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Foto © Stefan Walzl

Drehwurm

SIEGFRIED
(Richard Wagner)

Besuch am
22. September 2018
(Premiere)

 

Olden­bur­gi­sches Staatstheater

Überall in der Bundes­re­publik wird an Wagners Ring geschmiedet. Hamburg zeigt seine Reprise, in Kassel hat man angefangen, in Minden ist man gerade fertig geworden und in der Deutschen Oper am Rhein steht das Ende kurz bevor. Etwas abseits von der Theater­dichte Deutsch­lands stehend, ist man in Oldenburg –  ein Opern­be­trieb, dem man das Bühnen­fest­spiel nicht direkt zugetraut hat – beim zweiten Tag, dem Siegfried, angekommen. Der Vorabend, Das Rheingold, war mit Alberichs Griff ins Klo frech insze­niert. Die Walküre überzeugte mit einer sehr genauen Perso­nen­führung und einem fulmi­nanten Gesang des Ensembles. Doch nun scheint dem Regisseur Paul Esterhazy etwas die – in diesem Fall kreative – Puste auszu­gehen, während man musika­lisch fast schon zu viel davon hat.

Wie immer ist die Drehbühne von Mathis Neidhardt das optische Zentrum der Aufführung. Die darauf montierte Holzku­lisse symbo­li­siert einen abgeschie­denen Ort, an dem sich ein existen­zi­elles Drama um Macht und Liebe abspielt. Die Oper beginnt in dem Raum, in dem die Walküre endete: Das Wohnzimmer mit dem Kamin, auf dem die verbannte Brünn­hilde schläft. Dann scheint die Bühne an den Rand des Dorfes zu fahren, die abgelegene Schmiede Mimes, der Hort Fafners, die Natur mit der Esche, die ihr Laub verliert, und am Ende gelangt man wieder an den Kamin zurück. Das ist klug durch­dacht, aller­dings verzettelt sich Regisseur Estherhazy in seinen Details, anstatt an der klugen Perso­nen­führung aus der Walküre festzuhalten.

Ihm scheint es wichtiger zu sein, dass man einen Größen­un­ter­schied zwischen Siegfried und seinem Ziehvater, dem Zwerg Mime, sieht. Daher muss Timothy Oliver, wenn er auf der Bühne ist, seinen Part eher im Hinter­grund „verkleinert“, sprich auf den Knien rutschend, singen. Oder Esterhazy schickt einen klein­wüch­sigen Statisten als Mime auf die Bühne, wenn der gerade mal nicht singen muss. Dieser Wechsel funktio­niert deshalb schon nicht, weil der Statist einen ganz anderen Ausdruck hat als der Sänger und sie so eher wie zwei unter­schied­liche Personen wirken. Das Wechsel­spiel gelingt nur mit Hilfe der Drehbühne, und so rennen Mime-Sänger, Mime-Statist und Siegfried zwischen Schmiede, Küche und Wald hin und her. Die Wirkung ist nicht, dass man ein spannendes Verhältnis zwischen Siegfried und Mime erhält, sondern dass einem am Ende des ersten Aktes schwin­delig ist. Immerhin endet der Akt versöhnlich durch einen ganz klassi­schen Schmie­de­vorgang Nothungs, das sich tatsächlich auch an einem Amboss erfolg­reich erproben darf.

Auch im zweiten Akt geht der Drehwurm weiter, diesmal gilt es den Riesen Fafner, eigentlich ja der verwan­delte Lindwurm, in Szene zu setzen. Dass der sich gar nicht in einen Drachen verwandelt hat, sondern von den Dorfbe­wohnern wahrscheinlich nur zu einem geredet wurde, passt zu Ester­hazys Konzept. Doch anscheinend darf der Sänger Ill-Hoon Choung nicht sein Gesicht zum Publikum wenden, weil man so die akustische Verstärkung, die den bedroh­lichen Hall erzeugt, sehen würde. So wird der Kampf Siegfried gegen den hammer­schwin­genden Fafner zu einer oberpein­lichen Farce, bei dem der Held joggend seine Runden um den Riesen dreht. Die Video­ein­spielung eines Repti­li­en­auges zu Beginn des zweiten Aktes ist da weitaus bedroh­licher und effekt­voller – der Dank geht an Alexander Fleischer. Völlig sinnlos endet der Akt, nachdem Siegfried den riesigen Fafner zum Hort zurück­ge­zerrt hat und auch den Mime-Statist darauf gesetzt hat, da beide eine Viertel-Drehung nach links im örtlichen Leichen­schauhaus liegen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Auch im dritten Akt ist die Drehbühne im ermüdenden Dauer­einsatz, aber diesmal findet Estherhazy zu seiner Stärke zurück. Nicht unbedingt in der Szene Wotan – Erda, aber spätestens, wenn Siegfried ähnlich dem Parsifal auf der Suche nach seinem Ziel sich verirrend die Holzgassen und Türen passiert. Auch das Zögern, in das Wohnzimmer mit dem Brünn­hil­den­kamin einzu­treten, ist das erste richtig schöne Detail und es folgen viele weitere. Der lange, sinnliche Kuss der Erweckung leitet das sonst so zähe Annähern zwischen Brünn­hilde und Siegfried ein. Auch der ständige Raumwechsel macht insofern Sinn, weil die ehemalige Walküre immer wieder mit einem Schlaf­zimmer konfron­tiert wird. Irgendwann fügt sie sich in ihre Rolle als Erdenfrau. So gelungen die letzte Szene auch ist, rettet sie nicht einen fünf Stunden langen Abend.

Hendrik Vestman dirigiert wieder einen zügigen Wagner, der eigent­lichen Längen vermeiden sollte, aber das Olden­bur­gische Staats­or­chester ist nicht wirklich gut dispo­niert. Viele, viele Unsau­ber­keiten machen vor allem in den ersten beiden Akten den Fluss der Musik kaputt. Man kann erahnen, dass Vestmann sich nicht nur auf Motive verlassen, sondern in den Dialog zwischen den Instru­menten eintreten will. Aber das gelingt vermehrt nur im letzten Akt. Dazu kommt, dass überwiegend im Lautstär­ke­pegel Mezzo­forte bis Fortissimo gearbeitet wird, was die Sänger dann übernehmen. Eine Ausnahme: Timothy Oliver ist ja eigentlich um richtigen Wagner-Gesang bemüht. Da hört man viele Farbwechsel und Schat­tie­rungen, aber wegen seiner ständig knienden Positio­nierung im Hinter­grund muss er viel drücken. Außerdem hat er das „Pech“, mit einer echten Wagner-Röhre zusammen singen zu müssen. Zoltán Nyári, der schon als Siegmund eine Entde­ckung war, setzt als sein Sohn Siegfried noch einen drauf und singt und singt und singt … Dieser Tenor hat so eine Puste, dass er nicht mal einen Blasebalg bräuchte, um die Schmiede anzuheizen. Was ihm noch fehlt, sind ein paar Farben mehr, ein paar Diffe­ren­zie­rungen mehr, und er bräuchte in einem Haus wie diesem gar nicht so laut an der Rampe zu singen. Nichts­des­to­trotz ist diese kondi­ti­ons­starke, schöne Stimme, dazu das jugend­liche, unbeküm­merte Spiel ein Gewinn des Abends. Wann hat man schon mal einen Siegfried, der die Brünn­hilde noch im Vollbesitz seiner Kräfte erwecken kann? Die großartige Nancy Weißbach läuft da Gefahr, ihr Volumen an den Tenor anzupassen, was sie aber gar nicht muss, denn er ist einfach lauter. Sie sticht aber durch ihren klaren Strahl in der Stimme hervor, durch eine wunder­schöne, warme Mittellage und ihre Textdurchdringung.

Foto © Stefan Walzl

Überhaupt wird sehr deutlich gesungen. Auch von Kihun Yoon als neidzer­fres­sener Alberich, der eigentlich ein so schönes erzenes Bariton­ma­terial hat, das er aber ungebremst lautstark dekla­mierend einsetzt. Dabei erreicht sein leises Trügen wird euch sein Trotz den größten Effekt. Thomas Hall ist ebenso ein imposanter Wanderer, der alle Höhen und Tiefen mühelos erreicht und auch sonore Autorität mit sich führt. Leider hat das souveräne Durch­singen ohne nennens­werte Diffe­ren­zie­rungen der Partie den Nachteil, dass es nicht berührt. Marta Świderska gibt der Erda einen passend in sich ruhenden angenehmen Alt. Ill-Hoon Choung als Fafner klingt elektro­nisch verstärkt gefährlich und stirbt wohltönend leise. Sooyeon Lee leiht den beiden Kanari­en­vögeln im Käfig ihren lieblichen Sopran und stellt ein schönes Echo als Siegfrieds Mutter Sieglinde dar.

Insgesamt fällt der Siegfried in der Summe gegenüber den anderen Teilen etwas ab. Auch das Publikum applau­diert nach den Akten verhal­tener als noch in der bejubelten Walküre. Dafür zerreden einzelne ausge­rechnet das intensiv-leise Vorspiel zum zweiten Akt, wo auch das Orchester gerade mal auf dem Punkt ist. Vielleicht sollten die Theater in Zukunft ihre Ansage vor der Vorstellung ändern: Anstelle von „Bitte schalten Sie ihre Handys aus“ wäre mittler­weile klüger „Bitte halten Sie ab jetzt den Mund! Danke!“

Christoph Broermann

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