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Überall in der Bundesrepublik wird an Wagners Ring geschmiedet. Hamburg zeigt seine Reprise, in Kassel hat man angefangen, in Minden ist man gerade fertig geworden und in der Deutschen Oper am Rhein steht das Ende kurz bevor. Etwas abseits von der Theaterdichte Deutschlands stehend, ist man in Oldenburg – ein Opernbetrieb, dem man das Bühnenfestspiel nicht direkt zugetraut hat – beim zweiten Tag, dem Siegfried, angekommen. Der Vorabend, Das Rheingold, war mit Alberichs Griff ins Klo frech inszeniert. Die Walküre überzeugte mit einer sehr genauen Personenführung und einem fulminanten Gesang des Ensembles. Doch nun scheint dem Regisseur Paul Esterhazy etwas die – in diesem Fall kreative – Puste auszugehen, während man musikalisch fast schon zu viel davon hat.
Wie immer ist die Drehbühne von Mathis Neidhardt das optische Zentrum der Aufführung. Die darauf montierte Holzkulisse symbolisiert einen abgeschiedenen Ort, an dem sich ein existenzielles Drama um Macht und Liebe abspielt. Die Oper beginnt in dem Raum, in dem die Walküre endete: Das Wohnzimmer mit dem Kamin, auf dem die verbannte Brünnhilde schläft. Dann scheint die Bühne an den Rand des Dorfes zu fahren, die abgelegene Schmiede Mimes, der Hort Fafners, die Natur mit der Esche, die ihr Laub verliert, und am Ende gelangt man wieder an den Kamin zurück. Das ist klug durchdacht, allerdings verzettelt sich Regisseur Estherhazy in seinen Details, anstatt an der klugen Personenführung aus der Walküre festzuhalten.
Ihm scheint es wichtiger zu sein, dass man einen Größenunterschied zwischen Siegfried und seinem Ziehvater, dem Zwerg Mime, sieht. Daher muss Timothy Oliver, wenn er auf der Bühne ist, seinen Part eher im Hintergrund „verkleinert“, sprich auf den Knien rutschend, singen. Oder Esterhazy schickt einen kleinwüchsigen Statisten als Mime auf die Bühne, wenn der gerade mal nicht singen muss. Dieser Wechsel funktioniert deshalb schon nicht, weil der Statist einen ganz anderen Ausdruck hat als der Sänger und sie so eher wie zwei unterschiedliche Personen wirken. Das Wechselspiel gelingt nur mit Hilfe der Drehbühne, und so rennen Mime-Sänger, Mime-Statist und Siegfried zwischen Schmiede, Küche und Wald hin und her. Die Wirkung ist nicht, dass man ein spannendes Verhältnis zwischen Siegfried und Mime erhält, sondern dass einem am Ende des ersten Aktes schwindelig ist. Immerhin endet der Akt versöhnlich durch einen ganz klassischen Schmiedevorgang Nothungs, das sich tatsächlich auch an einem Amboss erfolgreich erproben darf.
Auch im zweiten Akt geht der Drehwurm weiter, diesmal gilt es den Riesen Fafner, eigentlich ja der verwandelte Lindwurm, in Szene zu setzen. Dass der sich gar nicht in einen Drachen verwandelt hat, sondern von den Dorfbewohnern wahrscheinlich nur zu einem geredet wurde, passt zu Esterhazys Konzept. Doch anscheinend darf der Sänger Ill-Hoon Choung nicht sein Gesicht zum Publikum wenden, weil man so die akustische Verstärkung, die den bedrohlichen Hall erzeugt, sehen würde. So wird der Kampf Siegfried gegen den hammerschwingenden Fafner zu einer oberpeinlichen Farce, bei dem der Held joggend seine Runden um den Riesen dreht. Die Videoeinspielung eines Reptilienauges zu Beginn des zweiten Aktes ist da weitaus bedrohlicher und effektvoller – der Dank geht an Alexander Fleischer. Völlig sinnlos endet der Akt, nachdem Siegfried den riesigen Fafner zum Hort zurückgezerrt hat und auch den Mime-Statist darauf gesetzt hat, da beide eine Viertel-Drehung nach links im örtlichen Leichenschauhaus liegen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auch im dritten Akt ist die Drehbühne im ermüdenden Dauereinsatz, aber diesmal findet Estherhazy zu seiner Stärke zurück. Nicht unbedingt in der Szene Wotan – Erda, aber spätestens, wenn Siegfried ähnlich dem Parsifal auf der Suche nach seinem Ziel sich verirrend die Holzgassen und Türen passiert. Auch das Zögern, in das Wohnzimmer mit dem Brünnhildenkamin einzutreten, ist das erste richtig schöne Detail und es folgen viele weitere. Der lange, sinnliche Kuss der Erweckung leitet das sonst so zähe Annähern zwischen Brünnhilde und Siegfried ein. Auch der ständige Raumwechsel macht insofern Sinn, weil die ehemalige Walküre immer wieder mit einem Schlafzimmer konfrontiert wird. Irgendwann fügt sie sich in ihre Rolle als Erdenfrau. So gelungen die letzte Szene auch ist, rettet sie nicht einen fünf Stunden langen Abend.
Hendrik Vestman dirigiert wieder einen zügigen Wagner, der eigentlichen Längen vermeiden sollte, aber das Oldenburgische Staatsorchester ist nicht wirklich gut disponiert. Viele, viele Unsauberkeiten machen vor allem in den ersten beiden Akten den Fluss der Musik kaputt. Man kann erahnen, dass Vestmann sich nicht nur auf Motive verlassen, sondern in den Dialog zwischen den Instrumenten eintreten will. Aber das gelingt vermehrt nur im letzten Akt. Dazu kommt, dass überwiegend im Lautstärkepegel Mezzoforte bis Fortissimo gearbeitet wird, was die Sänger dann übernehmen. Eine Ausnahme: Timothy Oliver ist ja eigentlich um richtigen Wagner-Gesang bemüht. Da hört man viele Farbwechsel und Schattierungen, aber wegen seiner ständig knienden Positionierung im Hintergrund muss er viel drücken. Außerdem hat er das „Pech“, mit einer echten Wagner-Röhre zusammen singen zu müssen. Zoltán Nyári, der schon als Siegmund eine Entdeckung war, setzt als sein Sohn Siegfried noch einen drauf und singt und singt und singt … Dieser Tenor hat so eine Puste, dass er nicht mal einen Blasebalg bräuchte, um die Schmiede anzuheizen. Was ihm noch fehlt, sind ein paar Farben mehr, ein paar Differenzierungen mehr, und er bräuchte in einem Haus wie diesem gar nicht so laut an der Rampe zu singen. Nichtsdestotrotz ist diese konditionsstarke, schöne Stimme, dazu das jugendliche, unbekümmerte Spiel ein Gewinn des Abends. Wann hat man schon mal einen Siegfried, der die Brünnhilde noch im Vollbesitz seiner Kräfte erwecken kann? Die großartige Nancy Weißbach läuft da Gefahr, ihr Volumen an den Tenor anzupassen, was sie aber gar nicht muss, denn er ist einfach lauter. Sie sticht aber durch ihren klaren Strahl in der Stimme hervor, durch eine wunderschöne, warme Mittellage und ihre Textdurchdringung.

Überhaupt wird sehr deutlich gesungen. Auch von Kihun Yoon als neidzerfressener Alberich, der eigentlich ein so schönes erzenes Baritonmaterial hat, das er aber ungebremst lautstark deklamierend einsetzt. Dabei erreicht sein leises Trügen wird euch sein Trotz den größten Effekt. Thomas Hall ist ebenso ein imposanter Wanderer, der alle Höhen und Tiefen mühelos erreicht und auch sonore Autorität mit sich führt. Leider hat das souveräne Durchsingen ohne nennenswerte Differenzierungen der Partie den Nachteil, dass es nicht berührt. Marta Świderska gibt der Erda einen passend in sich ruhenden angenehmen Alt. Ill-Hoon Choung als Fafner klingt elektronisch verstärkt gefährlich und stirbt wohltönend leise. Sooyeon Lee leiht den beiden Kanarienvögeln im Käfig ihren lieblichen Sopran und stellt ein schönes Echo als Siegfrieds Mutter Sieglinde dar.
Insgesamt fällt der Siegfried in der Summe gegenüber den anderen Teilen etwas ab. Auch das Publikum applaudiert nach den Akten verhaltener als noch in der bejubelten Walküre. Dafür zerreden einzelne ausgerechnet das intensiv-leise Vorspiel zum zweiten Akt, wo auch das Orchester gerade mal auf dem Punkt ist. Vielleicht sollten die Theater in Zukunft ihre Ansage vor der Vorstellung ändern: Anstelle von „Bitte schalten Sie ihre Handys aus“ wäre mittlerweile klüger „Bitte halten Sie ab jetzt den Mund! Danke!“
Christoph Broermann