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Im Jahre 1653 wird Jean-Baptiste Lully vom jungen Ludwig XIV zum königlichen Hofkomponisten ernannt. Inzwischen sind 33 Jahre vergangen. Während der Zeit hat Lully als unumstrittener Meister alle musikalischen Aufführungen bei Hof geprägt und alle Konkurrenten aus dem Feld geschlagen. Vor allem er hat neben der italienischen nun auch eine französische Oper geschaffen. Doch der König ist jedoch, und besonders seit seiner morganatischen Ehe mit der bigotten Madame de Maintenon, prüde und noch unduldsamer geworden. Lullys Homosexualität geht ihm auf einmal sehr gegen den Strich. Lully fällt in Ungnade. Die eben noch bestellte Oper Armide – das Textbuch stammt von seinem langjährigen Textdichter Philippe Quinault nach einem Text von Torquato Tasso – kommt zwar noch zustande. Und die Oper wird ein großer, anhaltender Erfolg, aber in Abwesenheit des Königs. Es ist Lullys letzte Oper sein. Er stirbt ein Jahr nach der Uraufführung, Quinault im darauffolgenden Jahr. Es ist das Ende einer Ära.

Die Oper hält sich auch während des 18. Jahrhunderts auf der Bühne. „Die Oper Armide ist Lullys Meisterwerk und der Monolog der Amide ist das Meisterstück der Oper!“ begeistert sich Denis Diderot. Diese Begeisterung ist nicht erstaunlich, dann das Werk ist szenisch und vor allem musikalisch von reicher Vielfalt und durchläuft besonders im zweiten Akt von Wut und Hass über Betroffenheit und Hilflosigkeit bis hin zu Liebe und Leidenschaft so ziemlich alle menschlichen Stimmungen. Ganz zu schweigen von der großangelegten Passacaille für Solisten, Chor und Orchester im fünften Akt. Erst Glucks neue Vertonung desselben Textbuchs im Jahre 1777 lässt Lullys Werk bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in der Versenkung verschwinden.
Nach der üblichen Huldigung des Königs – hier von zwei allegorischen Figuren, Ruhm und Weisheit – erzählt das Textbuch die mythische Geschichte der orientalischen Zauberin Armide, die sich von keiner Macht unterwerfen lässt, schon gar nicht von einer männlichen. In einer Schlacht zur Zeit der Kreuzzüge will sie vor allem den gefürchteten Kreuzritter Renaud bezwingen. Als sie ihn jedoch mit Hilfe von Dämonen in ihre Gewalt gebracht hat, entbrennt sie in Liebe zu ihm. Und obwohl sie alle Dämonen der Hölle, darunter den Geist des Hasses, zu Hilfe ruft, ist sie unfähig, ihre Liebe zu Renaud abzutöten. Durch Armides Zaubermittel ist auch Renaud in blinder Liebe zu ihr entflammt. Erst als seine Mitstreiter ihn finden und ihm einen ernüchternden Zauber-Spiegel vorhalten, gelingt es ihm, sich von ihrem Liebeszauber zu befreien und sie zu verlassen. Als Armide nicht mehr gelingt ihn zurückzuhalten, schwört sie wilde Rache und entflieht.
Eineinhalb Jahre nach der Aufführung von Glucks Oper Armide, bringt die Opéra Comique nun auch die ursprüngliche Vertonung Lullys auf die Bühne. Und wieder ist es Christophe Rousset, der die musikalische Leitung und Lilo Baur und ihr Team, die die Inszenierung übernehmen. Doch Baurs Sicht ist hier eine andere, so wie sie auch ihre Protagonisten verändert hat. Die edle Ästhetik in der Gluck-Inszenierung weicht rauen, einfacheren Bildern. Doch ist in Bruno de Lavenères Dekor der weitverzweigte Baum geblieben als Symbol der von Armide beherrschten und verzauberten und meist nächtlichen Natur, die die Tänzer in den erstaunlichsten Formen als Felsen oder rieselnde Bäche ergänzen. Armide ist weniger Prinzessin als rebellische, zaubernde Feministin, aus dem romantisch-melancholischen Renaud wird ein herrischer, autoritärer Kriegsherr. Alain Blanchots Kostüme sind meist weit und unförmig, schwarz oder grau mit roten Zwischentönen. Der Chor und ein sehr gutes Tanz-Team gehen gemeinsam, laufen, winden und verrenken sich, wehen wie im Wind in komplizierten Ausdruckstänzen und halten die Bühne, nicht nur während der Ballette, in fast ständiger Bewegung. Cláudia de Serpa Soares‘ Choreografie ist nicht immer, aber manchmal sehr stimmungsvoll, wie in der sehr pastoralen, nächtlichen Schlafszene Renaults, umgeben vom wachen Geistern mit Lichtern in der Hand, oder auch in der Schauer-Szene, in der die dunkel verschleierten, bösen Geister des Hasses wie Erinnyen Armide die Liebe austreiben wollen.

Ambroisine Bré durchläuft eindrucksvoll, mit großer Ausdruckskraft deklamierend, schauspielerisch und stimmlich die ununterbrochen wechselnden Stimmungen der Armide. Von der Siegesgewissheit Enfin, il est en ma puissance im zweiten Akt, über die zwiespältige Liebe Ah! Si la liberté! im dritten Akt bis zum wilden Racheschwur am Ende der Oper Le perfide Renaud me fuit! Ihr gegenüber ist Cyrille Dubois der meist eher perplexe Renaud. Noch sehr kriegerisch in seinem Auftritts-Monolog Par une heureuse indifference im zweiten Akt, verfällt er bald dem Zauber, in dem ihm alles sehr merkwürdig vorkommt, in dem nur noch die Liebe zu Armide zählt, bis er am Schluss der Oper wieder zu sich kommt: Armide, il est temps que j’évite. Hidraot, Armides ehrwürdiger Onkel, ist mit gediegener Baritonstimme Edwin Crossley-Mercer. Vergeblich versucht er gleich zu Beginn der Oper, seine widerspenstige Nichte dazu zu bewegen sich zu verheiraten: Armide, que le sang qui m‘unit avec vous. Anas Séguin ist ein eher sympathisch aussehender Geist des Hasses, der im dritten Akt mit sonorem Bass sehr darüber verärgert ist, dass Armide schließlich auf seine Hilfe verzichtet, N’implore-tu mon assistance que pour mépriser ma puissance? Sehr hübsch anzusehen and anzuhören sind Armides junge Gefährtinnen Sidonie und Phénice, dargestellt von Florie Valiquette und Apolline Raï-Westphal, die in den Rollen der Zaubergeister Mélisse und Lucinde im vierten Akt sehr komisch und verführerisch versuchen, Ubalde und den dänischen Ritter zu umgarnen, die aber durch ihr Zauberzepter der Umgarnung gerade noch entgehen. Letztere sind sehr glaubhaft durch Lysandre Châlon und Enguerrand de Hys verkörpert. Abel Zamora ist der reiche Liebhaber.
Musikalisch scheint Christophe Rousset Lully entschieden eine seiner vordringlichsten Lebensaufgaben geworden zu sein. Er hat fast alle der dreizehn tragédies musicales von Lully dirigiert und aufgenommen. So ist er auch hier ganz in seinem Element und leitet vom Cembalo aus sein ausgezeichnetes Ensemble Les Talents Lyriques, den kraftvollen Kammerchor Les eléments sowie die Solisten mit der präzisen und mitreißenden Maestria, die man von ihm gewohnt ist.
Das Publikum ist sehr zufrieden.
Alexander Jordis-Lohausen