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Wirklichkeit als Gesamtkunstwerk

LA BOHÈME
(Giacomo Puccini)

Besuch am
15. Juni 2023
(Premiere)

 

Théâtre des Champs-Élysées

Auf dem Gebiet der Opern­li­te­ratur gilt Giacomo Puccini allgemein als ein Vertreter des italie­ni­schen Verismus, eine Bewegung, die sich von der Romantik und dem Idealismus durch eine präzisere Darstellung der Wirklichkeit zu distan­zieren versucht. Stoff dazu bieten häufig Themen der sozialen Gegeben­heiten des ausge­henden 19. Jahrhun­derts, vornehmlich die des Klein­bür­gertums, der Künst­ler­ge­mein­schaften oder der Arbei­ter­klassen. Im Gegensatz dazu, so heißt es, zog es der Realist Verdi vor, seine Wirklichkeit zu ‚erfinden‘.

In der Tat enthalten Puccinis Opern­texte schroff realis­tische Szenen, doch seine Musik ist weder revolu­tionär noch ein Bruch mit seinen Vorgängern. Von der italie­ni­schen Romantik übernimmt er den Belcanto, lässt sich von Debussys Klang­farben und von Wagners Leitmotiv-Ideen inspi­rieren und bei Bizet und Massenet entwi­ckelt er sein untrüg­liches Gefühl für bühnen­wirksame Effekte. Dabei liegt ihm besonders die musika­lische Charak­ter­dar­stellung großer Frauen­ge­stalten wie die der Tosca, der Cio-Cio-San oder der Liù am Herzen. Oder, wie hier, die der Mimì, bei der schonungs­loser Verismus gemildert wird durch die vielleicht etwas senti­mentale Gefühlswelt des jungen Künst­ler­mi­lieus, das kein Geld, aber unbegrenzte Begeis­te­rungs­fä­higkeit hat.

Foto © Vincent Pontet

Regisseur Eric Ruf hat dafür seine eigene Definition: „Bohème entspricht einem Zustand, in dem man nicht vorhandene Kaufkraft durch Heiterkeit, Freund­schaft und Fantasie ersetzt!“ Von dieser happy-go-lucky-Devise ausgehend „erfinden“ er und sein Team in enger Zusam­men­arbeit mit dem Dirigenten Lorenzo Passerini eine „Wirklichkeit“ als Gesamt­kunstwerk mit sehr stimmungs­vollen Bildern einer winter­lichen, verschneiten Bieder­mei­er­stadt, in der trotz Armut und Kälte das „kleine Volk“ von Paris ein bewegtes Leben führt. Darüber schweben in der Musik eine leise Wehmut und eine Sehnsucht nach einem Frühling, den die schwind­süchtige Mimi nicht mehr erleben wird. Rufs Perso­nen­regie ist sehr genau und, trotz der gelegent­lichen leiden­schaft­lichen Ausbrüche in der Partitur, sehr natürlich und lebensnah. Die Bühnen­bilder sind im zweiten und dritten Akt an klassi­zis­tische Archi­tektur-Teile angelehnt, gemischt mit den für Ruf unerläss­lichen Stahl­ge­rüsten. Statt der engen Mansarden-Bude im ersten und letzten Akt, in der Rodolfo und Marcello hausen, verlegt Ruf die Szene und das Stell­dichein der vier Freunde auf die Bühne des Théâtre des Champs-Élysées, wo Marcello den Auftrag hat, den Vorhang zu malen. Ein origi­neller, wenn auch anachro­nis­ti­scher Einfall, denn das TCE ist ja erst ein knappes Jahrhundert später entstanden, aber den darge­stellten Vorhang soll es früher tatsächlich gegeben haben.

Die Kostüme, die Christian Lacroix eigen­händig bis ins kleinste Detail entworfen hat, entsprechen dem Bieder­meier von 1830, der Zeit also, in der die Handlung spielt, auch farblich entsprechen sie den kolorierten Mode-Litho­grafien jener Epoche. Glyslaïn Lefevers Choreo­grafie des Chors und der Statisten ist, besonders im dritten Akt, im turbu­lenten Bild des Cafés Momus, sehr gelungen. Bertrand Coudercs Beleuch­tungen tragen wesentlich zur stimmungs­vollen Atmosphäre der vier Bilder bei.

Foto © Vincent Pontet

Selene Zanetti beschert uns stimmlich und schau­spie­le­risch eine bewegende und ausdrucks­starke Mimì. Ihre lyrischen Momente sind von großem klang­lichem Reichtum, ihre leiden­schaft­lichen Ausbrüche von großer Leucht­kraft. So stellt sie sich schon im ersten Akt vor: Mi chiamano Mimì. Ihr gegenüber ist Pene Pati der Poet Rodolfo, lyrisch zart und am Anfang noch etwas verhalten, als er mit ihr Bekannt­schaft macht: Che gellida manina, aber immer strah­lender, wenn die Liebes­lei­den­schaft ihn anweht. Der Ausdruck einer großen Liebe. Wie anders bewegend klingt dann, zwei Akte später, Mimìs Arie D‘onde lieta usci, als sie sich entschließt, ihn mitten im Winter zu verlassen, dann aber doch noch den Frühling abwarten will. Die beiden Haupt­dar­steller werden wiederholt mit begeis­tertem Szenen­ap­plaus bedankt. Alexandre Duhamel ist mit warmem, vollem Bariton der Maler-Freund Marcello. Francesco Salvadori als Schaunard mit elegantem Bariton und Guilhem Worms als Colline mit sonorem Bass sind der dritte und vierte im Bunde der Überle­bens­künstler. Die Oper enthält nur wenige Arien, doch dafür sehr eindrucks­volle Ensem­ble­szenen, darunter das humor­volle Quintett, in dem die vier Freunde im ersten Akt den Hausbe­sitzer Alcindoro – sehr komisch von Marc Labon­nette gesungen – loswerden, als der die Miete eintreiben will: Dica, quant‘ anni ha. Amina Edris als Musetta spielt und singt im Café Momus klangvoll sinnlich und provo­zierend ihren Walzer Quando me’n vo soletta per la via.

Rodolphe Briand als der von Kindern umlagerte Spiel­zeug­ver­käufer Parpignol, Théo Kneppert und Arthur Cady als Zöllner und Simon Bieche als Strass­ver­käufer vollenden das durchweg ausge­zeichnete Ensemble. Das Bühnen­spek­takel erreicht seinen Höhepunkt im großen Auflauf vor dem Café Momus im zweiten Akt. Man muss hier Gaël Darchen ein besonders Lob spenden für die Einstu­dierung des Chors Unikanti und der Maîtrise des Hauts-de-Seine.

Dirigent Lorenzo Passerini sagt über die Oper: „Die Partitur von La Bohème klingt scheinbar sehr einfach, doch wimmelt sie in Wirklichkeit von lauter Details, die das Dirigieren gefährlich machen“. Er hat all diese schwie­rigen Details offen­sichtlich meisterlich überwunden, denn er bietet eine glanz­volle, wenn auch eher maßvolle Inter­pre­tation der Oper.

Das Premieren-Publikum weiß das zu schätzen und spendet allen Ausfüh­renden einen nicht enden wollenden Schluss-Applaus.

Alexander Jordis-Lohausen.

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