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LES INDES GALANTES
(Jean-Philippe Rameau)
Besuch am
27. September 2019
(Premiere)
Als diese Oper 1736 ihre endgültige Form findet, hat sich die Musik der französischen Barockoper, nicht zuletzt durch Rameaus Erneuerungen, von den strengen Riten eines Lully weitgehend gelöst, sie ist freier geworden. Dennoch blieb Rameau noch jenseits der Wende zur Klassik. Er gilt als der bedeutendste französische Komponist des späten Barocks. Der Stil seiner Opernkompositionen, auch wenn sie im Ausland wenig aufgeführt werden, beeinflusst weit über die Grenzen Frankreichs hinaus.
Aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. hat er sowohl die Form der tragédie lyrique, als auch die des opéra-ballets, übernommen, aber er hat sie weiterentwickelt. Er bedient sich eines relativ kleinen Orchesters, es besteht aus Streichern, Flöten, Oboen und Fagotten, doch seine Instrumentation, besonders die der Bläser, ist einfallsreich und manchmal sehr originell. „Als Harmoniker, Instrumentator und Programm-Musiker erschloss er der Musik nach Lully neue Bereiche. Sein polyphoner Orchestersatz ist Träger einer melodisch und rhythmisch lebensvollen, harmonisch eigenwilligen Klangwelt … Die reichere Klangsinnlichkeit und Poesie seiner Sprache begrenzt er nicht auf die zweiteiligen Airs und gelegentlichen Da-capo-Arien, sie kamen auch seinen Rezitativen zugute, die sich oft zu dramatischen Ariosi auswachsen, und sie steigern den Reiz seiner Ritornelle und Ballettmusiken“, schreibt Hans Renner.
Das opéra-ballet, eine Art von Musical des 17. und 18. Jahrhunderts mit Gesang und viel Tanz diente hauptsächlich der leichten Unterhaltung und war szenisch prunkvoll ausgestattet. Das Opernballett Les Indes Galantes besteht aus einem Prolog und vier verschiedenen Einaktern, deren Handlungen eine relativ untergeordnete Rolle spielen. Prima la musica, dopo le parole. Jede dieser idyllischen Geschichtchen spielt in einer anderen Weltgegend. Wir sind im Zeitalter, als sich das europäische Kolonialreich über die ganze Welt ausdehnt.
Diesem Werk hat der junge Regisseur Clément Cogitore in seiner Neuinszenierung nun eine moderne, sehr zeitgenössische Wendung gegeben. Ihn interessiert in dieser Oper „der Andere“ am Ende der Welt. Und er spannt einen Bogen vom Anfang der Aufklärung im 18. Jahrhundert, als der „blutrünstige Kannibale mit Menschlichkeit und Wohlwollen, aber auch mit Herablassung“ plötzlich zum „guten Wilden“ wird, hin zu den „Anderen“, zu den Minderheiten von heute, die nun „nicht mehr am anderen Ende der Welt, sondern vielleicht nur einige Straßenzüge von uns entfernt wohnen.“ Und er erklärt: „Ich wollte die Geschichte des heutigen Paris erzählen! Die Choreografie schöpft ihre Energie dabei aus der urbanen Tanzkultur, die jede auf ihre Weise die Geschichte einer Gemeinschaft, einer Minderheit erzählt.“ Cogitore hat sich hier auch die Tatsache zu Nutze gemacht, dass Rameau sich 1725 offenbar irgendwo in Paris die Aufführung einer aus dem damals französischen Louisiana kommenden Indianer-Tanz- und Musikgruppe angesehen und angehört hat und von ihr inspiriert worden ist. Was ihn dabei fasziniert, ist „die Virtuosität von Rameaus Musik, ihre Kraft und die Wirkung, die man mit ihr erzielen kann. Die Oper versucht ständig durch Zauberhaftes und Wundervolles zu unterhalten: eine Art von visuellem Hold-up.“
Um seiner Idee nun konkret Ausdruck zu verleihen und auch, um „eine andere Sicht der Oper zu ermöglichen“, bindet Cogitore „Welten, die nicht notwendigerweise mit der Oper etwas zu tun haben“ in diese Aufführung ein. Er engagiert als Choreografen Bintou Dembéle und seine 2002 gegründete hauptsächlich schwarz-afrikanische Tanz Truppe Ruralité – von rue-realité – und lässt sie als Ballett auftreten. Mit unglaublicher Vitalität tanzt die teils zu Rameaus Musik, teils zu eigenen Rhythmen – er fügt dazu dem Orchester eine eigene Schlagzeugbatterie bei. „Für mich bedeuten Les Indes Galantes eine Gruppe von jungen Leuten, die auf einem Vulkan tanzen!“ Dieser Vulkan ist für ihn heute wesentlich aktiver, er stehe vor dem Ausbruch. „Und dieser Ausbruch ist dann in gewisser Weise politisch. Die vier Akte berichten von den Wechselwirkungen von Männern und Frauen aus allen Weltgegenden, die im Laufe der Zeit immer spannungsgeladener geworden sind. Sie erzählen in gewisser Weise auch die Entstehung einer Reihe von Missverständnissen zwischen dem Westen und der übrigen Welt. Ich glaube und ich hoffe, dass die Musik, das Theater und Kunst im Allgemeinen dazu beitragen kann, diese Missverständnisse zu begreifen und zu überkommen.“
Der Choreograf Bintou Dembélé ist einer der bekanntesten Tanzkünstler der Hip-Hop-Bewegung in Frankreich. Die Mitglieder seiner Tanz-Truppe vertreten von Hip-Hop über Break Dance, Electro, Waaking, Joking bis hin zu Krump alle modernen Straßentänze. Seine vorliegende Choreografie ist in den ersten drei Bildern weitgehend statisch, das heißt, man springt und läuft nicht, sondern stehend verrenken die Tänzer und Tänzerinnen, oft auf einfachen Podesten stehend, wild ihren Körper und wirbeln mit den Armen und mit dem Kopf, oder sie drehen sich und winden sich am Boden. Oder aber sie erstarren – wohl in Anlehnung an die im 18. Jahrhundert üblichen lebenden Bilder – zu Statuen. Letzteres wird besonders deutlich im ersten Bild, wo man am Anfang bunte Meissen-Porzellan-Figuren auf der Bühne zu sehen glaubt, oder etwas später erinnern die Schiffbrüchigen erstaunlich an Rodins berühmte Skulpturen-Gruppe der Bürger von Calais. Erst im vierten Bild wird Dembélés Choreografie dynamisch. Und dann ist die Hölle los.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Opéra de Paris ist es gelungen, als Solisten für diese Neuinszenierung acht französische oder frankophone Sängerinnen und Sänger derselben Generation zu engagieren, die sich schon seit dem Konservatorium kennen. Sie sind alle mit Begeisterung in dieses Projekt eingestiegen und nehmen nicht nur gesanglich daran teil, sondern sind manchmal auch tänzerisch mit eingebunden.
Leonardo García Alarcón hat das Gesamtensemble und das ausgezeichnete Orchestre Capella Mediterranea gut in der Hand, was bei dieser Inszenierung nicht einfach ist. Auch lässt er alle Feinheiten von Rameaus Instrumentierung durchscheinen.
Der Prolog schildert das Wechselspiel von Hébé, der griechischen Göttin der Jugend, ihrer Anhänger und von Bellone, der römischen Göttin des Krieges, und ihrer streitbaren Elemente. Auf der Bühne sind die „Wilden“ zu Anfang noch „nackt“ und tätowiert, bevor sie von Hébé in Gestalt einer kühlen Modeschöpferin auf offener Bühne eingekleidet werden. Die Kostüme, auch in der weiteren Oper, sind teils an die schillernde Hoftracht des Rokokos angelehnt, teils an die des modernen Lumpenproletariats der Vorstädte, teils pure Fantasie. Sabine Devieilhe als Hébé stellt sich vor mit glockenklarer Stimme und makellosen Koloraturen in Musettes, resonnez, von einem Dudelsack und Flöten begleitet. Florian Sempey singt martialisch die Bellone. Seine Krieger tragen Rüstung und Speer und erinnern sowohl an mittelalterliche Ritter als auch an die französische Bereitschaftspolizei im Kampfanzug.

Erstes Bild – Der edelmütige Türke: Oman Pascha ist in seine Gefangene Emilie verliebt, aber sie weist ihn ab, denn sie will ihrem fernen Geliebten Valère treu bleiben. Der wird durch einen Sturm an Strande neben dem Pascha-Palast an Land geworfen und auch gefangen. In Erinnerung an eine Wohltat Valères ihm gegenüber, lässt Oman Pascha seine Gefangenen frei und schickt sie reichbeschenkt nach Hause. Ob wohl Mozart diesen Akt gekannt hat, bevor er seine Entführung komponierte?
Während Edwin Crossley-Mercer als Osman sich mit warmem, tiefem Bass diskret zurückhält, beklagt Julie Fuchs als Emilie ihr Schicksal in der dramatischen Sturmszene mit Chor und aufpeitschendem Orchester La nuit couvre les cieux! Mitten in diesem Tumult lässt der Regisseur einen Riesenkran vom Himmel herunterkommen, der aus den Tiefen des Meeres das Wrack eines Ruderboots emporholt und eindrucksvoll über die Bühne hängt. Mathias Vidal als Valère und Fuchs singen ein glückliches Liebesduett Volez, Zéphyrs, tendres amants de Flore! als die afrikanischen Sklaven Osmans sie nach Hause rudern.
Zweites Bild – Die Inkas von Peru: Huascar, der Hohepriester des Sonnengottes will die Liebe der schönen Phani zum spanischen Offizier Carlos verhindern und provoziert einen Vulkanausbruch. Doch der Plan schlägt fehl, die Liebenden finden zueinander und der Hohepriester stürzt sich in den Lavastrom.
Im dramatischen Höhepunkt dieses Bildes, während Alexander Duhamel als fanatischer Hohepriester Huascar den Sonnengott beschwört, bricht der Vulkan aus. Derselbe Riesenkran holt dazu feurige Lava aus der Tiefe, und die Tänzerinnen wirbeln wild wie schwarze Hexen gegen das gleißende Licht ihre langen Haare durch die Luft. Devieilhe singt Phani und Stanislas de Barbeyrac den Carlos.
Drittes Bild – Die Blumen – ein persisches Fest: Der Prinz Tacmas liebt Zaire, die Sklavin seines Freundes Ali. Ali wiederum liebt Fatime, die Sklavin Tacmas. Nach den üblichen Verwirrungen und Missverständnissen finden die beiden Paare zueinander, alles löst sich in Liebe und Wohlgefallen auf. Das Blumenfest kann beginnen.
Das dritte Bild ist entschieden das poetischste. Der Gesang ist minimal vom Orchester begleitet, hauptsächlich von Flöten und vom Basso continuo – Cembalo, Cello und Laute spielen hier auf der Bühne. Das Ballett beschränkt sich anfänglich auf sieben sehr wenig bekleidete Tänzerinnen, die sich in rötlich beleuchteten Vitrinen provozierend winden. Der Blumengarten schließt mit einem Quartett der vier Liebenden, sanft und lyrisch gesungen von Mathias Vidal, Edwin Crossley-Mercer, Jodie Devos und Julie Fuchs. Darauf folgt das persische Fest mit einem Karussell und einem Flötenspieler, der alle Kinder zu Tanz und Gesang führt. Und zum Abschluss singt erst Devos mit dunkler, samtener Stimme, vom Chor begleitet, Triomphez, agréables fleurs, und kurz darauf Fuchs betörend die Arie Papillon inconstant, während sie wie ein schemenhafter Schmetterling auf dunkler Bühne gen Himmel schwebt.
Viertes Bild – Die Wilden: Der Häuptling Adario, der spanische Offizier Alvar und der französische Offizier Damon bereiten sich darauf vor, die große Friedenspfeife zu rauchen. Doch ist Adario beunruhigt, weil die beiden Fremden zu sehr der von ihm geliebten Zima den Hof machen. Doch Zima findet Alvar zu ernsthaft und Damon zu frivol, sie liebt die natürliche Liebe, und sie liebt Adario. Als die beiden Fremden das hören, verzichten sie großmütig und Adario und Zima fallen einander in die Arme. Der großen Friedenspfeife steht nichts mehr im Wege.
Das Bild beginnt martialisch, wieder dieselben Militärs, deren Uniformen der französischen Bereitschaftspolizei ähneln. Daneben der Streit der vier Protagonisten um die beständige, die frivole oder die natürliche Liebe. Florian Sempey als Adorio, in einer Art Käfig, beklagt sein Liebesleid, Stanislas de Barberac tändelnd als Damon und Alexandre Duhamel ist als Don Alvar auch nicht ganz seriös. Sie sind umgeben von einer Schar von verführerisch singender cheer leaders in goldenen Glitzerkleidchen. Erst als „der Wilde“ Adorio erfährt, dass die von ihm Angebetete nur ihn liebt und die Fremden Frieden wollen, beginnt das große, wilde Fest. Und das ist entschieden der szenische Höhepunkt dieser Inszenierung. Hier lebt sich Dembélés Tanz-Truppe voll aus. Sie tanzt den Krump, eine Tanzform, die Anfang der 1990-er Jahre in den schwarzen Ghettos von Los Angeles entstanden ist. Es ist eine Art Sublimierung der Gewalt durch Tanz. Zu Jean-Philippe Rameaus Tanzrhythmen – allerdings durch zusätzliches Schlagzeug verstärkt – tanzen sie den Krump mit umwerfender Vitalität, geballt und voll einer verhaltenen Gewalttätigkeit, die mitreißend wirkt. Und es funktioniert. Die entsprechende Tanz-Szene aus West Side Story wirkt zahm dagegen. Ja, es funktioniert, doch der Regisseur gibt zu, wie schwierig es für ihn und für den Choreografen war, die Tänzer, die an freie Improvisationen gewöhnt sind, einer strengen und fixen Choreografie zu unterwerfen. Es war zweifellos ein Risiko, doch die Rechnung ist aufgegangen.
Das Premierenpublikum ist so begeistert, dass es vor lauter Klatschen fast vergisst, nach Hause zu gehen.
Alexander Jordis-Lohausen