O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Francesco Cavalli, Schüler und später Nachfolger Claudio Monteverdis als maestro di cappella an der Sankt-Markus-Kathedrale in Venedig, ist auf dem Höhepunkt seines Ruhms und gilt als der bedeutendste Opernkomponist Italiens und das Abendlands, als der Kardinal und Minister Mazarin ihn 1659 an den französischen Hof ruft, um für die Hochzeitsfeierlichkeiten des jungen Königs Ludwig XIV. und zu seinem Ruhm eine italienische Oper zu schreiben. Eine französische Oper existierte damals noch nicht. Und so entsteht ein Werk, das die strenge, einfache venezianische Opernform nicht nur mit den in Frankreich unumgänglichen Balletteinlagen. sondern auch mit der extravaganten Maschinentechnik der Pariser Barockbühne verbindet, die eine Vielzahl von fantastischen Sondereffekten möglich machte.
Das Textbuch ist höchst kompliziert: Herkules – gemeint ist Ludwig XIV. – liebt Iole, die Braut seines eigenen Sohnes Hyllus und will sie heiraten. Venus ist bereit, Herkules zu helfen, aber Juno widersetzt sich ihnen, denn Herkules ist schon verheiratet und außerdem hatte er Ioles Vater Eutyrus erschlagen, weil dieser ihm Hyllus als Schwiegersohn vorgezogen hatte. Juno versetzt den Helden in Schlaf und befiehlt Iole, ihn zu töten. Hyllus hindert sie daran, Herkules erwacht. Er sieht sich von allen bedroht, verbannt seine Frau Deianira und will seinen Sohn töten. Um Hyllus zu retten, willigt Iole ein, Herkules zu folgen. Hyllus wird gefangen genommen. Er stürzt sich jedoch aus Verzweiflung von seinem Gefängnisturm ins Meer, wird aber von Neptun und Juno gerettet. Bei der folgenden Hochzeit hängt Iole dem Herkules eine Tunika um, die mit dem giftigen Blut des Zentauren Nessus getränkt ist. Herkules geht durch sie unter Qualen zu Grunde. In einer Apotheose zeigt Juno dann den unsterblichen Herkules im Olymp, der sich nun in einem Planeten-Ballett mit der Schönheit – gemeint ist die Infantin von Spanien – vereint. Iole und Hyssus finden einander wieder und auch sie dürfen nun heiraten.
Das verwickelte Textbuch, von einem Vertrauten des Kardinals Mazarin geschrieben, scheint nicht sehr angebracht für eine königliche Hochzeit. Doch man sagt, der Kardinal habe mit dieser glanzvollen Aufführung dem jungen König klar machen wollen: „In Deiner Jugend hast Du Dich ausgetobt, jetzt kommt die Zeit, wo Du als großer König in die Unsterblichkeit eingehst!“ Wohl auch eine Anspielung darauf, dass er ihn gezwungen hatte, aus Gründen der Staatsräson auf seine Liebe zu seiner hübschen Nichte Marie Mancini zu verzichten und die nicht so reizvolle Infantin von Spanien zu heiraten.
Dem noch jungen, ehrgeizigen Jean-Baptiste Lully gelingt es nach dem Tod des Kardinals, Cavallis Oper in eine Reihe von seinen eigenen Balletten einzubetten, so dass bei der glanzvollen Uraufführung das extravagante französische Element das schlichte venezianische in den Schatten stellt. Das ermöglicht Lully dann ab 1673 mit den Erfahrungen, die er bei Cavalli gesammelt hat, eine eigenständige französische Barock-Oper ins Leben zu rufen. Cavalli kehrt enttäuscht nach Venedig zurück. Lullys Ballette werden bei der vorliegenden Aufführung nicht gegeben, sonst dauerte sie sieben Stunden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die beiden Regisseure, Valérie Lesort und Christian Hecq kommen vom Theater und sind offensichtlich entschlossen, richtige Schau-Spiele zu schaffen. Nach ausgiebigen Recherchen haben sie sich an die Arbeit gemacht. Natürlich mussten sie vereinfachen, denn mindestens drei Dekors für jeden der fünf Akte wie bei der Uraufführung, ist heute nicht mehr denkbar. Auch mussten sie sich die Frage stellen, wie kann man solche eine komplizierte, antike Geschichte dem breiten Publikum schmackhaft machen. Ohne das Werk zu verändern, haben sie sich im Gegenteil von der reichhaltigen Symbolik, von den Bildern, die die griechische Sage heraufbeschwört, aber auch von dem, was das 17. Jahrhundert dafür an Maschinerie auf die Bühne gebracht hat, inspirieren lassen. Und dann haben sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen, fühlten sich jedoch immer einer gewissen Ästhetik, einer gewissen Poesie und auch einem gewissen Humor verpflichtet. Vieles sieht aus, als sei es einem inspiriertem Kinderbilderbuch entsprungen. Bis zuletzt mussten sie zittern, ob auch alles, was sie ausgeklügelt hatten, richtig funktionieren würde, doch alles läuft genauestens wie am Schnürchen ohne jegliche Panne. Das Publikum hält den Atem an und muss jede Minute auf der Hut sein, nicht irgendetwas zu verpassen, denn ein origineller oder witziger Regie-Einfall jagt den anderen. Schon bei seinem ersten Auftritt erscheint Hercules mit einem grünen Ungeheuer an der Leine, das man bei Maurice Sendak suchen könnte. Dann entpuppt sich Venus aus einer Rosenblüte, die plötzlich aus der Versenkung auf die Bühne wächst. Juno hingegen sitzt entweder rittlings auf einem Pfau oder schwebt hoch über dem irdischen Geschehen in einer Pfauen-Montgolfiere. Und auf der ganz weiß gehaltenen geometrisch-einfachen Bühne, die wie ein Amphitheater nach hinten abgeschlossen ist, wachsen immer wieder Pflanzen mit bunten Blüten oder erschreckenden Krallenhänden. Iole und Hyllus, das Liebespaar, singen ihr Liebesduett auf Säulen hoch über der Bühne stehend, während Venus in einem rosafarbenen Piepmatz darüber ihre Kreise dreht. Es wird unheimlich, wenn Säulen oder Möbelstücke anfangen, lebendig zu werden oder sogar zu tanzen. Oder wenn vom Chor nur die Köpfe zu sehen sind, die in einer Wand stecken. Es sollen sich einige der Ausführenden anfänglich gegen diese akrobatischen Leistungen gewehrt haben, aber schließlich haben alle erfolgreich gelernt, auch im Schweben, auf einer Säule stehend oder wie Neptun und der aus den Fluten gerettete Hyllus aus der Luke einer Art Unterseeboot à la Jules Vernes ihre Arien zu singen. Nichts bleibt ihnen erspart, sogar der Chor muss in der Meeresszene in schwarzweißgestreiften Badeanzügen, Modell 1900, in den blauen Bilderbuchwellen kraulen oder verwegene salto mortale darbieten. Die Szene des Schlafgottes als erschöpftes Michelin-Männchen ist von einer unwiderstehlichen, zarten Komik. In der Schlussapotheose, als Herkules und die Schönheit hoch in den Sternen hängen und singen, gibt es sogar noch ein kurzes Feuerwerk auf offener Bühne. Dem Publikum wird für sein Geld viel geboten. Und das Publikum ist sehr vergnügt darüber.
Um sie zu charakterisieren, hat Vanessa Sannino sehr verspielt und fantasievoll die Darsteller jeweils mit einem besonderen Symbol ausgestattet: so hat Juno vier Augen, um besser überwachen zu können, Venus zwei Gesichter, weil sie so oft in den Spiegel schaut. Auch die farbenprächtigen Kostüme tragen zur Identifikation bei: Deianiras Kleid ist mit Tränen bestickt und ihre Schleppe, wie ihr Kummer, 40 Meter lang. Die Kleider sind farbig und fantasievoll, vom venezianischen Karneval, von Kinderbüchern oder von der griechischen Volkstracht inspiriert.

Cavalli hatte in Paris darauf verzichten müssen, den Helden von einem Kastraten singen zu lassen, wie es in Venedig üblich war, und die Rolle für Bass geschrieben. Nahuel di Pierro hat alles, was man von einem Herkules erwarten kann: forsches Auftreten, gutes Aussehen und eine kraftvolle auch in den tiefen Lagen klangvolle Bassstimme, die schon in der ersten Szene Come si beffa Amor voll zur Geltung kommt. Sehr eindrucksvoll, aber auch interessant ist der Tod des Helden und sein Hinabfahren in den Tartarus im fünften Akt Ma qual pungente arsura, weil es szenisch fast schon den Untergang des Don Giovanni bei Mozart und Da Ponte vorwegnimmt. Anna Bonitatibus, ob in luftiger Höhe oder auf irdischem Boden, singt und spielt Juno mit souveräner Musikalität und klarer Stimmführung. Wütend und unerbittlich wettert sie im ersten Akt E vuol dunque Ciprigna. Als hervorragende Tragödin entpuppt sich Guiseppina Bridelli als Deianiera. Sie singt fast ohne Vibrato, wie die Barockmusik es vorschreibt, was ihrem vollen Mezzosopran eine gewisse Herbheit verleiht, die gut zu ihrer Rolle passt. Grandioses Lamento in ihrer Verzweiflungsarie Ed a que peggio im vierten Akt. Francesca Aspromonte und Kristian Adam sind rührend als das Liebespaar Iole und Hyllus, besonders, wenn sie im zweiten Akt, hoch über der Bühne auf zwei Säulen stehend, sich ihre Liebe beteuern: Amor ardor più rari. Und das umso einleuchtender, als ein winziger, nackter Cupido hinter ihnen an einem Fenster sein Unwesen treibt. Guilia Semenzato, erst betörend als Diana im Prolog in mit Sternen besticktem, schwarzem Glitzerkleid, ganz im Stil des venezianischen Karnevals und in der Folge als frivole Venus beschert dem Publikum reizvolle Szenen. Luca Tittoto ist ebenso überzeugend als der grünbärtige Neptun wie der Schauer erregende Geist des Eutyrus. Eine besondere Erwähnung verdienen das Paar der beiden Kontratenöre Ray Chenez und Dominique Visse als Lychas und der Page, die überaus erfolgreich durchgehend das komische Element vertreten. Alle übrigen der zahlreichen Ausführenden, Tänzer und Techniker tragen ihren nicht unwesentlichen Teil zum Erfolg der Aufführung bei.
Erwähnt sei auch noch der gut einstudierte Chor, der die oft komplizierten Doppel- und Echochöre, die Cavalli aus der Tradition der Sankt-Markus-Kathedrale in Venedig mitgebracht hatte, mühelos meistert.
Der junge Raphaël Pichon hat aus der Fülle des Instrumentariums, das der französische Königshof seinerzeit Cavalli für seine Oper zur Verfügung gestellt hatte, ein kleineres Ensemble herausdestilliert, das den Anforderungen der prachtvollen und reichen Partitur der Oper voll gerecht wird. Und er leitet Solisten, Chor und Orchester mit Mestria.
Wieder einmal hat die Opéra-Comique alle ihre Versprechungen gehalten. Und das Publikum ist begeistert – so gut haben die Besucher sich schon lange nicht mehr unterhalten. Es ist ihnen auch nicht oft gegeben, ein so außergewöhnliches Gesamtkunstwerk zu erleben. So ziehen sie mit einem Lächeln auf den Lippen von dannen.
Alexander Jordis-Lohausen