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Mystiker, Fanatiker, Zweifler

SAN PAOLO
(Sidney Corbett)

Besuch am
30. Mai 2018
(Premiere am 28. Mai 2018)

 

Theater Osnabrück

In der Tat: Dieser San Paolo, der heilige Paulus, zu dem Pier Paolo Pasolini trotz mehrjäh­riger Arbeit nur Skizzen für einen Film hinterließ, passt  in unsere Zeit – vielleicht mehr, als uns lieb ist. Pasolini versetzt Paulus in die Mitte des 20. Jahrhun­derts  und skizziert ihn als tief gläubigen, oft mystisch gebun­denen, missio­na­risch eifernden, aggres­siven und zugleich zweifelnden Vertreter und Verkünder der Lehre des Jesus Christus, dem er sich ganz verpflichtet fühlt. Eine Figur, von der Pasolini meint, „dass der heilige Paulus hier, heute, unter uns ist und dass er das fast physisch und materiell ist“.

Konse­quent richtet Alexander May die Vorlage, für die Ralf Waldschmidt eine Textfassung schrieb, als realis­ti­sches, kühles Dokumen­tar­stück ein, das man sich auch in einer anderen Zeit vorstellen  kann. Hierzu baut Wolf Gutjahr eine aus mehreren hohen Kuben zusammen gesetzte Bühne auf, der er das Aussehen eines  Bauge­rüstes oder die kühlen weißen Räume eines Labors gibt. Die Drehbühne ermög­licht einen schnellen Wechsel zu imagi­nären Plätzen oder Räumen, wenn die Gemeinde auftritt, Soldaten oder Polizisten erscheinen. Für seine Reden und Diskus­sionen braucht Paulus keine privaten Räume, sein Auftrag ist öffentlich.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Jan Friedrich Eggers  stellt einen Paulus vor, der einer Mischung von Sekten­ver­treter und Bankan­ge­stelltem ähnelt. Mit voller, barito­naler Stimme gibt er einen Paulus, dem sowohl die Unsicherheit und Zerris­senheit seines Glaubens wie auch die drängende Verpflichtung als christ­licher Missionar in seiner jüdischen Umgebung vertraut sind.  Eggers zeigt diese wechselnden Seiten der Figur mit sparsamer, aber überzeu­gender Deutlichkeit. Daniel Wagner, Tenor, zunächst jüngerer Freund und Wegge­nosse des Paulus, wird Opfer des antichrist­lichen Mobs.

Als una voce, die sich selbst als Jesus vorstellt, übernimmt Lina Liu mit klarem, kräftigem Sopran die etwas ausseitige Rolle einer imagi­nären Figur der Stimme Jesu. Das feurige Tempe­rament, das Susann Vent-Wunderlich ihrer Rolle als Giovanni detto Marco verleiht, ragt aus den übrigen Figuren hervor. In mehreren wechselnden Rollen, mal als „Menge“ auf dem Markt­platz, mal als jüdische Gemeinde, mal als Schickeria in New York trägt der Opernchor zur Färbung  der Stimmungen erheblich bei. In weiteren Rollen überzeugen Genadijus Bergorulko, Klaus Fischer und Rhys Jenkins.  

Foto © Jörg Landsberg

Pasolinis Weltbild ist klar geordnet. In der Rolle des früheren Rom sieht er heute New York und Washington, als kultu­relles und religiöses Zentrum denkt er nicht mehr an Jerusalem, sondern an Paris, an der Stelle des früheren Athen sieht er heute Rom. In seiner morali­schen Überzeugung greift  er kraft seiner religiösen Botschaft eine Gesell­schaft an, deren Kennzeichen die Gewalt des Klassen­kampfes, des Imperia­lismus und des Sklaventums ist. Er sieht die Kirche tief verwundet und gibt auf die Fragen der Menschen „ausschließlich religiöse Antworten“. Seine Moral und seine Ästhetik sind religiös fundiert. Diesen Vorstel­lungen Pasolinis folgt Alexander May in seiner Insze­nierung, in der Wort und Musik die Haupt­rollen spielen, das Geschehen erläutern und die Spannung aufrecht­erhalten.  Jana Schatz kümmert sich um mal rätsel­hafte, mal mystisch-spannende Video­ein­blen­dungen, wenn etwa bei Stimm­auf­tritten von Jesus riesige, sich bewegende Augen die Allge­genwart Gottes symbolisieren.

Sydney Corbett liefert mit seiner Musik die zweite Auftrags­arbeit für das Theater Osnabrück und trägt mit seiner Kompo­sition wesentlich zum zeitnahen Charakter dieses Musik­theaters bei. Als Leiter des Forums für Neue Musik in Mannheim steht er in unmit­tel­barer Berührung mit der aktuellen Musik­szene und kann sicher­stellen, dass seine Arbeiten wirklich am Puls der Zeit spielen, hier klingt eine „Oper neuen Stils“. Er verzichtet in seiner Musik für San Paolo weitgehend auf gefühl­volle, harmo­nische Passagen und Arien; mit einem umfang­reichen Schlagwerk, mal fein dosiert, mal wuchtig den Raum füllend, schafft er Inten­sität und Spannung, die manchen Zuhörer überrascht. Dem routi­nierten Osnabrücker Sympho­nie­or­chester unter der Leitung von Daniel Inbal gelingt es vorzüglich, feinfühlig und mit eher sparsamen Mitteln eine überra­schende Dichte und Inten­sität zu erspielen, die sich gegen Schluss noch steigert.

Zwischen den religiös bedeut­samen Tagen des Pfingst­festes und dem Fronleich­namstag präsen­tiert das Theater Osnabrück mit einem keineswegs fröhlichen Stück eine Insze­nierung, der sowohl die Übertragung eines Filmstoffes auf das Medium Musik­theater wie auch die zeitliche Umsetzung eines etwa 2000 Jahre alten Stoffes in eine nahe Zeit gelingt. Und so fällt der Schluss­ap­plaus im mäßig besetzten Haus doch überra­schend kräftig aus. In einer strin­genten, gerad­linig-klaren Insze­nierung überzeugt Alexander May das Publikum, dem zunächst wider­spens­tigen Stoff Höhepunkte abzuge­winnen und eine überzeu­gende, spannende Aufführung zu erleben.

Horst Dichanz

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