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Lina Liu und Ricardo Tamura - Foto © Jörg Landsberg

Zorn und Liebe

TOSCA
(Giacomo Puccini)

Besuch am
27. April 2019
(Premiere am 19. Januar 2019)

 

Theater Osnabrück

Puccini hat an seinem Opus Tosca bis zum Schluss immer wieder gearbeitet, bis zur Urauf­führung 1900 in Rom liegen mehrere Fassungen vor, von denen sich die hier gespielte Version mit dem Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica durch­ge­setzt hat. Es dürften vor allem die Grund­ele­mente  der Oper und die sehr gefäl­ligen, einschmei­chelnden Melodien der Arien sein, die diese Oper zu einem der meist gespielten Werke der Opern­li­te­ratur gemacht haben. Dabei schrieb Giacosa noch 1889, „dass die Tosca kein Stoff für eine Oper ist“. Zorn, Eifer­sucht und Liebe: Zwischen diesen Polen bewegt sich das Gefühls­leben der Floria Tosca, die sich – schließlich verzweifelt und ausweglos – zwischen zwei Männern zu orien­tieren versucht und den dritten zurück­weist, die jeder andere Absichten hegen – und keineswegs nur edle. Wie im und nach jedem Krieg sind auch in Rom, in Italien um 1800 die Verhält­nisse durch­ein­an­der­ge­raten; Übergriffe, Willkür und Korruption bestimmen den Alltag. Frank­reich und Öster­reich kämpfen um die Vorherr­schaft im zersplit­terten Europa, der Kirchen­staat mischt munter in der Politik mit. Da hat es ein Liebespaar wie die Sängerin Floria Tosca und der Maler Cavara­dossi schwer, seine Sehnsüchte und edlen Absichten zu leben. Wenn sich dann noch Staats­räson und Geheim­po­lizei dazu mischen, sind  Willkür und Chaos nicht mehr weit. Wie die einzelnen Personen „an solchen Systemen zerbrechen müssen, nicht aber ihr freier Geist“, das zu zeigen, ist Absicht der vielseitig arbei­tenden Regis­seurin Mascha Pörzgen. Es gelingt ihr mit ihrer Tosca-Insze­nierung nur zum Teil.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Obwohl die Aufführung die letzte der diesjäh­rigen Tosca-Insze­nierung ist, haben Darsteller und Orchester keine Mühe, das Intrigen- und Schick­sals­spiel der Protago­nisten aus dem Rom um 1800 mit Energie und Elan auf die Bühne zu bringen. Andreas Hotz hat mit dem Osnabrücker Sympho­nie­or­chester einen erfah­renen und musika­lisch bestens gelaunten Klang­körper zur Hand, der mit dem Opernchor, einem Extra- und einem Kinderchor gut harmo­niert. Die Titel­rolle der Tosca füllt Lina Liu musika­lisch und darstel­le­risch hervor­ragend aus. Sie präsen­tiert mit geschmei­digem Sopran bekannte Arien wie Vissi d’arte zur Freude der Zuhörer glasklar und überzeugt auch darstel­le­risch. Auch Ricardo Tamura, Tenor, als Maler Cavara­dossi und José Gallisa als Staats­feind Cesare Angelotti, Bass, überzeugen mit kräftigen, wohl tönenden Stimmen. Bariton Rhys Jenkins, „ein bigotter Frömmler“ und Frauenheld, hat es in der Rolle des „Bösewichts“ schwerer, überzeugt aber ebenfalls als Baron Scarpia.

Lina Liu – Foto © Jörg Landsberg

Doch trotz der durchweg guten Gesangs­bei­träge und eines lebendig aufspie­lenden Orchesters bleibt der Gesamt­ein­druck verhalten, sehen die Zuhörer nur einmal einen Anlass für einen vorsich­tigen  Zwischen­ap­plaus, der zündende Funke springt nicht über. Irgendwie kommt das Geschehen nicht aus dem Ambiente eines italie­ni­schen Bergdorfes heraus, Andeu­tungen des höfisch-adligen Flairs, des lustvollen Lebens am Hofe der Edelleute  sucht der Besucher vergebens.

Mascha Pörzgen hat darauf verzichtet, ihre Insze­nierung „auf den Tag und andere histo­rische Details“ festzu­legen. Polizisten tragen eben Uniformen und haben eine Maschi­nen­pistole unter dem Arm … Sie sieht in der Osnabrücker Aufführung ein Musik­drama, das „unser heutiges Empfinden zeitge­nös­sisch“ bedient. Die Aufführung wirkt nach Bühnenbild und Ausstattung der Figuren eher schmucklos, die Perso­nen­cho­reo­grafie manchmal unver­ständlich. Die Garderobe der Sängerin Floria Tosca, eine „selbst­wusste Diva“, wirkt alles andere als „damenhaft“.

So erleben die Besucher dieser letzten Aufführung einen musika­lisch sinnlich-emotio­nalen, manchmal berau­schenden Melodien­abend, der sich zu selten im Spiel auf der Bühne wiederfindet.

Horst Dichanz

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