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Horla schaut in den Spiegel, „aber mein Bild war nicht darin“. Horla schließt Fenster und Türen, aber plötzlich merkt er, „dass er um mich herum sich bewegte …“. Er ist nicht greifbar – ein Geist, ein Gespenst, ein Jenseitiger, er will ihn sehen, fühlen, „ … und ich lauerte ihm mit allen meinen überreizten Sinnen auf …“, vergeblich.
Kein Wunder, dass eine solch geheimnisvolle Figur, ein solche Wahrnehmung einen Dichter, einen Komponisten reizt. Patrice Oliva, gebürtiger Franzose und seit mehreren Jahren in Osnabrück zu Hause, hat sich gern von der Vorlage, die er bei Guy de Maupassant in der Novelle Le Horla fand, zu einer Kammeroper inspirieren lassen. Ein kleines Team und ein Projektorchester unter Leitung von Daniel Inbal präsentieren diese Oper, ein Drei-Personenstück, den knapp 100 Gästen im Saal des Lortzing-Hauses der Freimaurer-Loge in Osnabrück.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zu Beginn erklingt ein langstehender Flötenton, dann treten weitere Bläser, das Klavier und Rhythmusinstrumente hinzu und verbreiten eine lockere, leicht verträumte Stimmung. Vor einem Tisch mit Tintenfass und Gänsefeder sitzt in sanftem Lampenlicht ein Mann, blättert in Unterlagen und macht Notizen. Texte erscheinen an der Wand, sie erinnern an Heines Flammenschrift an der Wand. Mit kräftiger, raumfüllender Baritonstimme liest und kommentiert Rhys Jenkins als Sänger aus dem Tagebuch, als unterhielte er sich mit dem Schreiber. Es sind die Grenzbereiche des menschlichen Bewusstseins, die ihn so sehr beschäftigen, dass ein Arzt hinzugezogen wird. Genadijus Bergorulko verleiht dem Docteur stimmlich das nötige Gewicht, der bei Horla eine Autoscopie, eine Art schizophrene Bewusstseinsverdopplung vermutet. Vieles wird noch rätselhafter, als eine dritte Person hinzutritt. Meist französisch sprechend, ist sie ebenfalls mit dem Tagebuch befasst. Jan Friedrich Eggers, eher zurückgenommen mit heller gefärbtem Bariton mag die hinteren Reihen nicht immer erreichen. Nach einer Feuersbrunst, real oder fiktiv erlebt, fragt sich Horla: „Wenn er nun nicht tot war? … Da werde ich also mich töten müssen, mich!“
Rationale Beobachtungen ergänzen Wahnsinnsfantasien, Wirklichkeit und Phantasmen verschwimmen. Französisch gesprochene Passagen mischen sich mit deutscher Sprache, Gesang und Sprechpartien gehen ineinander über, die Grenzen zwischen Beobachtung und Imagination verschwimmen. Die Fragen „Wer bewohnt diese Welten? Welche Gestalten? Welche Wesen?“ bleiben unbeantwortet.
Viele Begegnungen und Beziehungen um diesen Horla bleiben rätselhaft und verwoben. Dazu hat Oliva eine Musik komponiert, die das zwölfköpfige Kammerorchester eher mit leichter Hand serviert. Da ist durchaus zu hören, dass Oliva selbst vor allem auf der Flöte zu Hause ist, der er manches Leitmotiv überträgt.
Patrice Oliva und sein Team haben mit der Kammeroper Der Horla den Gästen im Lortzingsaal eine spannende, gleichzeitig unterhaltsame Inszenierung geboten, die dank eines rätselhaft-verwirrenden Librettos und einer dazu passenden, lebhaften Musik die Aufmerksamkeit fesselt. Daniel Inbal und dem Kammerorchester gelingt es mit viel Musizierlust, den verwirrten Horla klanglich in den Saal zu locken.Das Publikum ist von diesem Kammerstück begeistert und spendet minutenlangen, herzlichen Beifall.
Horst Dichanz