gar nicht mehr zu verstehen. Seine Cavatine im dritten Aufzug intoniert er aber mit großer Leidenschaft. Hans Kittelmann überzeugt als brutaler Steuermann mit kräftigem und ausdrucksstarkem Charaktertenor, mehr Mime als Steuermann. Almerija Delic ist eine Mary mit resolutem Mezzosopran und starker physischer Präsenz.
Der Chor des Staatstheaters Nürnberg ist von Tarmo Vaask hervorragend eingestimmt und begeistert durch saubere Intonation und Intensität. Insbesondere die Tenöre, die im Steuermannchor so dominant sein müssen, sind stark präsent. Auch der Damenchor präsentiert sich vorzüglich, und neben der großen Spielfreude beeindrucken vor allem die Textverständlichkeit und der sängerische Ausdruck und geben der Chor-Oper die besondere Würze. Die Staatsphilharmonie Nürnberg überzeugt durch eine beeindruckende Klangmalerei, aus der die Bläser dominant sauber hervorstechen.
Die Ouvertüre in der überarbeiteten Fassung ist dramatisch kraftvoll und dynamisch, das Holländer-Motiv ist stark akzentuiert, während das Senta-Motiv eher zart und verletzlich klingt. Roland Böer, der längst aus dem Schatten seiner Vorgängerin Joana Malwitz herausgetreten ist, leitet die Staatsphilharmonie Nürnberg mit klarem Gestus und großem Engagement. Er wechselt klug die Tempi und begleitet die Sänger, besonders im großen Duett von Holländer und Senta, mit Fingerspitzengefühl.
Am Schluss gibt es großen Jubel für alle Beteiligten aus dem Publikum, besonders Jochen Kupfer, Roland Böer, Chor und Orchester werden enthusiastisch gefeiert. Auch das Regieteam wird großzügig beklatscht, dem Publikum scheint die Interpretation von Anika Rutkofsky gefallen zu haben. Bis zum Spielzeitende im Sommer steht der Fliegende Holländer noch zehnmal auf dem Programm des Staatstheaters Nürnberg.
Andreas H. Hölscher