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Foto © Stefan Brion

Mit Carmen durch drei Jahrhunderte

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
26. April 2023
(Premiere am 24. April 2023)

 

Opéra Comique, Paris

Carmen, diese exotisch-sinnliche Weiblichkeit, die Prosper Mérimée 1830 von einer Spanien-Reise nach Paris zurück­brachte, ist wohl die berühm­teste Vorgän­gerin von Marlene Dietrichs Blauem Engel von 1930. Eine frei und unabhängig sein wollende Frauen­figur, die ihren Liebhaber bis hin zum tragi­schen Ende zunehmend erniedrigt und dann wegstößt. Es ist in diesem Zusam­menhang inter­essant, dass bei den Proben zur Urauf­führung der Oper die Sängerin Célestine Galli-Marié, die erste Carmen, eine nicht unbedeu­tende Rolle gespielt haben soll, nicht nur bei der theatra­li­schen Darstellung der Zigeu­nerin, sondern auch bei der Entste­hungs­ge­schichte ihrer musika­li­schen Charak­te­ri­sierung. So   soll sie beispiels­weise Bizet weitgehend beein­flusst haben, einen „exoti­schen“ Stil für ihre Auftrittsarie, die Habanera, zu finden. Es soll der Sängerin dabei weniger um das Vokal-Virtuose als um die psycho­lo­gische Verkör­perung dieser unabhän­gigen Frauen­figur gegangen sein, was für die damalige Zeit neu ist.

Foto © Stefan Brion

Doch für das gut-bürger­liche Publikum der Opéra Comique von 1875 ist sowohl der Stoff, die Inter­pre­tation als auch die Musik höchst skandalös. Und am Schluss auch noch ein Mord auf offener Bühne – so etwas Schockie­rendes hat es ja noch nie gegeben. Die Kritik der Urauf­führung ist vernichtend. Einen obszönen, obskuren Wagne­rianer schimpft die Presse den Kompo­nisten. Dabei hat Carmen mit Wagner höchstens die Idee des Leitmotivs gemein, das sich wie ein roter Faden durch die ganze Oper zieht. Nur Kenner wie Camille Saint-Saëns, Jules Massenet oder auch Johannes Brahms, von Friedrich Nietzsche ganz zu schweigen, erkennen sofort das Neue, das Bedeu­tende dieser franzö­si­schen Oper des „psycho­lo­gi­schen Realismus‘“. Erst einige Jahre später, von der Wiener Oper ausgehend, tritt Carmen dann ihren Siegeszug auf den inter­na­tio­nalen Bühnen an und gehört heute zu den belieb­testen Werken des lyrischen Reper­toires. Die heute bespro­chene Carmen-Aufführung war somit auch schon die 2998ste im Hause seiner Urauf­führung von vor fast 150 Jahren. Doch Georges Bizet hat diesen Triumph nicht mehr erlebt. Er ist drei Monate nach der Urauf­führung mit 36 Jahren gestorben.

Wie soll ein Regisseur bei einer so langen Erfolgs­ge­schichte noch etwas Neues hinzu­fügen? Zurück zur ursprüng­lichen Version war die eine Antwort, das heißt man hat die von  Ernest Guiraud nach Bizets Tod kompo­nierten Rezitative, die üblich geworden sind, wegge­lassen und die gespro­chenen Teile wieder herge­stellt, was der alten Tradition einer Opéra comique entspricht. Im Übrigen muss man Andreas Homoki und seinem Team zugute­halten, dass sie nicht versucht haben, mit etwas provo­zierend Sensa­tio­nellem Aufsehen zu erregen. Sie beschränken sich in dieser Insze­nierung auf ein Minimal-Dekor, bestehend aus einer rauen Ziegel-Stahl-Wand im Hinter­grund und davor verschiedene Vorhänge, vor die sich die Solisten gegenüber dem Chor isolieren können, und auf wenige Requi­siten. Homoki konzen­triert sich auf die Perso­nen­regie, die gut gelungen ist, und auf die Choreo­grafie. Mit den Kostümen des Chors durch­wandert er dann die Jahrhun­derte. Im ersten und zweiten Akt ist es die Belle Époque mit Gehrock, Frack und Zylinder oder Abend­kleid – erstaun­li­cher­weise sind auch die Soldaten so bekleidet – von denen Carmens folklo­ris­ti­sches Kostüm gewollt „exotisch“ absticht. Dieser Gegensatz geht in der Folge verloren. Denn im dritten Akt ist er dann schon bei der Straßen­kleidung der 1940-er Jahre und im vierten im 21. Jahrhundert bei T‑Shirt, Pullover, Bluejeans und Basket­ball­schuhen angelangt. So angetan lagern sich dann auch jung und alt vor einem alten Fernseh­ap­parat, um den Stier­kampf in der Arena mit anzusehen, zu kommen­tieren und sich wie bei Neujahr mit Konfetti zu bewerfen. Nur Carmen trägt hier ein langes, schwarzes Abend­kleid und Escamillo eine Stier­kampf-Parade-Uniform. All das ist nicht sehr kohärent, aber es begleitet sehr lebendig und bei ausge­zeich­neter Choreo­grafie die von Ideen überspru­delnde Musik.

Foto © Stefan Brion

Die musika­lische Darbietung ist ein Vergnügen. Gaëlle Arquez fühlt sich offen­sichtlich wohl in der Titel­rolle. Sie singt und spielt die Zigeu­nerin voller Charme und Sinnlichkeit, dabei stolz und unnach­giebig, wenn es um ihre Freiheit geht. Ihre Inter­pre­tation ist sehr menschlich, manchmal hätte man sie fast noch ein wenig mehr dämonisch-unheimlich gewollt. Ihre an Nuancen reiche Stimme passt sich all ihren Gemüts­be­we­gungen an, wie in der leicht­fer­tigen Chanson bohème Les tringles de sistres tintaient im zweiten Akt. Die undankbare Rolle des pflicht­be­wussten, schwachen, zöger­lichen und ewig eifer­süch­tigen Don José spielt und singt sehr glaubhaft Frédéric Atoun, sehr drama­tisch im Schluss­duett C’est toi mit Carmen. Elbenita Kajtazzi als Micaëla entfaltet einen leuch­tenden Sopran in ihrer großen Arie Mon guide avait raison im dritten Akt. Nicht weniger erfreulich ist der ellen­lange Hüne mit Donner­stimme Jean-Fernand Setti als Escamillo. Auch die Neben­rollen sind gut besetzt.  Francois Lis ist der knöcherne Leutnant Zuniga. Matthieu Walendzik und Paco Garcia als Dancaire und Le Remendado ebenso wie Norma Nahoum und Aliénor Feix als Frasquita und Mercédès bescheren mit Carmen das überaus heitere, fast operet­ten­hafte Schmugg­ler­quintett Nous avons en tête une affaire. Und Jean-Chris­tophe Lanièce eröffnet die Oper mit klang­vollem Bariton.

Der Chor accentus leistet einen kraft­vollen Beitrag. Und der bezau­bernde Kinderchor der Maîtrise Populaire wirkt wie eine Illus­tration von Slum-Kindern aus einem Dickens-Roman.

Louis Langrée, inter­na­tional bekannter Dirigent, ist gleich­zeitig auch Direktor der Opéra Comique. Er dirigiert hier das Orchestre des Champs-Élysées schon in der Ouvertüre mit stürmi­schem Tempo und lässt es auch in der Folge nicht an Leben­digkeit und Beweg­lichkeit fehlen.

Das Publikum ist hoch zufrieden, und die Opéra Comique kann diese Kopro­duktion mit der Oper Zürich wieder als einen schönen Erfolg verbuchen.

Die Oper wird ab dem 21.Juni 2023 auch auf arte.concert zu sehen sein.

Alexander Jordis-Lohausen

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