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Clash der Religionen

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
12. Mai 2019
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Gibt es im Lohengrin einen Religi­ons­kon­flikt zwischen dem Chris­tentum und den alten, nordi­schen Gottheiten? Ist die Ausein­an­der­setzung zwischen dem Grals­ritter Lohengrin und Friedrich von Telramund nur eine Art Stell­ver­tre­ter­krieg zwischen dem Grals­hüter Parsifal und dem nordi­schen Gott Wotan? Das ist sicher zu kurz gedacht, zumal bei Wagner alles viel hinter­grün­diger und komplexer ist, als es im ersten Moment erscheint.

Doch der Reihe nach. Zwar ist der 1850 in Weimar unter Franz Liszt urauf­ge­führte Lohengrin ein spätes Frühwerk Wagners, aber musika­lisch reicht er schon weit in die Zukunft. Lohengrin selbst bezeichnet sich in der Grals­er­zählung als Sohn des Parsifal, und Ortrud ruft in ihrem drama­ti­schen Monolog im zweiten Aufzug nach Wodan, dem Gottvater. Inhaltlich ist hier schon der Bezug zu späteren Werken Wagners wie dem Parsifal und dem Ring des Nibelungen zu sehen, aber auch musika­lisch gibt es ihn. Der Schwan­dorfer Pianist und Musik­wis­sen­schaftler Stefan Mickisch hat in einem Bayreuther Einfüh­rungs­vortrag zu Lohengrin am 28. August 2000, also am 150. Jahrestag der Urauf­führung, anhand von diversen Musik­bei­spielen, Themen und Tonar­ten­ver­gleichen mit Parsifal und dem Ring nachge­wiesen, dass Wagner in seinen späteren Werken auf eben diese Motive des Lohengrin zurück­ge­griffen hat.  Und auch die bekann­teste mittel­al­ter­liche Schrift, der Parzival des Wolfram von Eschenbach, beschreibt am Schluss den Grals­ritter Loher­angrin und das Frage­verbot, definitiv also keine Erfindung Wagners.

Insofern ist der Ansatz der Nürnberger Neuin­sze­nierung, auf diese Werke Bezug zu nehmen, im Grundsatz nicht verkehrt. Die Umsetzung aller­dings gerät zu einer Parodie, die einfach nur billig ist und das Publikum fast für dumm verkauft. Wer sich vor der Vorstellung die Zeit genommen hat, die Ausfüh­rungen des Nürnberger Chefdra­ma­turgen Georg Holzer zum Lohengrin und zur aktuellen Insze­nierung im Programmheft zu studieren, der bekommt schon eine Ahnung, was ihn da in den kommenden viereinhalb Stunden erwarten wird. „Zwischen dem hohen Ton, dem Pathos, dem großen Gefühl auf der einen und der Lächer­lichkeit auf der anderen Seite verläuft ein schmaler Grat“, sagt Holzer. Das ist absolut richtig, und Regisseur David Hermann und sein Team hätten diesen Satz beher­zigen sollen, denn sie haben diesen schmalen Grat in vollster Breite überschritten.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dabei beginnt es zunächst ganz klassisch. Während des sphäri­schen Vorspiels zum ersten Aufzug hebt sich der Vorgang, und man sieht Parsifal und die Grals­ritter, im Hinter­grund eine stili­sierte Taube. Lohengrin wird von seinem Vater Parsifal losge­sandt, und man sieht ihm deutlich sein Unbehagen an. Diese Fahrt, das ist jetzt schon klar, wird keine Vergnü­gungs­reise. Dem Bild kann man ohne weiteres zustimmen, doch dann ändert sich die Szenerie nach dem Vorspiel sehr drastisch. Es sieht aus wie auf einem mittel­al­ter­lichen Markt, und die Männer von Brabant sind wilde Germanen, mit Wikin­ger­helmen auf dem Kopf und mit martia­li­schen Äxten und Messern bewaffnet. König Heinrich sieht mit seiner überdi­men­sio­nierten Krone auf dem Kopf aus, als ob er einer ZDF-Neupro­duktion eines Grimm­schen Märchens entsprungen sei. Bei Telramund und Ortrud wird es dann wirklich krass. Ortrud, mit einem mächtigen Widder­horn­schmuck auf dem Kopf, sieht aus wie eine Walküre aus der Urauf­führung des Ring des Nibelungen anno 1876. Und Telramund ist ihr Pendant, ein wilder Heide, primitiv und brutal. Und spätestens hier wird schon klar, das Konzept von Hermann und die Drama­turgie von Stolzer kranken an einer Sicht­weise des Werkes, das durch nichts, aber auch gar nichts in der Wagner-Literatur belegt ist. In Wagners Lohengrin ist Telramund natürlich ein Christ, sogar ein gottes­fürch­tiger, ansonsten würde er nicht den christ­lichen Gott im Quintett um Stärke anflehen und sich einem Gottes­urteil beugen, und der verstorbene Herzog von Brabant hätte ihm nicht seine Tochter versprochen.  Zwar ist dessen Gattin Ortrud in der damaligen Lesart eine Heidin, die den alten nordi­schen Göttern anhängt, die Telramund beein­flusst und manipu­liert, aber ihn nicht wirklich vom Chris­tentum abbringen kann. In dieser Insze­nierung wird aber genau das sugge­riert, dass Telramund das Chris­tentum besiegen, es gar vernichten will. Elsa wird in einem mittel­al­ter­lichen Gefäng­nis­wagen herein­ge­fahren, ihre Beine sind geschunden wie nach einer Folter, bedroht von Telramund. Die Mannen König Heinrichs wirken wie gelackte Pagen mit Prinz-Eisenherz-Frisur, die den wilden Heiden Paroli bieten sollen. Unvor­stellbar. Das dann zum Gottes­urteil aus der Tiefe der Bühne Parsifal und Wotan empor­fahren, um stell­ver­tretend für ihre Religionen zu kämpfen, ist schon etwas krude. Zwar behält das Chris­tentum hier noch die Oberhand, doch Lohengrin ist nicht der strah­lende Held, sondern eher ein Schwächling, der von seinem Vater Parsifal alles einge­flüstert bekommen muss, einschließlich des Umgangs mit Frauen. Es gibt natürlich keinen Schwan, Lohengrin taucht da irgendwo aus dem Nichts auf. Wenigstens ist dem Publikum damit eine weitere Peinlichkeit erspart geblieben. Dass er bei der Wieder­holung des Frage­ver­botes sein Schwert zückt und damit auf die sichtlich verstörte Elsa zustürmt, ist Ausdruck seiner Schwäche und Unsicherheit.

Die erste Szene im zweiten Aufzug erinnert wieder stark an die Walküre. Ein Dutzend toter schwarzer Raben auf dem Boden, und auch Ortrud hat eine nordische Göttin an ihrer Seite, die pausenlos auf sie einredet. In der Mitte ein toter Baum, es fehlt eigentlich nur noch das Schwert Nothung, und wir hätten ein perfektes Bühnenbild für die Walküre. Lächerlich wird es dann, wenn Ortrud zu den Klängen der Bühnen­musik ein Tänzchen im Hip-Hop Stil aufführt. Das ist keine Parodie mehr, das ist nur billig. Natürlich erscheint bei ihrem Ruf entweihte Götter … Wotan auf der Bühne. Das im Duett Elsa der Ortrud einen Kimono mit bestickten Friedens­tauben überreicht, geschenkt. So richtig lächerlich wird es dann kurz vor dem Brautgang, als die vier Edelknaben als bunte, aufge­schreckte Hühner auf der Bühne herum­flattern. Ortrud schnappt sich eine dieser komischen Gestalten und hält ihr ein Messer an die Kehle. Wäre der Regisseur konse­quent in seinem Heiden-versus-Chris­tentum-Kampf, dann hätte Ortrud diesem Huhn die Kehle durch­ge­schnitten. Das hat sich Hermann dann aber doch nicht getraut, und am Ende wirkt die Hochzeits­ze­re­monie wie rührse­liger Kitsch.

Foto © Bettina Stöß

Nach dem Vorspiel zum dritten Aufzug erscheint Wotan mit seinen Götter­ge­nossen, macht sich über ein gegrilltes Wildschwein her und säuft Bier oder Met aus einem überdi­men­sio­nalen Krug. Dass es ihm gemundet hat, lässt er das Publikum mit einem lautstarken Rülpser wissen, nachdem er stern­ha­gelvoll über die Bühne gewankt ist. Wenn Hermann einen Bezug zur Götter­däm­merung zeigen will, dann sollte er das fachkundige Publikum nicht unterschätzen.

Denn in Hagens Mannenruf im zweiten Aufzug der Götter­däm­merung heißt es:         Einen Eber fällen sollt ihr für Froh! Einen stämmigen Bock stechen für Donner! Schafe aber schlachtet für Fricka, dass gute Ehe sie gebe! Also wenn schon der Hinweis auf die Ehe, dann bitte schön auch ein Schaf! Aber vielleicht ist das zu viel inter­pre­tiert, es ist halt nur der derbe Humor des Regis­seurs. Der zieht sich dann weiter zur Braut­gemach-Szene, in der Elsa lasziv in weißem Body versucht, den in Sachen Liebe gänzlich unerfah­renen Lohengrin zu verführen, aufmerksam von Parsifal im Hinter­grund beobachtet. Das Vergnügen ist jedoch nur von kurzer Dauer, und mit einem lauten Juchzer kommt der Held zu früh! Allge­meine Heiterkeit im Publikum, ist ja irgendwo menschlich. Der reinstür­mende Telramund wird von Lohengrin nicht erschlagen, sondern er bricht ihm einfach das Genick. In der Grals­er­zählung steht Lohengrin allein auf der Bühne, und abgeholt wird er von einer Eskorte Grals­ritter, natürlich ohne Schwan. Die Eskorte überreicht Elsa brav die Insignien der Macht Lohen­grins, Horn, Schwert und Ring, dann muss er von dannen ziehen. Während man noch rätselt, ob einer dieser Grals­ritter der verzau­berte Gottfried von Brabant ist, führt der Regisseur den letzten Akt seines Feldzuges gegen das Chris­tentum auf der Bühne durch. Wotan lässt den toten Telramund aufer­stehen, und dieser übernimmt als Herzog von Brabant den vakanten Thron, und Elsa muss sich ihm fügen. Das Heidentum hat über das Chris­tentum gesiegt, Wotan hat Parsifal bezwungen, eine inter­es­sante Erkenntnis, die uns der Regisseur hier mitge­teilt hat.

Foto © Bettina Stöß

Auch über Bühnenbild und Kostüme lässt sich trefflich streiten. In dem von Jo Schramm gestal­teten Bühnenbild schaffen etwa 300 sieben Meter lange, von der Bühnen­decke herab­hän­gende, weiße Streben immer neue szenische Räume. Sie können je nach Szene vom Schnür­boden hinab­ge­lassen und hinauf­ge­zogen werden und lassen sich wie Vorhänge öffnen und schließen. Das wirkt anfangs inter­essant, wird aber aufgrund der Wieder­ho­lungen langweilig und kann die Mystik des Parsifal … zum Raum wird hier die Zeit … nicht einfangen. In diesem abstrakten Bühnenbild zeigen sich die Kostüme von Katharina Tasch als farbliche Gegenpole. Während sich die Germanen durch dunkle, aus groben Natur­ma­te­rialien gefer­tigte Gewänder auszeichnen und Raben ihre ständigen Begleiter sind, tragen die Christen Kostüme aus hellen, edlen Stoffen und werden von weißen Tauben eskor­tiert. Doch alles ist hier etwas zu dick aufge­tragen, zu grell. Lediglich Ortrud in ihrem Walküren-Outfit hat eine großartige Bühnenausstrahlung.

In einem Vorbe­richt zu dieser Insze­nierung wurde geschrieben, dass Regisseur David Hermann sich von Game of Thrones hätte inspi­rieren lassen. Bei allem Respekt, davon ist nun gar nichts zu spüren gewesen. Wenn man schon die Analogie zu Film und Fernsehen macht, dann am ehesten zu Northmen, einer Parodie der erfolg­reichen Vikings-Saga.

Ach ja, musiziert und gesungen wurde ja auch noch. Und das war im Gegensatz zur Insze­nierung keine Parodie, sondern weitest­gehend große Kunst. Eric Laporte gibt den Lohengrin mit einem sehr leichten, klaren Tenor im Stile eines Klaus Florian Vogt. Auch sänge­risch kein Held, mehr Tamino als Lohengrin, aber mit einem erstaun­lichen Piano, einer Grals­er­zählung im wahrsten Sinne des Wortes und einer vorbild­lichen Textver­ständ­lichkeit.  Emily Newton als Elsa scheint im ersten Aufzug noch sehr nervös zu sein, ihre Stimme hat hier ein sehr scharfes Vibrato, das sie aber im Laufe der Vorstellung ablegt und so mit schönem und strah­lendem Sopran zu begeistern weiß. Ausdrucks­stark und drama­tisch, mit einer überzeu­genden Bühnen­präsenz ist Martina Dike als Ortrud der Inbegriff einer Wagner-Heroine. Sangmin Lee gibt den Telramund mit kraft­vollem Bariton und inten­sivem Spiel. Karl-Heinz Lehner ist ein erfah­rener Wagner-Interpret und verleiht König Heinrich mit seinem markanten Bass-Bariton eine ganz besondere Note. Daeho Kim wirkt dagegen als sein Heerrufer etwas blass, die Rolle ist einfach noch zu früh für das Mitglied des Opern­studios. Die vier Edlen und die vier Edelknaben sind sänge­risch auf hohem Niveau besetzt, und als Schau­spieler zeigen Franziska Kern als Ortruds Dienerin, Johannes Lang als Wotan und Jochen Kuhl als Parzival sehr inter­es­sante Facetten ihres Könnens. Der Chor und Extrachor des Staats­theaters Nürnberg ist von Tarmo Vaask bestens eingestimmt.

Der Star des Abends, und das darf man an dieser Stelle auch so bezeichnen, ist General­mu­sik­di­rek­torin Joana Mallwitz. Mit Feingefühl, präzisem Schlag und großem Gefühl für die Musik Wagners führt sie die Staats­phil­har­monie Nürnberg mit durchaus zügigem Tempo durch die Partitur. Das Vorspiel zum ersten Aufzug erklingt filigran, ja, fast kammer­mu­si­ka­lisch ertönt es aus dem Orches­ter­graben, zart und innig die Motive Elsas, bis die Spannung immer weiter aufgebaut wird und das Frage­motiv drohend und schick­salhaft sympho­nisch erschallt, um dann wieder in fast sphärische Klänge zu transkri­bieren. Mallwitz baut immer wieder große sympho­nische Momente auf, bis die Spannung sich explo­si­ons­artig löst und in unter­schied­lichen Farben und Phrasie­rungen ganz im Dienste des Musik-Dramas steht.

Das Vorspiel zum dritten Aufzug erklingt dynamisch und kraftvoll, noch deutet nichts auf die schick­sal­hafte Wendung hin, und die Grals­er­zählung begleitet sie fast zärtlich.

Mallwitz, die schon in den Pausen umjubelt wird, darf zum Schluss die verdienten Ovationen des Publikums entge­gen­nehmen, das nach den ersten beiden Aufzügen schon mit Bravos nicht gegeizt hat. Und so gibt es großen Applaus für die Sänger, insbe­sondere Eric Laporte, Martina Dike und Sangmin Lee werden umjubelt, genauso wie Chor und Orchester mit seiner General­mu­sik­di­rek­torin Joana Mallwitz. Als das Regieteam auf die Bühne kommt, brandet ein Sturm der Entrüstung los, vergleichbar Castorfs Ring-Insze­nierung in Bayreuth. Das war zu erwarten; war es auch kalku­liert? Fakt ist, das Konzept von Regisseur David Hermann ist nicht aufge­gangen, und die Insze­nierung wirkt wie die Abschluss­arbeit eines Regie­schülers, der dem Publikum mal die wahre Bedeutung von Wagners Lohengrin erklären wollte. Nürnberg hat seine Schlag­zeilen bekommen, und jetzt ist es auch gut.

Andreas H. Hölscher

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