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Verdis Frühwerk Macbeth, 1847 umjubelt in Florenz aufgeführt, wurde von ihm knapp 20 Jahre später noch einmal für die Pariser Oper umgearbeitet. Die neue Version kam dann 1865 zur Uraufführung. Die Oper stützt sich auf Shakespeares gleichnamiges Drama und bringt dessen Inhalt, wenn auch dramaturgisch stark gekürzt, auf die Bühne. Dem Titelhelden Macbeth wird von einigen Hexen prophezeit, dass er zum „Than of Cawdor“ und in weiterer Folge zum Nachfolger König Duncans aufsteigen werde. Als die erste Weissagung eintrifft, will die ehrgeizige Lady Macbeth auch die zweite wahrmachen und stiftet ihren Gatten zum Mord am König an. Macbeth ernennt sich zum Nachfolger Duncans. Als Mörder diffamiert er dessen Sohn Malcom, der gegen den neuen, unrechtmäßigen König vorgehen will. Macbeth sucht erneut die Hexen auf, die ihm versprechen, ihm könne nicht geschadet werden, außer der Wald von Birnam würde gegen ihn vorrücken. Außerdem könne er von niemandem getötet werden, der von einer Frau geboren wurde. Macbeth fühlt sich unbesiegbar. Malcom hat inzwischen gemeinsam mit Macduff, einem weiteren Fürsten und Widersacher Macbeths, ein Heer aufgestellt und tarnt seinen Angriff mit Ästen und Büschen – der Wald von Birnam kommt. Getötet wird Macbeth von Macduff, der per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist und somit die zweite Prophezeiung der Hexen erfüllt.
Von Hexen getrieben, vom Ehrgeiz zerfressen, von seiner Lady unterstützt und getrieben. Macbeth geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, um auf den schottischen Thron zu gelangen. Während das schlechte Gewissen seine Frau in den Wahnsinn treibt, sichert er sich selbst immer skrupelloser die Macht, um am Ende auch dem Wahnsinn zu verfallen. Kateryna Sokolova präsentiert mit Macbeth ihre erste Produktion in Nürnberg. Die Regisseurin hat eine Perspektive auf das Stück entwickelt, die Macbeths gesteigerte Egozentrik in den Fokus nimmt, in der nur sein eigenes Ich und sein eigenes Bewusstsein existieren. Ihre Inszenierung ist dabei eine psychodramatische Studie zum Moralverlust auf dem Weg in den Wahnsinn. Macbeth wird darin durch die eigene Machtgier zum Tyrannen, nicht durch schicksalhafte Mächte, wie die Hexen sie darstellen sollen.

„Wir dringen in unserer Erzählung der Oper gewissermaßen in Macbeths Kopf ein“, erklärt Kateryna Sokolova. Der Raum zeigt die Begrenztheit seines Denkens und Handelns und ist gleichzeitig eine ganz praktische Herausforderung: Treppen führen ins Nichts, man steht plötzlich vor einem Abgrund, der Raum endet überraschend oder teilt sich, wodurch die andere Seite unerreichbar wird.“ Für Sokolova ist Macbeth kein Mensch, der sich freiwillig an Normen hält, moralisch unantastbar ist und sich dann auf einmal durch die Prophezeiungen verändert. Er ist ihres Erachtens schon zu einem ziemlich großen Ausmaß korrumpiert. Nur so kann die Vorhersage der Hexen ihn dazu bringen, einen Mord zu begehen und in der Folge weitere. Banquo dagegen ist weder korrumpiert noch korrumpierbar. Bei ihm lösen die Prophezeiungen keine Mordfantasien aus wie bei Macbeth. Im Stück hat diese Figur die Funktion zu zeigen, dass nicht nur die Vorhersage, sondern auch deren Deutung durch das Individuum eine Rolle spielt. Macbeth hat sich also schon vorher selbst verführt, nur dadurch ist die äußere Verführung in der Lage, einen solch starken Impuls zu geben. Es geht um Schuld und nicht um Schicksal. Die Hexen sieht Sokolova als Spiegelbilder von Macbeth, sie repräsentieren seine eigenen Gedanken. Er schaut in den Spiegel und sieht dort eine Reihe von Hexen, in denen er sich selbst erkennt. Für Macbeth geht es nur um das, was er selbst denkt und fühlt. Auf die Bühne übertragen lässt Sokolova die Erzählung der Oper gewissermaßen in Macbeths Kopf dringen. Der Raum zeigt die Begrenztheit seines Denkens und Handelns und ist dabei gleichzeitig eine Herausforderung, auch ganz praktisch: Treppen führen ins Nichts, man steht plötzlich vor einem Abgrund, der Raum endet überraschend, oder er teilt sich, wodurch die andere Seite unerreichbar wird.
Ihren Regieansatz zieht die Regisseurin konsequent durch. Es ist das Seelenspiel eines Psychopathen, dessen schizoide Persönlichkeitsstörung durch die Prophezeiungen der Hexen zum Vorschein kommt und durch den unheilvollen Ehrgeiz der Lady Macbeth getriggert wird, bis zum logischen Ende im Wahnsinn. Das toxische Bündnis aus Wahn und Machtgier von Macbeth und seiner Lady steht daher im Mittelpunkt der spannenden und beeindruckenden Inszenierung. So sind die Hexen alle mit dem gleichen Mantel gekleidet wie Macbeth, ihre Gehirne sind sichtbar, als Symbol für die Gedankenwelt Macbeths.
Und dann gibt es einen zweiten Macbeth, eine stumme Rolle, von einem Tänzer dargestellt, als Alter Ego von Macbeth, die optisch gelungene Darstellung der Persönlichkeitsspaltung Macbeths. Alles, was Macbeth nicht zu sagen oder zu fühlen weiß, wird von dem Tänzer in einer kommentierenden, manchmal fast schon absurden Choreografie dargestellt, die die krude Gedankenwelt Macbeths auf die Bühne bringt. Die Choreografie hat Sokolova gemeinsam mit dem Tänzer Sebastian Eilers, selbst auch Choreograf, minutiös erarbeitet. Die optisch gut gemachten Kostüme stammen von Constanza Meza-Lopehandia, das minimalistische Bühnenbild von Nikolaus Webern. Es ist eine sehr ausdrucksstarke Interpretation des Werkes mit dem Fokus auf die kranke Gedankenwelt. Sokolova verzichtet bewusst auf die Darstellung der blutrünstigen Morde an Duncan und Banquo, stattdessen fallen blutrote Blätter vom Bühnenhimmel. Diese Form der Interpretation gefallt nicht allen Zuschauern, eine ältere Dame sagt in der Pause sehr deutlich, ihr fehle das Blut in der Inszenierung. Natürlich kann man Macbeth heute im Stile einer Netflix-Inszenierung auf die Bühne bringen, aber in einer Zeit, in der die Gewalt in jeglicher Form Alltag unseres Lebens geworden ist, hat diese psychodramatische Darstellung unter Aussparung jeglicher Gewalt ein besonderes Format. Am Schluss stellt sich auch die Frage der Schuldfähigkeit von Macbeth, doch das ist wieder ein anderes Thema.
Das Regieteam wählte für seine Interpretation die Pariser Fassung von 1865, nur für das Finale kehrte man zum Schluss der Florentiner Urfassung zurück, was Macbeth und seine kranke Gedankenwelt noch einmal in den Vordergrund stellt, während das Finale der Pariser Fassung dagegen den Raum noch einmal riesig aufmacht und der Chor vom Sieg singt. Doch nach all dem Leid und den vielen ermordeten unschuldigen Menschen, wer hat da noch gewonnen? „Es war mir ein Bedürfnis, die Geschichte mit Macbeth zu beginnen und mit ihm allein auf beinahe leerer Bühne zu enden, keinen Ausblick in eine andere Zukunft zu geben, sondern ganz bei ihm zu bleiben“, sagt Sokolova zu ihrer Entscheidung, für den Schluss das Florentiner Finale zu wählen.

Neben der spannungsgeladenen Inszenierung begeistert an diesem Abend das gesamte Ensemble auf der Bühne. Und welches Haus schafft es schon, eine derart musikalisch und sängerisch anspruchsvolle Oper komplett aus den eigenen Reihen zu besetzen? Nürnberg zeigt, dass es geht, und zwar auf höchstem Niveau. Allen voran Bariton Sangmin Lee in der Titelrolle. Ausdrucksstark, manchmal fast balsamisch, gibt er den Macbeth in all seiner Zerrissenheit. Eine großartiges sängerisches wie auch darstellerisches Rollendebüt. Das gilt auch für Emily Newton als Lady Macbeth. Ihr jugendlich dramatischer Sopran hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, und sie verfügt jetzt genau über die Reife und den Ausdruck für ihre Rolle. Ihre Wandlung von der ehrgeizigen, machthungrigen Ehefrau hin zur schuldgeplagten, unter Wahnvorstellungen leidenden Psychopathin gelingt ihr fulminant. Nicolai Karnolsky gibt mit markantem Bass den Banquo als loyalen, den Intrigen zum Opfer fallenden General, während Hans Kittelmann trotz angesagter Indisposition den schottischen Adligen Macduff mit klarem und höhensicherem Tenor gibt, und Sergei Nikolaev als Duncans Sohn Malcolm mit schon leichtem Heldentenor aufhorchen lässt. Die Mezzosopranistin Laura Hilden, Mitglied des internationalen Opernstudios und Stipendiatin des Richard-Wagner-Verbands München 2023, zeigt als Kammerfrau der Lady Macbeth ihr großes Potenzial.
Der Tänzer Sebastian Eilers als Alter Ego von Macbeth bringt die Gedanken und Wahnvorstellungen des persönlichkeitsgespaltenen Macbeth in einer sehr eindringlichen Choreografie auf die Bühne. Ein Sonderlob hat sich Johann Helmke vom Kinderopernchor als Fleance, Sohn des Banquo, verdient. Der Chor des Staatstheaters Nürnberg agiert nicht nur wieder sehr spielfreudig, sondern ist von Tarmo Vaask stimmlich bestens auf das Stück vorbereitet. Die Staatsphilharmonie unter der Leitung ihres GMD Roland Böer spielt an diesem Abend einen intensiven, zugkräftigen Verdi, bei dem schon in der Ouvertüre die schicksalhaften Motive dramatisch herausgearbeitet werden. Wie immer stehen bei Böer die Sänger im Vordergrund, und insbesondere Sangmin Lee als Macbeth wird in seinen langen Monologen von der Staatsphilharmonie bestens begleitet.
Am Schluss gibt es großen Jubel für das gesamte Ensemble, beim Regieteam ist das Publikum deutlich zurückhaltender, ein einzelner Buhruf soll aber die psychologisch-dramatische Interpretation von Kateryna Sokolova nicht schmälern. Vielleicht war das Buh ja von der älteren Dame, die den Mangel an Blut auf der Bühne bemäkelte. Im März steht das doch eher selten gespielte Werk Verdis noch achtmal auf dem Spielplan des Staatstheaters Nürnberg. Nicht nur die wunderbare Musik Verdis, auch die Inszenierung lohnt einen Besuch.
Andreas H. Hölscher