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FÜRST IGOR
(Alexander Borodin)
Besuch am
28. November 2019
(Premiere)
Alexander Borodin war Militärarzt, Chemiker und zuletzt kaiserlicher Staatsrat. Er hatte wenig Zeit seiner Begeisterung für die Musik Ausdruck zu verleihen, und wenn er es tat, so doch nur als hoch begabter „Dilettant“, wie die meisten der Gruppe der „Novatoren“, denen er sich angeschlossen hatte, zu denen auch Modest Mussorgskij und Nikolaj Rimski-Korsakow gehörten. Seine Oper Fürst Igor hat Borodin nicht zu Ende komponiert, sie ist, von Rimski-Korsakow und Glasunow vollendet, erst nach seinem Tod 1890 uraufgeführt worden. Fürst Igor „ist zwar formal eine westliche ‚Musizier-Oper‘,“ schreibt Hans Renner, „doch ihr Melos ist typisch russisch und bezogen auf die alt-russische Kirchen- und Volksmusik. Dramatische Szenen fehlen. Die Handlung bildet mit einer lockeren Folge lyrischer Stimmungsbilder den Rahmen für wechselnde Lieder, Chöre und Tänze.“
Das russische Volksepos aus dem zwölften Jahrhundert, das der Oper zu Grunde liegt, erzählt die Geschichte des christlichen Seversky-Fürsten Igor, der in einem Feldzug gegen den Kumanen-Khan Kontchak unterliegt, aber aus der Gefangenschaft flieht, um seine Heimat zu retten, während sein Sohn Wladimir mit der Tochter des Khans verheiratet wird. Der dritte Akt ist in dieser Aufführung weggelassen, nur der zweite Monolog Igors in den vierten Akt verlegt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Inszenierung der Oper ist Barrie Kosky und seinem Team nur teilweise gelungen. Über seinen Helden, den er einen „Anti-Fürsten“ nennt, sagt der Regisseur: „Er ist eine sehr menschliche Gestalt, ein Mann mit Fehlern, er ist nicht makellos. Und so sehen wir den Fürsten Igor nicht als Herrscher, als Zar, als Machtgestalt, sondern als ein höchst unzulängliches menschliches Wesen, das liebt, das begehrt, das frustriert ist, das unterliegt. Und er kämpft mit diesen Problemen. Ich glaube, das ist sehr wichtig und ich möchte gerade diesen Kampf darstellen, nicht die Antworten darauf.“ Und so sieht man dann auch bei jedem Auftritt den gequälten Fürsten zuckend, sich krümmend, sich kratzend oder sich höchst unwürdig am Boden windend wie ein Epileptiker, was übertrieben wirkt. Weiters erklärt Kosky etwas überheblich: „In Frankreich kennt man die Geschichte des historischen Fürsten Igor nicht. Es ist daher wichtig, das Geschehen zeitgenössisch darzustellen, damit das Publikum es nachvollziehen kann … Die geschaffenen Bilder sind gegenwartsbezogen und spiegeln eine Umgebung wider, die jedem in unserer globalisierten Welt bekannt ist.“
Damit steht das Bühnengeschehen manches Mal im Widerspruch zum Textbuch, aber vor allem steht auch die Musik im Gegensatz zum Bühnengeschehen, denn Dirigent Philippe Jordan unterstreicht in seiner musikalischen Interpretation gerade die „alt-russische Seele“ in der Musik, während Barrie Kosky sie in der szenischen Darstellung ausschaltet. Nur im ersten von Rufus Didwiszus‘ Bühnenbildern erinnert noch das golden-leuchtende Innere der Kirche an das alte Russland, aber auch hier schon treten die Krieger in Tarn-Kampfanzügen mit Maschinenpistolen auf, die Fürstin in kurzem Kleid mit Stöckelschuhen. Im zweiten Bild dagegen sind wir ganz in der globalisierten Welt. Der Innenhof des „Palasts“ ist gradlinige, moderne Architektur, davor ein Schwimmbad, in der Halle dahinter ein großer, japanischer Wandschirm. In diesem Dekor tobt sich die Soldateska des Fürsten Galitski aus, plantscht, säuft Bier, isst Spanferkel und vor allem belästigt junge Mädchen und vergewaltigt sie. In Koskys Inszenierung sind junge Klosterfrauen die Opfer. Hier wie auch im Weiteren, ist Otto Pichlers Choreografie des Chores, aber auch die der Tänzer sehr überzeugend, ja, manchmal mitreißend, und voll im Einklang mit der Musik. Das dritte Bild ist ein karger Beton-Bunker, das Gefängnis des geschlagenen russischen Heeres. Die Kostüme dreckig und blutverschmiert. In diesem schmucklosen Dekor spielt die Liebesszene zwischen dem Prinzen Wladimir und der Khan-Tochter Kontschakovna. Hier unterhält der siegreiche Khan, in dunklem Anzug mit Krawatte, auch seinen gefangenen, aber geachteten Gegner mit den orientalisch angehauchten, durch Diagilew und seine Ballets Russes bekannt gewordenen Polowetzer Tänze. Sie werden sehr lebendig von fantasievollen, teils komischen, teils grotesken Masken getanzt und durch den Chor wirkungsvoll unterstützt. Das vierte Bild führt uns zurück in eine trostlose Gegenwart, auf eine neblige, asphaltierte Landstraße, Leitschienen rechts und links. Dort wandert die Fürstin, unzählige Taschen umgehängt und einen Rollkoffer ziehend als Flüchtling ins Unbekannte, bis sie ihren aus der Gefangenschaft entkommenen Mann wiederfindet und voller Hoffnung in die verwüstete Heimatstadt zurückkehrt. Um die Idee des Anti-Fürsten bis zu Ende zu führen, lässt Kosky im Finale den Chor des Volkes nicht den heimgekehrten Fürsten umjubeln, wie das Textbuch es vorsieht, sondern die Menge feiert unter Geschrei und Gelächter einen Popanz, der sich den zurückgebliebenen Mantel des Herrschers angezogen und einen Topf auf den Kopf gesetzt hat.

Es ist Barrie Kosky in dieser etwas merkwürdigen Inszenierung gelungen, eine Reihe von mitreißenden Chor- und Tanz-Szenen zu gestalten und auf einige höchst aktuelle Themen in unserer globalisierten Welt anzuspielen, aber ein kohärentes Gesamtkunstwerk ist dadurch nicht entstanden.
Musikalisch dagegen ist es durchwegs eine sehr schöne Aufführung. Ildar Abdrazakov ist trotz all der Verrenkungen, die man ihm zumutet, mit voller, tiefer Bassstimme ein ausgezeichneter Fürst Igor. Sehr erschütternd sowohl im ersten Monolog im zweiten Bild als Gefangener Ni sna, ni otdïkha, als auch im zweiten Monolog im vierten Bild Zatchem nié pal ya, bei dem im Orchester die Schicksalsschläge unheimlich mitklingen. Elena Stikhina als Fürstin Iaroslavna ist stimmlich wie auch schauspielerisch ausgezeichnet. Mit voller, eindringlicher Stimme singt sie das Lamento Akh, gdié tï und die anschließende Szene mit Chor im zweiten Bild und vor allem das ergreifende Akh, Planchou ya! im letzten Bild. Mit dunkler, betörender, fast unheimlich tiefer Mezzosopran-Stimme träumt Anita Rachvelishvili als Kontchakovna in der fast orientalischen Litanei Mierkniet sviet dnievnoï von ihrem geliebten Wladimir, der, von Pavel Černoch mit wohl timbriertem Tenor gesungen, ihre Liebe erwidert. Dmitri Ulyanov singt und spielt überzeugend den skrupellosen Wüstling Galitzki. Dimitry Ivashchenko als Khan Kintchak versucht in seinem, weil der dritte Akt gestrichen ist, nur kurzen Auftritt vergeblich seinen Gegner auf seine Seite zu ziehen. Adam Palka und Andrei Popov stellen als das gewissenlose, aber schlaue Paar Skoula und Iérochka die komischen Figuren des Dramas dar. Vasily Efimov als Ovlour, Marina Haller als Amme und Irina Kopylova als junge Polowetzerin vervollständigen das ausgezeichnete Ensemble.
Nicht zu vergessen ist ein Hauptakteur der Handlung: der sowohl choreografisch als auch stimmlich gut einstudierte und fast allgegenwärtige Chor, der im Verein mit der Tanzgruppe Szenen liefert, die zu den eindrucksvollsten der Aufführung zählen.
Philippe Jordan, der von Publikum besonders lautstark akklamiert wird, rettet souverän mit dem erstklassigen Orchester das musikalische Erbe des alten Russlands.
Das Premierenpublikum scheint von dem Schauspiel beeindruckt und spendet vollen Beifall.
Alexander Jordis-Lohausen.