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CASTOR ET POLLUX
(Jean-Philippe Rameau)
Besuch am
20. Januar 2025
(Premiere)
Rameaus erste, wegen ihrer Erneuerungen kontroverse Tragédie lyrique Hippolyte et Aricie hatte den Streit der „Lullisten“, die dem verstorbenen Altmeister der französischen Oper treu geblieben waren, gegen die „Ramisten“, die eine Erneuerung der Oper befürworteten, ausgelöst. Rameaus zweite Tragédie lyrique Castor et Pollux erscheint vier Jahre später 1737 auf der Bühne und entscheidet den Streit endgültig zu seinen Gunsten. Wenn diese Oper bei ihrer Uraufführung mit zwanzig Wiederholungen nur einen mittelmäßigen Erfolg verzeichnet, so hält sich die überarbeitete Fassung von 1754 bis zur Französischen Revolution. Hier kommt seit dem 18. Jahrhundert zum ersten Mal in der Pariser Oper wieder die selten gegebene ursprüngliche Fassung mit Prolog von 1737 zur Aufführung. Das von Voltaire beeinflusste Textbuch von Pierre-Joseph Bernard macht aus dem alt-griechischen Mythos eine Liebesgeschichte, hält sich aber sonst weitgehend an die Sage der Dioskuren, vor allem an das Hinabsteigen Pollux‘ in den Hades, um seinem getöteten Zwillingsbruder Castor das Leben zurückzugeben, was aber heißt, auch für ihn zu sterben. Die Handlung spielt in Sparta, im Hades und auf dem Olymp.

Nach eigener Aussage betrachtet der Regisseur Peter Sellars Castor et Pollux als die Geschichte des Überwindens von Krieg und Hass durch Brüderlichkeit und Liebe in einer zerbrochenen Gesellschaft und als das Erwachen einer neuen Generation, in der die Lebenden und die Toten versöhnt sind, in der es nicht mehr verschiedene Länder, sondern nur noch eine friedliche Welt gibt. Um mit Schiller zu sprechen könnte man sagen: „Alle Menschen werden Brüder … Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt.“ Auf solch eine hochtrabende idealistische Ansage folgt dann meist eine Enttäuschung. Und beim Anblick des Eröffnungsdekors der Oper könnte man meinen, dass dem auch so sei: Eine von Plattenbauten umgebene, höchst banale Inneneinrichtung, einschließlich Riesenkühlschrank, Abwasch und Duschkabine. Doch dann verschwinden die Plattenbauten und Sellars nimmt das Publikum mit auf eine kosmische Tour. Im Laufe der Oper geht es von einer sehr wirklichkeitsnahen, nächtlichen Vorstadt mit seinem scheinwerfenden Autoverkehr, seiner Straßenbeleuchtung, über den Blick auf eine Öl-Raffinerie und Hochspannungsleitungen dann auf eine Wanderung ins Weltall, in der wir nicht nur unseren Planeten meist nächtlich von hoch oben, sondern auch andere noch farbenprächtigere Planeten sowie die verschiedensten Konstellationen der Milchstraße sehr eindrucksvoll vorgeführt bekommen, als wäre man in einem Observatorium zu Gast. All diese bunten Herrlichkeiten video-projiziert Alex MacInnis sehr realistisch und abwechslungsreich während der ganzen Oper wie ein nicht enden wollendes spektakuläres Kinoschauprogramm, auf den Hintergrund der Bühne. Davor spult sich die Handlung ab, innerhalb jener sehr banalen Inneneinrichtung. Auch sie bleibt während er ganzen Oper auf der Bühne und ist leider nicht banal genug, dass man sie völlig übersehen könnte. Auch lässt sich ihr Symbolwert nicht ergründen. Doch ist das glücklicherweise der einzige Stein des Anstoßes in einer sonst bemerkenswerten und sehr expressiven Inszenierung.
Aus der Handlung der Oper macht Sellars eine Art von Initiations- und Wandlungswerdegang des Pollux, der aus einem Egoisten zu einem zu Opfern bereiten Altruisten wird. Auch ändert Sellars das Ende der Oper dahingehend, dass Castor und Pollux statt als Zwillingskonstellation am Himmel unsterblich zu werden, während Phébé aus Liebesleid Selbstmord begeht, sie hier sehr irdisch, Castor mit Télaïre und Pollux mit Phébé, glückliche Liebespaare werden. Camille Assafs Kostüme sind von der Kleidung des modernen Lumpenproletariats der Vorstädte inspiriert. Nur der Kriegsgott Mars bekommt eine Generals-Uniform.

Doch Sellars hat noch eine Karte auszuspielen. Schon 2019 hatte ein junger Regisseur bei der Inszenierung von Rameaus Les Indes Galantes Cal Hunt und einer Straßentanz-Gruppe aus der Pariser Vorstadt das Tor zur Pariser Oper geöffnet und damit der Aufführung eine faszinierende zeitgenössische Wendung gegeben. Dem Beispiel folgt nun auch Sellars in seiner Inszenierung, indem er die Ballette der Oper einer all-black-Tanzgruppe unter der Leitung von Cal Hunt überlässt. Und die Rechnung geht wieder auf, denn dieser Perpetuum-mobile-Tanz gibt der Aufführung einen zusätzlichen, ungemein dynamischen Impuls. Nicht nur passt sich die sehr erfindungsreiche Choreografie trotz aller Wildheit sehr genau den wechselnden Tanz-Rhythmen des 18. Jahrhunderts an, sondern die Gruppe ist auch sonst tanzend, springend und in den erstaunlichsten Bewegungen und Verrenkungen des Krump und Hiphop wirbelnd fast allgegenwärtig auf der Bühne. Sie untermalen dabei die Handlung als kämpfende Spartaner und ihre Gegner oder dann wieder als die grauenerregenden Geister und – vielleicht etwas weniger überzeugend – als die seligen Geister der Unterwelt. Hin und wieder sollen sie auch in Solotänzen die inneren Regungen und Traumata der Hauptdarsteller offenbaren. Auch der von Vitaly Polonsky sehr gut einstudierte Chor Utopia steuert musikalisch, aber auch durch eine Choreografie steifer, stilisierter Gesten zur Handlung bei.
Musikalisch ist Jeanie de Bique als Télaïre der entschiedene Star des Abends. Sie zeichnet sich durch eine besonders nuancierte Stimmführung aus, die ein Pianissimo auf der Bühne nicht scheut. Sehr sensibel und ausdrucksvoll singt sie ihre große Trauerarie vor dem toten Geliebten Tristes apprêts im ersten Akt mit langanhaltenden, manchmal fast gehauchten legati, ohne dass die Spannung ihres feinfühligen Lamentos verloren geht. Ihre Bewegungen sind anmutig, ihre Gestik ist zurückhaltend. Im Gegensatz dazu zieht sie ganz andere Register ihres Könnens in der jubelnden Arie der Planeten Brillez, brillez, astres nouveaux, in der sie zum Schluss der Oper das neue Sternbild besingt. Ihre Leidensgefährtin Phébé spielt und singt mit berauschendem Mezzosopran Stephanie d’Oustrac. Besonders eindrucksvoll in der dramatischen Arie Castor revoit le jour, Mercure le ramène! Reinoud van Mechelens Castor enthüllt seine Sehnsucht nach der Welt der Lebenden und seinen klangvollen Tenor in der Arie Sejour de l’eternelle paix zu Beginn des vierten Akts. Hin und hergerissen zwischen Liebe und Freundschaft singt Marc Mauillon als sein Zwilling Pollux gequält Nature, Amour qui partager mon coeur. Nicholas Newton erfreut mit tiefer orgelnder Bassstimme sowohl in der Rolle des Mars als auch in der des Jupiters. Claire Antoine und Natalia Smirnova sind überzeugend als Minerva und Venus. Last but not least ist Laurence Kilby mit betörend hohem lyrischem Tenor der Gott Amor.
Teodor Currentzis leitet mit Maestría Solisten, den Chor und das erfreulich klangreiche Orchester Utopia durch die reichhaltige Partitur.
Das Premieren-Publikum ist hell begeistert und gibt den Ausführenden eine standing ovation. Vereinzelte Buh-Rufe wegen der Inszenierung gehen im allgemeinen Beifall unter. Eine denkwürdige Premiere.
Alexander Jordis-Lohausen