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FALSTAFF
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
10. September 2024
(Premiere am 10. Dezember 1999)
Falstaff ist Verdis letzte Oper, ein geniales Alterswerk. Sie ist eine komische Oper und dann doch wieder nicht. Denn sie ist keine opera buffa, in derselben Art wie Mozarts Le Nozze di Figaro es auch nicht ist. So wie der Graf, die Gräfin, Figaro und Susanne keine komischen Figuren sind, so ist bei Verdi und bei seinem Textbuchdichter Arrigo Boito Falstaff keine komische Figur. Für Verdi ist er „ein böser Geselle, der schlimme Streiche vollführt, wenn auch in lustiger Form.“ Auch die Wut des vermeintlich betrogenen Mr. Ford ist nicht komisch, sondern eher tragisch. Und was für Mr. Ford gilt, gilt auch für die anderen Protagonisten. Wie Carlo Maria Guilini es einmal ausgedrückt hat: „Wenn auch die Situationen komisch sind, die Personen sind es nicht.“ Ob sich wohl Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss und des aristokratischen Schwerenöters erinnert haben, als sie ihren Ochs von Lerchenau schufen?
Verdi ist fast 80, als er die Oper vollendet. Doch seine Schaffenskraft hat nicht nachgelassen. Im Gegenteil, er entwickelt, wie schon in der vorhergehenden Oper Otello begonnen, mit Falstaff einen neuen Stil. Weit entfernt von einem Rigoletto oder einer La Traviata. Es ist ein komplexer, noch von romantischer, ja, sogar klassischer Tradition ausgehender, aber dennoch schon in die Zukunft weisender Stil. Vor allem emanzipiert sich das Orchester in dem Werk, wird zu einem ebenbürtigen, weitgehend selbstständigen Partner der Sänger. Es überstürzt sich in dieser Selbstständigkeit in einer bewundernswerten Vielfalt von musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, einer Fülle neuartiger Einfälle. Die Sänger singen in einer Art Parlando-Stil, einer Art von arioser Konversation. Und sie sind dabei oft allein sich selbst überlassen, ohne das begleitende Orchester, das eigenständig die Handlung untermalt.

Obwohl reichlich vereinfacht, folgt die Handlung in den großen Zügen dem Drama Shakespeares. Die Oper endet philosophisch, liebenswürdig mit einem fugierten Finale: Tutto nel mondo è burla … Die ganze Welt ist eine Posse, und wir, wir sind geborene Toren.
In seiner Version von 1999 hat Regisseur Dominique Pitoiset die Oper dennoch ganz im Stil einer komischen Oper, ja, fast wie eine Offenbach-Operette inszeniert. Doch kann auch er nicht verhindern, dass hin und wieder im Lächerlichen das Tragische durchscheint. Die Komik der Situationen ist in der Personenregie sehr sorgfältig herausgearbeitet und, wenn immer möglich, auf die Orchesterbegleitung abgestimmt. Dabei verlegt Pitoiset die Handlung in die Zeit um 1900. Elena Rivkinas bunte Kostüme und die extravaganten Damenhüte sind daher ganz im Stil der Belle Epoque gehalten. In Alexandre Bellaevs Bühnenbild spielt sich die bewegte Handlung während der ganzen Oper in einer belebten kleinbürgerlichen Straße ab, vor einer fortlaufenden Fassade von Ziegelhäusern mit Außentreppen, in der sich sehr malerisch die Eingangstüren zu den verschiedensten kleinen Geschäften befinden. In der Mitte ein Pub.
Musikalisch erwartet einen tatsächlich eine Überraschung. Verdis sonst so bestechende Arien sind hier einem dem Theater sehr nahen, zwar sehr melodischen, aber dennoch fast durchgehenden Konversationsstil gewichen. Auch treten die Hauptdarsteller, mit Ausnahme der Titelrolle, weniger als Einzelpersonen, sondern vielmehr als Gruppen hervor, wie die vier ständig durch erfolgreiche Intrigen gegen Sir John Falstaff, aber auch gegen Ford und den Dottore Cajus sich durchsetzenden Weibsbilder. Und ihnen gegenüber die Gruppe der Männer in verschiedenen Konstellationen. Einzelarien sind daher relativ selten. Auch die Orchesterpartien haben sich verändert. Wie Verdi selbst in einem Brief von 1893 schreibt, handelt es sich dabei um „eine moderne Melodie, nicht in der Art von La Traviata, Rigoletto etc., sondern eine jener schönen modernen Melodien, die weder Anfang noch Ende hat, die in der Luft hängt …“

Allein schon Ambrogio Maestris mächtige Bühnenpräsenz, gepaart mit einer gewaltigen Baritonstimme, die in den komischen Szenen manchmal ins Falsett aufsteigt, und einem ausgeprägten Komiker-Talent, machen seinen Falstaff zum unbestrittenen Star des Abends. Man hätte sich niemanden besseren in der überwältigenden Rolle wünschen können – immer hereingelegt und letztlich doch irgendwie triumphierend. Ihm gegenüber das Quartett der „lustigen Weiber von Windsor“: Olivia Boen singt und spielt die Rädelsführerin der Intrige, Mrs. Alice Ford, mit Witz und Temperament und mit hellem, klarem Sopran, sehr reizvoll ihr Gaie comari di Windsor! im zweiten Akt. Ihr zur Seite singt Federica Guida mit jugendlichem Charme und reiner Stimmführung ihre Tochter Nannetta – hinreißend ihre Legati in Sul fil d’un soffio etesio im letzten Akt. Marie-Nicole Lemieux‘ Mezzo verkörpert souverän die Dritte im Bunde, die go-between Mrs. Quickly und, last but not least, Marie-André Bouchard-Lesieur ist die rührige Mrs. Meg Page. Der Bariton Andrii Kymach verkörpert steif und wütend, wie die Rolle des Ford es vorschreibt, mit metallischem Bariton den vermeintlich Betrogenen – sehr glaubhaft in seiner stürmischen Eifersuchtsszene E sogno? O realtà? Mit der schönen lyrischen Liebesarie des jungen Fenton Dal labbro un canto estasiato vola im dritten Akt erfreut uns Ivân Ayón Rivas. Gregory Bonfatti ist der ewige Verlierer Dottore Cajus. Das lavierend betrügerische Dienerpaar Falstaffs, Bardolfo und Pistola, spielen und singen mit Können und viel Humor Nicolas Jones und Alessio Cacciamani.
Ein Lob verdient auch Alessandro Di Stefano, der den Chor einstudiert hat.
Michael Schønwandt dirigiert mit Einfühlungsgabe und Schwung die Solisten, den Chor und das Orchester der Opéra national de Paris.
Ein sehr erfreulicher Abend, der einhelligen Beifall beim Publikum auslöst.
Alexander Jordis-Lohausen