O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Stefan Brion

Hochdramatische Erotik

BREAKING THE WAVES
(Missy Mazzoli)

Besuch am
31. Mai 2023
(Premiere am 28. Mai 2023)

 

Opéra Comique, Paris

Die Handlung dieser 2016 in enger Zusam­men­arbeit der Kompo­nistin Missy Mazzoli mit dem Textbuch­dichter Royce Vavrek in Philadelphia kreierten Oper ist von Lars von Triers gleich­na­migem, sehr umstrit­tenem Film inspi­riert, der 1996 beim Festival de Cannes mit dem Grand Prix ausge­zeichnet wurde. Die Oper erhielt 2017 den Inter­na­tional Opera Award für die beste Neuschöpfung.

Diese Aufführung ist eine Kopro­duktion mit Opera Ventures, Scottish Opera und Houston Grand Opera und eine Ko-Präsen­tation mit dem Edinburgh Inter­na­tional Festival.

„So wie die Wellen der Nordsee an der Ölplattform zerbrechen, macht ihr Glaube und ihre unerschüt­ter­liche Liebe es Bess möglich, Opfer zu bringen, die der Gesell­schafts­moral wider­sprechen.“ Die Oper erzählte die Geschichte von Bess, die in einer streng calvi­nis­ti­schen Gemeinde in Schottland lebt und sich dort in Jan, einen auslän­di­schen Arbeiter auf einer Ölplattform, verliebt und ihn heiratet. Als Jan bald darauf durch einen Unfall gelähmt wird, ermuntert er Bess, bei anderen Männern Lust zu suchen und ihm nachher davon zu erzählen, damit auch er noch am Leben teilhaben kann. Der Vorschlag wider­strebt ihr sehr, aber sie lässt sich überzeugen, als sie merkt, dass es Jan Besserung verschafft. Ja, es wird für die exaltierte junge Frau wie zu einem mythi­schen Opfer­ritus – My body is a map of my life with Jan singt sie weihevoll. Doch die strenge Kirche sieht das anders und schließt sie als Sünderin aus ihrer Gemein­schaft aus, was Bess nicht versteht, weil sie ja nur ihrem Mann gehorcht, wie die Kirche es vorschreibt, und ihm überdies Besserung verschafft. Als Bess schließlich von Matrosen verge­waltigt und ermordet wird, gestattet man ihr nur ein „Sünder“-Begräbnis – We consign your soul to hell singt der sinistre Kirchenchor. Jan, der durch eine Operation inzwi­schen wieder gehen kann, stielt daraufhin ihren Leichnam und übergibt ihn dem Meer.

Foto © Stefan Brion

Regisseur Tom Morris ist überzeugt, dass erst diese musika­lische Unter­malung die Bess-Rolle verständlich macht. „Kontrol­liert sie ihr Leben oder nicht? Versteht sie oder versteht sie nicht, was für einen Preis sie für ihre Liebe zahlen muss? Ist sie Prophetin oder Unschuldige, Radikale oder Opfer? … Der Film klärt nichts auf und bietet nur eine zugleich dunkle als auch rätsel­hafte Provo­kation. Missy Mazzolis Oper ist eine persön­liche und leiden­schaft­liche Antwort auf diese Provo­kation. Dort, wo der Film stumm bleibt, ist die Musik beredt … und damit hat sie die innere Musik der Bess geschrieben.“

Die Kompo­nistin hat in dieser, ihrer ersten Oper bei der Orches­ter­be­gleitung erfolg­reich ungewöhn­liche, neue Klang-Kombi­na­tionen kreiert, um Atmosphären zu schaffen oder die Gefühle ihrer Protago­nisten zu unter­streichen. Dabei treten die Bläser häufig als Soloin­stru­mente hervor.

Von diesen Gegeben­heiten geleitet, verwandelt Morris ein im Film wohl eher unver­ständ­liches, schockie­rendes Geschehen in eine zwar immer noch hochdra­ma­tische Tragödie, aber sie wird durch die von mysti­scher Liebe getra­genen Opfer-Riten und durch Bess als eine Art von Märty­rerin verständ­licher. Er verzichtet dabei nicht auf sehr unver­hohlene Sex-Szenen. Die Perso­nen­regie ist sehr direkt, die Körper­sprache sehr deutlich. Die Handlung ist auf die schot­tische Insel Skye verlegt, die durch eine bühnen­wirksame, drehbare, Gruppe von dreizehn wuchtigen, aufstei­genden Quader-Säulen symbo­li­siert ist, die aber nicht nur Steil­küste, sondern je nach Video-Beleuchtung auch Kirche, rostiges Schiffs­wrack oder Stahl­struktur der Ölplattform abgeben. Die Beleuchtung und die Farben der Beleuchtung tragen wesentlich zum atmosphä­ri­schen Wechsel auf der meist dunklen Bühne bei. Die Kostüme sind unauf­fällig und zeitgenössisch.

Foto © Stefan Brion

Musika­lisch wird die Oper beherrscht von der gewal­tigen, sehr ergrei­fenden Inter­pre­tation, stimmlich wie schau­spie­le­risch, der Bess durch die Sopra­nistin Sydney Mancasola, die zwischen klarer reiner Mezzavoce in den Lamenti oder Gebeten und kraft­vollen, leiden­schaft­lichen Ausbrüchen hin und her schwankt. His name ist Jan jubelt sie immer wieder lautstark in exaltierter Verliebtheit zu Beginn der Oper. Im zweiten und dritten Akt hingegen hält sie, fast schon an Geistes­ge­störtheit grenzend, regel­mäßig, teils sprechend, teils singend, Zwiesprache mit sich selbst, vom Chor wie von einem Gewis­sensecho begleitet.

Ihr gegenüber ist Jarret Ott mit wohltim­briertem Bariton der Vertrauen einflö­ßende, dann aber doch nicht immer durch­sichtige Jan. Sehr glaubhaft stellen Wallis Giunta die wohlmei­nende Schwä­gerin Dodo, Susan Bullock die engstirnige Mutter und Elgan Llyr Thomas den pflicht­be­wussten Arzt dar, die alle drei in einem drama­ti­schen Quartett im dritten Akt, jeder auf seine Weise, versuchen, Bess zu schützen, aber dann das tragische Ende doch nicht abwenden können. What powers you possess, singt der Arzt von der erstaun­lichen Frau sichtlich beein­druckt, und nach ihrem Tod: What goodness you possess. Von all dem wenig berührt und nur auf Vergnügen bedacht, ist Mathieu Dubroca als Jans lebens­lus­tiger Kamerad Terry. Nicht zu vergessen der tief orgelnde Bass Andrew Nolens als der unerbitt­liche Gemeinde-Vorsteher.

Mathieu Romano leitet die Solisten sowie den Chor des Ensemble Aedes und das Orchestre de chambre de Paris mit Energie durch die drama­tische Landschaft

Man mag zu dem Stoff der Oper stehen, wie man will, es lässt sich nicht leugnen, dass die Opern­li­te­ratur hier nicht nur durch ein eindrucks­volles, musika­lisch wertvolles neues Werk, sondern auch durch eine gewaltige weibliche Haupt­rolle berei­chert worden ist. Und man muss wieder einmal der Opéra Comique dankbar sein, dieses außer­ge­wöhn­liche Werk für drei Auffüh­rungen in Paris auf die Bühne gebracht zu haben. Jeden­falls ist das Publikum ganz offen­sichtlich und einheitlich dieser Meinung …

Alexander Jordis-Lohausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: