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XERXES
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
24. November 2018
(Premiere)
Das berühmte Preislied Ombra mai fù an die Schatten spendende Platane leitet die Oper Xerxes von Georg Friedrich Händel ein, Naturlyrik vom Feinsten. Doch im Staatstheater Nürnberg ist von Natur nichts zu sehen und zu spüren; das Lied gilt einem Brett mit Rollen. Alles findet laut Regie und Ausstattung durch die Künstlergruppe le lab aus Bordeaux in einer Stadtlandschaft, in einer riesigen Half-Pipe statt. Die Akteure in diesem Skatepark sind laut Ankündigung „junge Aufreißer“ und deren weibliche Objekte; sie wollen sich, „besessen von ihrem Look“ untereinander austesten. Es geht dabei um Liebe, Intrigen, Machtpositionen, um ständig wechselnde Gefühle, um ein Spiel unter Jugendlichen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Doch ob das wirklich zu einer Opera semiseria aus dem Jahr 1738 passt, ist fraglich, ebenso wie das überzeugend in einem heiter-romantischen Musikdrama aus der Barockzeit verwirklicht werden kann. So wird der Text in den Übertitelungen „modisch“ aufgepeppt, die Handlung in die Gegenwart und in die Nürnberger Innenstadt, sogar ins Opernhaus versetzt, dank der ständig wechselnden Videos von Jean-Baptiste Beis; „echte“ Skater dürfen darin ausgiebig ihre Weltsicht darlegen, und immer wieder „geistern“ ihre Spielgeräte, auch ohne Menschen darauf, dank der Elektronik durch die Aufführung. Die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne aber müssen sich ständig auf Rollen fortbewegen: auf Skateboards, auf BMX-Rädern, auf City-Rollern, schleppen diese Fortbewegungs-Geräte dauernd mit sich rum. Bewundernswert ist, wie sie das alles meistern. Wichtig erscheint der Regie bei diesem Spiel, dass alles ständig in Bewegung bleibt, dass die Akteure nach Freiheit streben, ihren Spaß genießen, dass nichts so richtig ernst genommen wird. Da dürfen sie dann auch mal an ihren Spielgeräten ihre Wut auslassen. Zur bewegten Musik Händels fahren dann auch Skater aus der Statisterie die Half-Pipe rauf und runter, oder ein Kunstradfahrer demonstriert sein Können. Stillstand ist verpönt, und „Ungeduld“ ist eines der Stichworte und prangt auf dem T‑Shirt der Hauptfigur. Wenn doch einmal Text und Opernhandlung zu kollidieren drohen, etwa wenn Brücken über das nicht vorhandene Wasser zu schlagen sind, hängt man einfach riesige Hängematten über die Half-Pipe, die dann bald wieder verschwinden müssen. Auch die bunt zusammengewürfelten, lockeren Kostüme im Schlabber-Look sollen dem Skater-Outfit entsprechen, geraten allerdings beim Äußeren des Arsamene ins Groteske; von der Würde des Perserkönigs Xerxes bleibt nichts übrig als eine Fantasie-Uniformjacke, und Feldherr Ariodate, Vater der Töchter Romilda und Atalante, wird als komische Figur im seltsam gefärbten, konventionellen Anzug charakterisiert. Natürlich müssen auch Selfies gemacht und Handy-Botschaften ausgetauscht werden. Modischer Standard. Dass aber am Schluss, als Romilda und Arsamene „bürgerlich“ zusammenfinden, also heiraten, diese in brav-biederem, festlichen Outfit auftreten, verwundert doch etwas. Zwischen all den Verwicklungen um Liebesbeziehungen wird der Zuschauer immer wieder versorgt mit „netten“ Aufschriften auf der Wand hinter der Half-Pipe, etwa „keep calm“, Skater-Girl, wenn die Liebe mal „weh“ tut. Das ganze Umfeld ist sozusagen noch unfertig, provisorisch, worauf wohl Bauzäune hinweisen. Doch die Party-Laune lässt man sich nicht nehmen, wenn sich eine glitzernde Disco-Kugel dreht. Und am Schluss, als das scheinbare Happyend quasi gewaltsam von Xerxes herbeigeführt wird, warnt ein Schild „Nicht betreten“ und drückt so die Skepsis vor dem lieto finale aus. Doch das gehört zu Barock-Opern dazu, ist ihnen quasi immanent. Über den musikalischen Hintergrund aber hätte man in dem sehr dürftigen Programmheft mehr erfahren wollen, doch das verweigert auch die Auskunft über den Wegfall des Chors und die stimmliche Besetzung der Rollen.
Im Gegensatz aber zur szenischen Aufführung gerät die musikalische zum Triumph. Das liegt zum einen an der durch Spezialisten der Alten Musik ergänzten Staatsphilharmonie Nürnberg unter der kundigen Leitung von Wolfgang Katschner; er entlockt dem Orchester herrlich runde, volle Klänge, überhastet bei den temporeichen Passagen nichts, entwickelt abwechslungsreiche, innere Dynamik, schmeichelt dem Ohr oft mit geradezu „romantischer“ Idylle. Dabei trägt er die Sänger in ihren schwierigen Passagen geradezu auf Händen.

Als Xerxes brilliert Almerija Delic mit ihrem warmen, vollen Mezzosopran, locker dahin laufenden Verzierungen und großer darstellerischer Präsenz; ein Höhepunkt: Der Wutausbruch, als er sich nicht durchsetzen kann und die begehrte Romilda nicht kriegt, sondern wieder auf die von ihm eigentlich verschmähte Verlobte Amastre „zurückgreifen“ muss, die ihn in ihrer unverbrüchlichen Treue doch wieder nimmt. Dass Xerxes sich in die Stimme der Romilda verliebt, ist kein Wunder. Denn der strahlende lyrische Sopran von Julia Grüter ist ein Ereignis, stets gerundet, mit glänzenden, unangestrengten Höhen und wunderbar wie von selbst dahinfließenden Koloraturen und ausdrucksvollen Nuancen; so bringt sie jedes Herz zum Schmelzen, zumal sie mit der rot gelockten Löwenmähne auch ein echter Hingucker ist. Gegen sie kommt ihre intrigante Schwester Atalante, auch wenn sie sich noch so aufreizend bemüht, nicht an; Andromahi Raptis verfügt zwar über einen hellen Sopran, kann aber technisch nicht ganz mithalten. Eine eher tragische Figur ist die von Xerxes abgelehnte, aber treue und innerlich verzweifelte Amastre; Martina Dike gibt ihr mit ihrem dramatisch gefärbten Sopran die nötige Schwere. Dass Arsamene, der irgendwie unglücklich gezeichnete Bruder des Xerxes, von einem Countertenor, nämlich Zvi Emanuel-Marial, gesungen wird, passt zu seinem Rollenprofil und wird durch die helle, flache Stimme noch verstärkt. Vater Ariodate ist bei Nicolai Karnolsky und seinem etwas trockenen Bass gut aufgehoben, und Wonyong Kang gibt dem durch die Turbulenzen verwirrten Diener Elviro im geblümten Outfit die nötige buffeske Note mit seinem kräftigen Bass.
Nach dem wider alle Logik herbeigeführten glücklichen Ende feiert das Premierenpublikum im ausverkauften Haus die musikalisch Beteiligten mit langem, großem Beifall; dem Regieteam aber schallen laute Buh-Rufe entgegen.
Renate Freyeisen