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Ein magischer Freischütz

DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)

Besuch am
19. Oktober 2019
(Premiere)

 

Théâtre des Champs Elysées

Der Freischütz kann vielleicht mehr noch als Wagners Meister­singer den Anspruch erheben, die deutsche National-Oper schlechthin zu sein. Aber nicht auf Grund einer patrio­tisch-natio­na­lis­ti­schen Aussage, sondern weil diese Oper mit einem Pauken­schlag die deutsche musika­lische Romantik aus der Taufe gehoben hat. Die Geschichte des Textbuchs wurzelt in volks­tüm­lichen Mythen, spielt mit den Themen der Liebe, der Natur und vor allem des Unheim­lichen. Die Musik folgt ihr darin, ja sie untermalt sie. Weber selbst sagte darüber: „Statt Totale oder Totalton wollen wir Charakter sagen oder charak­te­ris­ti­scher Hauptton, wie sich auch die Maler ausdrücken und womit ich die Instru­men­ta­ti­ons­farbe des Ganzen meine … Ich habe lange und viel gesonnen und gedacht, welcher der rechte Haupt­klang für dies Unheim­liche sein möchte. Natürlich musste es eine dunkele, düstere Klang­farbe sein, also die tiefsten Regionen der Violinen, Violen und Bässe, dann namentlich die tiefsten Töne der Clari­nette, die mir ganz besonders geeignet zu sein scheinen zum Malen des Unheim­lichen, ferner die klagenden Töne des Fagotts, die tiefsten Töne der Hörner, dumpfe Wirbel der Pauken oder einzelne dumpfe  Pauken­schläge. Wenn Sie die Partitur der Oper durch­gehen, werden Sie sich überzeugen, dass die Bilder des Unheim­lichen die bei weitem vorherr­schenden sind, und es wird Ihnen deutlich werden, dass sie den Haupt­cha­rakter der Oper geben.“

Der Freischütz, 1821 im Berlin urauf­ge­führt, wurde zu einem beispiel­losen Erfolg und setzte sich bald in ganz Deutschland, und etwas später auch im Ausland durch.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das Regieteam Clément Debailleul, Valentine Losseau und Rafaël Navarro haben im Jahre  2000 die Compagnie 14.20 gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Magische und das Irreale mit den verschie­densten, modernen Mitteln auf die Bühne zu bringen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sie sich für den Freischütz inter­es­sieren. Und sie scheinen sich des Kompo­nisten Aussage über das Unheim­liche sehr zu Herzen genommen zu haben. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist eine inter­es­sante, neue Sicht. Hier kommt das Magische als Übergang vom Wirklichen zur Illusion zum Ausdruck, viel weniger das Märchen­hafte. Auf Dekor und Requi­siten auf der Bühne wird ganz verzichtet. Die Handlung wird hingegen weitgehend durch gezielt einge­setzte und ästhe­tisch anspre­chende Videos und hologra­phische Effekte ersetzt. Auf düsterer, in der Wolfs­schlucht-Szene sogar auf ganz dunkler Bühne erscheinen auf Leinwänden, die in verschie­dener Tiefe des Bühnen­raums nieder­gehen, sehr lebendige, oft wirbelnde Bilder, figurativ oder auch nicht. Zu Anfang wandert man durch einen farben­freu­digen, herbst­lichen Wald. Dann wieder tauchen im Dunkel Gestalten auf, die durch das, was sie tun, die Handlung der Sänger und Sänge­rinnen unter­malen und begleiten. Ein andermal sind es schemen­hafte, graue Figuren, manchmal nur Schatten, die wie Gespenster erscheinen und wieder verschwinden. Man ist sich oft nicht sicher, ob es sich um echte Gestalten auf der Bühne handelt oder um Projek­tionen auf der Leinwand. Dazwi­schen geistert Samiel immer wieder, vom Tänzer Clément Dazin darge­stellt, wie ein dunkler Schatten durch das Geschehen.

Foto © Vincent Pontet

Auch bedient sich die Regie offen­sichtlich unsicht­barer Seile, an denen in gewissen Szenen die Darsteller hängen, sodass sie zu fliegen oder zu schweben scheinen. Und durch die ganze Oper ziehen sich als Symbol-Objekte etwa tennis­ball­große Leucht­kugeln, die die magischen Freikugeln bedeuten und auch frei durch den Raum zu schweben scheinen. Wenn nicht – sieben an der Zahl! – wie ein glühendes, verspieltes Feuerwerk im Rhythmus der Musik, auf eine dunkle Leinwand proji­ziert, zur Abwechslung mal höchst vergnüglich, eine Arie unter­malen. Sowohl die Licht- und Schat­ten­spiele der Beleuchtung als auch die sehr aktive Choreo­grafie sind ein wesent­licher Teil dieser magisch-spukhaften Insze­nierung. Dagegen sind die Kostüme grau, neutral und zeitlos. Und das Auftreten der Sänger und Sänge­rinnen wirkt manchmal fast konzertant.

Das Théâtre des Champs Elysées hat für diese Oper ein junges, inter­na­tio­nales Sänger­ensemble engagiert, das gut auf einander einge­spielt ist und das sich, sofern es nicht deutsch­spra­chige Sänger oder Sänge­rinnen sind, erfolg­reich mit der deutschen Sprache ausein­an­der­ge­setzt hat. Die südafri­ka­nische Sängerin Johanni van Oostrum mit gedie­genem lyrischem Sopran, den sie wirksam proji­ziert, ist die von Ängsten und Alpträumen geplagte Agathe. Und wenn sie die langge­zo­genen legati der Kavatine Ob die Wolke sie verhülle singt, sind wir mitten in der Romantik. Eine nicht weniger erfreu­liche Entde­ckung ist die Schwei­zerin Chiara Skerath als das fröhliche, immer optimis­tische Ännchen. Ihre Stimme ist jugendlich frisch und heiter, und ihre Technik lässt sie mühelos die Kolora­turen durch­laufen, wie in der Arie Trübe Augen, Liebchen, taugen einem holden Bräutchen nicht. Stanislas de Barbeyrac spielt und singt überzeugend den verzwei­felten Max. Sehr schön sein Durch die Felder, durch die Auen. Dennoch fragt man sich manchmal, ob sein Gesang nicht doch etwas unter der ungewohnten deutschen Sprache leidet. Vladimir Baykov mit schöner, sonorer Stimme durchaus glaubhaft als der skrupellose Kapar. Die übrigen Sänger, Thorsten Grümbel als der mit tiefem Bass orgelnde Kuno, Christian Immler als Einsiedler, Daniel Schumtzhard als Ottokar und Anas Ségauin als Kilian ergänzen das ausge­zeichnete Ensemble. Absolut zu erwähnen sei noch der gut einstu­dierte Accentus-Chor. Laurence Equilbey dirigiert ihr Insula-Orchestra mit weiblicher Einfüh­lungsgabe und sorgt dafür, dass „die tiefsten Töne der Clari­nette, ferner die klagenden Töne des Fagotts, und die einzelnen dumpfen Pauken­schläge“ zeitge­recht zu hören sind.

Das Premie­ren­pu­blikum zollt den Solisten, der Dirigentin, dem Chor und dem Orchester als auch der Regie verdienten Beifall, wenn auch einige offen­sichtlich von der Insze­nierung nicht überzeugt sind.

Alexander Jordis-Lohausen

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