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DIE LUSTIGE WITWE
(Franz Lehár)
Besuch am
12. November 2017
(Premiere am 5. November 2017)
Franz Lehárs Klassiker Die Lustige Witwe schwankt in der jüngeren Inszenierungsgeschichte oft zwischen Kitsch, Klamauk oder modernem Regietheater, das jedwede Romantik vermissen lässt. Regisseur Thomas Enzinger, seit diesem Jahr Intendant des Lehár-Festivals in Bad Ischl, hat sich jetzt in Nürnberg zusammen mit seinem langjährigen Bühnen- und Kostümbildner Toto das Meisterwerk Lehárschen Schaffens, Die Lustige Witwe, vorgenommen. Nach dem famosen Erfolg ihrer gemeinsamen Inszenierung Im Weißen Rössl vom vergangenen Jahr ist die Erwartungshaltung natürlich sehr hoch, doch ganz geglückt kann man diese Inszenierung nun wirklich nicht bezeichnen. Enzinger bedient sich gängiger Operettenklischees, zieht so manche abgedroschene Schublade, und überrascht dann wiederum durch Momente, die aufhorchen lassen.
Das Geschehen beginnt mit einem Saxophon-Solo vor dem Vorhang, das große Duett Lippen schweigen wird hier zur Einstimmung schon mal intoniert. So weit, so gut. Dass der Saxophonist aber eindeutig als Karl Marx charakterisiert ist, lässt schon ein wenig nachdenken. Zettelt Marx hier eine musikalisch-kommunistische Reform an? Werden die Sorgen Pontevedrinos einfach mit dem Saxophon weggeblasen? Es ist ja nicht nur das Intro vor der Ouvertüre, sondern dieser Marx taucht immer wieder auf, spielt passend zur Szene eine entsprechende Melodie und verschwindet dann wieder. Ein musikalischer Beobachter? Oder einfach nur ein Gag des Regisseurs ohne tiefere Bedeutung? Man weiß es nicht. Im Programmheft findet sich auch keine Lösung, stattdessen eine Abhandlung der Dramaturgin Christina Schmidl über die Frage, ob Die Lustige Witwe nun Hitlers Lieblingsoperette war. Also doch eine politische Inszenierung? Nicht wirklich, zumindest ist keine Anspielung auf das so genannte Dritte Reich vorhanden. Sehr wahrscheinlich versteht das Staatstheater diese Abhandlung als Bildungsauftrag, auch wenn das mit der aktuellen Inszenierung nun gar nichts zu tun hat. Wenn es überhaupt politisch wird, so scheint Enzinger ein echter Europäer zu sein. Die blauen Regenschirme mit den vielen goldenen Sternen wie die Europaflagge schützen die Glawari bei ihrem ersten Auftritt vor dem vermaledeiten Regen. Und später steigen beim Fest der Pontevedrinischen Gesellschaft blaue Luftballons mit goldenen Sternen in den Bühnenhimmel. Politisch ganz aktuell wird es, wenn Baron Zeta von „Fake-News“ schwadroniert oder im besten Donald-Trump-Stil „Pontevedrino first“ ruft. Das mag lustig klingen, ist es aber nicht und wirkt wie so vieles in der Inszenierung aufgesetzt und gekünstelt.
Pontevedrino ist ein kleiner fiktiver Balkanstaat, von Schulden erdrückt und moralisch verloren. Und nur die ererbten 20 Millionen – heute wären es wohl Milliarden – der Witwe Hanna Glawari können den Staat noch retten. Das Spiel um Liebe und Macht, um Geld und Bankrott hat begonnen, aktuelle Bezüge zur wirtschaftlichen Situation in dem einen oder anderen europäischen Staat sind sicher gewollt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die verworrene Liebe der Glawari und des Grafen Danilo Danilowitsch, die erst am Schluss zueinander finden, nachdem viele Missverständnisse und Intrigen überstanden sind.
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Die Glawari ist elegant, modern und im besten Alter. Nach außen hin eine Diva, nach innen eine sensible, verletzliche Frau, die um ihrer selbst und nicht um ihrer Millionen geliebt werden will. Danilo ist der männliche Counterpart, jung, attraktiv, von sich überzeugt, ein Frauenschwarm. Dieser Kontrast hätte einen besonderen Reiz ausüben können, es hätte knistern müssen zwischen den beiden. Doch die erwartete erotische Spannung bleibt aus. Das ist vielleicht das größte Manko dieser Inszenierung, dass das große Gefühl, die Romantik, aber auch die Erotik, die ja in der Musik immer wieder hörbar ist, auf der Bühne nicht stattfindet. Trauriger Höhepunkt das große Duett von Glawari und Danilo, da springt der Funke einfach nicht über, man ist emotional unberührt, und das ist so das Schlimmste, was einem in einer Lehár-Operette passieren kann. Da helfen auch nicht die opulenten und farbenfrohen Kostüme von Toto. Das ist alles mehr Schein als Sein. Njegus, das Faktotum von Baron Zeta, nervt nur durch sein infantiles Spiel, sei es als Legastheniker oder als das Publikum fotografierender und „Biene Maja“ intonierender Trottel. Diese Form des Klamauks ist einfach zu billig. Doch es gibt auch kleine Höhepunkte. Richtig gut inszeniert und choreografiert ist das Marschseptett Nr. 9 im zweiten Aufzug als dramaturgische Mittelachse des Abends: Ja das Studium der Weiber ist schwer … Die Grisetten im dritten Aufzug sind in bunte und schillernde Dessous gekleidet und zeigen einen sehr erotischen Can-Can, der dem frivolen Lebensstil im Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll entspricht.
Toto hat nicht nur die aufwändigen Kostüme schön gestaltet, er zeichnet auch verantwortlich für die Bühnenausgestaltung: Die Botschaft Pontevedrinos ist marode, da bröckelt der Putz von der Decke, während sich im Hintergrund der Blick über das schöne Paris erstreckt. Eine mit kunstvollen Vogelmotiven verkleidete Art-Déco-Säule im zweiten Aufzug, gleichzeitig der Pavillon als Separee, fällt hier besonders ins Auge. Die Schönheit der Dekoration und der Kostüme übertüncht damit so manche Schwäche in der Inszenierung.

Auch sängerisch und darstellerisch kann das Ensemble des Staatstheaters Nürnberg an diesem Nachmittag nicht voll überzeugen. Isabel Blechschmidt gibt die Hanna Glawari zwar mit großer Eleganz und Grandezza, doch in den dramatischen Höhen ist ihr Vibrato zu scharf, die Piano-Töne nicht ansprechend, und ihrer Stimme fehlt der schmeichelnde Liebreiz, der vor allem im Liebesduett Lippen schweigen für vokales Schmachten sorgen und zum musikalischen Höhepunkt des Abends werden sollte. Das Vilja-Lied singt sie zwar innig, doch auch hier sind die Höhen zu scharf, den letzten hohen Ton bricht sie ab. Auch an der Textverständlichkeit muss sie noch arbeiten. Ludwig Mittelhammer ist ein eher untypischer Danilowitsch. Noch sehr jung, attraktiv, zwar klassisch mit Zylinder und Seidenschal, aber ein wenig fremdelnd mit seiner Lebensphilosophie Da geh ich zu Maxim … Sein lyrischer Bariton hat durchaus eine schöne, warme Mittellage, doch die Höhen klingen etwas scharf und forciert. Vielleicht kommt die Rolle für den Endzwanziger einfach noch etwas zu früh. Richard Kindley gibt den Baron Mirko Zeta mit trotteligem, aber liebenswürdigem Habitus. Theresa Steinbach, Mitglied des Internationalen Opernstudios Nürnberg, begeistert als kokette Valencienne mit ihrem klaren und ausdrucksstarken Sopran und beeindruckt an diesem Nachmittag sängerisch und spielerisch, vor allem auch als Grisette im dritten Aufzug. Martin Platz lässt als Camille de Rosillon mit schönem Belcanto-Gesang und tenoralem Schmelz aufhorchen.
Guido Johannes Rumstadt am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg spielt einen flotten Lehár, frei von Sentimentalität und Schmalz. Die größten Momente hat das Orchester bei seinen Solo-Stücken, während es dann mit dem Sängerensemble das eine oder andere Mal doch etwas klappert und gelegentlich mit zu lautem Klang die Sänger überdeckelt. Die Choreografie ist von Ann-Marie Jarvis und Annika Nitsch originell und sehr ansprechend angelegt, und der Chor des Staatstheaters Nürnberg ist von Tarmo Vaask formidabel eingestellt. Lukas Diller als Saxophon-spielender Karl Marx beeindruckt mit ausdrucksstarker Intonation.
Das durchweg ältere Publikum ist am Schluss angetan von der Darbietung, es gibt großen Applaus für alle Beteiligten, mit großem Jubel für Theresa Steinbach und Ludwig Mittelhammer. Dennoch bleibt am Schluss das Gefühl, nicht wirklich glücklich mit der Inszenierung geworden zu sein. Schade, nach dem Weißen Rössl im vergangenen Jahr hätte man von einem Lehár-Kenner wie Thomas Enzinger etwas mehr Tiefgang in dieser wunderbaren Operette erwartet.
Andreas H. Hölscher