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BORIS GODUNOW
(Modest Petrowitsch Mussorgski)
Besuch am
28. Februar 2024
(Premiere)
Die „Reformer“ unter den russischen Komponisten, Borodin, Cui, Balakirew, Rimski-Korsakow und Mussorgski strebten eine vom Westen nicht beeinflusste russische Musik an. „Wann werden die Leute endlich aufhören, Fugen zu schreiben“, bemerkt Mussorgski irritiert. Dadurch ist auch sein Boris Godunow zu einer Art russischer Volksoper geworden. Es gelingt ihm, wie Arnold Feil bemerkt, „in musikalische Vokalität und instrumentale Klanglichkeit zu fassen, was er hört und wie er es hört, und zwar unmittelbar, nämlich uneingefärbt von den in der hochromantischen Ausdrucksmusik bedeutungsbelasteten gängigen Mitteln.“ Wenn der Chor ein russisches Volkslied anstimmt, so ist das weder zitiert noch verarbeitet, sondern es klingt, wie das, was es ist: nämlich wie ein Volkslied. Und die orthodoxen Glocken Mussorgskis, die, wie der Regisseur Oliver Py meint, „das Orchester durchdringen, selbst wenn sie nicht anklingen, beschwören, wie in Tarkowskys Film Andreij Rublew eine beunruhigende Faszination für die Apokalypse herauf“. Gleichzeitig bemüht sich der Komponist, durch die Musik und seine eigene Bearbeitung des der Oper zu Grunde liegenden Textes von Puschkin die Psychologie des Volkes wie auch die seiner Protagonisten zum Ausdruck zu bringen, im vorliegenden Fall vor allem die des tragischen und einsamen Tyrannen. Wie er es selbst ausdrückt: „In den menschlichen Massen, wie in einzelnen Individuen gibt es sehr feine Züge, die noch von niemandem beobachtet worden sind: ahnend sie zu entdecken, … ist das nicht eine schöne Aufgabe?“ Das Ergebnis ist eine sehr eigenwillige, gewaltige und in vieler Weise revolutionäre Oper, die jedoch in der Original-Fassung von 1869, die hier zur Aufführung kommt, wenig Anklang findet. Es ist Rimski-Korsakow vorbehalten, der in einer Überarbeitung versucht, das Werk dem Zeit-Geschmack anzupassen, Boris Godunow weltweit berühmt werden zu lassen. Erst in den letzten Jahren kehrt man meistens wieder zur wesentlich stärkeren Originalfassung zurück.

Olivier Py behauptet, man könne Carmen ohne Spanien und Aida ohne Ägypten inszenieren, nicht aber Boris Godunow ohne Russland. Deswegen drängt sich ihm in seiner Inszenierung des Dramas über politische Macht und ihre Legitimität zwangsläufig der Vergleich mit der aktuellen politischen Situation in Russland auf. Zumal er davon ausgeht, dass von Iwan dem Schrecklichen bis zu Putin fast alle Herrscher Russlands Tyrannen waren oder sind. Und in seiner Inszenierung klingt diese These immer wieder an. „Er (Boris Godunow) weiß kaum, warum er den Zarewitsch ermordet hat, ebenso, glaube ich, dass Putin selbst nicht weiß, warum er den Krieg in der Ukraine führt“, sagt er. Nur ist es unwahrscheinlich, dass Putin unter den Gewissensbissen eines Boris Godunow leidet und daran zugrunde geht.
Pierre-André Weiss‘ Bühnenbilder sollen die Parallelen verdeutlichen. Er versucht, sie durch die verschiedenen Stilarten seiner dreh- und verschiebbaren Fassaden zum Ausdruck zu bringen – nicht immer mit Erfolg. Von der ästhetisch sehr gelungenen goldenen Fassade in der Krönungsszene, die wie eine Ikonen-Wand wirkt, über ein Empire-Dekor im Kreml mit Putins langem Marmortisch, über Art-Deco und Bauhaus-Fassaden, bis zu einem zerbombten Mietshaus – Anspielung auf die Ukraine heute – als Wirtshaus ohne Charme und Atmosphäre und bis hin zum Bühnen füllenden Putin-Stalin-Propaganda-Plakat. Pys Personenregie ist dabei sorgfältig, und aber auch hier versucht der Regisseur, während der oft langen Monologe die Bühne mit tändelnden Pantomimen lebendig zu halten, so wie der Novize Grigori während der langen Erzählung der Geschichte Russlands des greisen Mönchs Pimen sich immer wieder verkleidet, um verschiedene Herrscher von Iwan bis Stalin darzustellen. Es ist bedauerlich, dass durch diese politische Bilder-Spielerei das Tragische der Boris-Godunow-Legende etwas in den Hintergrund gedrängt wird.

Musikalisch wird die Oper von einem einheitlich ausgezeichneten Ensemble getragen. Matthias Goerne hätte den Boris singen sollen, aber ist schließlich abgesprungen. Alexander Roslavets hat nicht die gewaltige Bühnenpräsenz eines Goerne, aber bringt schauspielerisch wie stimmlich einen sehr eindrucksvollen, mit sich selbst und der Welt verbittert hadernden Herrscher auf die Bühne. Sehr lyrisch und innig das Gebet im Prolog Skarbit ducha – Meine Seele leidet, und dann erschreckend, dem Wahnsinn nahe, in der Szene der Halluzinationen Tiajelo, dai dukh pierieviedu – Mein Herz ist schwer. Die beiden langen Erzählungen im ersten und im dritten Akt des Mönchs Pimen sind mit orgelndem Bass schön interpretiert von Roberto Scandiuzzio. Marius Brenciu ist sehr glaubhaft der verschlagene Fürst Schiuski, der in seiner Schilderung des toten Zarewitsch Nie kaza strachna – Mehr als alles Leid mit sadistischem Vergnügen den Zaren zum Wahnsinn treibt. Mit hell timbriertem Tenor und leichtfertig, als wäre alles nur ein Spiel, gibt Airam Hernández den falschen Dimitri. Und Mikhael Timoshenko ist Andrei Schtschelkalow, der Sekretär der Duma. Besonders reizvoll und volkstümlich ist im vierten Akt die Szene des Schwachsinnigen, gesungen und gespielt von Kristofer Lundin mit Chor und Kinderchor, in der Straßenkinder ihm seine Kopeke stehlen. Sarah Laulan als platinblonde Wirtin, Yuri Kissin und Fabian Hyon als rührige Bettelmönche, Victoire Bunel und Lila Dufy als fröhlicher Fjodor und klagende Xenia und last, but not least, Barbara Rea und Sulkan Jalani als Mitiukha und Nikititsch vervollständigen das ausgezeichnete Ensemble. Eine Hauptrolle in der Oper spielt der von Gabriel Bougoin gut einstudierte Chor der Opéra National de Capitole sowie die Maitrîse de Hauts-de-Seine.
Dirigent Andris Poga ist in seiner lettischen Heimat noch unter der Sowjet-Union aufgewachsen. Er kennt daher gut die russische Kultur, und es ist ihm somit gelungen, der musikalischen Interpretation des Werkes die nötige russische Färbung zu verleihen. Auf die Frage, ob man nun ein solches Werk unter gegebenen Umständen aufführen soll, zitiert er einen ukrainischen Sänger-Freund: „Natürlich muss man diese Musik spielen! Das ist ein Meisterwerk, das nicht dem russischen Regime gehört, sondern der ganzen Menschheit. Es wäre nicht auszudenken, wenn Empörung und Hass solche Kunstwerke beschmutzen würden. Das hieße ja, dass wir unsere eigene Menschlichkeit auslöschen.“ Und er fügt hinzu: „Es ist etwas anderes, wenn sich Musiker mit dem russischen Regime einlassen und davon profitieren, da muss man meines Erachtens sehr streng vorgehen. Dagegen fürchte ich immer die Gefahr einer Absage-Kultur, eine sogenannte cancel culture.“
Es ist mit einigen Vorbehalten eine bemerkenswerte Aufführung in einem Theater, das auf eine lange Boris-Godunow-Tradition zurückblicken kann, beendete es doch seine Eröffnungssaison im Jahre 1913 mit dieser Oper, in der der berühmte russische Bass Fjodor Schaljapin die Titelrolle sang.
Alexander Jordis-Lohausen