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LA DAME BLANCHE
(François-Adrien Boieldieu)
Besuch am
20. Februar 2020
(Premiere)
François-Adrien Boieldieu hatte sich schon im napoleonischen Paris einen Namen als Opernkomponist gemacht, als er 1811 für acht Jahre an den Zarenhof in Sankt Petersburg verpflichtet wird. Bei seiner Rückkehr findet er ein verändertes Paris vor. Das Publikum der Restoration ist der düsteren revolutionären Oper längst überdrüssig geworden. Man verlangt Heiterkeit und Romantik. Man begeistert sich für Walter Scotts historische Romane. Und noch mehr fühlt man sich dabei angesprochen, wenn es sich um einen vertriebenen Aristokraten handelt, der nach vielen Jahren im Exil den Weg zurück in die Heimat findet. All das kommt dem gefälligen und eleganten Stil Boieldieus sehr entgegen. Er wird neben Rossini bald zu einem der beliebtesten Opernkomponisten der französischen Hauptstadt.
Er ist schon 50 Jahre alt, als er La Dame Blanche komponiert. Sie ist seine 22. und vorletzte Oper und entschieden die erfolgreichste. Ende 1825 in der Opéra Comique uraufgeführt, wird sie ein sofortiger und bis Anfang des 20. Jahrhundert anhaltender nationaler und internationaler Erfolg, damals eine der meistgespielten französischen Opern. Carl Maria von Weber erklärt überschwänglich, es sei seit Figaros Hochzeit keine komische Oper mehr so gut gelungen. Natürlich lässt sich La Dame Blanche nicht mit Figaros Hochzeit vergleichen, aber es lässt sich nicht leugnen, dass sie von Mozart beeinflusst ist. Richard Wagner hat als junger Mann mehrmals Aufführungen der Dame Blanche dirigiert und sich später lobend über die Oper ausgesprochen. Das romantische Textbuch stammt von Eugène Scribe nach einem Stoff von Walter Scott. Es ist eine jener wild-romantischen Geschichten, die Scribes Spezialität sind.
Die Burg der Grafen von Avenel verfällt, seitdem der letzte Nachkomme des Geschlechts im Exil verschollen ist. Man munkelt, dass in der Burg das Gespenst einer weißen Dame herumgeistert. Der ehrgeizige Verwalter Galveston will gerade die Burg käuflich erwerben, als ein junger Offizier, George Brown, auftaucht, der die Erinnerung verloren hat. Anna, ein junges Waisenkind, das seinerzeit von der letzten Gräfin von Avenel zusammen mit dem Erbsohn aufgezogen worden war, erkennt in ihm den verwundeten Soldaten wieder, den sie früher einmal im Krieg gepflegt und in den sie sich verliebt hatte. Als die weiße Dame verkleidet, drängt sie ihn nun, mit dem Schatz der Avenels, dessen Versteck sie zu kennen glaubt, die Burg zu kaufen. Obwohl er keinen Groschen Geld hat, geht er ihr zu Liebe das Wagnis ein und sticht Galveston bei der Versteigerung der Burg aus. Das Geld muss nun in wenigen Stunden herbeigeschafft werden. Mit Hilfe der alten Amme Marguerite sucht Anna überall in den von Vegetation überwucherten Gemäuern fieberhaft nach dem Schatz, und sie findet ihn. Als George Brown in die Burg eindringt, findet er die Erinnerung an seine Kindheit wieder. Man erkennt in ihm den verschollenen Erben Julien de Alvenel. Galveston muss auf seine ehrgeizigen Pläne verzichten. Julien übernimmt die Burg und den Schatz und heiratet Anna, in der er die Pflegerin wiedererkennt, die er überall gesucht hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
„Ich habe mich begeistern lassen von der gotischen Romantik des Werkes, die sehr dazu angetan ist, eine visuelle Traumwelt zu schaffen … Und in der Dame Blanche ist auch die Magie interessant“, verspricht Regisseurin Pauline Bureau, aber ihre magische Traumwelt fällt etwas schmächtig aus. Denn die Dame Blanche, die zu Anfang im Mondlicht der schottischen Heidelandschaft herumgeistert und sich dann wieder in Luft auflöst, schafft nur vorrübergehend ein traumhaft-romantisches Bild, aber keine anhaltende Traum-Atmosphäre. Ebenso wenig, wenn sie am Ende der Oper wie eine dea ex machina, weiß leuchtend und segenspendend, aus der Versenkung emportaucht. Auch die verschiedenen magischen Tricks, die auf der Bühne verpuffen oder durch die Gegend fetzen, lassen keine dauerhafte magische Stimmung aufkommen. Sogar die Kindergemälde in der alten Burg, die in ihrem Rahmen lebendig werden, sind zu realistisch, um fantastisch zu wirken, aber sie helfen sicherlich dem gedächtnisgestörten Helden, die Erinnerung an seine Kindheit wiederzufinden.
Man versteht, was Bureau vorgeschwebt hat, aber es ist ihr nicht ganz gelungen. Vielleicht ist das auch nicht notwendig. Denn was bleibt, ist eine im Großen und Ganzen eher handfeste, aber dennoch durchaus nachvollziehbare romantische Komödie, deren Komik durch die Musik, aber auch durch die Regie unterstrichen wird. Die Bühnenbilder von Emmanuelle Roy sind nicht originell, aber glaubhaft der Romantik Schottlands angepasst. Der Chor ist von Alice Touvet malerisch gekleidet, so wie man sich eine raue Horde schottischer Highlander vorstellt. Jean-Luc Chanonats Beleuchtung ist gezielt wirkungsvoll. Und die Personen-Regie – bei einer Komödie besonders unumgänglich – ist sehr genau und stellenweise sehr komisch. In der alten Tradition der Opéra Comique wird ein großer Teil der Oper gesprochen, und Bureau hat darauf bestanden, keinen der Dialoge zu streichen. Mit Recht, denn diese Dialoge bringen das Publikum häufig zum Lachen, und alle Sänger haben sich gefreut, auch einmal Nur-Schauspieler sein zu dürfen. Wo die Regisseurin sich nicht geirrt hat: „Für mich ist es wichtig, in der Oper weibliche Figuren zu finden, die nicht schwach sind, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.“ Tatsächlich, Anna, die Titelheldin, so wie sie sie uns vorstellt, ist energisch, tatkräftig und weiß, was sie will. Ebenso bis zu einem gewissen Grad die Bäuerin Jenny.
Die Gesangspartituren sind anspruchsvoll. Boieldieu hat von seinen Sängern viel verlangt. Nicht nur individuell, sondern auch in den zahlreichen Ensembleszenen. Unter ihnen sticht eine ganz besonders hervor: das lange Finale des zweiten Aktes, die Versteigerung der gräflichen Burg Nous quittons nos travaux. Sie ist eine theatralische Meisterleistung und ausgezeichnet interpretiert in all ihren Veränderungen und Überraschungen. Großes Musiktheater!

Elsa Benoit hat von der Münchner Oper den Sprung nach Paris gewagt. Sie ist stimmlich und schauspielerisch eine lebendige, initiativenfreudige Anna. In ihrem klangvollen Sopran klingt die lebensbejahende Entschlossenheit wieder, aber auch ihre Sensibilität wie in dem freudigen Wiederfinden der Stätten ihrer Kindheit im dritten Akt Enfin, je vous revois, séjour de mon enfance. Ihr gegenüber ist Philippe Talbot, schauspielerisch und stimmlich ausgezeichnet, der immer freundliche, aber durch seinen Gedächtnisschwund etwas unbedarfte Soldat George Brown. Er stellt sich gleich am Anfang den Highlandern mit einem Strophenlied vor Ah, quel plaisir d’être soldat. Im 18. Jahrhundert bis etwa 1840 war es üblich, dass ein Tenor die hohen Lagen in der Kopfstimme singt, was ihm einen leichteren, eleganteren Ausdruck gab. Man nannte das ténor de grace. Auch der George Brown der Uraufführung war so ein Ténor de grace. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich bei den Tenören allgemein die Bruststimme durchgesetzt. Um an diese sonore Eigenheit der Uraufführung zu erinnern, versucht nun auch Philippe Talbot, stimmtechnisch sehr gekonnt, gewisse Piano-Stellen seiner Partitur in der Kopfstimme zu singen, was in den komischen Szenen die Komik unterstreicht, in den lyrischen das Wehmütige. Als Bäuerin Jenny lässt sich Sophie Marin-Degors Jenny nicht auf die Füße treten. Mit Energie und kräftigem, vibratoreichem Sopran kämpft sie für ihre Interessen und gegen Galveston wie in der Ballade D’ici voyez ce beau domaine. Mit tiefer, sehr eigen timbrierter Altstimme und großer Eindringlichkeit singt Aude Extrémo die alte Amme Marguerite, so auch im verschwörerischen Duett mit Anna Mademoiselle, j’apporte une bonne nouvelle. Den skrupellosen Galveston singt mit dunklem Bariton Jérome Boutillier, nur nimmt man ihm seinen bösen Charakter nicht so recht ab. Seinen Hauptgegenspieler, den legitimistischen Bauern und Jennys Ehemann Dickson, spielt und singt Yann Beuron, während Yoann Dubruque, höhnisch lächelnd, den korrupten amtlichen Versteigerer abgibt. Eine Vielzahl von Nebenrollen vollenden das sehr gute Ensemble.
Der kraftvolle und gut einstudierte Chor ist ein ganz wesentlicher Teil der Handlung. Dabei macht es Boieldieu den Ausführenden nicht leicht, weil er die Tenöre und die Bässe oft in zwei, manchmal sogar in vier Gruppen unterteilt, was einen sehr komplexen, aber wirkungsvollen Chorgesang ergibt.
Julien Leroy, der junge Dirigent des Abends, hält dieses vielfältige Ensemble gut zusammen und bringt das Orchestre National de l’Ile de France so zum Klingen, wie man es sich bei Boieldieu erwartet: leicht und fröhlich.
Der Oper am Place Boieldieu – der Platz vor der Opéra Comique ist nach dem Komponisten benannt – ist mit dieser „Hausoper“ wieder eine Aufführung voller Witz und Charme gelungen. Das Publikum scheint sehr erfreut.
Alexander Jordis-Lohausen