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IL RITORNO D’ULISSE IN PATRIA
(Claudio Monteverdi)
Besuch am
3. Juni 2018
(Premiere)
Alte Musik, alte Oper ist keineswegs veraltet, wie die bejubelte Aufführung von Claudio Monteverdis Oper Il ritorno d’Ulisse in patria am Staatstheater Nürnberg beweist. Drei Stunden vergehen wie im Flug, wenn Mariame Clément Regie führt und den immer gültigen Stoff um eine selbstbewusste Frau, die sich allen äußeren Einflüssen standhaft aus innerer Überzeugung widersetzt, mit Mitteln moderner Anspielungen und ironischer Darstellung der überlieferten antiken Götterwelt anreichert. Im Mittelpunkt dieses fast 400 Jahre alten Werks, das 1640 für das kommerziell geführte venezianische Opernhaus, das Teatro SS. Giovanni e Paolo vom mittlerweile betagten Komponisten geschrieben wurde, steht eine Frau im reifen Alter, Penelope, was ungewöhnlich ist. Die Gestalt aus dem klassischen antiken Mythos um Troja und den listenreichen Odysseus oder Ulisse, dem wegen der Rache des Meeresgottes Neptun durch lange Irrfahrten die Rückkehr nach Ithaka, seiner Heimatinsel, verwehrt wurde, aber dank seiner schlauen Täuschungsmanöver die gefährlichsten Abenteuer überstand, wird hier in ihrem Leid, aber auch ihrer Standhaftigkeit geschildert. Die Heimkehr des Odysseus, die nur mit allerlei Verkleidungen und dank der Hilfe des getreuen Hirten in Gang gebracht werden kann, auch das Blutbad an den Freiern und schließlich das umständliche Wiedererkennen sind dem untergeordnet. Eine zweite Ebene, die des Einwirkens der alten Götter, die wohl schon aus christlicher Sicht etwas zweifelhaft erscheint, kann dabei auch bildlich durch die Ausstattung von Julia Hansen auf die Schippe genommen werden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Inszenierung gelingt das, indem sie manche der Episoden bei Homer mit hintergründiger Satire behandelt. Da fährt ein putziges Schifflein der Phäaken daher, sichtlich aus Pappe, da tagen die hohen Götter oben auf einer Extra-Bühne in einer etwas heruntergekommenen Kneipe, sind auch schon recht besoffen, was sich immer mehr steigert, und Juno, die Göttermutter, agiert hier als Bardame. Einzig die Göttin der Weisheit, Minerva, behält den Überblick, posiert auch als klassische griechische Statue und schwebt zu den Menschen herab auf einem Glitzersofa, wenn sie den Sohn des Ulisse, Telemach, aus Sparta hertransportiert. Die Vernichtung der getöteten Freier wird von ihr mit einem Schwung Blut aus dem Eimer garniert, poppige Aufschriften kommentieren das. Auch dass ein riesengroßer Burger zu dem hungrigen Fresssack und Schmarotzer Iro herunterschwebt und der diese schöne Vision nicht greifen kann, deshalb selbst in sein Grab stiegt, ist einer der witzigen Einfälle, die dem alten Stoff Komisches abgewinnen, ohne ihn mit Gewalt zu „aktualisieren“. Auch dass im Palast der Penelope Geldautomaten herumstehen und ein Cola-Automat auf Benutzer wartet, Müll herumliegt, zeigt, wie kommerziell und trivial das Bestreben der Freier ist, die das Haus des Ulisse nahezu in den Bankrott treiben. Diese Herren in feinen Anzügen wollen keineswegs Liebe von Penelope, sie wollen nur ihren Besitz. Also verweigert sie sich ihnen.

Es ist übrigens revolutionär für die Zeit Monteverdis, dass hier die eigentliche Heldin eine reife Frau, eine Gestalt aus der antiken Sage und keine aus der Historie ist. Dabei hat sich der Librettist Giacomo Badoaro in fast allen Zügen der Handlung an Homer gehalten, nur die Hinhaltetaktik der Penelope gegenüber den Freiern, indem sie ein Tuch webte, das nie fertig wurde, wird hier ersetzt durch das eigensinnige Festhalten der Frau an ihrer Treue zu Ulisse. Dazu gehört Stärke.
Und musikalisch hat Monteverdi noch einen Akzent gesetzt: Die Sängerin der Penelope muss eine Stimme mit dunkler, voller Ausstrahlung haben; dafür eignet sich am besten ein Mezzosopran, der auch die vielen Tiefen der Partie bestens beherrscht. In Nürnberg begeistert hier Jordanka Milkova, und schon in ihrem Eingangsmonolog Di misera regina im Ehebett, in dem der Platz des Ehemanns neben ihr noch frei ist, zeigt sie äußerst eindrucksvoll ihren Schmerz, ihre Trauer, Einsamkeit und Verzweiflung. Denn, wie es im Prolog heißt zwischen der menschlichen Zerbrechlichkeit, dem androgyn gezeichneten, flexibel singenden Countertenor Iestyn Morris, der Zeit, die auf Krücken daherkommt und mit profundem Bass von Alexey Birkus gestaltet ist, dem Schicksal, dem hellen Sopran von Irina Maltseva, einem leichtfüßigen Wesen mit Glücksrad, und der Liebe, Amor, im schwarz glitzernden Gehrock mit weißen Flügelchen, von Michaela Maria Mayer mit verführerisch klingendem Sopran gesungen: Zeit, Fortuna und Amor kennen kein Mitleid mit den Menschen.
Im weiteren Verlauf der Handlung ändert Penelope, stets eine hoheitliche Erscheinung, ihre gefühlsmäßige Einstellung nicht. Sie zeigt weiterhin in der deklamatorischen Art des recitar cantando ihre depressive Stimmung; erst ganz am Schluss, als das Ehepaar endlich zueinander findet, gibt Monteverdi ihr die Möglichkeit, mit einem kurzen Arioso mit Koloraturen und strahlenden Höhen ihrem Jubel durch die Schilderung der glücklichen Natur Ausdruck zu verleihen. Dagegen ist ihr Gatte Ulisse mit einer größeren Vielfalt von stimmlicher Färbung ausgestattet; Ilker Arcayürek kann mit seinem kräftigen, eher dunkel timbrierten Tenor und seiner sehr männlichen Ausstrahlung die Verwandlung des Ulisse glaubhaft darstellen, von seiner orientierungslosen Landung in Ithaka über seine Verkleidung als alter Bettler bis zum erstarkten Mann, der die Freier erschießt und sich seine Frau wieder erobert. Der Sohn der beiden, Telemach, ist bei Martin Platz mit seinem hellen, jugendlichen Tenor bestens aufgehoben. Dagegen wird das verliebte Dienerpaar von Monteverdi mit fröhlichen Tanzrhythmen und ariosen Liebesduetten bedacht: Irina Maltseva als ziemlich selbstbewusste, kokette Melanto und Dávid Szigetvári als neugieriger Eurimaco bilden als glückliche, aber leichtsinnige Liebende das Gegengewicht zu ihrer Herrschaft. Auch die drei Freier, begleitet von einer Schar Statisten, singen anders als die Hauptpersonen. Ihre Partien, an Madrigale erinnernd, charakterisieren sie als eingebildete Männer, die aber ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, wie ihr Scheitern beim Bogenspannen beweist, das sie mit ein paar hilflosen Floskeln abtun. Ihre stimmlichen Qualitäten sind absichtlich verschieden: Den Anführer Antinoo markiert Wonyang Kang mit starkem Bassbariton, der elegante Pisandro ist der Counter Iestyn Morris, und den Mitläufer Anfinomo verkörpert der Tenor Hans Kittelmann. Lustig ist, dass sich einige der Sänger im Götterhimmel wiederfinden: Da ist eben der Tenor ein greiser, schwächlicher Jupiter, Verfechter der Barmherzigkeit, der sich nur mühsam durchsetzen kann gegen den starken Seemann Neptun, Alexsey Birkus, der mit seinem abgründigen Bass Rache fordert, und nur auf Vermittlung von Göttermutter Juno, Hyun Mi Kim, die mit einem fulminanten Gran Giove ihren Gatten in Schwung bringt, gelingt die Wendung. Allerdings wurde sie dazu gedrängt von Minerva. Die nimmt innerhalb der Oper auch musikalisch eine Sonderstellung ein, und Michaela Maria Mayer kann sie darstellerisch wie stimmlich mit ihrem strahlend vollen, in Höhe wie Tiefe tragfähigen Sopran vielseitig gestalten. Ebenso aus dem Raster des Üblichen fällt Iro, der Vielfraß, in Shorts, mit Hütchen und entsetzlich dicker Körperfülle unter dem T‑Shirt schon äußerlich eine komische Figur, und Yongseung Song gibt seiner Stimme noch herrlich buffoneske Färbungen. Wohl vergessen im Programm ist der Hirtenjunge, den Ina Yoshikava als Kind mit Sandeimer spielt, dabei sehr fein singt. Als altertümliche Amme Ericlea fällt Martina Langbauer eher wenig auf. Aber der treue Hirt Eumete, Alex Kim, der den scheinbaren Bettler Ulisse freundlich aufnimmt in einer fast naturalistischen Gebirgslandschaft und im Glauben an das Gute die Rückkehr seines Herrn einläutet, verbreitet mit seinem fein bemittelten, schön gerundeten Tenor positive Stimmung.
Alles aber ist von Wolfgang Katschner, dem renommierten Alte-Musik-Spezialisten, mit viel Verstand geschickt eingerichtet. Der Dirigent hat die ursprünglich in Paris und Dijon aufgeführte Produktion für die Nürnberger Verhältnisse neu erarbeitet. In dem auf der Vorbühne positionierten Orchester finden sich für die Continuo-Gruppe alle Instrumente, die es zu Monteverdis Zeit gab. Für die nötigen Vor- und Zwischenspiele, die in der Kopisten-Handschrift der Oper nicht überliefert sind, stellte Katschner aus Werken von Monteverdi-Zeitgenossen Stücke zusammen. Durch die instrumentale Besetzung ergibt sich ein klingender Rahmen von großer Vielfalt, mit schnell wechselnden Tempi, der die verschiedenen Stimmungen der Akteure trägt, unterstützt oder vorbereitet und den Zuhörer an den Empfindungen teilhaben lässt, ohne dass ihm je bewusst wird, dass es sich hier um „alte“ Musik handelt.
Dass nach dem Schluss im nicht ganz ausverkauften Haus einstimmiger Jubel herrscht, ist selbstverständlich.
Renate Freyeisen