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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
11. Juni 2019
(Premiere)
Nach dem großen Erfolg der Oper Le Nozze di Figaro in Wien und dem vielleicht noch größeren Anklang, den diese Oper beim Prager Publikum findet, als er sie dort dirigiert, schließt Mozart mit dem Direktor des Gräflich Nostitzschen National Theaters zu Prag Anfang 1787 einen Vertrag für eine neue Oper ab. So entsteht wieder in enger Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte Don Giovanni. Er wird im 27. Oktober desselben Jahres in Prag unter der Leitung des Komponisten mit großem Erfolg uraufgeführt. Hundert Dukaten bekommt Mozart für sein Werk. Und Prag will ihn gleich noch für eine weitere Oper verpflichten – Josef Haydn, dem man auch ein Angebot gemacht hatte, lehnt zu Gunsten Mozarts ab. Aber auch Mozart lehnt ab, es zieht ihn zurück nach Wien. So entsteht erst dort zwei Jahre später Mozarts dritte und letzte da-Ponte-Oper Così fan tutte.
Die Oper Il dissoluto punito ossia Don Giovanni, dieses dramma giocoso, ist in der Operngeschichte vielleicht die genialste Mischung von seria und buffa. Aber noch heute ist man sich nicht einig, ob sie als Tragödie oder als ernst-heitere Komödie gedacht war? Da Ponte neigt wohl eher zu Letzterem, denn er fügt dem dramatischen Ende des Wüstlings einen heiteren Epilog an, in dem die Überlebenden sich freuen, dass die Welt nun wieder heil ist. Das Ende einer Komödie, nicht das Ende einer Tragödie. Für die Aufführung in Prag hat Mozart diesen musikalisch reizvollen Epilog komponiert, doch hat er ihn bei der folgenden Wiener Aufführung wieder gestrichen. Für ihn handelt es sich also doch eher um eine Tragödie. So auch für Hans Renner: steht doch Don Giovanni „im Widerstreit mit Gott und der Welt … Sein Furioso zwischen Lust und Qual, seine Sinnenraserei, seine Kriminalität – dies alles ist Ausdruck seines dämonischen Nihilismus, er leugnet einen übergeordneten, ewigen Weltsinn“, was nur zu seinem unabänderlichen, tragischen Ende führen kann. E.T.A. Hoffmann wiederum sieht in Don Giovanni eine romantische Oper. Kritiker werfen ihm daher vor, er verfälsche durch diese romantische Sicht Mozarts Oper und entschuldige Don Giovannis Verhalten als das eines vor-revolutionären Freiheitshelden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Einer solchen romantischen Vision stellt sich auch Ivo van Hove in der vorliegenden Inszenierung entschieden entgegen und gibt ihr damit eine politische Note. In Wirklichkeit stelle die Oper nicht den revolutionären Freiheitsdrang dar, sondern die Missstände des Ancien Régime. Die Freiheit, die er rühmt, habe nichts mit der französischen Revolution zu tun. Vor allem aber ist für ihn Don Giovanni nicht Mythos, sondern Mythomanie. Es geht es ihm darum, den Don Giovanni nackt und schonungslos zu entlarven als jemanden, der alle Welt missbraucht und dabei nicht vor Mord zurückschreckt. Ein Zerstörer der gesellschaftlichen Ordnung, der sich über alles lustig macht, was anderen heilig ist.
Dieses gewollt Nackte, Schonungslose der Inszenierung betrifft alle Personen der Handlung, nimmt ihnen damit das Mythische und macht sie menschlicher, bringt sie uns näher. Durch eine sehr gute Personenregie verstehen wir sie auf einmal in einer gewissen Alltäglichkeit. Doch andererseits schafft das Mythische einen Zusammenhang. Dieser Zusammenhang fehlt hier, und das Geschehen fällt ein wenig auseinander. Auch fehlt das dynamische Element des Mythos, die Geschichte wird zu einem etwas seichten Gesellschaftsdrama. Wenn die Frauen nicht mehr einer dämonisch-sinnlichen Anziehungskraft erliegen, sondern der Verführer nur mehr ein sexbesessener Mörder ist, wenn der Komtur nicht mehr als unheimlicher steinerner Gast, sondern nur noch als blutüberströmtes Opfer auf die Bühne zurückkehrt, dann glaubt man weder dem einem noch dem anderen seine magisch-zwingende Kraft.
Das Bühnenbild passt sich durchaus folgerichtig der Idee der Nacktheit an. Die Oper spielt auf einem kleinen Platz, umgeben von einfachen, grauen, architektonischen Betonformen à la Chirico, verbunden von einer Vielzahl von Treppen, Übergängen, Stufen und Terrassen, offensichtlich von Piranesis Gefängnissen inspiriert. Grafisch sehr gelungen. Die zeitgenössischen Kostüme unterstreichen die Alltäglichkeit. Die Bauern sind hier Arbeiter und Arbeiterinnen in grauer Arbeitskleidung. Die Choreografie der Personen ist bühnenwirksam.

Van Hove hat den Epilog der Oper beibehalten, ja, er hat den Gegensatz vom beklommenen Drama zur befreienden Atmosphäre des Post-Finales noch dadurch verstärkt, dass in dieser allerletzten Szene die bisher nackten Häuserwände, Balkone, Terrassen plötzlich blumengeschmückt sind, bunte Markisen die Sonne abschirmen, die nicht mehr fahl und kalt in die Gassen hinabscheint, sondern in südlicher Wärme aufgehängte Wäsche trocknet. Ist es also vielleicht doch nur eine Komödie gewesen?
Musikalisch hat die Pariser Oper für diese Aufführung ein Ensemble von ausgezeichneten jungen Sängerinnen und Sängern zusammengestellt. Ain Anger ist schon durch seine Größe von 1,90 Meter, aber auch durch seine volle Bassstimme ein eindrucksvoller Komtur. Doch findet er hier nicht in einem ritterlichen Zweikampf den Tod, sondern wird unbewaffnet von Don Giovanni mit einer Pistole erschossen. Etienne Dupuis singt und spielt mit kraftvollem Bariton den hemmungslosen Wüstling, wie die Regie es vorschreibt mit nüchterner Kaltblütigkeit. Jacqueline Wagner ist mit gut kontrolliertem, dramatischem Sopran eine sehr menschliche Donna Anna. Auch Don Oktavio kommt uns als Persönlichkeit näher und singt mit zartem, lyrischem Pathos. Nicole Car ist als sehr reizvolle Donna Elvira schauspielerisch viel zugänglicher und stimmlich ungewöhnlich dramatisch für einen lyrischen Sopran. Don Giovannis alter ego, Philippe Sly als Leporello, widerspenstiger, emanzipierter, weniger clownsartig, als man es gewöhnt ist, kommt in dieser Regie vielleicht nicht ganz auf seine Rechnung, doch liefert er uns eine bezaubernde Registerarie. Michael Timoshenko ist ein glaubhafter Masetto und Elsa Dreisig mit viel Charme und klarer Stimmführung eine reizende Zerlina.
Philippe Jordan leitet Solisten, Chor und Orchester mit musikalischer Wachsamkeit, doch spürt man, dass er mit den Visionen des Regisseurs nicht einverstanden ist.
Das Premierenpublikum im ausverkauften Palais Garnier bedenkt die Ausführenden mit viel Beifall.
Alexander Jordis-Lohausen