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Eine Krake, ein seltsames und gleichzeitig bedrohliches Ungeheuer, stellt in David Böschs Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts Idomeneo am Staatstheater Nürnberg den Meeresgott Neptun dar. Ihm hat Idomeneo, König von Kreta, in höchster Seenot bei der Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg geschworen, für eine glückliche Heimkehr das erste Wesen, das ihm am Strand begegne, zu opfern. Leider ist das sein einziger Sohn Idamante. So die Geschichte, die Mozarts Librettist Giambattista Varesco nach der Vorlage von Antoine Danchet verfasste, und auf deren Grundlage der 25-jährige Mozart sein Dramma per musica 1781 für die Karnevalssaison in München komponierte. Er liebte diesen Idomeneo besonders; viele halten das Werk für einen „Geniestreich“. Leider aber erfuhr die dreiaktige Oper, eine Verbindung der italienischen Opera seria und der französischen Tragédie lyrique, nach der Uraufführung im Cuvilliéstheater zwar von höchster Stelle Lob, nämlich vom bayerischen Regenten Karl Theodor von der Pfalz, wurde aber bald abgesetzt, und auch die zweite konzertante Fassung für Wien 1786 konnte keinen durchschlagenden Erfolg verbuchen. Auch heutzutage trifft man den Idomeneo eher selten auf der Bühne an. Woran liegt das? Musikalisch ist das Werk sicher ein Juwel. Mozart konnte damals auf das weltbeste Orchester seiner Zeit, die Mannheimer, zurückgreifen und sich auch im Wesentlichen auf exzellente Sängerinnen und Sänger stützen. Und so verlangte er deren Partien einiges ab, sowohl stimmtechnisch wie auch an Ausdruckskraft und Kunstfertigkeit. Selbst heute ist das für viele Theater ein Wagnis. Ebenso anspruchsvoll sind die Chorpartien wie auch die Anforderungen an die Bläser. Davon abgesehen aber ergibt sich für einen Regisseur die entscheidende Frage: Wie dem heutigen Zuschauer den antiken Mythos verständlich machen? Schon Mozart hatte sich bei seinem Stoff aufklärerischem Gedankengut zugewendet mit dem Anspruch der durch den „guten“ Herrscher legitimierten Herrschaft. Der antike Mythos vom Trojanischen Krieg aber und seinen Auswirkungen, das Beharren eines rachsüchtigen Gottes auf der Einhaltung eines unbedachten Schwurs mit grausigen Folgen, war dem gebildeten Publikum im 18. Jahrhundert noch durchaus präsent; heute ist das schwer vermittelbar. Die bestimmende Metapher dieser Oper ist das Meer, das mal sanft, mal stürmisch ist und sich übertragen lässt auf Gefühle, auf das Schicksal und das Leben selbst. Was sich Menschen darunter vorstellen, unterliegt der Einbildungskraft.
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So versetzt Regisseur Bösch die mythische Handlung zuerst in ein kindlich-naives Märchenreich voller Träume, um es dann am Schluss umzuwandeln in ein Gleichnis für reale Zustände voller Zerstörung, Brutalität und Todesnähe. Das verleiht der ganzen Inszenierung etwas Zerrissenes, Unausgewogenes, lässt manchmal auch Logik vermissen. Bösch verstärkt das im letzten Akt noch dadurch, dass es entgegen dem lieto finale in der Musik hier keinen glücklichen Ausgang gibt: Nachdem die unglückliche Elettra von ihrem Bruder Orest mitgenommen wird in das Reich der Schatten, wo sie empfangen wird von den Gespenstern ihrer Verwandten aus dem Haus der Atriden, begeht Idomeneo Selbstmord durch Gift, anstatt auf das Reich und die Herrschaft zu verzichten und dies seinem Sohn Idamante zu übergeben, wie es das Libretto vorsieht. Damit nicht genug: Auch der wirft sich sterbend neben seinen Vater vor das schon ausgeschaufelte Grab. Zurück bleiben nur die zwar geliebte, aber nun von ihrem Geliebten verlassene Ilia und das Volk in seinen blutverschmierten Kleidern, beide Opfer eines gewalttätigen Regimes. So ganz einsichtig ist solch ein Ende nicht. Es wird eher beispielhaft vorgeführt, auch durch die häufig frontale Aufreihung der Personen, was durch Instrumentalisierung des Aberglaubens eine totalitäre Herrschaft anrichtet. Eine letztlich zerrissene, der Zerstörung anheimfallende Welt zeigt dabei das Bühnenbild von Patrick Bannwart und Falko Herold; letzterer ist auch für die heutigen Kostüme und die Videos zuständig. Sie erinnern mit ihren comic-ähnlichen, sehr vereinfachten Zeichnungen am Anfang vage an Kinderbilder.

Auch die Einrichtung der Bühne im ersten Akt scheint aus einem Kinderzimmer zu stammen, mit Kinderstühlchen und Pferdchen. Darin bewegen sich die beiden spätpubertierenden Jugendlichen Ilia und Idamante, begegnen sich am Strand, wo Ilia, die Prinzessin aus Troja, mit Grablicht und gebastelten Kreuzen der im Kampf Gestorbenen gedenkt, und wo sich die beiden vor einem Sternenhimmel verlieben. Im Hintergrund erinnert ein gestürzter Kronleuchter an die noch unsichere Herrschaft in Kreta. Erst als dessen König Idomeneo unter Sturmgeheul und flatterndem Segel mit seiner Schiffsmannschaft mit Hilfe des verhängnisvollen Schwurs heimkehren darf, ändert sich vieles. Durch sein ständiges Herumfuchteln mit der Pistole und die abwehrende Haltung gegenüber dem eigentlich geliebten Sohn Idamante, den er ja opfern muss, wird das Wiedersehen getrübt. Auch wenn Ilia ihre Liebe noch nicht gesteht, aber seltsamerweise schon einen Kinderwagen über die Bühne schiebt, gibt es einen ersten Triumph der Liebe: Idamante schenkt dem Rest der gefangenen Trojaner die Freiheit, und der junge Thronfolger wird als Garant des Friedens gefeiert, ebenso Neptun. Allerdings geschieht das alles nicht ohne verstörenden Beigeschmack, denn ein Kind wird ertränkt. Neptun aber, nun als weißes, langarmiges Kraken-Ungetüm über allem schwebend, schüttet Geschenke aus. Das Volk ist begeistert. Idomeneo aber, nun in seinem Palast mit Kronleuchter, angetan mit Anzug, Krone und Herrschermantel, trägt schwer an seiner Schuld durch den Schwur, verflucht die Götter, sinnt darauf, Idamante dem Zugriff Neptuns durch Flucht als Begleiter von Elettra nach Argos zu entziehen. Die ist begeistert, wähnt sich schon als mit dem heimlich Geliebten Vermählte, zieht bereits ein Brautkleid an. Die See scheint friedlich, Vögel fliegen, Sektkorken knallen, das Volk steht zur Abfahrt mit Koffern bereit. Da aber zürnt der Meeresgott, Idomeneo gesteht, dass er schuld ist am ganzen Unheil, Blitze zucken, das Stoffsegel zerreißt, alles flieht vor dem Ungeheuer. Danach ein verändertes Bild: Schrägen, wie aufgerissene Verwerfungen auf dem düsteren Untergrund, Kreuze, die immer mehr werden, bis sich schließlich vorne ein großes, schwarzes Kreuz erhebt. Blutende Leute kommen, verkünden Verwüstung überall im Reich. Der Priester fordert endlich die Erfüllung des Schwurs, Idamante aber stürzt sich mutig in den Kampf gegen das Ungeheuer und siegt. Trotz Aussicht auf den Tod gestehen sich Ilia und Idamante ihre Liebe; Idomeneo bringt es nicht über sich, seinen Sohn umzubringen. Da will sich Ilia für den Geliebten opfern. Im letzten Moment gebietet das Orakel Einhalt. Liebe und Unschuld scheinen zu triumphieren. Nur Elettra sieht keinen Sinn mehr im Leben. Nach dem Tod von Idomeneo und Idamante bleibt Ilia einsam zurück. Aber warum ein solch schmerzlich schönes, pessimistisches Ende eines Märchens von Liebe, Frieden und Gerechtigkeit?
Ein wenig wird eine solch negative Stimmung auch von Marcus Bosch am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg musikalisch nachvollzogen. Hier klingt vieles etwas hart, dramatisch aufgeladen, und auch der als Zwischenmusik vor dem zweiten Akt gewählte erste Satz der frühen g‑Moll-Sinfonie KV 183, mit sehr viel innerer Spannung ausgestattet, scheint mehr angelegt auf starke Kontraste, weniger lyrischen Momenten oder gelegentlich feinem Glanz verpflichtet. Leider schwächeln auch die Hörner etwas.
Doch sängerisch werden die Zuhörer verwöhnt. Ilker Arcayürek, ein darstellerisch unglaublich überzeugender Idomeneo, begeistert mit seinem facettenreichen, kraftvollen Tenor und bewegender Gestaltung, und Leah Gordon, eine vor Liebe und Eifersucht geradezu bebende Elettra, betört mit ihrem runden, vollen, in Tiefe wie Höhe strahlenden Sopran und anrührenden Färbungen; ein Höhepunkt: ihr Idol mio . Auch die zierliche Ina Yoshikawa gefällt als junge, selbstlos liebende Ilia sehr mit ihrem klaren Sopran. Für die Rolle des Idamante hätte man sich eine etwas stärker damit kontrastierende Stimme gewünscht. Mozart schrieb sie ja für München für einen Kastraten, für Wien für einen Tenor. Heute ist sie meist eine Hosenrolle für einen Mezzosopran. Ida Aldrian bewältigt die Partie sicher und auch schön mit ihrer sehr hellen Stimme. Den Königsberater Arbace, hier ein Greis im Schlafanzug im Rollstuhl, gibt Alex Kim mit schlankem Bariton, als Oberpriester tritt Chool Seomun auf, und die Stimme des Orakels tönt dank Alexey Birkus recht wirkungsvoll von oben. Chor und Extrachor des Nürnberger Theaters, einstudiert von Tarmo Vaask, beeindrucken durch mächtige stimmliche Prägnanz.
Nach dem etwas verstörenden Ende gibt es langen, begeisterten Beifall, in den sich einige wenige schüchterne Buh-Rufe für die Regie mischen.
Renate Freyeisen