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Foto © Ludwig Olah

Glückloses Glück

IDOMENEO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
17. Februar 2018
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Eine Krake, ein seltsames und gleich­zeitig bedroh­liches Ungeheuer, stellt in David Böschs Insze­nierung von Wolfgang Amadeus Mozarts Idomeneo am Staats­theater Nürnberg den Meeresgott Neptun dar. Ihm hat Idomeneo, König von Kreta, in höchster Seenot bei der Rückkehr aus dem Troja­ni­schen Krieg geschworen, für eine glück­liche Heimkehr das erste Wesen, das ihm am Strand begegne, zu opfern. Leider ist das sein einziger Sohn Idamante. So die Geschichte, die Mozarts Librettist Giambat­tista Varesco nach der Vorlage von Antoine Danchet verfasste, und auf deren Grundlage der 25-jährige Mozart sein Dramma per musica 1781 für die Karne­vals­saison in München kompo­nierte. Er liebte diesen Idomeneo besonders; viele halten das Werk für einen „Genie­streich“. Leider aber erfuhr die dreiaktige Oper, eine Verbindung der italie­ni­schen Opera seria und der franzö­si­schen Tragédie lyrique, nach der Urauf­führung im Cuvil­liés­theater zwar von höchster Stelle Lob, nämlich vom bayeri­schen Regenten Karl Theodor von der Pfalz, wurde aber bald abgesetzt, und auch die zweite konzer­tante Fassung für Wien 1786 konnte keinen durch­schla­genden Erfolg verbuchen. Auch heutzutage trifft man den Idomeneo eher selten auf der Bühne an. Woran liegt das? Musika­lisch ist das Werk sicher ein Juwel. Mozart konnte damals auf das weltbeste Orchester seiner Zeit, die Mannheimer, zurück­greifen und sich auch im Wesent­lichen auf exzel­lente Sänge­rinnen und Sänger stützen. Und so verlangte er deren Partien einiges ab, sowohl stimm­tech­nisch wie auch an Ausdrucks­kraft und Kunst­fer­tigkeit. Selbst heute ist das für viele Theater ein Wagnis. Ebenso anspruchsvoll sind die Chorpartien wie auch die Anfor­de­rungen an die Bläser. Davon abgesehen aber ergibt sich für einen Regisseur die entschei­dende Frage: Wie dem heutigen Zuschauer den antiken Mythos verständlich machen? Schon Mozart hatte sich bei seinem Stoff aufklä­re­ri­schem Gedan­kengut zugewendet mit dem Anspruch der durch den „guten“ Herrscher legiti­mierten Herrschaft. Der antike Mythos vom Troja­ni­schen Krieg aber und seinen Auswir­kungen, das Beharren eines rachsüch­tigen Gottes auf der Einhaltung eines unbedachten Schwurs mit grausigen Folgen, war dem gebil­deten Publikum im 18. Jahrhundert noch durchaus präsent; heute ist das schwer vermit­telbar. Die bestim­mende Metapher dieser Oper ist das Meer, das mal sanft, mal stürmisch ist und sich übertragen lässt auf Gefühle, auf das Schicksal und das Leben selbst. Was sich Menschen darunter vorstellen, unter­liegt der Einbildungskraft.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

So versetzt Regisseur Bösch die mythische Handlung zuerst in ein kindlich-naives Märchen­reich voller Träume, um es dann am Schluss umzuwandeln in ein Gleichnis für reale Zustände voller Zerstörung, Bruta­lität und Todesnähe. Das verleiht der ganzen Insze­nierung etwas Zerris­senes, Unaus­ge­wo­genes, lässt manchmal auch Logik vermissen. Bösch verstärkt das im letzten Akt noch dadurch, dass es entgegen dem lieto finale in der Musik hier keinen glück­lichen Ausgang gibt: Nachdem die unglück­liche Elettra von ihrem Bruder Orest mitge­nommen wird in das Reich der Schatten, wo sie empfangen wird von den Gespenstern ihrer Verwandten aus dem Haus der Atriden, begeht Idomeneo Selbstmord durch Gift, anstatt auf das Reich und die Herrschaft zu verzichten und dies seinem Sohn Idamante zu übergeben, wie es das Libretto vorsieht. Damit nicht genug: Auch der wirft sich sterbend neben seinen Vater vor das schon ausge­schau­felte Grab. Zurück bleiben nur die zwar geliebte, aber nun von ihrem Geliebten verlassene Ilia und das Volk in seinen blutver­schmierten Kleidern, beide Opfer eines gewalt­tä­tigen Regimes. So ganz einsichtig ist solch ein Ende nicht. Es wird eher beispielhaft vorge­führt, auch durch die häufig frontale Aufreihung der Personen, was durch Instru­men­ta­li­sierung des Aberglaubens eine totalitäre Herrschaft anrichtet. Eine letztlich zerrissene, der Zerstörung anheim­fal­lende Welt zeigt dabei das Bühnenbild von Patrick Bannwart und Falko Herold; letzterer ist auch für die heutigen Kostüme und die Videos zuständig. Sie erinnern mit ihren comic-ähnlichen, sehr verein­fachten Zeich­nungen am Anfang vage an Kinderbilder.

Foto © Ludwig Olah

Auch die Einrichtung der Bühne im ersten Akt scheint aus einem Kinder­zimmer zu stammen, mit Kinder­stühlchen und Pferdchen. Darin bewegen sich die beiden spätpu­ber­tie­renden Jugend­lichen Ilia und Idamante, begegnen sich am Strand, wo Ilia, die Prinzessin aus Troja, mit Grablicht und gebas­telten Kreuzen der im Kampf Gestor­benen gedenkt, und wo sich die beiden vor einem Sternen­himmel verlieben. Im Hinter­grund erinnert ein gestürzter Kronleuchter an die noch unsichere Herrschaft in Kreta. Erst als dessen König Idomeneo unter Sturm­geheul und flatterndem Segel mit seiner Schiffs­mann­schaft mit Hilfe des verhäng­nis­vollen Schwurs heimkehren darf, ändert sich vieles. Durch sein ständiges Herum­fuchteln mit der Pistole und die abweh­rende Haltung gegenüber dem eigentlich geliebten Sohn Idamante, den er ja opfern muss, wird das Wieder­sehen getrübt. Auch wenn Ilia ihre Liebe noch nicht gesteht, aber seltsa­mer­weise schon einen Kinder­wagen über die Bühne schiebt, gibt es einen ersten Triumph der Liebe: Idamante schenkt dem Rest der gefan­genen Trojaner die Freiheit, und der junge Thron­folger wird als Garant des Friedens gefeiert, ebenso Neptun. Aller­dings geschieht das alles nicht ohne verstö­renden Beigeschmack, denn ein Kind wird ertränkt. Neptun aber, nun als weißes, langar­miges Kraken-Ungetüm über allem schwebend, schüttet Geschenke aus. Das Volk ist begeistert. Idomeneo aber, nun in seinem Palast mit Kronleuchter, angetan mit Anzug, Krone und Herrscher­mantel, trägt schwer an seiner Schuld durch den Schwur, verflucht die Götter, sinnt darauf, Idamante dem Zugriff Neptuns durch Flucht als Begleiter von Elettra nach Argos zu entziehen. Die ist begeistert, wähnt sich schon als mit dem heimlich Geliebten Vermählte, zieht bereits ein Braut­kleid an. Die See scheint friedlich, Vögel fliegen, Sektkorken knallen, das Volk steht zur Abfahrt mit Koffern bereit. Da aber zürnt der Meeresgott, Idomeneo gesteht, dass er schuld ist am ganzen Unheil, Blitze zucken, das Stoff­segel zerreißt, alles flieht vor dem Ungeheuer. Danach ein verän­dertes Bild: Schrägen, wie aufge­rissene Verwer­fungen auf dem düsteren Unter­grund, Kreuze, die immer mehr werden, bis sich schließlich vorne ein großes, schwarzes Kreuz erhebt. Blutende Leute kommen, verkünden Verwüstung überall im Reich. Der Priester fordert endlich die Erfüllung des Schwurs, Idamante aber stürzt sich mutig in den Kampf gegen das Ungeheuer und siegt. Trotz Aussicht auf den Tod gestehen sich Ilia und Idamante ihre Liebe; Idomeneo bringt es nicht über sich, seinen Sohn umzubringen. Da will sich Ilia für den Geliebten opfern. Im letzten Moment gebietet das Orakel Einhalt. Liebe und Unschuld scheinen zu trium­phieren. Nur Elettra sieht keinen Sinn mehr im Leben. Nach dem Tod von Idomeneo und Idamante bleibt Ilia einsam zurück. Aber warum ein solch schmerzlich schönes, pessi­mis­ti­sches Ende eines Märchens von Liebe, Frieden und Gerechtigkeit?

Ein wenig wird eine solch negative Stimmung auch von Marcus Bosch am Pult der Staats­phil­har­monie Nürnberg musika­lisch nachvoll­zogen. Hier klingt vieles etwas hart, drama­tisch aufge­laden, und auch der als Zwischen­musik vor dem zweiten Akt gewählte erste Satz der frühen g‑Moll-Sinfonie KV 183, mit sehr viel innerer Spannung ausge­stattet, scheint mehr angelegt auf starke Kontraste, weniger lyrischen Momenten oder gelegentlich feinem Glanz verpflichtet. Leider schwä­cheln auch die Hörner etwas.

Doch sänge­risch werden die Zuhörer verwöhnt. Ilker Arcayürek, ein darstel­le­risch unglaublich überzeu­gender Idomeneo, begeistert mit seinem facet­ten­reichen, kraft­vollen Tenor und bewegender Gestaltung, und Leah Gordon, eine vor Liebe und Eifer­sucht geradezu bebende Elettra, betört mit ihrem runden, vollen, in Tiefe wie Höhe strah­lenden Sopran und anrüh­renden Färbungen; ein Höhepunkt: ihr Idol mio . Auch die zierliche Ina Yoshikawa gefällt als junge, selbstlos liebende Ilia sehr mit ihrem klaren Sopran. Für die Rolle des Idamante hätte man sich eine etwas stärker damit kontras­tie­rende Stimme gewünscht. Mozart schrieb sie ja für München für einen Kastraten, für Wien für einen Tenor. Heute ist sie meist eine Hosen­rolle für einen Mezzo­sopran. Ida Aldrian bewältigt die Partie sicher und auch schön mit ihrer sehr hellen Stimme. Den Königs­be­rater Arbace, hier ein Greis im Schlaf­anzug im Rollstuhl, gibt Alex Kim mit schlankem Bariton, als Oberpriester tritt Chool Seomun auf, und die Stimme des Orakels tönt dank Alexey Birkus recht wirkungsvoll von oben. Chor und Extrachor des Nürnberger Theaters, einstu­diert von Tarmo Vaask, beein­drucken durch mächtige stimm­liche Prägnanz.

Nach dem etwas verstö­renden Ende gibt es langen, begeis­terten Beifall, in den sich einige  wenige schüch­terne Buh-Rufe für die Regie mischen.

Renate Freyeisen

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