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Fast vergessen, aber sehr sehenswert

BEATRICE DI TENDA
(Vincenzo Bellini)

Besuch am
9. Februar 2024
(Premiere)

 

Opéra National de Paris, Bastille

Zu Unrecht wird Bellinis Oper Beatrice di Tenda nur selten aufge­führt. Nach dem Riesen­erfolg seiner Norma an der Scala in Mailand schließt der Komponist einen Vertrag mit der Fenice in Venedig für eine neue Oper ab. Doch sein Textdichter Felice Romani ist überlastet, und dadurch gerät auch der Komponist unter Zeitdruck. Das Werk wird etwas hastig fertig­ge­stellt, kommt am 16. März 1833 zur Aufführung und fällt durch. Eine Oper, die von Willkür, von Folter, von Grausamkeit handelt, die zur Revolution aufruft. Das Publikum ist enttäuscht, ja, schockiert, es hatte sich vom „großen Bellini“ etwas anderes erwartet. Dabei ist es musika­lisch ein sehr reizvolles Werk, mit stetig wechselnden Rhythmen und Tempi, drama­tisch aufwüh­lenden Ensem­ble­szenen und den bei Bellini so bewun­dernswert langen legati. Doch die Handlung ist nicht immer packend und vor allem sehr politisch. Mag sein, dass im Zeitalter der Restau­ration dieser Umstand auch eine Rolle spielt. Ja, es ist sogar erstaunlich, dass die kaiserlich-öster­rei­chische Zensur die Oper damals in Venedig zugelassen hat. Auch später hat Beatrice di Tenda nie annähernd denselben Erfolg wie Bellinis voraus­ge­gangene Opern, sie wird vergessen. Der Komponist ist über den Misserfolg so enttäuscht, dass er Italien verlässt und sich, wie schon vor ihm Rossini, in Paris nieder­lässt, wo auch seine letzte Oper I Puritani entsteht.

Foto © Franck Ferville

Das Libretto von Beatrice di Tenda folgt histo­risch ziemlich genau einer Episode der Mailänder Geschichte des frühen 15. Jahrhun­derts. Der Herzog Filippo Visconti von Mailand hatte aus politi­schen Gründen Beatrice di Tenda, die viel ältere Witwe seines verstor­benen Feldherrn, gehei­ratet. Doch nach sechs Jahren Ehe ist er ihrer überdrüssig und will sie loswerden, zumal sie mit seinen autokra­ti­schen Maßnahmen nicht einver­standen ist. Die Gräfin Agnese del Maino liebt den Pagen Orombello, der ihr aber unvor­sich­ti­ger­weise gesteht, dass er Beatrice sehr verehre. Um sich zu rächen, stiehlt Agnese bei Beatrice Dokumente und bringt sie dem Herzog als Beweis­mittel gegen die Herzogin. Filippo Visconti beschuldigt daraufhin Beatrice des Ehebruchs mit Orombello. Der gesteht unter der Folter sein Vergehen, doch widerruft kurz vor seinem Tode das erpresste Geständnis. Von Gewis­sens­bissen geplagt, ist der Herzog fast schon gewillt, den Prozess abzubrechen, als man ihm meldet, dass bewaffnete Anhänger der Herzogin im Anmarsch auf seine Burg seien. Das besiegelt endgültig ihr Schicksal.  Nun wird auch Beatrice gefoltert, aber weist trotz der Qualen standhaft alle Anschul­di­gungen zurück. Dennoch wird sie zum Tode verur­teilt. Agnese, von Reue überkommen, bittet sie um Vergebung, die Beatrice ihr schließlich gewährt, bevor sie gefasst zur Hinrichtung schreitet.

Regisseur Peter Sellars hat die Oper nun, was naheliegt, in unsere Zeit versetzt. Aus dem Herzog wird ein blutrüns­tiger Diktator, aus der Herzogin eine Freiheits- und Metoo-Märty­rerin, Orombello ein Wider­stands­kämpfer und folks­inger. Sellar sagt selbst über seine Insze­nierung: „Seit 25 Jahren fesselt mich diese Oper. Es ist die Geschichte einer Regie­rungsform, die alles Freiheits­streben des Volkes nieder­schlägt, aber es ist auch eine Botschaft der Befreiung, des Muts und der Heraus­for­derung an alle Dikta­turen.“ Der Regisseur lässt es dabei in den entspre­chenden Szenen nicht an blutigem Realismus fehlen. George Tsypins Einheits-Dekor, verschieden beleuchtet, ist im ersten Akt ein stili­sierter, formaler Palast­garten, im zweiten das Tribunal. Camille Assafs Kostüme sind zeitge­nös­sisch, unscheinbar und dunkel, oft aus schwarzem Leder. Wenn Bühnenbild und Kostüme auch wenig inspi­rierend sind, so bleibt der Gesamt­ein­druck des Geschehens sehr eindrucksvoll.

Foto © Franck Ferville

Tamara Wilson ist, wie sie selbst sagt, ein nicht definier­barer Sopran, der alles singt, von Händel und Mozart bis zu Verdi, Wagner und Richard Strauss. Da muss ihr wohl der Belcanto besonders liegen, denn mit der Musik Bellinis und in der Rolle der Beatrice liefert sie eine erstaun­liche Darbietung ihres stimm­lichen Könnens. Vom leisen Schluchzen im mezza-voce bis zur lautstarken Empörung und Auflehnung im fortissimo durch­läuft sie sensibel und gewaltig alle Register, wie im Duett mit dem Herzog in ersten Akt Tu qui, Filippo und dann auch wieder in der Tribu­nals­szene Nulla diss‘io im zweiten Akt. Ihr gegenüber singt Quinn Kelsey mit kraft­vollem, schön timbriertem Bariton den grausamen Herzog, unerbittlich voller Hass und Vorwurf – Equali? Ingrata! Odio e livore im Streit­duett mit der Herzogin im ersten Akt, dann aber auch wieder sehr menschlich in seiner macht­vollen Einsamkeit ganz lyrisch O divina Agnese!  gleich zu Beginn der Oper. Den liebe­vollen Pagen Orombello singt mit leuch­tendem Tenor und spielt manchmal erschre­ckend wirklich­keitsnah Pene Pati, sehr ergreifend in der Szene, als er schon dem Tode nahe blutüber­strömt als blinder Krüppel dann doch noch Beatrices Unschuld beteuert Cessa, cessa. Ah tu nos sai … und mit sehr gefühl­voller, fast schon überir­di­scher Stimme im sehr stimmungs­vollen Angiol di pace, all’anima la boce tua mi suona am Schluss der Oper. Er bemerkt selbst dazu: „Wenn wir in (unserem heimat­lichen) Samoa singen, versuchen wir alles darin mitauf­zu­nehmen … Oft sagen die Gesangs­lehrer den Sängern, mehr Gefühl zuzulassen. Bei uns ist es das Gegenteil, manchmal müssen wir die Gefühle etwas mehr kontrol­lieren.“ Theresa Kronthaler stellt sich gleich zu Beginn der Oper mit klarer Sopran­stimme als die unglück­liche, Liebe suchende Agnese vor: Ah, non pensar che pieno sia nel poter diletto. Im   wirklichen Leben Bruder Pene Patis, ist Amitai Pati in der Oper mit ähnlich schönem Tenor der treue Freund Orombellos, der aber die Tragödie nicht abwenden kann. Taesung Lee ist Rizzardo del Maino, der Bruder Agneses und Vertraute des Herzogs.

Ching-Lien Wu hat den Chor wirkungsvoll einstu­diert. Mark Wiggles­worth dirigiert Solisten, den Chor und das Orchester der Opéra national de Paris mit diffe­ren­zierter Umsicht.

Der Pariser Oper sei es gedankt, das unberechtigt vergessene Stiefkind unter Bellini-Opern zum ersten Mal bei sich einge­lassen und auf die Bühne gebracht zu haben.

Das Premie­ren­pu­blikum scheint derselben Meinung zu sein und quittiert die Aufführung mit einhel­ligem Applaus.

Alexander Jordis-Lohausen

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