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DONNERSTAG AUS LICHT
(Karl-Heinz Stockhausen)
Besuch am
19. November 2018
(Premiere am 15. Oktober 2018)
Der vor elf Jahren verstorbene Komponist Karl-Heinz Stockhausen war einer der hervorragendsten Vertreter der elektroakustischen Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Eines seiner letzten Werke ist der Zyklus Licht, der aus sieben Opern besteht. Ein Zyklus, den er in den 1970-er Jahren begann und erst am Anfang dieses Jahrhunderts abschloss. Jede der sieben Opern trägt den Namen eines Wochentages. Es beginnt mit Donnerstag aus Licht. Dem traditionellen japanischen Theater hat der Komponist entliehen, eine Person von mehreren Interpreten darzustellen. Und so wird jede der drei Hauptfiguren Michael, der Erzengel, aber auch Stockhausens alter ego auf Erden, Eva, aber auch die Mutter Michaels, Lucifer, aber auch der Vater Michaels von einem Instrument, einem Sänger oder einer Sängerin und einem Tänzer oder einer Tänzerin gespielt. Drei Melodien, in einer „Superformel“ zusammengefasst, beschreiben die drei Figuren der Oper.
Die Wiederaufnahme des Werkes in Paris geht auf die Initiative des jungen Dirigenten und Leiter des Musik-Ensembles Balcon Maxime Pascal zurück, in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Benjamin Lazar. Stockhausen hatte ursprünglich verfügt, dass bei der Aufführung der Opern mindestens eine seiner Frauen – er hatte zwei, eine Klarinettistin und eine Flötistin – oder eines seiner Kinder – er hatte sechs – mitwirken. Und so war es auch bei der Uraufführung 1981 in der Scala von Mailand, als Donnerstag, Samstag und Montag uraufgeführt wurden. Bei der hiesigen Aufführung kommt das Werk zum ersten Mal ohne die Mitwirkung eines der Familienmitglieder auf die Bühne. Maxime Pascal erzählt, das sich zwischen ihm und den Stockhausen-Clan über die Musik ein Vertrauensverhältnis entwickelt, und dass man ihm daraufhin für sein Projekt freie Hand gelassen habe. Für Pascal hat Stockhausen „das 21. Jahrhundert eröffnet, indem er das Verhältnis von Raum, Zeit und Musik revolutioniert.“ Und mit unbeirrbarer Begeisterung spricht er über diesen Zyklus, der ihn seit zehn Jahren beschäftigt, und weist im Besonderen auf das Hubschrauber- Quartett hin, das in der Oper Mittwoch, Licht vorkommt. „Er hat dort eingeführt, dass man einer Aufführung beiwohnt, in der die Musik nicht vor Ort gespielt wird, man mit ihr aber dieselbe Zeit teilt. Er hat die musikalische Welt verändert. Sein Werk ist eine mögliche Synthese des Zeitgeistes. Ein Beispiel sind – in Donnerstag aus Licht – die unsichtbaren Chöre, die die ganze Oper begleiten, die, wie Stockhausen es ausdrückt, ‚eine Art musikalischer Horizont‘ sein sollen, den man spürt, den man aber erst im dritten Akt wirklich hört, weil man dann in die Welt der Engel eindringt. Das Erlebnis, das er dem Zuhörer mit den Chören bietet, geht weit über die musikalischen Konzepte des 20. Jahrhunderts hinaus. Außerdem hat er eine musikalische ‚Superformel‘ erfunden, die ebenso stark ist wie die Tonalität oder der Serialismus. Wir haben es mit einem Künstler zu tun, der ganz allein ein System erfunden hat, was außergewöhnlich ist. Das 20. Jahrhundert wurde mit Le Sacre du Printemps eröffnet, das 21. mit Licht!“ Dazu fügt der Regisseur Benjamin Lazar noch hinzu: „Es gibt einen Satz in der Oper, den ich sehr liebe und der die Persönlichkeit Stockhausen sehr treffend zusammenfasst: ‚Ich habe versucht zu spielen, wie ein Kind mit Tönen.‘ Dieser Satz ist mein dramaturgischer Schatz, es ist das Kind, das die Oper erfindet, das Kind, das Stockhausen gewesen ist, und das nicht aufhört, mit neuen Gegenständen zu spielen.“
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Oper Donnerstag aus Licht behandelt religiöse, mystische, aber vor allem auch autobiografische Themen. Es wird auf offener Bühne gespielt, ohne Dekor, das Orchester ist wie in einem Amphitheater erhöht im Halbkreis um die Vorderbühne herum platziert oder davor. Die Beleuchtung ist spärlich, aber angemessen. Im ersten Akt – Kindheit – sieht man zuerst, wie er mit der Mutter singt und mit dem Vater auf die Jagd geht, doch dann werden dem Zuschauer ziemlich schonungslos die Kindheitstraumata des kleinen Michael vor Augen geführt – die Euthanasie seiner geistesgestörten Mutter im so genannten Dritten Reich und der Tod seines Vaters an der Ostfront. Seine frühen musikalischen Neigungen entwickeln sich also in einem Klima der Gewalt. Nicht nur hier, sondern während der ganzen Oper spürt man, wie sich Michaels schöpferische Kraft – und die Stockhausens – gegen diese Gewalt in der Welt auflehnt. Das Terzett der drei Stimmen Michael/Tenor, Mutter/Sopran und Vater/Bass ist ein erregter Wechsel von staccato-Gesang und Sprechgesang, Aufschreien, sanfteren legato-Passagen, Zischen und Flüstern. Diese Rollen zu singen ist eine beachtenswerte Leistung der drei Interpreten Damien Bigourdan, Léa Trommenschlager und Damien Pass, noch dazu auf Deutsch. Auch die Koordination bedeutet zweifellos eine große Konzentration für alle Mitwirkenden, und man kann nur ahnen, wie viel Probenarbeit dahintersteckt.
Auf drei Leinwänden auf der rohen Hinterwand der Bühne geben Videos für jeden Darsteller entweder ihren Text auf Französisch wieder oder zeigen dazu entsprechende Bilder. In der zweiten Szene verliebt sich Michael in Mondeva, eine Art Papagena Stockhausens in exotisch-schillerndem Paradiesvogel-Gewand. Diese Szene ist von kindlicher Poesie. Die zwei Instrumentalisten Michael/Trompete und Mondeva/Bassetthorn tanzen umeinander herum, intrigiert und verwundert, bis die Mond-Eva schließlich in ihrem Raumschiff die Erde wieder verlässt. Henri Deléger begeistert durch die Nuancen und Vielfalt der Töne, die er mit oder ohne die sechs Dämpfer seiner Trompete entlockt und Iris Zerdoud durch die samtenen Töne ihres Bassetthorns. Es ist auch die einzige Szene, in der Lazar eine der Protagonisten fantasievoll kostümiert. Ansonsten tragen alle sehr nüchterne Alltagskleidung. In der dritten Szene steht Michael vor der Jury der dreifachen Aufnahmeprüfung ins Konservatorium. Er erzählt dreimal seine Kindheit: Erst singt er sie aus der Sicht seiner Mutter, dann als Trompeter aus der Sicht des Vaters. Und er begeistert schließlich endgültig seine Jury, als er sich tanzend als Kind selbst darstellt. Wieder ist hier eine sehr poetische Szene gelungen. In einer ausdrucksstarken Choreografie, die Tanz und Mimik verbindet, sieht man regelrecht, wie das Kind lauter Geschichten erzählt. Bezaubernd verspielt getanzt von Emmanuelle Grach.

Der zweite Akt ist Michaels Weltreise, die ihn von Köln, über New York, Japan, Bali, Indien, Zentral Afrika nach Jerusalem führt. Auf jeder dieser Stationen „unterhält“ sich der Trompeter Michael mit Teilen des Orchesters, die auf der Vorderbühne vorbei paradieren. Denn das Orchester bedeutet die Welt. Denn „für Stockhausen ist die Musik die Welt“, sagt Lazar, und Stockhausen sei der Meinung gewesen, die Musik hätte die Kraft, Menschen zu verändern. Er habe auch versucht, aus einer Synthese verschiedener musikalischer und theatralischer Formen aus aller Welt eine Art universelle Kunst und universelle Musik zu schaffen, in einem neuem, ihm eigenen Stil. Letzteres ist wohl entscheidend: Es bleibt eine Stockhausen sehr eigene Ton-Sprache, denn man sucht vergeblich in diesem zweitem Akt etwaige „lokal-exotische“ Elemente, wie etwas das Gamelan aus Bali oder den Jazz aus New York. Bei den Kostümen ist Lazar bei der Nüchternheit geblieben und folgt nicht den Regie-Vorschlägen Stockhausens, der beispielsweise das Orchester während der Weltreise als Pinguine auftreten lassen möchte, die Klarinettistinnen als Schwalben oder andere Instrumentalisten als Clowns. Als Michael die letzte Station seiner Reise erreicht, hört er aus weiter Ferne das Bassethorn. Er antwortet in einem langen, sehnsuchtsvollem lamento, begleitet von einer gezupften Bassgeige. Sofort bricht er seine Reise ab, begibt sich auf die Suche nach der fernen Geliebten und findet sie. Was folgt, ist, auch klanglich, eine höchst reizvolle, aber auch sehr komische Szene. Es sieht aus wie der extravagante Hochzeitstanz zweier Vögel, der nach vielen Pirouetten, Verbeugungen und Anschmiegungen in einen unisono und gemeinsamen Triller endet, der die Vereinigung darstellt. Dieser zweite Akt ist rein instrumental. Und wieder muss man die Probenarbeit loben, denn es wird ja hier von den Instrumentalisten gefordert, sich wie Schauspieler auf der Bühne aufzuführen und dabei ihr Instrument zu spielen, obendrein auswendig, was bei Sängern und Sängerinnen normal, bei Orchestermusikern jedoch ungewöhnlich ist.
In der ersten Szene des dritten Akts – Rückkehr – nimmt die Oper mit verstärkter Besetzung Oratorien-Charakter an. Fünf Orchestergruppen, ein Streichorchester, fünf Chöre umgeben Michael und Eva, die beide in dreifacher Darstellung aus ihrer himmlischen Wohnung auf die Erde zurückgekehrt sind und ein brausendes Fest feiern. Sie werden hier sehr intensiv von Safir Behloul und Elise Chauvin gesungen. Es ist anzunehmen, dass die anstrengende Partitur es nötig macht, dass verschiedene Sänger die beiden Hauptdarsteller im ersten und im dritten Akt singen. Im Orchester sind es wieder die Bläser und vor allem die Blechbläser, die in den Vordergrund treten. Doch Luzifer, ebenfalls in dreifacher Darstellung, erscheint als Störenfried und kann erst nach langen Kämpfen vertrieben werden. Kämpferisch Mathieu Adam als Luzifer/Posaune und Jamil Attar geschmeidig und akrobatisch als Luzifer/Tänzer.
Die Schlussszene – Vision – ist eine Art Rückschau und Exegese des verflossenen Lebens Michaels. Der Tanz beschränkt sich hier eher auf symbolische Gestik, die Trompete ist ganz gedämpft und Michaels Gesang getragen und intensiv. Er gipfelt in seiner Erklärung, dass er als Erzengel auf die Erde gekommen sei, um „Himmelsmusik den Menschen und Menschenmusik den Himmlischen zu bringen, auf dass der Mensch GOTT lausche und GOTT seine Kinder erhöre.“ Und die Oper schließt mit seinen Worten: „Und ich weiß, dass viele von Euch mich verlachen, wenn ich Euch singe: Ich habe mich unsterblich in die Menschen, in diese Erde und ihre Kinder verliebt – Trotz LUZIFER – trotz Satan – trotz allem.“
Es ist ein eindrucksvolles Werk, das man selten hört und sieht. Und es ist erfreulich, dass Maxime Pascal die Absicht äußert, mit seinen Mitstreitern auch die übrigen Wochentage im Laufe der nächsten Jahre in Paris auf die Bühne bringen zu wollen.
Das Publikum hat auch nach viereinhalb Stunden in der Oper noch die Kraft, die Ausführenden mit begeistertem Applaus zu belohnen.
Alexander Jordis-Lohausen