O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Tartuffe bei Rossini

LE COMTE ORY>
(Giacomo Rossini)

Gesehen am
15. April 2020
(Stream)

 

Opéra-Comique, Paris

Le Comte Ory ist eine von Giacomo Rossinis späten, franzö­si­schen Opern. Das Textbuch von Eugène Scribe erzählt die Geschichte des jungen, ausschwei­fenden Grafen Ory, der die Gelegenheit nützt, dass die ältere Ritter­schaft auf dem Kreuzzug ist, um mit seinen lieder­lichen Freunden zu versuchen, als Mönche, Eremiten oder Nonnen verkleidet, die zurück­ge­blie­benen Damen zu verführen.

Alberto Zedda schreibt dazu in seinem Buch Rossini-Streifzüge: „Die Maskerade wird zu einem Mittel der Ambivalenz; sie verbirgt mit dem Vorwand zu amüsieren das freche Treiben unter dem Anschein des Spiels und demen­tiert schließlich die Realität durch die symbo­lische Vorweg­nahme von Taten, die zwar niemals zur Ausführung gelangen, aber durch die evokative Kraft der Musik in der Vorstellung des Zuhörers real werden. Das flüchtige Aufein­ander von Schein und Wirklichkeit, Wirklichkeit und Phantas­terei, Phantas­terei und Traum bewirkt eine Atmosphäre raffi­nierter Erotik und weckt nicht einge­stehbare Erwar­tungen. Die fortbe­stehenden Gefühle versuchen sich in die kalte Deutung des Verstandes zu retten, statt in der Verwirrung der Sinne aufzu­gehen, genau wie in Mozarts Così fan tutte. So gesehen erweist sich Le Comte Ory als eine bissige, auf tausen­derlei Weise inter­pre­tierbare Komödie. Ihre faszi­nie­rende Musik erscheint nicht mehr als eine überhöhte Ausdeutung einer banalen Geschichte, sondern als der Motor eines außer­ge­wöhn­lichen erträumten Abenteuers.“

Dabei ist – so erstaunlich das klingen mag – der größte Teil der Musik des ersten Akts und ein guter Teil des zweiten, fast ohne Änderungen, außer der des Textes natürlich, Rossinis drei Jahre früher entstan­dener Oper Il Viaggio a Reims entnommen. Und Rossini hat sie so genial mit den neu dazu kompo­nierten Teilen „verkittet“, dass man, wenn man es nicht weiß, diese Oper ganz selbst­ver­ständlich für ein neues und homogenes Werk hält. Und doch bleibt Le Comte Ory ein Zwitter, denn die Oper ist weder eine franzö­sische opéra comique, in der die einzelnen Gesangs­nummern von gespro­chenen Dialogen unter­brochen werden, noch eine italie­nische opera buffa mit ihrem recitativo secco. Rossini kreiert hier eine amüsante Mischform mit durch­kom­po­nierten Rezita­tiven. Er nimmt gewis­ser­maßen schon das spätere drame lyrique vorweg.

Die Oper wird sofort bei ihrer Urauf­führung ein enormer Erfolg, nicht nur beim Publikum, sondern auch unter Musikern. Berlioz hält Le Comte Ory für ein Meisterwerk, das Beste, was Rossini je geschrieben habe. Rossini ist auf dem Höhepunkt seines Ruhms, bevor er sich nach einer letzten Oper – Guillaume Tell – mit 37 Jahren vom Musik­leben zurück­zieht, um die 39 restlichen Jahre seines Lebens unter anderem der Kochkunst zu widmen.

Le Comte Ory ist eine jener komischen Opern, die mit der Regie – und der Schau­spiel­kunst der Sänger und Sänge­rinnen – stehen oder fallen. Der Regisseur Denis Podalydès und sein Team haben das Problem recht gut gelöst.  Die Handlung ist in die Zeit der Restau­ration verlegt, also in die Zeit, in der Rossini die Oper kompo­nierte. Man glaubt daher manchmal, in ein Spitzweg-Gemälde versetzt zu sein. Es hätte ruhig noch ein wenig mehr Spitzweg sein können! In der Perso­nen­regie ist jede Mimik, jede Geste genau­estens einstu­diert. Es sprudelt von Ideen und witzigen Einfällen. Christian Lacroix hat sich dazu von Mode-Aquarellen jener Zeit zu hübschen, farblich sehr diskreten Kostümen inspi­rieren lassen und Eric Ruf hat viele kahle Wände und Neo-Gotik auf die Bühne gestellt. Stephanie Daniels Beleuchtung ist gedämpft wirksam und Cécile Bons   Choreo­grafie ausgezeichnet.

Eine Opern-Übertragung im Fernsehen oder Internet, in der uns die Kamera oft sehr nah an die Sänger und Sänge­rinnen heran­führt, statt nur die Gesamt­bühne zu  zeigen, wie man es sonst gewöhnt ist, erlaubt, besonders bei einer Komödie, eine ganz andere Einschätzung der schau­spie­le­ri­schen Leistung und der Mimik der Protagonisten.

Foto © Vincent Pontet

Philippe Talbot scheint für diese Tartuffe-Rolle des Comte Ory wie geschaffen zu sein. Als falscher Priester betört er gleich am Anfang des ersten Akts mit viel geschmei­digem Schmelz in einer salbungs­vollen Predigt von der Kanzel herunter die weiblichen Schäfchen der Gemeinde mit seinen Worten der Liebe Que les destins prospères. Ein richtiger Tartuffe! Sogar die sonst so sitten­strenge Gouver­nante Radegonde, hervor­ragend gespielt von Ève-Maud Hubeaux, gibt mit warmem, dunklem Mezzo ihrer Begeis­terung Ausdruck. Er aber wartet auf die schöne Gräfin Adèle. Alle Frauen sind durch die lange Abwesenheit ihrer Männer liebes­hungrig. Umso mehr verpasst Jean-Sebastien Bou, als der unablässig Schürzen jagende Diener Raimbaud, hier als Sakristan verkleidet, keine Gelegenheit, um sich an eine Schöne heran­zu­machen, besonders an die hübsche Alice in der Gestalt von Jodie Foster. Doch des Grafen strenger Erzieher, mit sonorem Bass von Patrick Bolleire gesungen, ist dem Tunichtgut auf der Spur, gibt aber auch lautstark zu verstehen, dass er es satt hat, ihn immer überwachen zu müssen Veiller sans cesse. Der junge Page des Grafen Isolier hingegen, eine Art Rossi­ni­scher Cherubino, charmant und witzig gespielt und in den Spitzen­tönen mühelos gesungen von Gaëlle Arquez, hat ganz andere Probleme: er hat sich in jugend­lichem Ungestüm in die schöne Gräfin Adèle verliebt und sucht im komischen Duett Une dame de haut parage  bei dem falschen Priester Rat. Dieser ist nicht begeistert, einen Rivalen zu entdecken, aber hofft, es sich zu Nutze zu machen. Schließlich erscheint die schöne Gräfin Adèle und legt in einer großen Szene mit Chor die Beichte ihres Leidens ab. Julie Fuchs singt mit viel Empfindung und stimmlich sehr schön ihr En proie à la tristesse. Doch ist ihr Spiel etwas zu verhalten. Die Situation wirkt fast schon tragisch, bis die Handlung ab dem Celeste provi­dence in hinrei­ßenden Kolora­turen wieder ins Komische zurück­gleitet. Denn durch die Worte des falschen Priesters zur Liebe ermutigt, entbrennt die Gräfin plötzlich in Liebe, aller­dings zum Leidwesen des Comte Ory, zum jungen Pagen Isolier. Noch dazu fliegt jetzt die Maskerade des Comte Ory auf, man verkündet, die heimkeh­renden Kreuz­fahrer seien nur noch zwei Tage entfernt und alles ist in totaler Konfusion im Finale des ersten Akts. Doch der Comte Ory will die Verführung der Gräfin Adèle keineswegs aufgeben, er hat ja noch zwei Tage Zeit.

Der zweite Akt wird noch mehr zur Burleske. Sie spielt in einem kahlen Saal in der Burg der Gräfin. Der Comte Ory und seine Kumpane haben sich diesmal als Nonnen verkleidet. Grotesker geht es nicht! Sie bitten während eines musika­lisch und szenisch eindrucks­vollen Gewitters um Aufnahme. Im anschlie­ßenden langen und musika­lisch sehr hübschen Duett zwischen Comte Ory und der Gräfin Ah! Quel respect übertrifft sich Philippe Talbot als Oberin verkleidet in komischer Mimik und Gestik. Als dann der Diener Raimbaud im Keller Weinfla­schen entdeckt, ruft er seine „Nonnen­schwestern“ zum Feiern auf: Dans ce lieu solitaire, was in dem ausge­las­senen Bacchanale Buvons, buvons endet. Es wird nur durch ein geheu­cheltes, frommes Gebet unter­brochen, als die Gouver­nante eintritt. Schließlich finden im Wider­streit wider­sprüch­licher Gefühle der Comte Ory, der Page Isolier und die Gräfin Adèle nachts in ihrem Bett zusammen, zu dem ganz zarten Terzett À la faveur de cette nuit. Um noch einmal Alberto Zedda zu Wort kommen zu lassen: „Für dieses unergründ­liche Terzett kompo­niert Rossini eine himmlische Musik: Wie Mozart in Così fan tutte hüllt er die dunklen Regungen der Begierde in hauch­zarte Stimmungen, indem er mit der höchsten Perversion der Unschuld zwischen Schlaf und Wachsein und zwischen Traum und Wirklichkeit schwe­bende paradie­sische Wonnen mit maßlosen Scham­lo­sig­keiten vermischt.“ Doch die Heimkehr der Kreuz­fahrer verhindert weiteres „und alles kehrt zu seiner ursprüng­lichen Ordnung zurück: Die Moral ist gerettet; das Publikum kann in der Überzeugung, dass in Wirklichkeit gar nichts passiert ist, zufrieden nach Hause gehen.“

Der ausge­zeichnete Chor les éléments bietet mit offen­sicht­licher Begeis­terung indivi­duell und als Ensemble all seine stimm­lichen, aber vor allem auch all seine schau­spie­le­ri­schen Talente auf, um dieser sprit­zigen Komödie möglichst viel Leben­digkeit zu verleihen.

Louis Langrée dirigiert das Orchestre des Champs Élysées mit verhal­tenem Schwung.

Es ist eine jener unter­halt­samen Auffüh­rungen, deren Geheimnis die Opéra Comique besitzt.

Alexander Jordis-Lohausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: