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GIULIO CESARE IN EGITTO
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
20. Januar 2024
(Premiere am 17. Januar 2011)
Das Libretto des Guilio Cesare in Egitto von Nicola Francesco Haym nimmt fantasievolle Freiheiten in der Auslegung der historischen Vorgänge der Eroberung Ägyptens durch Julius Cäsar. Das dadurch entstandene Melodrama gibt Händel den nötigen Spielraum, um die Oper sowohl mit leichteren, galanten Arien, als auch mit ernsten, dramatischen oder tragischen Szenen zu versehen. Und in der Vertonung der Oper erreicht Händel neben einem großen musikalischen Reichtum vielleicht den Höhepunkt in der psychologischen Charakterisierung seiner Protagonisten. Von den siebzehn Rollen, die Händel für den Star-Kastraten Senesino geschrieben hat, ist die des Kaisers zweifellos eine der eindrucksvollsten und bis heute eine der beliebtesten. Cäsar ist hier sowohl männlich-stolz als auch menschlich-zart. Mit Kleopatra zeigt er uns eine ihrer weiblichen Reize wohl bewusste, verführerische, spöttische, junge Königin, die sich aber im Laufe der Handlung auch des Leids und der echten Liebe fähig erweist. Sie wird dadurch eine der einnehmendsten Frauengestalten der Opernliteratur, vergleichbar mit der Susanne in Mozarts Figaro oder mit der Marschallin im Rosenkavalier von Richard Strauss. Obwohl sich die Handlung hauptsächlich um die Geschicke Cäsars und Kleopatras rankt, spielen auch die Nebenfiguren eine nicht unwesentliche Rolle. Um sie herum bewegen sich eine verzweifelte, dem Selbstmord nahe Cornelia, ein von Rachegefühlen besessener Sextus und ein verschlagener, krimineller Ptolemäus. Händel zeigt uns in dem Werk wieder mal, dass die traditionelle Opera seria seiner Zeit nicht eine leere Form zu sein braucht, sondern tiefe Leidenschaften und hochdifferenziertes Theaterspiel zum Ausdruck bringen kann.

Laurent Pelly, der Regisseur der Inszenierung, die 2011 zum ersten Mal in der Pariser Oper aufgeführt wurde, sieht das offensichtlich anders, denn er hat überall Opera-buffa-Elemente gesucht, gefunden und eingefügt. So wird beispielweise die Figur des Nireno völlig zu einer komischen Rolle und auch in seiner Personenregie erfindet er, wo immer möglich, durch entsprechende Gestik oder Mimik witzige Situationen. Meist sind seine Regieeinfälle gelungen, nur die Koketterie der Kleopatra ist manchmal etwas übertrieben. Im Übrigen ist die Oper in die Lagerräume des Museums von Kairo verlegt. Hier spielt sich die Handlung zwischen gestapelten antiken Kunstwerken ab. Es ist etwas störend sowohl für das Publikum, zweifellos aber viel mehr noch für die Sänger, die sich auf ihre Rollen konzentrieren müssen, dass Arbeiter unablässig Kisten, Skulpturen oder sonstige Kunstwerke hereintransportieren oder hinausschleppen. Das Einheits-Dekor wird hin und wieder für gewisse Szenen geschmückt durch Skulpturen, durch Gemälde von Odalisken oder Nil-Landschaften mit Palmen, oder, wie in der Haremsszene, mit Orient-Teppichen. All diese Requisiten werden ebenfalls herbeigeschafft, als gehörten sie zu den Beständen des Museumslagers.
Die „Lagerraum-Arbeiter“ sind in Arbeitskittel oder Djellabas gekleidet, die Protagonisten hingegen tragen stilisierte antike Kostüme.

In dieser Aufführung sind von den drei von Händel für Kastraten geschriebenen Rollen nur zwei von Kontratenören gesungen: Tolomeo und Nireno. Die dritte, die Cäsars, hingegen, übernimmt hier der Mezzosopran Gaëlle Arquez. Wie schon vor zwei Jahre im Théâtre des Champs Elysées, meistert sie auch hier die für ihre Stimme etwas zu tiefe Stimmlage der Rolle. Weniger der feurige Eroberer und Liebhaber als der besonnene Feldherr und Stratege, durchläuft sie mit souveränem, stimmlichem Können alle Phasen des wechselhaften Geschicks des Titelhelden. Wutschäumend, als er erfährt, dass der Ptolemäer Pompeius ermordet hat, Empio dirò, tu sei, mit den begleitenden Hörnern jubelnd, als er die Intrigen des Pharaos durchschaut, und betört-verliebt in Se in fiorito ameno prato. Lisette Oropesa ist in jugendlicher Frische und mit strahlendem, sinnlichem Sopran zu Beginn der Oper die übermütig-spöttische Kleopatra mit Non disperar, chi sa?, dann verliebt-verführerisch im zweiten Akt mit V’adoro pupille, wobei ihr der Regisseur in dieser Szene die neun Musen als ein charmantes Rokoko-Orchester zugesellt, dann angsterfüllt um den Geliebten im Lamento Se pietà di me non senti. Von Cäsar aus ihrer Gefangenschaft befreit, jubelt sie schließlich mit vielen, vielleicht etwas zu verhaltenen Koloraturen ihr Da tempeste il legno infrante. Wiebke Lehmkuhl hat eine schöne Stimme und doch bewegt sie mit den Lamenti ihrer tragischen Rolle nicht wirklich. Mag sein, dass eine Sängerin, die in der Romantik der Wagner-Opern aufgewachsen ist, nicht so ohne weiteres den Zugang zur Empfindsamkeit der Barockoper findet. Ein stimmlicher wie auch schauspielerischer Genuss ist Emily d’Angeli als jugendlicher Sesto. Mit etwas herbem, sehr beweglichem Mezzosopran durchläuft sie mühelos die Melismen in L’aura que spiro. Auch gefällt Iestyin Davies als der hinterlistige Tolomeo. Mit sonorem Bass stellt Luca Pisano glaubhaft den betrogenen Achilla dar. Und Rémy Bres in der Rolle des Nireno ist eine freudige Überraschung als eine neue stimmlich wie auch schauspielerisch ausgezeichnete Opera-buffa-Figur.
Harry Bicket dirigiert mit Schwung die Solisten, den Chor Unikanti und das Orchester der Opéra National de Paris. Vielleicht ist es auf den bedauernswerten Einsatz eines Orchesters, das auf modernen Instrumenten spielt, zurückzuführen, dass die Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts nicht immer voll zum Klingen kommt.
Trotz der winterlichen Kälte draußen ist das Palais Garnier gepackt voll und das Publikum sehr zufrieden.
Alexander Jordis-Lohausen