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Für viele Christen ist es zu Ostern eine Selbstverständlichkeit, einen Gottesdienst zu besuchen. Und für viele Wagnerianer ist es schon eine heilige Pflicht, am Karfreitag den Parsifal zu besuchen. An vielen deutschen Opernhäusern steht deshalb am Karfreitag Wagners letztes Werk, sein Bühnenweihfestspiel, auf dem Spielplan. Doch in Bayern wird am höchsten katholischen Feiertag nicht gespielt, und so wird die Premiere des neuen Parsifal in Nürnberg auf den Ostersonntag verschoben. Eigentlich ist also alles gerichtet für eine wunderbare Premiere von Wagners letztem Werk, wenn da nicht Regisseur David Hermann seine Finger im Spiel hätte. Kenner erinnern sich an seinen Nürnberger Lohengrin, der vor knapp fünf Jahren Premiere hatte und in einem unseligen „Clash der Religionen“ das Werk ad absurdum geführt hatte.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Premiere nicht ausverkauft ist, für eine Neuinszenierung des Werkes an einem Feiertag schon eher ungewöhnlich. Ein Blick ins Programmheft lässt außer den Bühnenfotos nicht allzu viel erahnen, wie Hermann seinen Parsifal anlegen will. Die Ausführungen des Chefdramaturgen Georg Holzer sind hier wie beim Lohengrin mehr als diskutabel. Ob Parsifals Ausruf „Amfortas!“ ein Aufschrei der „Sexualangst“ sein kann, sei mal dahingestellt. Bei Wagner ist das doch alles etwas tiefgründiger und nicht so oberflächlich wie im Weltbild des Dramaturgen.
Beim nochmaligen Durchblättern des Programmheftes findet man dann doch einen Hinweis auf das Inszenierungskonzept. Hier steht weiß auf schwarz: „Das Bühnenweihfestspiel Parsifal hat drei Aufzüge. Jeder dieser drei Aufzüge könnte ein eigenes Stück sein. Die Aufführung gibt jedem Aufzug eine eigene Perspektive.“ Aha. Parsifal aus drei verschiedenen Perspektiven, die nichts miteinander zu tun haben, außer natürlich der Musik. Dass hier Leitmotive verortet sind, die eine tiefenpsychologische Verbindung der drei Aufzüge untereinander haben, scheinen Regisseur und Dramaturg wohl außer Acht zu lassen.
Im Stuttgarter Ring kamen in der Walküre gleich drei Regieteams zum Einsatz, für jeden Aufzug ein anderes. Ob das Sinn gemacht hat, möge bitte jeder für sich selbst beurteilen. Ob man damit Wagner und seinem Werk gerecht wird, darf doch arg bezweifelt werden.

Ein Blick auf die Netzseite des Staatstheaters Nürnberg lässt folgende Zusammenfassung des Werkes finden: „Eine Gemeinschaft sucht ihren Erlöser: Die Gralsritter haben ein hohes Amt, aber kaum noch Hoffnung. Während ihr König Amfortas tödlich verletzt ist und doch nicht sterben kann, lauert der tückische Klingsor darauf, die Gralswelt in den Untergang zu treiben. Hilfe bringen kann nur einer, der von Liebe und Macht nichts weiß und einen unvoreingenommenen Blick auf das düstere Reich des Grals richtet. Der Gottesnarr Parsifal trägt alle Möglichkeiten in sich. Er kann mit Gewalt vernichten oder mit Mitleid heilen. Das Schicksal der Gemeinschaft liegt in seiner Hand. Sein Weg ist der zum Verstehen, Verzichten und Weiterleben, nicht gegen die Natur, sondern mit ihr.“ Parsifal ein Gottesnarr? Eine interessante Beschreibung, und inhaltlich falsch, denn der reine Tor, der Narr, kennt Gott noch gar nicht.
Die Erwartungshaltung an die Neuinszenierung ist entsprechend niedrig, und dem Regisseur gelingt es tatsächlich, die niedrige Schwelle noch zu unterschreiten. Der erste Aufzug wird als „Weihspiel“ übertitelt, eingeblendet auf den Vorhang. Immerhin lässt der Regisseur während des wunderbaren Vorspiels den Vorhang unten, so dass wenigstens für knapp zwölf Minuten die Illusion eines Bühnenweihfestspiels gewahrt bleibt. Sehr getragen, fast schon sakral anmutend, lässt GMD Roland Böer die Staatsphilharmonie Nürnberg erklingen, mit dominanten Bläsern, die aber ganz sauber intonieren und für einen der wenigen Gänsehautmomente an diesem Abend sorgen. Das Orchester spielt in voller Größe, so dass für die zwei Harfen im Orchestergraben kein Platz mehr ist, und sie von der linken Proszeniumsloge aus spielen, was den einmaligen Vorteil hat, die Instrumente etwas deutlicher wahrzunehmen.
Dann öffnet sich im rechten Parkett die vorderste Tür, und Gurnemanz betritt den Zuschauerraum, geht halb durch die erste Reihe und richtet seine ersten Worte nicht an die Knappen, sondern an das Publikum. Dabei zieht er eine Frau aus der ersten Reihe von ihrem Platz und „segnet“ sie und küsst ihr liebevoll auf den Kopf, so wie er es im dritten Aufzug während des Karfreitagszaubers mit den Protagonisten auf der Bühne machen wird. Gurnemanz trägt eine Perücke mit langen, blonden Haaren, ebenso wie Amfortas, während die Knappen und die Gralsritter allesamt eine blonde Prinz-Eisenherz-Frisur tragen. Zudem tragen sie alle rote Strumpfhosen und breite bunte Schärpen über den weißen Gewändern. Kundry ist mit einem dunklen, Camouflage-ähnlichem Outfit bekleidet und trägt lange, dunkle und wirre Haare. Die Kostüme stammen von Bettina Werner. Auf der Bühne findet sich eine Art Holzhüttenkonstruktion mit offenen Wänden, die drehbar ist und als einzige Requisiten eine mit Heu gefüllte Futterstelle und eine Tränke aufweist. Das Bühnenbild stammt von Jo Schramm, der auch schon die Bühne für den Lohengrin konzipiert hat.
Gurnemanz ist hier nicht der väterliche, balsamische Greis, sondern ein viriler und durchaus aggressiver Gralsritter, ein Primus inter Pares. Bevor Kundry ihren ersten Auftritt hat, rasen einige Doubles von ihr durchs Opernhaus, um fast zeitgleich an verschiedenen Orten aufzutauchen. Amfortas, mit einem halboffenen, weißen Gewand und einem roten Mantel bekleidet, tritt hier nicht als siechender, tödlich verwundeter Gralskönig auf, der nicht sterben kann, sondern mehr als tyrannischer Despot, der sich in seinem Leiden suhlt. Gurnemanz öffnet während seiner langen Erzählung eine Tür der Holzhütte und man sieht eine stilisierte Kundry neben einem Amfortas-Torso, der vom Speer getroffen ist. Das ist wieder mal typisches Fingerzeig-Theater, wo dem Publikum der Inhalt noch einmal plastisch vor Augen geführt wird, damit man auch ja den Sinn des Werkes versteht. Von der Bühne kommt dann eine teuflische Figur mit Flügeln herab und bringt den Gral, die Schale und den Speer genau an der Stelle, wo Gurnemanz erzählt, wie Amfortas diesen an Klingsor verloren hat. Und so ist der erste Aufzug sehr symbolüberladen.

Parsifal dagegen erscheint in moderner Kleidung, mit einem braunen Hoody, brauner Hose und Boots. Zu Beginn der Verwandlungsmusik folgt der nächste Showeffekt, der an unpassender Stelle unnötige Unruhe ins Publikum bringt. An zwei langen Seilen, die vom Bühnenrand zur Decke im Rang gespannt sind, wird ein großes weißes Segel über die Zuschauer herabgelassen, um dann die Holzhütte komplett zu verhüllen. Technisch gut gemacht, stört aber natürlich die Musik. Titurel ist hier als halbtoter Greis mit Krone dargestellt, und ähnelt mit seinem Outfit mehr dem Wassermann aus Rusalka als an einen ehemaligen Gralskönig. Er richtet sich quasi aus dem Schattenreich des Todes auf, und bewegt sich wie ein Zombie. Vielleicht mag Regisseur David Hermann die Serie Walking Dead, da könnte eine solche Figur locker mitspielen. In jedem Fall hat sich hier die Maske ein Sonderlob verdient. Dann wird das weiße Segel nach hinten gezogen, die Holzhütte wird mit Neonröhren illuminiert, und der Gral ist in einem erleuchteten Schrein, ohne das man ihn genauer sieht. Die Gralsritter ziehen allesamt an diesem Schrein vorbei und schauen glücklich in das Licht. Von Brot und Wein, von dem der Chor singt, ist nichts zu sehen, die christliche Liturgie wird von Herrmann ausgespart.
Der zweite Aufzug ist dann wie folgt übertitelt: „Bühnenspiel. 1905 öffnet das Nürnberger Opernhaus als eines der schönsten und teuersten ganz Europas seine Türen. 1935 lässt Hitler den prachtvoll verzierten Zuschauerraum zerstören, um ihn anschließend in einem pseudo-klassizistischen Stil wieder aufbauen zu lassen. Im 2. Aufzug sehen wir eine Aufführung von Parsifal im Nürnberger Opernhaus im Jahr 1925.“
Das Jugendstilbühnenbild scheint dem schwarz-weiß Stummfilm Die Nibelungen von Fritz Lang entnommen zu sein, und Kundry, zunächst mit schweren, schwarzen Flügeln behängt, entpuppt sich dann als Verführerin im zweiten Aufzug in einem Outfit, das stark an das Kostüm von Margarete Schön als Kriemhild in eben diesem Film erinnert.
Das Ganze ist zunächst ganz wunderbar anzusehen, die Kostüme der Blumenmädchen sind im selben Design wie das Bühnenbild. Doch dann tapert eine Art „Regisseur“ auf die Bühne, und die Illusion eines Retro-Parsifals ist dann auch wieder schnell dahin, denn es handelt sich hier um eine „Bühnenprobe“. Parsifal, zunächst in einem biederen Outfit der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts gekleidet, verwandelt sich nach der Kussszene immer mehr mit seinen Bewegungen in den Diktator Adolf Hitler. Am Schluss des zweiten Aufzuges steht er, in braunem Hemd und brauner Hose und „dirigiert“ den Abriss des Zuschauerraumes des Nürnberger Opernhauses von 1925, und durch eine gut gemachte Videoinstallation sieht man dann den Zuschauerraum von heute, mit einem großen Hakenkreuz an der Mittelloge. Szenisch gut gemacht, aber was bitte hat das Ereignis von 1935 mit dem Parsifal zu tun? Muss hier Nürnberg mal wieder an seine braune Vergangenheit erinnern? Ist das die besondere Perspektive, die der Regisseur zeigen will? Indem er aus dem Bühnenweihfestspiel ein „Bühnenspiel“ macht? Da hat es schon intelligentere und bessere Lösungen gegeben. Es sei auch nur noch am Rande erwähnt, dass der Speer Klingsors natürlich nicht in den Besitz Parsifals übergeht. Bei „Mit diesem Zeichen bann ich deinen Zauber!“ wird lediglich der Abriss gezeigt. Die Konsequenz daraus ist, dass jetzt hier am besten Schluss wäre, denn ohne den zurückgewonnenen Speer ist keine Erlösung Amfortas‘ möglich, kein Wechsel im Amt des Gralshüters und damit auch kein dritter Aufzug.
Der dritte Aufzug, der trotzdem kommt, spielt vom Setting her wieder wie der erste Aufzug mit der Holzhüttenkonstruktion, nur ohne Wände, und übertitelt als „Endspiel“. Gurnemanz, diesmal mit braunem Rock und brauner Jacke bekleidet, betritt wieder den Zuschauerraum, in jeder Hand einen leicht gefüllten, großen Wasserkanister. Kundry ist wieder in ihrem alten Outfit zu sehen, aber beschwert mit den mächtigen Flügeln. Und Parsifal? Er erscheint inmitten einer Schar von weißgekleideten Figuren, vermummt mit Sonnenbrille, eine Art Militärrucksack auf dem Rücken, und an der Seite als Waffe ein abgesägter Schaft eines Speeres. Was diese Schar soll, bleibt das Geheimnis des Regisseurs. Gurnemanz singt sie alle gleich an, und beim „Karfreitagszauber“ vergießen sie künstliche Tränen in Strömen auf ein weißes Tuch, aus dem, oh Wunder, Blumen erwachsen. Das ist an Kitsch schon nicht mehr zu überbieten. Und natürlich finden Fußwaschung, Salbung und Taufe nicht statt. Hermann verweigert sich allen grundlegenden Inhalten des Werkes.
Der Rest ist schnell erzählt. Die Gralsritter erscheinen in undefinierbarer Straßenkleidung, mehr wie eine Gang. Amfortas ist in ein silbernes Gewand gekleidet. Als Parsifal das Amt übernimmt, berühren er und seine sechs unbekannten Genossen mit ihren Speerschäften Amfortas und „erlösen“ ihn so.
Kundry wird kurzerhand zur Gralshüterin umfunktioniert, damit sie den Gral enthüllen kann. Man muss hier nicht weiter darauf verweisen, dass dieser Schluss völlig am Werk vorbeigeht und mit dem Parsifal von Richard Wagner nichts mehr zu tun hat. Dass der Gral sich dann als eine Art Sonnenkollektor entpuppt, der auf die ineinandergesteckten Speerschäfte montiert wird, und die Gralsritter mit Glasscheiben das Licht in alle Richtungen reflektieren: geschenkt. Das passt alles zu dem links-woken Zeitgeist, den wir in kleinen Teilen der Gesellschaft erleben, hat aber mit dem Werk nichts mehr zu tun. Und was sind jetzt die drei Perspektiven, die der Regisseur zeigen wollte? Das weiß wohl nur er selbst.

Eigentlich ein Abend zum Vergessen, wäre da nicht ein großartiges Ensemble, das daran erinnert, was das Wichtigste an einer Opernaufführung ist: die wunderbare Musik und der Gesang. Tadeusz Szlenkier singt die Partie des Parsifal mit intelligenter Krafteinteilung. Sein strahlkräftiger Tenor mit baritonalen Timbre meistert die Höhen ohne Probleme, sein Amfortas! Die Wunde! ist erschütternd. Patrick Zielke gestaltet die Partie des Gurnemanz mit fast jugendlicher Attitüde. Mit markantem Bass und beeindruckender Textverständlichkeit legt er die Partie an. Seine große Erzählung im ersten Aufzug singt er spannungsgeladen, mit deutlichen Phrasierungen und Bögen. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm das im dritten Aufzug in der Salbungs- und Krönungsszene sowie dem anschließenden Karfreitagszauber. Anna Gabler gibt die Kundry mit erotisch warmem und schönem, jugendlich-dramatischem Sopran sowie klaren Höhen. Jochen Kupfer beeindruckt als Amfortas mit kultiviertem, wohlklingendem Bariton und ausdrucksstarker Leidensfähigkeit. Seine Erbarmen-Rufe sind markant, und die Gestaltung der letzten Szene ist von großer Emotionalität. Wonyong Kang legt den Klingsor mit großer Intensität und sängerischer Aggressivität an und beweist seine enorme Wandlungsfähigkeit, ist es doch gerade mal zwei Monate her, dass er einen umjubelten Leporello in der Neuinszenierung des Don Giovanni gegeben hat. Nicolai Karnolsky gibt den Titurel mit wohltönendem Bass und grandiosem Spiel als „Untoter“, das Alt-Solo von Sara Šetar aus der Höhe ist beeindruckend. Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen, aus denen Chloë Morgan herausragt, fügen sich harmonisch in das Gesamtensemble ein.
Großartig auch die von Tarmo Vaask einstudierten Chöre des Staatstheaters Nürnberg. Roland Böer leitet die Staatsphilharmonie Nürnberg mit großem Gefühl und lässt durch sein unprätentiöses Dirigat wunderbare Phrasierungen und Akzentuierungen zu. Das Vorspiel hat schon fast sakralen Charakter, das Tempo ist moderat, aber niemals hastig. Vorbildlich seine präzisen Einsätze, die das Gesamtensemble aus Musikern, Solisten und Chor zu einer homogenen Gestaltung führt, dabei hat er immer einen Blick für den Sänger, der für ihn im Vordergrund steht und dem er das Orchester unterordnet. Ein insgesamt bewegendes musikalisches Klangerlebnis, das der GMD da aus dem Orchestergraben zaubert.
Das Publikum spart nicht mit Jubel für die Sänger, das Orchester und den Dirigenten. Die Buhrufe für das Regieteam halten sich erstaunlicherweise in Grenzen, nach dieser Inszenierung hätte man mit mehr Ablehnung gerechnet. So wird sich Intendant Jens-Daniel Herzog wohl doch wieder bestätigt sehen, Hermann erneut verpflichtet zu haben, wobei der ja neben dem Lohengrin auch im letzten Jahr den Falstaff von Verdi in Nürnberg daneben gesetzt hat. Vielleicht sollte man lieber über konzertante Aufführungen nachdenken, dann kann man fünf Stunden genießen und muss sich nicht ärgern über unsinnige Inszenierungen und Verschwendung von Steuergeldern.
Andreas H. Hölscher