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Foto © Ludwig Olah

Kein Friede

KRIEG UND FRIEDEN
(Sergej Prokofiew)

Besuch am
30. September 2018
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg, Opernhaus

Krieg und Frieden, das monumentale letzte Werk von Sergej Prokofiew nach dem berühmten Roman von Leo Tolstoj, beschert dem Nürnberger Opernhaus einen lange bejubelten, grandiosen Einstand für die neue Leitung. Die Oper, ein Statio­nen­drama in dreizehn Bildern, bedeutet für jedes Haus eine Heraus­for­derung. Ungekürzt mindestens vier Stunden lang, mit einer Unmasse von Rollen, 72 an der Zahl, und Riesen­chören, mit einem Stoff, den Schlach­ten­schil­de­rungen gegen Napoleon in Russland, selbst für die Bühnen­dar­stellung schwer zu reali­sieren, und mit der Frage konfron­tiert, ob hier Patrio­tismus, Natio­na­lismus und Kriegs­be­geis­terung gefeiert werden oder mensch­liches Schicksal im Vorder­grund steht, bedeutet dieses „opus summum“ des Kompo­nisten für jede Insze­nierung eine Gratwan­derung. Auch Prokofiew musste das erfahren. Er erlebte eine Urauf­führung seines Werkes nie. Erst 1959, sechs Jahre nach seinem Tod, wurde es in Moskau zur Gänze reali­siert. Diese Fassung kommt in Nürnberg, wenn auch gekürzt, zur Aufführung. Prokofiew erfuhr trotz seiner Bemühungen, sich an die stali­nis­tische Kunst-Diktatur anzubiedern, nie Anerkennung. Während des Zweiten Weltkriegs, 194142, als Hitlers Armeen in Russland einfielen, verfasste er mit seiner Lebens­ge­fährtin Mia Mendelson nach dem Roman Tolstojs das Libretto für die Oper, ließ aber den Epilog des Schrift­stellers weg, schuf ein Werk zur Verherr­li­chung des „ewigen Russland“, doch die Funktionäre, die 1943 im Bolschoi-Theater Auszüge davon hörten, reagierten verhalten, wollten mehr „Vater­län­di­sches“. Also fügte Prokofiew Volks­chöre und Märsche ein. Das half nicht. Auch 1945 und 1946 fanden weitere Umarbei­tungen keine Gnade vor der staat­lichen Kritik. 1948 wurde er sogar des „Forma­lismus“ vom Politbüro bezichtigt; der Tadel richtete sich gegen seine angeblich unver­ständ­liche Musik „als unerhörte geistige Selbst­be­frie­digung“. Trotzdem arbeitete Prokofiew bis zu seinem Tod an der Oper weiter. In Russland ist sie bekannt, aber im Westen wird sie heute kaum aufgeführt.

Nürnberg nimmt nun das Wagnis der Insze­nierung auf sich – und es glückt. Denn der neue Intendant Jens-Daniel Herzog siedelt sie in vier Zeitebenen an, einmal in Napoleons geschei­tertem Russland­feldzug 1812 mit dem hohen Blutzoll unter der Bevöl­kerung und den Eindring­lingen, dann in der Entstehung des Romans in den 1860-er Jahren, als Tolstoj die russische Gesell­schaft als gespalten in Elite und Volk schil­derte, in die Zeit der ursprüng­lichen Kompo­sition der Oper mit dem brutalen Einfall des deutschen Heeres in Russland und in die Paral­lelen zu heute, als wieder eine Art Gewalt­herr­scher wie Stalin natio­na­lis­tische Gefühle weckt, weil das dem Geschäfts­in­teresse einer Oberschicht dient. Dennoch ist dem Regisseur neben diesen histo­ri­schen Verweisen eine zweite Ebene wichtig: Die drei Haupt­per­sonen des Werks sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: Natascha glaubt, es in der Liebe zu finden, wird aber bitter enttäuscht; Andrej sucht es vergeblich im Dienst an der Nation, wird aber im Kampf tödlich verwundet und erfährt erst im Sterben schmerzlich, was er versäumt hat in der Liebe; und Pierre, eigentlich orien­tiert an sittlichen Maßstäben, bewegt sich durch die Verir­rungen seines irgendwie nutzlosen Lebens, bis er den „ewigen Russen“ Platon trifft, der ihm innere Ruhe und Ergebenheit ins Schicksal vorlebt, bis er den sinnlosen Umständen zum Opfer fällt. Am Ende steht Pierre allein da, nur noch umgeben vom Volk, ein Anblick, der irgendwie hoffnungslos wirkt, was den Sieges­taumel der Masse relati­viert. Der Titel der Oper müsste eigentlich umgedreht lauten: Frieden und Krieg. Im Kampf um den Sinn des Lebens gibt es hier keine Gewinner; der Sinn liegt im Leben selbst. Ein nachdenk­liches Ende.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Anlass zu einer solchen Deutung der Oper durch die Insze­nierung gibt es auf der Bühne von Mathis Neidhart gleich zu Anfang, in der Sphäre der franzö­sisch infil­trierten, adeligen Gesell­schaft in Russland. Hinweise darauf, dass diese dekadente Schicht abgewirt­schaftet hat, sieht man an den kahlen, schmud­delig braunen Wänden in den Salons, nur im tradi­tio­nellen Haus der aufrechten Achrossimova hängen noch die alten Bilder. Die Kostüme von Sibylle Gädicke mischen die Zeiten: Die Damen in den Salons tragen Kleider von heute, mal elegant, mal etwas halbseiden wie Helena, die Herren ähnlich. Das russische Volk erscheint vorwiegend ärmlich in Graubraun, die Franzosen in Blau-Weiß in schicken Uniformen, Napoleon wie auf den üblichen Bildern. Die russi­schen Generäle wirken schneidig im glatten grauen Rock, nur der Oberbe­fehls­haber Kutusow demons­triert seinen Rang und seine Genuss­sucht in bunter Montur. Die Bruta­lität der Kämpfe machen die eindrucksvoll andeu­tenden Bilder nachvoll­ziehbar mit den Unter­ständen in der Schlacht bei Borodino, mit den Zerstö­rungen beim Brand von Moskau oder dem Schnee­treiben im strengen Winter, bei dem das franzö­sische Heer unterging.

Die dabei wechselnden Stimmungen werden begleitet und spannend umgesetzt auch in der Musik Proko­fiews, mal lyrisch und farbig impres­sio­nis­tisch in den Liebes­szenen, mal als schräge Illusion beim verfrem­deten Walzer beim Ball, mal hinter­gründig illus­trierend, oft aber geradezu grausam brutal bei den Schlachten mit viel Blech und Schlagzeug, oft charak­te­ri­siert als „Neo-Barba­rismus“. Ein häufig pochender Rhythmus scheint die unerbitt­liche Schick­sals­macht zu unter­streichen. Die histo­ri­schen Vorgänge dahinter werden erläutert durch Übertitel, die den Zusam­menhang herstellen. Joana Mallwitz am Pult aber greift packend und sinnvoll akzen­tu­ierend die musika­lische Handlung auf, betont gleich am Anfang das „Heldische“ durch die heftigen Bläser-Eruptionen, nimmt aber die Staats­phil­har­monie Nürnberg öfter auch zurück, so dass feine, intime Momente aufleuchten können, und die riesigen Chormassen, von Tarmo Vaask sicher geleitet, können sich  geradezu bedrohlich mit ihrer geballten Stimm­kraft nach vorne bewegen, so dass sie jeweils am Schluss eine schier unüber­wind­liche Front bilden.

Foto © Ludwig Olah

Besonders geglückt ist auch die Besetzung der Haupt­rollen, überzeugend, mitreißend und berührend sowohl in Gestaltung wie Gesang. Jochen Kupfer ist ein tapferer, aber in den Konven­tionen verhar­render Fürst Andrej Bolkonski, ergreifend in der Sterbe­szene, und er gestaltet mit seinem tragfä­higen Bariton einfach wunderbar.  Seine Geliebte Natascha Rostova wird von Eleonore Marguerre als kapri­ziöses, noch um Sicherheit im Leben ringendes junges Mädchen verkörpert, später auch als tragische Figur, und ihr leicht drama­tisch gefärbter Sopran lotet alle Nuancen ihrer Gefühle mit schöner Stimm­kraft aus. In sie verliebt ist auch der reiche Pierre Besuchow; vom Tenor Zurab Zurabishvili als integrer älterer Herr auf der Suche nach Zufrie­denheit und Ausgleich darge­stellt, und seine eher baritonal gefärbte Stimme vermag alle seine Gemüts­be­we­gungen bestens auszu­drücken. Verhei­ratet ist er mit der lebens­lus­tigen Helena, der Irina Maltseva mit eher heller Stimme das Profil einer selbst­süch­tigen Lebedame gibt; ihr Bruder und Weiberheld Anatol Kuragin, Tadeusz Szlenkier, übertrumpft sie noch an egois­ti­scher Kaltblü­tigkeit, als er sich die naive Natascha fast gefügig macht. Ihre Kusine Sonja, Katrin Heles, kann sie kaum von ihrer Unüber­legtheit abbringen. Erst als die Achrossimova, Martina Dike, mit viel stimm­licher Nachdrück­lichkeit Natascha ins Gewissen redet, erkennt sie ihren Irrtum. Von ihrem Vater Rostov, einem haltlosen Schwächling, überzeugend gesungen und verkörpert von Alexey Birkus, kann sie keine Unter­stützung erwarten. Auch ihr Antritts­besuch beim Vater von Andrej, dem korrupten und verderbten Fürsten Bolkonski, mit profundem Bass gesungen von Nikolai Karnolsky, gerät zum Fiasko, auch wenn seine mitfüh­lende Tochter Marija, schön gesungen von Almerija Delic, nichts gegen ihn ausrichten kann. Derweil spitzen sich die Kriegs­er­eig­nisse zu. Nach der Schlacht bei Borodino und der Entscheidung von Feldmar­schall Kutusov, Moskau preis­zu­geben und in Brand zu stecken, besinnt sich das russische Volk auf seine Stärke, verspottet Napoleon, den stimm­starken Bariton Sangmin Lee, zieht die Franzosen ins Lächer­liche und macht sich so Mut. Schließlich müssen sich diese, angeführt von General Davout, Wonyong Kang, zurück­ziehen. Auf ihrer Flucht, bei der sie wie Bonnet, Hans Kittelmann, rücksichtslos noch Beute machen und Menschen erschießen, schleppen sie auch Kriegs­ge­fangene mit wie Pierre Besuchow und den armen Platon, von Martin Platz als lebens­klugen, aber elend endenden Gefährten anrührend verkörpert. Doch die Parti­sanen unter Führung von Denissow, Denis Milo, schnappen sich die Franzosen und befreien die Gefan­genen. Für Plato und andere kommt ihre Hilfe zu spät. Aber das Volk hat gesiegt.

Nach dem trium­phalen Schluss der Oper im voll besetzten Haus will der Beifall für alle, einschließlich Regieteam, Dirigentin und Orchester kein Ende nehmen, selbst für die Darsteller der kleineren Rollen, und mit Trampeln und Bravo­rufen zeigt das Publikum seine Begeis­terung. Das ist doch ein vielver­spre­chender Neuanfang nach der Ära von Theiler und Bosch!

Renate Freyeisen

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