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DIE PIRATEN VON PENZANCE
(Arthur Sullivan)
Besuch am
7. März 2020
(Premiere)
Einen bunten, verrückten, unbeschwerten Spaß mit reichlich Nonsens, überraschenden Gags und einer herrlichen Parodie auf alles, was im Musiktheaterbetrieb als wichtig und unverzichtbar gilt, ebenso eine versteckt humoristische, oft auch satirische Abrechnung mit Werten wie Treue, Pflicht, Ehre, Edelmut, Nationalstolz und standesbewusstem Verhalten bescheren Die Piraten von Penzance von Gilbert & Sullivan einem sichtlich amüsierten Publikum im Nürnberger Opernhaus.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Hier muss man nichts ernst nehmen in dieser Quasi-Operette, die eine melodramatische Oper auf die Schippe nimmt und nach ihrer Uraufführung 1879 auch heute immer wieder gespielt wird. Die Inszenierung von Christian Brey lässt das viktorianische Zeitalter noch ungefähr ahnen, transportiert aber die im Grund völlig unsinnige Handlung nicht in die Gegenwart; er erinnert dabei an heute noch gängige romantische Vorstellungen von hochherzigen Piraten und züchtigen, hübschen Töchtern in englischen Gesellschaftsromanen voriger Jahrhunderte. Schon die Geschichte ist haarsträubend: Ein „ausgebildeter“ Pirat, ein „Sklave der Pflicht“, will nach seiner „Lehrzeit“ bei den Seeräubern diesen „Beruf“ aus moralischen Gründen verlassen, sieht zum ersten Mal Mädchen, verliebt sich in die vom Himmel herabschwebende Mabel, und nach einigen Hindernissen, nämlich dem Irrglauben, dass er als am 29. Februar Geborener die Begehrte erst nach erlangter Volljährigkeit, also nach 63 Jahren heiraten dürfe, und nach einem Kampf der heldenmütigen Piraten gegen angsterfüllte britische Polizisten geht alles gut aus: Er kriegt Mabel, und auch die übrigen Töchter des trotteligen Generalmajors bekommen je einen Mann aus der Single-Schar der Piraten ab. Alles löst sich in Wohlgefallen auf. Zur amüsanten Unterhaltung verhilft ebenso die neue, witzige Übersetzung des Textes von William Schwenck Gilbert durch Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting. Unterstützt wird die komödiantische Wirkung noch durch die Ausstattung von Anette Hachmann: Gleich zu Anfang nähert sich ein Segelschiff auf Meereswellen der Küste, wo Schafe weiden. Später, bei Nacht im Garten des Anwesens von Generalmajor Stanley ist in der Ferne die See unter einem sternenübersäten Himmel mit Riesenmond zu sehen; die ordentlich aufgereihten Zypressen dienen als Versteck für fluchtbereite Polizisten, nur die Lampen gefährden durch mögliche Kurzschlüsse unaufmerksame Sergeanten. Ein krächzender Papagei auf der Schulter von Alt-Pirat Smee darf Kommentare abgeben, eine behaarte Brust zeichnet Helden aus, und der Generalmajor in roter Uniform erinnert irgendwie an den alten Kaiser Franz Joseph mit seinem Backenbart. Die Piraten entsprechen in ihrem Äußeren all dem, was wir aus Abenteuerfilmen kennen, die liebreizende Mädchenschar aber in pastellfarbenen Kleidern mit Sonnenschirm, Hut und Fächer zeigt sich, wenn auch züchtig, doch verschämt neugierig auf Männliches; im zweiten Akt kümmern sich die Töchter, in weißen Nachthemden und Betthauben, hauptsächlich um ihren senilen, schlafmützigen Vater. Die einfallsreiche, lebendig bewegte Regie sorgt für auf den Takt genaue, klirrende Degengefechte. Dass aus der biederen, hausfraulichen Ruth bald eine Art kampfbereite Seeräuber-Jenny wird, verwundert bei solchen Unsinns-Verwicklungen nicht.

Auch die Musik von Arthur Sullivan trägt mit Parodien auf Bekanntes, wie auf Koloraturarien, kirchliche Hymnen, Opernchöre oder virtuose Rasanz wie von Rossini das Ihre zum überwältigenden Amüsement bei. Die Staatsphilharmonie Nürnberg betont unter der Leitung von Guido Johannes Rumstadt anfangs das Sanfte, melodisch Eingängige, gefällt dann aber auch mit mehr Schwung. Die Chöre, einstudiert von Tarmo Vaask, erfüllen ihre Aufgaben trotz ständiger Bewegung auch stimmlich hervorragend; die Männer mimen mal wilde Piraten, mal Polizisten im Gleichschritt oder bei Fitness-Gymnastik, die Frauen erweisen sich als elegante, junge Damenschar.
Hans Gröning scheint als Piratenkönig Richard aus Filmen mit Mantel- und Degenrollen entstiegen und wie ein Löwe zu kämpfen; sein Gesang unterstützt das eindrucksvolle Auftreten, während sein Leutnant Samuel, Wonyong Kang, mit dröhnender Stimme leicht diabolisch wirkt. Frederic, John Pumphrey, ein angenehmer Tenor, stellt einen naiven, ehrlichen, knuddelig liebenswerten Jungen ohne Lebenserfahrung dar; nur als seine Betreuerin Ruth, eine ältliche Haushälterin, ihn heiraten will, fürchtet er doch um seine Unschuld, wehrt sich gegen sie. Almerija Delic wandelt sich danach aber bald zu einer kraftvoll singenden und selbstbewusst auftretenden Piratenbraut. Hans Kittelmann, ein schwächlicher Greis und eine Fehlbesetzung im Amt des Generalmajors, hat sichtlich Spaß an dieser Rolle, muss sich aber in der „Plapperarie“ mächtig anstrengen, das höllisch schnelle Tempo zu halten. Als Lichtgestalt erweist sich Emily Bradley als Mabel, die treu auf Frederic warten will und ihrer Liebe in schwindelerregenden Höhen und lockeren Koloratur-Linien ihres glänzenden Soprans Ausdruck gibt. Edith, Paula Meisinger, und Kate, Nayun Lea Kim, überzeugen nicht nur stimmlich, sondern auch als reizende junge Damen. Ronny Miersch stellt mit viel Einsatz den Sergeanten Edward sowie den alten Smee auf die Bühne.
Da kann das Premierenpublikum im nicht ganz vollbesetzten Haus über eine herrlich amüsante Inszenierung nur lange jubeln.
Renate Freyeisen