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FÜR DIE GANZE WELT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
4. Januar 2025
(Einmalige Aufführung)
Neujahrskonzerte gehören zum beliebten Repertoire fast aller Opernhäuser und Konzertvereinigungen, möchte man doch mit heiterer und beschwingter Musik zum Jahresbeginn Sorgen und trübe Gedanken für einen Augenblick vergessen lassen und Zuversicht verbreiten. Fast immer gehört die Wiener Strauss-Dynastie zum Repertoire, bilden sie doch das Kerngerüst der Mutter aller Neujahrskonzerte, nämlich dem der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, wo traditionell am Neujahrsmorgen das wohl berühmteste Klassik-Konzert der Welt aus dem wunderschönen Musiksaal eben in die Welt übertragen wird. Wie in Wien, so in vielen anderen Häusern, steht in diesem Jahr der Walzerkönig Johann Strauss im Mittelpunkt der Konzerte, feiert die Musikwelt doch in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag.
Und so steht im Neujahrskonzert, dass heuer unter dem Titel Für die ganze Welt steht, Johann Strauss im zweiten Teil des Konzertes im Mittelpunkt und bringt dabei einen Hauch von Wien nach Nürnberg. Doch bevor Walzer, Polkas und Märsche erklingen, geht es im ersten Teil festlich zu, mit bekannten und weniger bekannten Ouvertüren. Überhaupt unterscheiden sich die Nürnberger Neujahrskonzerte in ihren Inhalten sehr stark, da gibt es keine programmatischen Traditionen. Im letzten Jahr, dem ersten unter der Leitung des neuen GMD Roland Böer, standen die Vier Jahreszeiten auf dem Programmzettel. Und Joana Mallwitz hatte in ihren letzten zwei Neujahrskonzerten 2022 und 2023 mit Haydns Schöpfung und Beethovens IX. Symphonie zwei ganz besondere Werke präsentiert. Böer kehrt jetzt zu einem bunteren, eingängigen Programm zurück, das das Publikum restlos begeistert, was man schon vorwegnehmen darf.
Eröffnet wird das Neujahrskonzert mit der Festlichen Ouvertüre opus 96, einem Orchesterwerk, das Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1954 komponierte. Die Partitur wurde für die Feierlichkeiten des Bolschoi-Theaters zum 37. Jahrestag der Oktoberrevolution in Auftrag gegeben und ist seitdem zu einer der beständigsten Gelegenheitspartituren Schostakowitschs geworden.
Zum Zeitpunkt der Komposition der Festlichen Ouvertüre war Schostakowitsch als musikalischer Berater beim Bolschoi-Theater engagiert. Der Musikkritiker Lew Lebedinsky berichtete in einer Anekdote, dass der Kompositionsauftrag sich aus einem spontanen Besuch des Dirigenten Wassili Nebolsin in der Wohnung des Komponisten ergab, der den dringenden Bedarf des Bolschoi-Theaters an einem festlichen Werk äußerte. Da bis zur Deadline nur drei Tage zur Verfügung standen, erklärte sich Schostakowitsch bereit, ein geeignetes Werk zu liefern, und begann sofort mit der Komposition der Festlichen Ouvertüre. Binnen einer Stunde begann Nebolsin, Kuriere zur Wohnung des Komponisten zu schicken, die die fertige Partitur Seite für Seite abholten, die sie dann zu den Musikkopisten des Bolschoi-Theaters brachten, um die Stimmen für die Aufführung vorzubereiten. Die Uraufführung der Partitur fand am 6. November 1954 im Bolschoi mit dem Hausorchester unter der Leitung von Alexander Melik-Paschajew statt.

Böer erzählt aber auch in seiner charmanten Moderation des Konzertes, dass es noch eine andere Version der Entstehung dieser Komposition gäbe, nämlich dass Schostakowitsch bereits um das Jahr 1947 herum die Komposition getätigt hatte, nur um das Werk wieder in der Schublade verschwinden zu lassen. So war es ihm dann möglich, sieben Jahre später das Werk aus der Schublade zu ziehen, es geringfügig zu überarbeiten und es dann dem Bolschoi-Theater zu präsentieren. Schostakowitsch zeigt hier seine hellere, heitere Seite, im Gegensatz zu der Melancholie in seiner 10. Symphonie aus dem Jahr zuvor. Schostakowitsch selbst beschrieb die Festliche Ouvertüre als „einfach ein kurzes Werk, von festlicher oder feierlicher Stimmung.
Die Festliche Ouvertüre beginnt mit einer Blechbläserfanfare, die aus dem „Geburtstags“-Satz des Kinderhefts opus 69 wiederverwendet wurde. Der britische Komponist Gerard McBurney hat zu der Ouvertüre angemerkt, dass die Ähnlichkeit des Werks mit Michail Glinkas Ouvertüre zu seiner Oper Ruslan und Ljudmila ein Beweis dafür sei, dass Schostakowitsch es als Vorbild verwendet habe. Und wer Glinkas bekannte Ouvertüre kennt, dem fällt die Ähnlichkeit auch sofort auf. In jedem Fall ist die Konzerteröffnung ein richtiger Knaller, festlich und schwungvoll, mit großem Blech und Schlagzeug, die Staatsphilharmonie Nürnberg ist vom ersten Moment voll da.
„Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“, sagte Richard Wagner gegen Ende seines Lebens. Da gab es die Oper zwar schon längst, aber keines seiner Werke hat Wagner so oft revidiert und bearbeitet wie den Tannhäuser. Die Folge: ein Fassungs-Wirrwarr. Die Dresdner Uraufführung seiner Oper Tannhäuser, die ursprünglich Der Venusberg heißen sollte, leitete Wagner am 19. Oktober 1845 höchstpersönlich vom Dirigentenpult aus.
Und diese Dresdner Fassung erklingt nun sehr majestätisch, mit großen Akzentuierungen des Pilgerchormotivs. Hier zeigt die Staatsphilharmonie, dass das Werk Richard Wagners zu ihrem Stammrepertoire gehört, und man darf sich schon jetzt auf die Neuinszenierung des Fliegenden Holländers im Mai freuen.
Wilhelm Tell ist die letzte fertiggestellte Oper von Gioachino Rossini, und seine Ouvertüre ein Klassiker in Konzerten. Berlioz nannte die Ouvertüre einmal eine Sinfonie in vier Teilen. Zu Beginn ist es fast programmatische Musik, wenn der Sonnenaufgang und ein Gewitter in den Schweizer Alpen musikalisch dargestellt werden. Dann kommt der bekannte Galopp und Marsch, furios komponiert und genauso furios von der Staatsphilharmonie dargeboten. Von Rossini geht es noch weiter zurück zu Mozart und dessen wunderbarer Ouvertüre zu seinem Singspiel Die Entführung aus dem Serail. Charakteristisch für die „Janitscharenmusik“, die Mozart in der Ouvertüre mehr als präsent darstellt, ist nicht nur die Wiederholung von Unisono-Stellen auf gleicher Tonhöhe, sondern vor allem die Verwendung von Schlaginstrumenten wie großer Trommel, Becken und Triangel. Auch diese Konzertouvertüre zündet im wahrsten Sinne des Wortes und begeistert das Publikum.
Höhepunkt im ersten Teil des Konzertes ist dann aber das Bacchanal aus der biblischen Oper Samson und Dalila von Camille Saint-Saëns. Der hebräische Anführer Samson erliegt den Verführungskünsten Dalilas und eröffnet ihr, dass seine übermenschlichen Kräfte seinem üppigen Haupthaar entspringen. Daraufhin schneidet Dalila ihm die gewaltige Haarpracht ab und lässt ihn blenden. Ihren Sieg über Samson feiern die Philister bei einem orgiastischen Bacchanal, das ganz nach der Pariser Operntradition die Balletteinlage im dritten Akt bildet. Das Bacchanal beginnt mit einem traumhaften Solo der Oboe, um dann in orientalische Klänge überzugehen. Großes, breites Blech imponiert, und das Stück ist Ausdruck großer Dynamik und Leidenschaft. Mit diesem weiteren Knaller wird das Publikum nach einer guten Stunde in die Pause geschickt.
Im zweiten Teil des Konzertes weht dann ein Hauch von Wien an der Pegnitz. Die Gebrüder Strauss, und allen voran der Jubilar Johann, stehen auf dem Programm. Eröffnet wird es mit dem Konzertwalzer Rosen aus dem Süden opus 388 von Johann Strauss (Sohn), der auf seiner Operette Das Spitzentuch der Königin basiert und ist dem König von Italien, Umberto I., gewidmet. Der Walzer wurde am 7. November 1880 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins durch Eduard Strauß uraufgeführt. In unregelmäßigen Abständen ist das Stück auch Bestandteil des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker. Und die Staatsphilharmonie Nürnberg zeigt an diesem Abend auch ihre Vielseitigkeit. Auch wenn der Wiener Walzer nicht zum Kernrepertoire des Orchesters gehört, beherrscht es ihn, und das sogar mit Leichtigkeit und einer Portion Wiener Schmäh.
Auch das Genre Polka geht den Nürnbergern leicht von der Hand, und mit der Schnellpolka Mit Extrapost opus 259 von Eduard Strauss geht es flott rüber zunächst nach Ägypten.
Der Egyptische Marsch opus 335 ist ein Marsch von Johann Strauss (Sohn) und wurde am 6. Juli 1869 in Pawlowsk in Russland erstmals aufgeführt. Der Marsch entstand im Sommer 1869 auf der Russlandreise des Komponisten. Zwischenzeitlich trug das Werk den Titel Tscherkessen-Marsch. Letztlich setzte sich der ursprüngliche Titel durch. Mit dem Marsch erinnert Johann Strauss an die Eröffnung des Suez-Kanals im Jahr 1869. Im Jahre 1871 widmete Strauss den Marsch dem badischen Großherzog Friedrich I. Der Marsch erklingt feierlich mit Akzentuierung der orientalischen Motive. Das leitet dann direkt über zu seinem Konzertwalzer Märchen aus dem Orient opus 444. Das Werk wurde am 27. November 1892 im Konzertsaal des Wiener Musikvereins erstmals aufgeführt. Der Walzer wurde anlässlich des 50. Geburtstags von Sultan Abdülhamid II. komponiert und ihm auch gewidmet. Es handelt sich hierbei um einen symphonischen Walzer. Die Walzer, die auch als Alterswalzer des Komponisten bezeichnet werden, entstanden in einer Schaffensphase, die in etwa von 1888 bis 1892 andauerte. Die Uraufführung wurde von Johann Strauss selbst dirigiert, obwohl das eigentliche Konzert am 27. November 1892 unter dem Dirigat seines Bruders Eduard stand. Das Werk fand damals nur mäßigen Zuspruch, gehört aber heute zu den Hauptwerken des Komponisten.

Das gilt auch für den bekannten Wiener Walzer Wo die Citronen blüh‘n opus 364, geschrieben für eine Italienreise im Jahre 1874. Der Titel lautete zunächst Bella Italia, Strauss benannte das Werk aber schließlich um. Die Uraufführung fand am 9. Mai 1874 im Teatro Regio di Torino in Turin statt. Der Walzer beginnt mit einem leisen Horn-Solo, das von Querflöte, Oboe und Streichern weitergeführt wird. Ein Crescendo leitet den ersten Walzer ein, dessen Hauptthema eine ruhig dahinströmende Melodie in den Violinen ist, die wohl die Schönheiten der italienischen Landschaft musikalisch widerspiegeln soll. Das Hauptthema des zweiten Walzers ist ein lustiges, tänzerisches Motiv. Der dritte Walzer erinnert in seiner Art wieder an den ersten. Das Hauptthema des Walzers verwendete Adolf Müller im Jahr 1899 für die Arie des Grafen Zedlau Was nützt der gute Vorsatz mir? aus dem zweiten Akt der von ihm nach Motiven von Johann Strauss zusammengestellten Operette Wiener Blut. Auch diesen Walzer spielen die Nürnberger Philharmoniker mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Differenzierung. Das letzte Stück des Abends ist von Josef Strauss und seine Schnellpolka Auf Ferienreise opus 133. Mit dem letzten Knaller geht offiziell ein Neujahrskonzert in Nürnberg zu Ende, das musikalisch keine Wünsche offen lässt. Natürlich entlässt das begeisterte Publikum im ausverkauften Nürnberger Opernhaus Roland Böer und seine Staatsphilharmonie nicht ohne Zugaben. Böer verrät, dass es nach dem letzten Neujahrskonzert eine Postkartenaktion gegeben habe, bei der sich etwa 50 Prozent der Beteiligten für den Radetzky-Marsch von Johann Strauss (Vater) und genauso viele dagegen ausgesprochen haben.
Unisono war aber wohl der Wunsch nach dem berühmtesten und bekanntesten Walzer, An der schönen blauen Donau opus 314. Er wurde von Johann Strauss (Sohn) im Spätherbst 1866 und Winter 1866⁄67 komponiert und am 15. Februar 1867 mit einer eigenen Fassung mit dem Wiener Männergesang-Verein uraufgeführt. Die erste Aufführung der Konzertfassung des Walzers fand am 10. März 1867 im Wiener Volksgarten statt. Er basiert kompositorisch auf Melodien, die Strauss bereits in früheren Werken verwendete. Der Walzer wurde bald zu einer heimlichen Hymne Österreichs und wird regelmäßig als vorletzte Zugabe beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gespielt. Und jetzt weht er wirklich, der Wiener Hauch. Auch die Musiker sind angesteckt vom Fieber des Wiener Walzers, wiegen sich auf ihren Stühlen im Takt, und manch einer Geigerin ist die Konzentration im Gesicht abzulesen. Und es ist einer der Höhepunkte des Konzertes. Einige Zuschauer, die wohl das Neujahrskonzert aus Wien gesehen haben, meinen dann auch, in die ersten Takte des Walzers hineinklatschen zu müssen. Man muss nicht alles aus Wien nachahmen, und die Musiker haben den Zuschauern bereits „Prosit Neujahr“ gewünscht.
Die zweite und letzte Zugabe ist dann nicht, wie viele hoffen, der Radetzky-Marsch, sondern die Schnellpolka Ohne Sorgen opus 271 von Josef Strauss. Der musikalische Wunsch, das neue Jahr möglichst ohne Sorgen zu beginnen, spricht den Zuschauern in Nürnberg aus dem Herzen. Langanhaltender Applaus und großer Jubel für Roland Böer und die Staatsphilharmonie Nürnberg sind der verdiente Lohn für ein begeisterndes, schwungvolles Neujahrskonzert mit einem Hauch von Wien.
Andreas H. Hölscher