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Gibt es im Lohengrin einen Religionskonflikt zwischen dem Christentum und den alten, nordischen Gottheiten? Ist die Auseinandersetzung zwischen dem Gralsritter Lohengrin und Friedrich von Telramund nur eine Art Stellvertreterkrieg zwischen dem Gralshüter Parsifal und dem nordischen Gott Wotan? Das ist sicher zu kurz gedacht, zumal bei Wagner alles viel hintergründiger und komplexer ist, als es im ersten Moment erscheint.
Doch der Reihe nach. Zwar ist der 1850 in Weimar unter Franz Liszt uraufgeführte Lohengrin ein spätes Frühwerk Wagners, aber musikalisch reicht er schon weit in die Zukunft. Lohengrin selbst bezeichnet sich in der Gralserzählung als Sohn des Parsifal, und Ortrud ruft in ihrem dramatischen Monolog im zweiten Aufzug nach Wodan, dem Gottvater. Inhaltlich ist hier schon der Bezug zu späteren Werken Wagners wie dem Parsifal und dem Ring des Nibelungen zu sehen, aber auch musikalisch gibt es ihn. Der Schwandorfer Pianist und Musikwissenschaftler Stefan Mickisch hat in einem Bayreuther Einführungsvortrag zu Lohengrin am 28. August 2000, also am 150. Jahrestag der Uraufführung, anhand von diversen Musikbeispielen, Themen und Tonartenvergleichen mit Parsifal und dem Ring nachgewiesen, dass Wagner in seinen späteren Werken auf eben diese Motive des Lohengrin zurückgegriffen hat. Und auch die bekannteste mittelalterliche Schrift, der Parzival des Wolfram von Eschenbach, beschreibt am Schluss den Gralsritter Loherangrin und das Frageverbot, definitiv also keine Erfindung Wagners.
Insofern ist der Ansatz der Nürnberger Neuinszenierung, auf diese Werke Bezug zu nehmen, im Grundsatz nicht verkehrt. Die Umsetzung allerdings gerät zu einer Parodie, die einfach nur billig ist und das Publikum fast für dumm verkauft. Wer sich vor der Vorstellung die Zeit genommen hat, die Ausführungen des Nürnberger Chefdramaturgen Georg Holzer zum Lohengrin und zur aktuellen Inszenierung im Programmheft zu studieren, der bekommt schon eine Ahnung, was ihn da in den kommenden viereinhalb Stunden erwarten wird. „Zwischen dem hohen Ton, dem Pathos, dem großen Gefühl auf der einen und der Lächerlichkeit auf der anderen Seite verläuft ein schmaler Grat“, sagt Holzer. Das ist absolut richtig, und Regisseur David Hermann und sein Team hätten diesen Satz beherzigen sollen, denn sie haben diesen schmalen Grat in vollster Breite überschritten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dabei beginnt es zunächst ganz klassisch. Während des sphärischen Vorspiels zum ersten Aufzug hebt sich der Vorgang, und man sieht Parsifal und die Gralsritter, im Hintergrund eine stilisierte Taube. Lohengrin wird von seinem Vater Parsifal losgesandt, und man sieht ihm deutlich sein Unbehagen an. Diese Fahrt, das ist jetzt schon klar, wird keine Vergnügungsreise. Dem Bild kann man ohne weiteres zustimmen, doch dann ändert sich die Szenerie nach dem Vorspiel sehr drastisch. Es sieht aus wie auf einem mittelalterlichen Markt, und die Männer von Brabant sind wilde Germanen, mit Wikingerhelmen auf dem Kopf und mit martialischen Äxten und Messern bewaffnet. König Heinrich sieht mit seiner überdimensionierten Krone auf dem Kopf aus, als ob er einer ZDF-Neuproduktion eines Grimmschen Märchens entsprungen sei. Bei Telramund und Ortrud wird es dann wirklich krass. Ortrud, mit einem mächtigen Widderhornschmuck auf dem Kopf, sieht aus wie eine Walküre aus der Uraufführung des Ring des Nibelungen anno 1876. Und Telramund ist ihr Pendant, ein wilder Heide, primitiv und brutal. Und spätestens hier wird schon klar, das Konzept von Hermann und die Dramaturgie von Stolzer kranken an einer Sichtweise des Werkes, das durch nichts, aber auch gar nichts in der Wagner-Literatur belegt ist. In Wagners Lohengrin ist Telramund natürlich ein Christ, sogar ein gottesfürchtiger, ansonsten würde er nicht den christlichen Gott im Quintett um Stärke anflehen und sich einem Gottesurteil beugen, und der verstorbene Herzog von Brabant hätte ihm nicht seine Tochter versprochen. Zwar ist dessen Gattin Ortrud in der damaligen Lesart eine Heidin, die den alten nordischen Göttern anhängt, die Telramund beeinflusst und manipuliert, aber ihn nicht wirklich vom Christentum abbringen kann. In dieser Inszenierung wird aber genau das suggeriert, dass Telramund das Christentum besiegen, es gar vernichten will. Elsa wird in einem mittelalterlichen Gefängniswagen hereingefahren, ihre Beine sind geschunden wie nach einer Folter, bedroht von Telramund. Die Mannen König Heinrichs wirken wie gelackte Pagen mit Prinz-Eisenherz-Frisur, die den wilden Heiden Paroli bieten sollen. Unvorstellbar. Das dann zum Gottesurteil aus der Tiefe der Bühne Parsifal und Wotan emporfahren, um stellvertretend für ihre Religionen zu kämpfen, ist schon etwas krude. Zwar behält das Christentum hier noch die Oberhand, doch Lohengrin ist nicht der strahlende Held, sondern eher ein Schwächling, der von seinem Vater Parsifal alles eingeflüstert bekommen muss, einschließlich des Umgangs mit Frauen. Es gibt natürlich keinen Schwan, Lohengrin taucht da irgendwo aus dem Nichts auf. Wenigstens ist dem Publikum damit eine weitere Peinlichkeit erspart geblieben. Dass er bei der Wiederholung des Frageverbotes sein Schwert zückt und damit auf die sichtlich verstörte Elsa zustürmt, ist Ausdruck seiner Schwäche und Unsicherheit.
Die erste Szene im zweiten Aufzug erinnert wieder stark an die Walküre. Ein Dutzend toter schwarzer Raben auf dem Boden, und auch Ortrud hat eine nordische Göttin an ihrer Seite, die pausenlos auf sie einredet. In der Mitte ein toter Baum, es fehlt eigentlich nur noch das Schwert Nothung, und wir hätten ein perfektes Bühnenbild für die Walküre. Lächerlich wird es dann, wenn Ortrud zu den Klängen der Bühnenmusik ein Tänzchen im Hip-Hop Stil aufführt. Das ist keine Parodie mehr, das ist nur billig. Natürlich erscheint bei ihrem Ruf entweihte Götter … Wotan auf der Bühne. Das im Duett Elsa der Ortrud einen Kimono mit bestickten Friedenstauben überreicht, geschenkt. So richtig lächerlich wird es dann kurz vor dem Brautgang, als die vier Edelknaben als bunte, aufgeschreckte Hühner auf der Bühne herumflattern. Ortrud schnappt sich eine dieser komischen Gestalten und hält ihr ein Messer an die Kehle. Wäre der Regisseur konsequent in seinem Heiden-versus-Christentum-Kampf, dann hätte Ortrud diesem Huhn die Kehle durchgeschnitten. Das hat sich Hermann dann aber doch nicht getraut, und am Ende wirkt die Hochzeitszeremonie wie rührseliger Kitsch.

Nach dem Vorspiel zum dritten Aufzug erscheint Wotan mit seinen Göttergenossen, macht sich über ein gegrilltes Wildschwein her und säuft Bier oder Met aus einem überdimensionalen Krug. Dass es ihm gemundet hat, lässt er das Publikum mit einem lautstarken Rülpser wissen, nachdem er sternhagelvoll über die Bühne gewankt ist. Wenn Hermann einen Bezug zur Götterdämmerung zeigen will, dann sollte er das fachkundige Publikum nicht unterschätzen.
Denn in Hagens Mannenruf im zweiten Aufzug der Götterdämmerung heißt es: Einen Eber fällen sollt ihr für Froh! Einen stämmigen Bock stechen für Donner! Schafe aber schlachtet für Fricka, dass gute Ehe sie gebe! Also wenn schon der Hinweis auf die Ehe, dann bitte schön auch ein Schaf! Aber vielleicht ist das zu viel interpretiert, es ist halt nur der derbe Humor des Regisseurs. Der zieht sich dann weiter zur Brautgemach-Szene, in der Elsa lasziv in weißem Body versucht, den in Sachen Liebe gänzlich unerfahrenen Lohengrin zu verführen, aufmerksam von Parsifal im Hintergrund beobachtet. Das Vergnügen ist jedoch nur von kurzer Dauer, und mit einem lauten Juchzer kommt der Held zu früh! Allgemeine Heiterkeit im Publikum, ist ja irgendwo menschlich. Der reinstürmende Telramund wird von Lohengrin nicht erschlagen, sondern er bricht ihm einfach das Genick. In der Gralserzählung steht Lohengrin allein auf der Bühne, und abgeholt wird er von einer Eskorte Gralsritter, natürlich ohne Schwan. Die Eskorte überreicht Elsa brav die Insignien der Macht Lohengrins, Horn, Schwert und Ring, dann muss er von dannen ziehen. Während man noch rätselt, ob einer dieser Gralsritter der verzauberte Gottfried von Brabant ist, führt der Regisseur den letzten Akt seines Feldzuges gegen das Christentum auf der Bühne durch. Wotan lässt den toten Telramund auferstehen, und dieser übernimmt als Herzog von Brabant den vakanten Thron, und Elsa muss sich ihm fügen. Das Heidentum hat über das Christentum gesiegt, Wotan hat Parsifal bezwungen, eine interessante Erkenntnis, die uns der Regisseur hier mitgeteilt hat.

Auch über Bühnenbild und Kostüme lässt sich trefflich streiten. In dem von Jo Schramm gestalteten Bühnenbild schaffen etwa 300 sieben Meter lange, von der Bühnendecke herabhängende, weiße Streben immer neue szenische Räume. Sie können je nach Szene vom Schnürboden hinabgelassen und hinaufgezogen werden und lassen sich wie Vorhänge öffnen und schließen. Das wirkt anfangs interessant, wird aber aufgrund der Wiederholungen langweilig und kann die Mystik des Parsifal … zum Raum wird hier die Zeit … nicht einfangen. In diesem abstrakten Bühnenbild zeigen sich die Kostüme von Katharina Tasch als farbliche Gegenpole. Während sich die Germanen durch dunkle, aus groben Naturmaterialien gefertigte Gewänder auszeichnen und Raben ihre ständigen Begleiter sind, tragen die Christen Kostüme aus hellen, edlen Stoffen und werden von weißen Tauben eskortiert. Doch alles ist hier etwas zu dick aufgetragen, zu grell. Lediglich Ortrud in ihrem Walküren-Outfit hat eine großartige Bühnenausstrahlung.
In einem Vorbericht zu dieser Inszenierung wurde geschrieben, dass Regisseur David Hermann sich von Game of Thrones hätte inspirieren lassen. Bei allem Respekt, davon ist nun gar nichts zu spüren gewesen. Wenn man schon die Analogie zu Film und Fernsehen macht, dann am ehesten zu Northmen, einer Parodie der erfolgreichen Vikings-Saga.
Ach ja, musiziert und gesungen wurde ja auch noch. Und das war im Gegensatz zur Inszenierung keine Parodie, sondern weitestgehend große Kunst. Eric Laporte gibt den Lohengrin mit einem sehr leichten, klaren Tenor im Stile eines Klaus Florian Vogt. Auch sängerisch kein Held, mehr Tamino als Lohengrin, aber mit einem erstaunlichen Piano, einer Gralserzählung im wahrsten Sinne des Wortes und einer vorbildlichen Textverständlichkeit. Emily Newton als Elsa scheint im ersten Aufzug noch sehr nervös zu sein, ihre Stimme hat hier ein sehr scharfes Vibrato, das sie aber im Laufe der Vorstellung ablegt und so mit schönem und strahlendem Sopran zu begeistern weiß. Ausdrucksstark und dramatisch, mit einer überzeugenden Bühnenpräsenz ist Martina Dike als Ortrud der Inbegriff einer Wagner-Heroine. Sangmin Lee gibt den Telramund mit kraftvollem Bariton und intensivem Spiel. Karl-Heinz Lehner ist ein erfahrener Wagner-Interpret und verleiht König Heinrich mit seinem markanten Bass-Bariton eine ganz besondere Note. Daeho Kim wirkt dagegen als sein Heerrufer etwas blass, die Rolle ist einfach noch zu früh für das Mitglied des Opernstudios. Die vier Edlen und die vier Edelknaben sind sängerisch auf hohem Niveau besetzt, und als Schauspieler zeigen Franziska Kern als Ortruds Dienerin, Johannes Lang als Wotan und Jochen Kuhl als Parzival sehr interessante Facetten ihres Könnens. Der Chor und Extrachor des Staatstheaters Nürnberg ist von Tarmo Vaask bestens eingestimmt.
Der Star des Abends, und das darf man an dieser Stelle auch so bezeichnen, ist Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz. Mit Feingefühl, präzisem Schlag und großem Gefühl für die Musik Wagners führt sie die Staatsphilharmonie Nürnberg mit durchaus zügigem Tempo durch die Partitur. Das Vorspiel zum ersten Aufzug erklingt filigran, ja, fast kammermusikalisch ertönt es aus dem Orchestergraben, zart und innig die Motive Elsas, bis die Spannung immer weiter aufgebaut wird und das Fragemotiv drohend und schicksalhaft symphonisch erschallt, um dann wieder in fast sphärische Klänge zu transkribieren. Mallwitz baut immer wieder große symphonische Momente auf, bis die Spannung sich explosionsartig löst und in unterschiedlichen Farben und Phrasierungen ganz im Dienste des Musik-Dramas steht.
Das Vorspiel zum dritten Aufzug erklingt dynamisch und kraftvoll, noch deutet nichts auf die schicksalhafte Wendung hin, und die Gralserzählung begleitet sie fast zärtlich.
Mallwitz, die schon in den Pausen umjubelt wird, darf zum Schluss die verdienten Ovationen des Publikums entgegennehmen, das nach den ersten beiden Aufzügen schon mit Bravos nicht gegeizt hat. Und so gibt es großen Applaus für die Sänger, insbesondere Eric Laporte, Martina Dike und Sangmin Lee werden umjubelt, genauso wie Chor und Orchester mit seiner Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz. Als das Regieteam auf die Bühne kommt, brandet ein Sturm der Entrüstung los, vergleichbar Castorfs Ring-Inszenierung in Bayreuth. Das war zu erwarten; war es auch kalkuliert? Fakt ist, das Konzept von Regisseur David Hermann ist nicht aufgegangen, und die Inszenierung wirkt wie die Abschlussarbeit eines Regieschülers, der dem Publikum mal die wahre Bedeutung von Wagners Lohengrin erklären wollte. Nürnberg hat seine Schlagzeilen bekommen, und jetzt ist es auch gut.
Andreas H. Hölscher