O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Mit dem Rosenkavalier wendet sich Strauss ab vom avantgardistischen Kompositionsstil der Salome und Elektra, der ihn bis an Schönbergs Dodekaphonie geführt hatte, und kehrt zurück, wie er selbst sagt, zur „Spiel‑, Gemüts- und Menschenoper“. „Das hatte einschneidende Folgen für seinen Stil und die Struktur seiner weiteren Opern. Das Riesenorchester wird abgebaut – in Ariadne auf Naxos auf 36 Musiker. An Stelle der symphonischen Evolution treten weitgehend wieder geschlossene Formen, Arien und Ensembles, in denen die Singstimmen sich melodisch und belcantistisch entfalten … Elemente der ‚buffa‘, ‚seria‘ und ‚commedia dell’arte‘, des Singspiels, der Zauberoper, der mythologischen Oper, der lyrischen Komödie, kurz, alle Formen und Ausdrucksvarianten des älteren Musiktheaters wurden in diesem Umwandlungsprozess einbezogen und schöpferisch erneuert“, schreibt Hans Renner. Strauss war sich dieser „Regression“ voll bewusst. „Früher befand ich mich auf Vorpostenstellung, heute bin ich fast in der Nachhut.“ Doch ist er diesem sehr persönlichen Stil für den Rest seines musikalischen Schaffens treu geblieben.
Ariadne ist die dritte Oper in der langen Zusammenarbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Die erste Aufführung in der endgültigen, überarbeiteten Fassung, 1916 in der Hofoper in Wien mit Lotte Lehmann in der Rolle des Komponisten und Maria Jeritza als Ariadne, wurde zu einem Triumpf. Die Oper hat seitdem die internationalen Bühnen erobert und nicht mehr verlassen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die heutige Inszenierung hat das Théâtre des Champs Elysées von den Sommerfestspielen in Aix-en-Provence im vergangenen Jahr übernommen. Sie stammt von Katie Mitchell und ihrem Team, die durch das Purcell-Potpourri Miranda in der Opéra Comique 2017 in nicht allzu guter Erinnerung geblieben sind. Bei Ariadne interessiert sich Mitchell nach eigener Aussage vor allem für den soziokulturellen „Meta-Rahmen“ der Oper. Auf der Bühne ist der elegante, klassizistische Salon mit den art-deco-Leuchtkörpern einleuchtend, in dem ein Teil als Bühne abgeteilt ist, der andere als kleiner Zuschauerraum. Das ist glaubhaftes Haus-Theater. Aber was darin vorgeht, macht eher nervös und wird dann langweilig. Im Prolog durchlaufen eine Unzahl von Personen – Darsteller und Statisten – unaufhaltsam die Bühne, um das Opern-Schauspiel vorzubereiten. Es wird ausgeräumt, eingeräumt, umgeräumt, ausgepackt und eingepackt, währenddessen die Sänger und Sängerinnen verzweifelt versuchen, ihre Rolle zu spielen. Im Theater auf dem Theater, das ja den Charme der Oper ausmachen sollte, ist es nicht besser. Alles ist strukturlos und schwerfällig. Die Kostüme sind trostlos hässlich. Der Tanzmeister ist ganz in rosarot gekleidet und auf hohen Stöckelschuhen unterwegs. Seine Tänzer der Commedia dell’arte sind eine Art von Slapstick-Clowns mit bunten Luftballons, roten Kugelnasen, spitzen Silvesterkegeln auf dem Kopf und neon-leuchtenden Hüftbinden über den schwarzen Hosen, Zerbinetta in hellorangefarbenem, kurzem Kleidchen auch mit – auf Knopfdruck – aufleuchtenden Neon-Streifen, Baskenmütze auf dem Kopf und Sonnenbrille auf der Nase. Sie alle versuchen vergeblich, die unbewegliche Ariadne in ihrem formlosen, grau-schwarzen Kleid aufzuheitern. Man kann nachempfinden, dass solch ein eher tristes Kabarettspektakel die arme Ariadne eher noch mehr deprimiert, bis sie, nachdem sie bei jeder Arie endlos ihren Bauch gestreichelt hat, schließlich auf dem Tisch mitten auf der Bühne ein Kind gebärt. Um die Mäzenen-Situation der heutigen Theater noch besser ironisieren zu können, hat die Regisseurin „den reichsten Mann Wiens“, der bei Hofmannsthal ausdrücklich nie erscheint, samt seiner Frau dem Schauspiel beiwohnen lassen. Aus nicht erfindlichen Gründen ist er mit langem, rotem, weit ausgeschnittenem Abendkleid und sie mit schwarzem Smoking bekleidet. All das Geschehen auf der Bühne spielt sich ab ohne erkennbare Choreografie. Von Hofmannthals Text dringt nichts durch, kein Zauber, keine Magie, nicht einmal ein bisschen Charme, ein bisschen Grazie oder ein bisschen feiner Humor. Schade!

Im Hinblick auf die zunehmende Tendenz, die Ausstattung auf der Bühne, vor allem die Kostüme, möglichst hässlich zu gestalten, und davon ausgehend, dass von manchen Regisseuren alles Schöne vielleicht ein visueller Skandal gegenüber den Unterbemittelten sei, stellte Alain Duault unlängst die Frage, ob das nicht als ein „sozialer Revanche-Akt“ zu werten sei: das Hässliche als eine Art Buß-Geste gegenüber dem vorgeblichen Prunk der Oper. Und er kommt zu dem Schluss: „Man könnte aber auch sagen, eine Funktion der Oper sei es, dem Zuschauer Vergnügen zu bereiten und das Schöne sei ein Element des Vergnügens und die ästhetische Sublimation eine der möglichen Wege zur Veredlung des Menschen, die ihn aus seiner primären Beziehung zur Welt herausreißt. Dabei soll absolut nicht in Frage gestellt werden, dass die Kunst auch die Funktion hat, die Welt widerzuspiegeln – aber die Welt ist nicht immer hässlich!“
Musikalisch ist die Aufführung weit besser gelungen, wenn auch die Sänger und Sängerinnen es manchmal schwer haben, nicht im Chaos auf der Bühne unterzugehen. Camilla Nylund ist keine Lisa della Casa, aber sie singt klangreich die Ariadne, besonders schön in den lyrischen Partien und eindrucksvoll in den dramatischen. Sehr weihevoll in Es gibt ein Reich, wo alles rein ist. Aber sie spielt nicht, sie bleibt bewegungslos. Auch Kate Lindsay, hier offensichtlich nicht Komponist, sondern Komponistin, singt ihre Rolle mit schöner, wohl kontrollierter Stimme, aber auch sie ist regiebedingt sehr nüchtern und zurückhaltend. Und der Zauber am Ende ihres Duetts mit Zerbinetta kommt nicht zustande. Olga Pudova hat es nicht leicht bei all der Schwerfälligkeit, eine unbeschwerte, pfiffige Lebensfreude an den Tag zu legen. Ihre Spitzentöne sind nicht immer einwandfrei und ihre große Arie Großmächtige Prinzessin daher nur ein halbes Feuerwerk. Roberto Saccà ist ein überzeugender Bacchus und sein Duett mit Ariadne in fast wagnerianischer Dramatik ein schöner Abschluss der Oper. Sehr stimmungsvoll das Dreigestirn Beate Mordal, Lucie Roche und Elena Galitskaya, Jean-Sébastien Bou versucht als unermüdlicher Musiklehrer, es allen recht zu machen, grotesk-komisch trippelt Marcel Beekman als Tanzlehrer. Alle anderen Nebenrollen ergänzen wirkungsvoll das Ensemble.
Jérémie Rohrer dirigiert und kontrolliert die Aufführung mit gemessener Zurückhaltung. Ob er sich dabei in neuen Klangbereichen versuchen will, ist nicht klar. Doch hat er in dieser Aufführung den üblichen weichen, post-romantischen „Strauss-Ton“ nicht getroffen.
Trotz einiger Vorbehalte darf man dem Théâtre des Champs Elysées dankbar sein, mal wieder eine Strauss-Oper in Paris sehen zu dürfen. Auch das Publikum freut sich darüber.
Alexander Jordis-Lohausen