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LA FILLE DU RÉGIMENT
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
17. Oktober 2024
(Premiere am 15. Oktober 2012)
Von den über siebzig Opern, die Donizetti komponiert hat, halten sich nur wenige auf den internationalen Bühnen, darunter Lucia di Lammermoor, L‘Elisir d‘amore, La Fille du Régiment und Don Pasquale. Und wenn nicht all seine Werke dasselbe hohe musikalische Niveau erreichen, so ist das wohl zum Teil auch durch den unheimlichen Zeitdruck bedingt, dem die Komponisten zum Komponieren ihrer Werke damals ausgesetzt waren. Dennoch hat Donizetti während seines relativ kurzen Lebens – er starb in geistiger Umnachtung mit 51 Jahren – wesentlich zur Entwicklung der italienischen romantischen Oper beigetragen. Vor allem steht bei ihm immer der Sänger im Vordergrund – bel canto in seiner vollendeten Form ist sein Ziel, alles andere, die Orchesterbegleitung, das Libretto werden darüber fast zur Nebensache. Gefühle, vor allem Melancholie und Tragik, wie Verdi sie später noch weiter vertiefen sollte, kommen in seiner musikalischen Sprache besonders zum Ausdruck. Aber er glänzt auch, wie hier, in der Opera buffa. Denn wenn er auch nie denselben populären Ruhm seines Zeitgenossen Rossini genoss, so hat er dasselbe Gefühl für Komik.

La Fille du Régiment ist eine der ersten Opern, die Donizetti für Paris komponiert, aber sie findet erst langsam ihren Weg zum Erfolg. Es ist die bekannteste „Kriegsoper“ des 19. Jahrhunderts, in der sich das Martialische mit dem Romantischen mischt. Sie erzählt die Geschichte von Marie, die während der napoleonischen Kriege von einem französischen Regiment als Baby auf einem Schlachtfeld gefunden und adoptiert wird. Sie wird damit erst das verhätschelte Maskottchen und dann die burschikos-schlagfertige Marketenderin des Regiments. Tirol ist von den Franzosen besetzt, die Bevölkerung auf der Flucht und da verliebt sich Marie ausgerechnet in den Tiroler Bauernbuben Tonio und er sich in sie. Um ihn zu heiraten, muss sie nun erst das Regiment für die Idee gewinnen, und Tonio erklärt sich sogar bereit, ihr zuliebe ins Regiment einzutreten. Dann entdeckt man aber ihre adelige Herkunft und erst nach weiteren burlesken Enthüllungen erreicht sie schließlich doch noch ihr Ziel.
Ursprünglich hat Laurent Pelly die Inszenierung der Oper für Covent Garden kreiert, in einer Koproduktion mit der Metropolitan Opera New York, der Pariser Oper und der Staatsoper Wien. Er hat dabei die Handlung in den Ersten Weltkrieg verlegt, was außer den Kostümen nicht viel verändert. In seiner Personenregie sind mit zahlreichen witzigen Regie-Einfällen die Hauptcharaktere genau herausgearbeitet, eine temperamentvolle Marie, die weiß, was sie will und vor allem, was sie nicht will; ein etwas grobschlächtiger, aber warmherziger Sergeant Sulpice; eine neurotisch-depressive Marquise de Berkenfield und ein feuriger Liebhaber Tonio. Ist die Atmosphäre im ersten Akt ungezwungen-spaßhaft, so wird sie im zweiten noch spritziger, ja, zum Teil urkomisch. Die Szene der Gesangsstunde ist zweifellos die witzigste der ganzen Oper. Und es gelingt eben nur einer großen Sängerin, so gelungen komisch und falsch zu singen. Agathe Mélinand hat mit einem gewissen Erfolg versucht, die gesprochenen Dialoge für die heutige Zeit umzuschreiben und dabei, weil die Premiere ja ursprünglich in London stattfand, der Duchesse de Crakentorp ein wenig British sense of humour in den Mund gelegt. Die Kostüme sind von Volkstracht, Straßenkleidung oder Uniformen des Ersten Weltkriegs inspiriert, alles wenig aufregend. Nur in der Ballszene am Ende der Oper hat zweifellos Polanskis Le Bal de Vampires Pate gestanden. Auch Chantal Thomas Dekors sind nicht überwältigend, wenn auch nicht störend: hauptsächlich Riesen-Landkarten als Kulissen im ersten Akt, und sehr viel Mahagoni-Verkleidung im zweiten. Laura Scozzi überzeugt mit einer sehr beweglichen Choreografie.

Die Oper steht und fällt mit der Rolle der Marie. Julie Fuchs hat vielleicht nicht dasselbe umwerfende schauspielerische Komiker-Talent wie Natalie Dessay, die ihr in der Inszenierung vorausgegangen ist, aber sie durchläuft mit viel Vitalität und Witz und einer bewundernswerten stimmlichen Beweglichkeit die halsbrecherischen Melismen, die nur allzu oft die Situationskomik unterstreichen, wie in der mitreißenden Ronde Chacun le sait, chacun le dit im ersten Akt oder dann wieder in der schon erwähnten persiflierten Gesangsromanze Le jour naissait im zweiten Akt. Zwischendurch entdeckt man wieder den melancholischen, fast tragischen Donizetti, wie in der elegischen Romanze mit Englischhorn-Begleitung Il faut partir!, als Marie herzzerreißend vom Regiment Abschied nehmen muss. Laurence Brownlee singt und spielt mit schneidendem Heldentenor den feurigen Tonio, ein waschechter Tiroler mit Lederhosen und Bergschuhen, überzeugend nicht nur in der Bravour-Arie mit Chor Ah mes amis, quel jour de fête, sondern auch in den lyrischen Szenen, wie in der Romanze Pour me rapprocher de Marie im zweiten Akt. Der raue Sergeant mit dem mitfühlenden Herzen ist mit warmem Bariton und autoritären Gesten Lionel Lhote. Sehr einleuchtend, stimmlich wie schauspielerisch und ganz in ihrer Rolle als Marquise de Berkenfield erfreut Susan Graham. Felicity Lott beschert very frightfully, frightfully die Duchesse der Crakentorp. Und last, but not least ist Florent Mbia der steife, psycho-rigide Butler Hortensius.
Evelino Pidò dirigiert mit Umsicht die Solisten, den Chor und das Orchester der Opéra national de Paris. Doch gewinnt man das Gefühl, das er sich beim melancholischen Donizetti wohler fühlt als beim heiteren.
Die Aufführung der Oper, die auch wieder Offenbachs Operetten ankündigt, findet großen, einhelligen Beifall.
Alexander Jordis-Lohausen