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Das Scheitern der Frauen

BERNARDA ALBAS HAUS
(Federico García Lorca)

Besuch am
26. Oktober 2018
(Premiere am 5. Oktober 2018)

 

Theater Oberhausen

Antonio María Benavides ist tot. Das ist bedau­erlich. Und der Beginn des Grauens. Denn seine 60-jährige Witwe Bernarda Alba ist in den Tradi­tionen spani­scher Dörfer fest verwurzelt. Das bedeutet nichts weniger als acht Jahre Trauer für die Angehö­rigen. „Wo die Trauer währt, wird nicht einmal der Wind von der Straße dieses Haus betreten. Wir wollen uns vorstellen, wir hätten Türen und Fenster mit Ziegel­steinen zugemauert“, verkündet Bernarda das drako­nische Urteil ihren Töchtern. Die sind im heirats­fä­higen Alter und nicht im mindesten daran inter­es­siert, mit Mutter, Großmutter und Magd im Haus in Isola­ti­onshaft zu versauern. Dass es im Dorf einen außer­or­dentlich attrak­tiven Mann – gleich­falls im heirats­fä­higen Alter – gibt, verschärft die Lage. Das ist die Ausgangs­si­tuation in Federico García Lorcas Bühnen­stück Bernarda Albas Haus, im Original La Casa de Bernarda Alba. Drama de mujeres en los pueblos de España.

POINTS OF HONOR

Musik



Schau­spiel



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Jan Friedrich hat die deutsch­spra­chige Fassung von Hans Magnus Enzens­berger jetzt im Theater Oberhausen auf die Bühne gebracht. Er insze­niert aufwändig und versucht, sich der Ästhetik Lorcas und seiner Freunde Dalí und Buñuel anzunähern. Da dürfen die Darsteller in nonnen­ähn­lichen Latex-Kostümen bei „offizi­ellen Anlässen“ auftreten, sich im Privat­be­reich in Unter­hosen zeigen oder anlässlich eines Festmahls in Unifor­mität üben. Großartig die Maske der Bernarda, die die Frau jeder Realität enthebt. Fried­richs Regie-Einfall, die Frauen von Männern spielen zu lassen, um die Frau nicht als Frau, sondern die Rolle der Frau wirken zu lassen, nimmt dem Stück die morbide Erotik, die das Bühnenbild von Robert Kraatz herge­geben hätte. Kraatz bemüht die Drehbühne. Über allem gibt es eine Plattform, von der aus Bernarda in ihrer über alles gebie­tenden Position zur Geltung kommt. Ein Teil der Drehbühne stellt die Fassade des Trauer­hauses da – abgeschottet, abweisend, ohne Möglichkeit, die Tradi­tionen zu durch­brechen. Im nächsten Abschnitt wird der Einblick in die Privat­ge­mächer der Töchter gewährt, während im letzten Abschnitt der öffent­liche Wohnbe­reich einge­richtet ist. Ein weiterer Aufsatz auf der Drehbühne bietet die Möglichkeit für Video­pro­jek­tionen, die auch auf der Außen­fassade statt­finden. Insgesamt gibt es eine Reihe guter Einfälle, die aber alle nicht die Tiefe erreichen, die man sich von dem Stück erhofft hat. Ja, das Foto von Pepe el Romano entpuppt sich als Jesus-Bild und zeigt die Bedeutung des Mannes für die Frauen. Aber wo ist die klaus­tro­pho­bische Enge, und was resul­tiert daraus für die Frauen – nicht für Männer?

Foto © Birgit Hupfeld

Dabei geben die Darsteller auch bei dieser Dernière wirklich alles. Mervan Ürkmez brilliert als Bernarda Alba mit mikro­fo­nisch verfrem­deter Stimme. Susanne Burkhard gefällt als Magd La Poncia, die das Haus mit Infor­ma­tionen aus der Außenwelt versorgt. Clemens Dönicke besorgt die steife, weil „alte“ Angustias. Martirio wirkt in der Rollen­ge­staltung von Daniel Rothaug nicht ganz so überflüssig wie im ursprüng­lichen Stück. Dass ihr die Schüsse ins Nichts übertragen werden, passt in der Tat besser, weil die scheinbare Würde der Bernarda nicht gebrochen wird. Bei Adela kann sich Kilian Ponert noch so sehr bemühen – hier ist weiblicher Liebreiz gefragt. Burak Hoffmann kann als Pepe el Romano in einer Macho-Rolle glänzen.

Die Musik zum Stück stammt von Felix Rösch und entwi­ckelt sich vom Flamenco zu einer Mischung aus Rock und Pop. Dass sie einge­spielt wird, ist das eine, dass sie bei den Projek­tionen mit engli­schen Unter­titeln versehen wird, ist ärgerlich und überflüssig. Nach dieser Erfahrung liegt es nahe, beim Imbiss, zwei Straßen vom Theater entfernt, auf Englisch eine kleine Nacht­mahlzeit zu bestellen. Es hat nicht funktioniert.

Am Ende der Aufführung gibt es noch ein Video mit vermutlich klugen Bemer­kungen zu Frauen. Das ist nach annähernd zwei Stunden nicht mehr inter­essant. Nach der Kopula­ti­ons­szene mit der männlichen Adela ist das Aufnah­me­ver­mögen erschöpft.

Die guten Absichten des Regis­seurs sind erkennbar, dem Stück dienen sie nicht. Das Publikum applau­diert artig den Leistungen der Darsteller.

Michael S. Zerban

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