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Foto © E. Bauer

Der Adler beim Drachen

NIXON IN CHINA
(John Adams)

Besuch am
25. März 2023
(Premiere)

 

Bastille, Opéra national de Paris

Allgemein wird der 1947 geborene, ameri­ka­nische Komponist John Adams unter die Minima­listen einge­reiht. „Minima­lismus ist eine sehr reine und rigorose musika­lische Sprache, ganz ähnlich wie minima­lis­tische Plastik und Malerei. Von Anfang an habe ich einen viel stärkeren Impuls zu drama­ti­scher Überra­schung empfunden. Ich liebe zwar vieles am Minima­lismus, aber ich hatte das Gefühl, dass er emotional ein wenig zu einfarbig war. Mit meiner eigenen Musik wollte ich eine Sprache schaffen, die zu fluiderem emotio­nalen Leben fähig war … und im Laufe der Jahre habe ich versucht, eine vielfäl­tigere harmo­nische Sprache zu entwi­ckeln“, sagt er selbst etwas nuancierter darüber. Und zweifellos ist John Adams‘ Musik dabei von den verschie­densten Kompo­nisten von der Klassik bis zur Moderne beein­flusst worden, verlässt jedoch nie die tonale Basis.

Der Komponist und seine Text-Dichterin Alice Goodman nehmen Richard Nixons Besuch in China 1972, dem ersten Staats­besuch eines ameri­ka­ni­schen Präsi­denten in der Volks­re­publik, zum Anlass, um sich in dieser Oper satirisch mit den modernen, fast arche­ty­pi­schen Helden-Mythen ausein­ander zu setzen. Wie die Regis­seurin Valentina Currasco es ausdrückt, „obwohl es sich um wirkliche Personen handelt, sind sie doch gewis­ser­maßen schon legendär geworden … sie haben etwas Mythologisches.“

Musika­lisch, meint Adams, entspräche für Nixon am ehesten eine Musik  der „weißen Bigbands der Swing-Ära“, die Musik der ameri­ka­ni­schen Mittel­klasse. Daher auch die starke Bläser­be­setzung im Orchester, darunter vier Saxofone und jeweils drei Trompeten und Posaunen. Er bezeichnet es selbst, inspi­riert von der schrill-farbigen, politi­schen Propa­ganda auf beiden Seiten, als eine „Techni­color-Partitur“.

Foto © E. Bauer

Gustavo Dudamel, der wie übrigens auch Carrasco John Adams gut kennt und viel mit ihm zusam­men­ge­ar­beitet hat, spricht von „einer Musik voller Farben, voller Leben und Rhythmen, eine Virtuo­sität, die sich jedoch bisweilen auch verinnerlicht“.

Die 1987 entstandene Oper wird in Europa immer noch relativ selten aufge­führt. So ist diese Aufführung auch für die Pariser Oper eine Premiere. In den USA hingegen ist Nixon in China inzwi­schen zu einem Klassiker geworden.

Carrasco hält sich nicht an die ursprüng­liche realis­tische Insze­nierung Peter Sellars. „Da ich weder Chinesin noch Ameri­ka­nerin bin, sehe ich es als meine Pflicht an, ein neue Sicht vorzu­schlagen … Ich bin, eher intuitiv, von der Idee des Ping-Pong-Tisches ausge­gangen, was sich als ein schönes Symbol des politi­schen Spiels heraus­ge­stellt hat. Zwei Welten stehen einander gegenüber und schieben sich die Verant­wortung zu. Das Ping-Pong ist auch sehr rhyth­misch wie die Musik John Adams‘“, sagt sie. Es mischt sich also ein dichte­risch-realis­ti­sches Textbuch mit den oft reizvollen Fantasien Carrascos und ihres Teams und lässt einen nie ganz sicher sein, ob man voll in der Satire oder in einer ernst­zu­neh­menden Handlung ist.

Die Oper beginnt mit der Ankunft Richard Nixons, seiner Frau Pat und Henry Kissingers auf dem Flughafen in Peking. Die Präsi­den­ten­ma­schine ist ein riesen­großer, silberner Adler mit glühenden Augen, der vom Himmel herun­ter­schwebt. Sie werden von Tschu En-Lai empfangen. Aus der Entfernung sehen die Protago­nisten, auch in Mimik und Gestik, ihren histo­ri­schen Vorbildern erstaunlich ähnlich.

Im Oberge­schoss einer großen Bibliothek mit Clubsesseln werden die Gäste mit Mao Tse-tung und seiner Frau bekannt gemacht, während im Unter­ge­schoss Regime-Gegner gefoltert werden. Es wird über Philo­sophie, Ideologie, Politik gesprochen. Jeder erklärt sich bereit zu verstehen, aber niemand hört dem anderen zu. Doch die Stimmung ist harmo­nisch. John Matthew Myers gibt einen glaub­wür­digen gealterten Mao ab und singt in einem Tauben-Dialog mit Nixon vor sich hin: Our armies do not go abroad, immer von seinen drei jungen Sekre­tä­rinnen bestätigt und umsorgt. Beim anschlie­ßenden Festessen singt Xiaomeng Zhang als Tschu En-lai mit sehr schön timbriertem, warmem Bariton die Festrede Ladies and gentlemen, comrades and friends. Thomas Hampson als Richard Nixon gibt sich selbst­sicher, aber muss immer wieder Pillen schlucken, um bei der Sache zu bleiben. Mit imposanter, kraft­voller Bariton­stimme singt er seine Antwort Mr. Premier, distin­gu­ished guests. Als Mahl beginnt es, wird dann zum öffent­lichen Tisch­tennis-Turnier und endet in einer allge­meinen Rauferei.

Nach einem kurzen „Ping-Pong-Ballett“ ist der zweite Akt fast ausschließlich den beiden weiblichen Haupt­rollen gewidmet. „Die Rollen der beiden weiblichen Protago­nisten, Pat und Chiang Ch’ing, erschienen mir besonders bedeutsam. Als Ehefrauen von Politikern stellen sie das Yin und das Yan der beiden Lebens­al­ter­na­tiven dar … In der Musik, die ich für diese beiden Frauen kompo­niert habe, habe ich versucht über die Karikatur ihrer öffent­lichen Persön­lich­keiten hinaus­zu­gehen“, gibt der Komponist zu Protokoll.

In der ersten Szene absol­viert Pat Nixon das spouse program des Staats­be­suchs, wird in eine Glasblä­serei, in ein Spital und dann in eine Schwei­nefarm geführt – alles geschickt durch anschau­liche Videos untermalt. Schließlich ist sie ganz allein auf der Bühne, Schnee­flocken in Form von Hunderten von weißen Tisch­ten­nis­bällen füllen den Himmel aus. Nur ein freund­licher, anhäng­licher chine­si­scher Drache leistet ihr Gesell­schaft. Mit etwas naiver Intuition sinniert sie über die Bedeutung dieser Reise. Es ist entschieden die poesie­vollste Szene in Carrascos Insze­nierung und Renée Fleming füllt sie mit ihrer wundervoll lyrischen Stimme stimmungsvoll aus: This is prophetic!

Foto © E. Bauer

Ein krasser Gegensatz dazu ist dann die Chiang Ch‘ing gewidmete nächste Szene. Sie beginnt mit einem von ihr insze­nierten Ballett, in dem rebel­lische Frauen ausge­peitscht werden. Jushua Bloom als Kissinger stolziert sieges­sicher umher, zu allen Kompro­missen bereit, glaubt auch hier in dem Spektakel mitspielen zu müssen und singt dazu Oh, what a day, I thought I’d die! Es folgen erschre­ckende Video­vi­sionen von Kämpfen im Dschungel und vom Bomben­hagel über Vietnam. Die Nixons, die den Sinn all dessen nicht verstehen oder missver­stehen, sind empört und verlassen die Show in Begleitung von Kissinger. Es folgt eine Apotheose der Partei und des Terror verbrei­tenden Regimes, gesungen vom Chor und vor allem von Kathleen Kim als Chiang Ch‘ing in bewun­derns­werten Sopran-Spitzen­tönen und mit furien­hafter Beses­senheit: I am the wife of Mao Tse-tung … I speak according to the book.

Als Inter­mezzo zwischen dem zweiten und dritten Akt wird ein zehnmi­nü­tiges Video gezeigt. Der ehemalige Direktor der Musik­hoch­schule in Shanghai erzählt, wie zur Zeit der kultu­rellen Revolution die Schule geschlossen wurde und er sowie viele seiner Kollegen als Verbrecher bestraft und misshandelt worden seien, nur weil sie auch westliche Musik gelehrt hätten. Zehn von ihnen hätten diese Demüti­gungen nicht ertragen und sich umgebracht.

Der letzte Akt ist ebenso wenig bühnen­wirksam wie dieser Teil des Textbuchs. Es passiert nichts mehr. In einem Wirrwarr von umgestürzten Ping-Pong-Tischen irren die Protago­nisten einzeln oder zu zweit umher und stellen Fragen über den Sinn des Ganzen. Sie reden anein­ander vorbei. Die Nixons haben Heimweh und frischen alte Erinne­rungen auf, die Maos erinnern sich der Zeit, als sie einander kennen­lernten. Tschu En-Lai hat das letzte Wort: I am old and cannot sleep forever … Outside this room the chill of grace lies heavy in the morning grass.

Dann landet der ameri­ka­nische Silberadler. Der rote chine­sische Drache legt sich freund­schaftlich neben ihn. Der Staats­besuch ist zu Ende.

Nancy T’ang, Yajie Zhang und Emanuela Pascu als die drei Sekre­tä­rinnen Maos, sowie der von Ching-Lien Wu gut einstu­dierte Chor beschließen ein ausge­zeich­netes Ensemble.

Gustavo Dudamel dirigiert mit Energie und Begeis­terung die Solisten, den Chor und das Orchester der Opéra national de Paris durch die keineswegs immer minima­lis­tische Partitur.

Das Publikum quittiert das eindrucks­volle Bühnen­er­eignis mit anhal­tendem, einhel­ligem Applaus für die Ausfüh­renden, für das Regie-Team, und auch für den greisen Kompo­nisten, der für diesen Abend eigens angereist ist.

Alexander Jordis-Lohausen

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