O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
KRIEG UND FRIEDEN
(Sergej Prokofiew)
Besuch am
30. September 2018
(Premiere)
Krieg und Frieden, das monumentale letzte Werk von Sergej Prokofiew nach dem berühmten Roman von Leo Tolstoj, beschert dem Nürnberger Opernhaus einen lange bejubelten, grandiosen Einstand für die neue Leitung. Die Oper, ein Stationendrama in dreizehn Bildern, bedeutet für jedes Haus eine Herausforderung. Ungekürzt mindestens vier Stunden lang, mit einer Unmasse von Rollen, 72 an der Zahl, und Riesenchören, mit einem Stoff, den Schlachtenschilderungen gegen Napoleon in Russland, selbst für die Bühnendarstellung schwer zu realisieren, und mit der Frage konfrontiert, ob hier Patriotismus, Nationalismus und Kriegsbegeisterung gefeiert werden oder menschliches Schicksal im Vordergrund steht, bedeutet dieses „opus summum“ des Komponisten für jede Inszenierung eine Gratwanderung. Auch Prokofiew musste das erfahren. Er erlebte eine Uraufführung seines Werkes nie. Erst 1959, sechs Jahre nach seinem Tod, wurde es in Moskau zur Gänze realisiert. Diese Fassung kommt in Nürnberg, wenn auch gekürzt, zur Aufführung. Prokofiew erfuhr trotz seiner Bemühungen, sich an die stalinistische Kunst-Diktatur anzubiedern, nie Anerkennung. Während des Zweiten Weltkriegs, 1941⁄42, als Hitlers Armeen in Russland einfielen, verfasste er mit seiner Lebensgefährtin Mia Mendelson nach dem Roman Tolstojs das Libretto für die Oper, ließ aber den Epilog des Schriftstellers weg, schuf ein Werk zur Verherrlichung des „ewigen Russland“, doch die Funktionäre, die 1943 im Bolschoi-Theater Auszüge davon hörten, reagierten verhalten, wollten mehr „Vaterländisches“. Also fügte Prokofiew Volkschöre und Märsche ein. Das half nicht. Auch 1945 und 1946 fanden weitere Umarbeitungen keine Gnade vor der staatlichen Kritik. 1948 wurde er sogar des „Formalismus“ vom Politbüro bezichtigt; der Tadel richtete sich gegen seine angeblich unverständliche Musik „als unerhörte geistige Selbstbefriedigung“. Trotzdem arbeitete Prokofiew bis zu seinem Tod an der Oper weiter. In Russland ist sie bekannt, aber im Westen wird sie heute kaum aufgeführt.
Nürnberg nimmt nun das Wagnis der Inszenierung auf sich – und es glückt. Denn der neue Intendant Jens-Daniel Herzog siedelt sie in vier Zeitebenen an, einmal in Napoleons gescheitertem Russlandfeldzug 1812 mit dem hohen Blutzoll unter der Bevölkerung und den Eindringlingen, dann in der Entstehung des Romans in den 1860-er Jahren, als Tolstoj die russische Gesellschaft als gespalten in Elite und Volk schilderte, in die Zeit der ursprünglichen Komposition der Oper mit dem brutalen Einfall des deutschen Heeres in Russland und in die Parallelen zu heute, als wieder eine Art Gewaltherrscher wie Stalin nationalistische Gefühle weckt, weil das dem Geschäftsinteresse einer Oberschicht dient. Dennoch ist dem Regisseur neben diesen historischen Verweisen eine zweite Ebene wichtig: Die drei Hauptpersonen des Werks sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: Natascha glaubt, es in der Liebe zu finden, wird aber bitter enttäuscht; Andrej sucht es vergeblich im Dienst an der Nation, wird aber im Kampf tödlich verwundet und erfährt erst im Sterben schmerzlich, was er versäumt hat in der Liebe; und Pierre, eigentlich orientiert an sittlichen Maßstäben, bewegt sich durch die Verirrungen seines irgendwie nutzlosen Lebens, bis er den „ewigen Russen“ Platon trifft, der ihm innere Ruhe und Ergebenheit ins Schicksal vorlebt, bis er den sinnlosen Umständen zum Opfer fällt. Am Ende steht Pierre allein da, nur noch umgeben vom Volk, ein Anblick, der irgendwie hoffnungslos wirkt, was den Siegestaumel der Masse relativiert. Der Titel der Oper müsste eigentlich umgedreht lauten: Frieden und Krieg. Im Kampf um den Sinn des Lebens gibt es hier keine Gewinner; der Sinn liegt im Leben selbst. Ein nachdenkliches Ende.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Anlass zu einer solchen Deutung der Oper durch die Inszenierung gibt es auf der Bühne von Mathis Neidhart gleich zu Anfang, in der Sphäre der französisch infiltrierten, adeligen Gesellschaft in Russland. Hinweise darauf, dass diese dekadente Schicht abgewirtschaftet hat, sieht man an den kahlen, schmuddelig braunen Wänden in den Salons, nur im traditionellen Haus der aufrechten Achrossimova hängen noch die alten Bilder. Die Kostüme von Sibylle Gädicke mischen die Zeiten: Die Damen in den Salons tragen Kleider von heute, mal elegant, mal etwas halbseiden wie Helena, die Herren ähnlich. Das russische Volk erscheint vorwiegend ärmlich in Graubraun, die Franzosen in Blau-Weiß in schicken Uniformen, Napoleon wie auf den üblichen Bildern. Die russischen Generäle wirken schneidig im glatten grauen Rock, nur der Oberbefehlshaber Kutusow demonstriert seinen Rang und seine Genusssucht in bunter Montur. Die Brutalität der Kämpfe machen die eindrucksvoll andeutenden Bilder nachvollziehbar mit den Unterständen in der Schlacht bei Borodino, mit den Zerstörungen beim Brand von Moskau oder dem Schneetreiben im strengen Winter, bei dem das französische Heer unterging.
Die dabei wechselnden Stimmungen werden begleitet und spannend umgesetzt auch in der Musik Prokofiews, mal lyrisch und farbig impressionistisch in den Liebesszenen, mal als schräge Illusion beim verfremdeten Walzer beim Ball, mal hintergründig illustrierend, oft aber geradezu grausam brutal bei den Schlachten mit viel Blech und Schlagzeug, oft charakterisiert als „Neo-Barbarismus“. Ein häufig pochender Rhythmus scheint die unerbittliche Schicksalsmacht zu unterstreichen. Die historischen Vorgänge dahinter werden erläutert durch Übertitel, die den Zusammenhang herstellen. Joana Mallwitz am Pult aber greift packend und sinnvoll akzentuierend die musikalische Handlung auf, betont gleich am Anfang das „Heldische“ durch die heftigen Bläser-Eruptionen, nimmt aber die Staatsphilharmonie Nürnberg öfter auch zurück, so dass feine, intime Momente aufleuchten können, und die riesigen Chormassen, von Tarmo Vaask sicher geleitet, können sich geradezu bedrohlich mit ihrer geballten Stimmkraft nach vorne bewegen, so dass sie jeweils am Schluss eine schier unüberwindliche Front bilden.

Besonders geglückt ist auch die Besetzung der Hauptrollen, überzeugend, mitreißend und berührend sowohl in Gestaltung wie Gesang. Jochen Kupfer ist ein tapferer, aber in den Konventionen verharrender Fürst Andrej Bolkonski, ergreifend in der Sterbeszene, und er gestaltet mit seinem tragfähigen Bariton einfach wunderbar. Seine Geliebte Natascha Rostova wird von Eleonore Marguerre als kapriziöses, noch um Sicherheit im Leben ringendes junges Mädchen verkörpert, später auch als tragische Figur, und ihr leicht dramatisch gefärbter Sopran lotet alle Nuancen ihrer Gefühle mit schöner Stimmkraft aus. In sie verliebt ist auch der reiche Pierre Besuchow; vom Tenor Zurab Zurabishvili als integrer älterer Herr auf der Suche nach Zufriedenheit und Ausgleich dargestellt, und seine eher baritonal gefärbte Stimme vermag alle seine Gemütsbewegungen bestens auszudrücken. Verheiratet ist er mit der lebenslustigen Helena, der Irina Maltseva mit eher heller Stimme das Profil einer selbstsüchtigen Lebedame gibt; ihr Bruder und Weiberheld Anatol Kuragin, Tadeusz Szlenkier, übertrumpft sie noch an egoistischer Kaltblütigkeit, als er sich die naive Natascha fast gefügig macht. Ihre Kusine Sonja, Katrin Heles, kann sie kaum von ihrer Unüberlegtheit abbringen. Erst als die Achrossimova, Martina Dike, mit viel stimmlicher Nachdrücklichkeit Natascha ins Gewissen redet, erkennt sie ihren Irrtum. Von ihrem Vater Rostov, einem haltlosen Schwächling, überzeugend gesungen und verkörpert von Alexey Birkus, kann sie keine Unterstützung erwarten. Auch ihr Antrittsbesuch beim Vater von Andrej, dem korrupten und verderbten Fürsten Bolkonski, mit profundem Bass gesungen von Nikolai Karnolsky, gerät zum Fiasko, auch wenn seine mitfühlende Tochter Marija, schön gesungen von Almerija Delic, nichts gegen ihn ausrichten kann. Derweil spitzen sich die Kriegsereignisse zu. Nach der Schlacht bei Borodino und der Entscheidung von Feldmarschall Kutusov, Moskau preiszugeben und in Brand zu stecken, besinnt sich das russische Volk auf seine Stärke, verspottet Napoleon, den stimmstarken Bariton Sangmin Lee, zieht die Franzosen ins Lächerliche und macht sich so Mut. Schließlich müssen sich diese, angeführt von General Davout, Wonyong Kang, zurückziehen. Auf ihrer Flucht, bei der sie wie Bonnet, Hans Kittelmann, rücksichtslos noch Beute machen und Menschen erschießen, schleppen sie auch Kriegsgefangene mit wie Pierre Besuchow und den armen Platon, von Martin Platz als lebensklugen, aber elend endenden Gefährten anrührend verkörpert. Doch die Partisanen unter Führung von Denissow, Denis Milo, schnappen sich die Franzosen und befreien die Gefangenen. Für Plato und andere kommt ihre Hilfe zu spät. Aber das Volk hat gesiegt.
Nach dem triumphalen Schluss der Oper im voll besetzten Haus will der Beifall für alle, einschließlich Regieteam, Dirigentin und Orchester kein Ende nehmen, selbst für die Darsteller der kleineren Rollen, und mit Trampeln und Bravorufen zeigt das Publikum seine Begeisterung. Das ist doch ein vielversprechender Neuanfang nach der Ära von Theiler und Bosch!
Renate Freyeisen