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RUSALKA
(Antonín Dvořák)
Besuch am
4. Februar 2025
(Premiere am 18. Januar 2025)
Rusalka ist die erfolgreichste und vorletzte Oper von Antonín Dvořák, die nach einem Libretto von Jaroslav Kvapil im Jahr 1901 in Prag uraufgeführt wurde. Das Libretto geht auf slawische Volksmythen über die rusalky – Wassergeister und Nixen – zurück und schöpft Inhalte auch aus deutschen Erzählungen sowie Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau.
Das lyrische Märchen in drei Akten wird am Theater Osnabrück in der tschechischen Originalsprache zur Aufführung gebracht.
Die aktuelle Inszenierung von Christian von Götz erzählt das romantische Märchen ganz traditionell in wirklich märchenhaften Bildern und Kostümen von Lukas Noll und schafft es, das Publikum im vollbesetzen Haus in seinen Bann zu ziehen. Über drei Stunden wird auf der Bühne eine zutiefst bewegende Geschichte packend, opulent und detailverliebt erzählt, und das Theaterpublikum folgt gespannt jeder einzelnen Sequenz. Trotz Erkältungswelle ist an diesem Abend kaum ein Hüsteln zu vernehmen und die knisternde Spannung im Raum so groß, dass man jedes Umblättern der Noten im Orchestergraben wahrnehmen kann. Ohnehin ist die gesamte Präsentation außergewöhnlich unmittelbar. Gewaltige Stimmen füllen das überschaubar große Haus. Die Handlung vollzieht sich dabei fast ausnahmslos direkt an der Rampe. Die dreigeteilte Drehbühne zeigt ihre Fronten über die gesamte Breite des Bühnenportals in direkter Nachbarschaft zum Zuschauerraum. Es gibt keine Handlung auf der Hinterbühne und das gesamte Drama spielt sich direkt vor den Augen und den Ohren der Zuschauer ab. So intensiv hat man Oper selten erlebt.

Das erste Bild scheint einem romantisierenden Gründerzeitgemälde nachempfunden, in dem Architekturelemente und die Natur idealisiert dargestellt sind. Im Zentrum ein hoher langgestreckter Torbogen, der den Blick auf eine Wolkenformationen freigibt, in deren Mitte phasenweise ein gleißender Vollmond prangt. Davor ist das Ufer eines nächtlichen Waldsees mit zahlreichen Felsen und Baumstämmen atmosphärisch gezeichnet, aus dessen Mitte die Wesen der Wasserwelt, der Wassermann, seine Tochter Rusalka und die Elfen immer wieder auftauchen und verschwinden. Flankiert wird das Bühnenarrangement von zwei haushohen Wänden, auf die, Wasserspiegelungen des Sees gleich, Projektionen geworfen werden. Dabei erscheint die gesamte Bühne auf einem dichten Bett aus waberndem Nebel zu ruhen. Alles fließt, alles bewegt sich und formt eine traumhafte Märchenkulisse, die den surreal erscheinenden, innigen Wunsch der Wassernixe Rusalka, endlich eine menschliche Seele besitzen zu wollen, glaubhaft erscheinen lässt. Besonders eindrucksvoll der Auftritt der Hexe, der durch das langsame Herabsenken einer riesigen, überdimensionierten Vogelkralle eingeleitet wird und in der Traumdeutung als Menetekel für eine Veränderung zu Ungunsten des Träumenden steht.
Im zweiten Bild ist Rusalka ihr Wunsch von der Zauberin beschieden worden, und sie befindet sich im Schloss des von ihr bedingungslos geliebten Prinzen. In Osnabrück zeigt sich das Schloss im Ambiente der böhmischen Bäder-Architektur mit einem jugendstilornamentierten Heilbrunnen im Zentrum. Badearzt und Schwestern kümmern sich um die maladen Kurgäste, und die nur halb menschgewordene Rusalka muss erkennen, dass Liebe und Leidenschaft zwei Seiten einer Medaille sind. Nicht Fisch und nicht Fleisch steht sie zwischen den Welten und kann weder den menschlichen Erwartungen entsprechen noch in ihre alte Welt zurückkehren. Von ihrem idealisierten Prinzen wird sie zurückgestoßen, um den irdischen Freuden mit einer fremden Fürstin zu frönen. Sie ist tot unglücklich gestrandet, in einem Schicksal ohne Perspektiven gefangen.
Das dritte Bild zeigt Rusalka zwischen den Welten. Dafür nimmt die Drehbühne nun eine Position zwischen den beiden vorherigen Bühnenbildern ein. Die spitze Kante des Bühnenaufbaus zeigt in Richtung Zuschauerraum, und man erkennt auf beiden Seiten die in die Tiefe des Bühnenraums zurücklaufenden Fassaden der vorherigen Spielorte. In diesem Niemandsland zwischen Natur und Zivilisation sucht die verzweifelte Rusalka wiederum Rat bei der Zauberin. Der Aufforderung, den Prinzen zu töten und damit alles Unrecht zu tilgen, möchte Rusalka allerdings nicht folgen.
Im finalen Bild zeigt sich der geläuterte Prinz auf der verzweifelten Suche nach seiner geliebten Rusalka, die ihm letztlich erscheint und seinem innigen Wunsch entspricht, ihn durch einen todbringenden letzten Kuss wieder mit dem Leben zu versöhnen. In Osnabrück ähnelt die Charakterzeichnung des Prinzen einem Ludwig II, der wie getrieben auf der rastlosen Suche nach neuen Musen, neuen Idealen in der wahren Welt scheitert.
Es ist eine bewegend traurige Parabel über ungestillte Sehnsucht nach einer alles vereinenden, alles versprechenden, idealisierten Liebe, die es aber in diesem Märchen nicht zu geben scheint. Einzig der orchestrale Ausblick in Des-Dur am Ende der Oper, der zumindest ein Gefühl der Zuversicht vermittelt. Passend dazu ein Zitat Dvořáks: „Nie ist die Sonne untergegangen, um nie wieder aufzugehen“.
In Zeiten einer um sich greifenden Digitalisierung und Entfremdung scheint die doch sehr analoge Osnabrücker Inszenierung einen Nerv zu treffen. Tiefe Gefühle in einer idealisierten Bebilderung als komplexer Illusionsraum angelegt, der den Zuschauer für einige Stunden aus der irritierenden Realität zu entführen in der Lage ist.
Getragen wird die reich bebilderte Illusion von der gefühlsbetonten Musik Antonín Dvořáks, die mit einem Spannungsbogen von zarten Harfensoli, über bewegte Crescendo-Passagen bis hin zur eruptiven Klimax für sich einzunehmen versteht. Die musikalische Umsetzung gelingt überragend gut. Das Sängerensemble begeistert ohne Ausnahmen und zeigt eine Leistungsfähigkeit, die man an einem Haus dieser Größenordnung nicht erwartet.

Tetiana Miyus glänzt in der komplexen Rolle der Rusalka und erreicht mühelos die mörderischen Höhen der Partie, vermag aber auch den lyrischen Momenten zu entsprechen, die die Rusalka so ungemein zart und zerbrechlich erscheinen lässt. Ihre Interpretation der Mondarie im ersten Akt ist im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernd. Ein grandioses Rollendebüt der aus Graz nach Osnabrück gewechselten Sopranistin.
Für die sehr fordernde Rolle des Prinzen hat Sung Min Song das entsprechende Stimmmaterial. Sein stimmgewaltiger Tenor lässt den Zuschauerraum erbeben. Man merkt ihm seine Professionalität an. Er hatte sein Rollendebüt bereits vor drei Jahren an der Komischen Oper Berlin in einer Produktion von Barrie Kosky.
Grandios der Auftritt von Nana Dzidziguri als Zauberin und Hexe. Der ausdrucksstarke, tiefe Mezzosopran der in Georgien ausgebildeten Sängerin entfaltet eine ganz besondere Magie, der man sich nicht entziehen kann. Auch ihre Bühnenpräsenz ist ohne Einschränkung stark und intensiv.
Bestens aufgelegt auch Susann Vent-Wunderlich als fremde Fürstin, die die leidenschaftliche Verführung stimmlich und darstellerisch überzeugend auf die Bühne bringt. Die vornehme Qualität ihrer satten Stimmlage verdient ganz besondere Erwähnung.
Der profunde Bass von Dominic Barberi verleiht der Rolle des Wassermanns größtes Gewicht. Dass er aus dem internationalen Opernstudio der Berliner Staatsoper unter Daniel Barenboim entstammt, lässt aufhorchen und unterstreicht den hohen musikalischen Anspruch.
Spielerisch bestens aufgelegt auch Susanna Edelmann in der Doppelrolle der Krankenschwester und der ersten Elfe. Ihr jugendlicher Sopran gefällt in beiden Rollen.
Alle weiteren kleinen Rollen sind in Osnabrück wirklich gut besetzt: Jan Friedrich Eggers als Badearzt, Chihiro Meier-Tejima als zweite Elfe sowie Kathrin Bauer als dritte Elfe.
Ein kleiner Wermutstropfen im moussierenden Champagner der Gesamtproduktion ist die Einspielung des Damenchores vom Band, die sich sehr von der musikalischen Unmittelbarkeit der so besonderen, so poetischen Operndarbietung abhebt.
Das Philharmonische Orchester Osnabrück entspricht den Herausforderungen der spätromantischen Partitur von Dvořáks Meisterwerk vollumfänglich. Die differenzierte Interpretation unter der musikalischen Leitung von Andreas Hotz bringt den Kanon der Klangfarben zum Aufblühen und ist Garant für diese fulminante Produktion der Rusalka am Theater Osnabrück.
Bernd Lausberg