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Vom Kino-Thriller zu Mozart

LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
3. Dezember 2019
(Premiere am 26. November 2019)

 

Théâtre des Champs Elysées

Im Jahre 1785 beauf­tragt Kaiser Josef II. Wolfgang Amadeus Mozart, für die Hofoper in Wien eine italie­nische Oper zu kompo­nieren.  Mozart hat einige Schwie­rig­keiten, die Geneh­migung für Lorenzo da Pontes Libretto zu erwirken, ist es doch die italie­nische Umarbeitung in eine commedia per musica des prä-revolu­tio­nären Theater­stücks von Beaum­ar­chais, das auf allen Bühnen verboten ist. Doch Da Ponte hat sich bemüht, alle politi­schen Provo­ka­tionen weitmög­lichst wegzu­lassen, und Mozarts Musik hat sicherlich dazu beigetragen, das brisante Gesell­schafts­drama noch weiter zu „entschärfen“. Die Urauf­führung im folgenden Jahr ist ein voller Erfolg. Dennoch lässt der Kaiser die Oper schon nach wenigen Auffüh­rungen wieder absetzen. Den eigent­lichen Triumpf erlebt die Oper daher erst einige Monate später unter Mozarts Leitung in Prag. Wie er selbst berichtet: „… denn hier wird von nichts gesprochen als vom – Figaro; nichts gespielt, gesungen und geblasen als – Figaro; keine Oper besucht als – Figaro und ewig Figaro; gewiss große Ehre für mich.“

Wenn ein ameri­ka­ni­scher Filme-Macher, unter anderem bekannt durch den Thriller We own the night, in dem die New Yorker Polizei gegen die Rauschgift-Mafia kämpft, sich plötzlich entschließt, als Regisseur auf die Opern­bühne zu steigen, so gibt das zu berech­tigten Speku­la­tionen Anlass. Was wird er wohl alles in eine Mozart-Oper einbringen?

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Doch das Ergebnis straft alle Befürch­tungen Lügen. Im Gegenteil!  Schon vorab bekennt er: „Die Oper ist vielleicht die größte Kunstform, die die Menschheit je erfunden hat und vielleicht das beste Medium, um mensch­liche Gefühle zum Ausdruck zu bringen.“ Es ist sicherlich kein Zufall, dass James Gray daher gerade diese Oper für sein Debüt ausge­wählt hat. Denn, wie Aloys Greither so schön sagt, habe es Mozart durch seine Musik dahin­ge­bracht, dass mehr als die Liebelei die Liebe zum Thema des musika­li­schen Dramas wird. „Le nozze di Figaro ist das große Liebeslied der Bühne, die Verherr­li­chung der wissenden, ihrer Gefährdung innege­wor­denen Liebe, ihrer leben­digen Heiterkeit und ihres, das Leben erhöhenden Glanzes.“ Und diese mensch­lichen Gefühle in all ihrer Komple­xität will Gray hier zum Ausdruck bringen. Und er tut es respektvoll im anmutigen Rahmen des ausge­henden Rokokos. „Wer bin ich, um wagen zu wollen, Mozart zu versetzen?!“ Die Theater­ku­lissen und Möbel sind stilge­recht ausge­hendes 18. Jahrhundert, klassi­zis­tisch oder Rokoko, ohne überladen zu sein. Eine recht schlichte Wohnung des Figaros, ein geschmack­volles Boudoir der Gräfin, einen Festsaal mit Prunk­stiege, und schließlich ein roman­ti­scher, südlän­di­scher Garten mit Mondbe­leuchtung. Darin gibt es Treppen, dunkle Winkel, Innen­balkons und mehr noch, um den Anfor­de­rungen der Handlung entge­gen­zu­kommen. Die prunk­vollen Kostüme sind von keinem Gerin­gerem als vom Modeschöpfer Christian Lacroix entworfen – die Kopro­duktion mit Luxemburg, Nancy, Lausanne and Los Angeles macht das finan­ziell wohl tragbar.

Grays Figaro-Insze­nierung ist zweifellos eine der ästhe­tischsten seit der legen­dären Aufführung Giorgio Strehlers Anfang der 1970-er Jahre im Palais Garnier. Aber wird sie der Handlung und der Tiefe der Musik gerecht? Weitgehend ja. Vielleicht ist sie mensch­licher, lebens­näher als die Strehlers. Auf jeden Fall ist sie lebendig und psycho­lo­gisch intel­ligent und wirkt dadurch keineswegs verstaubt. Zumal unter Grays Regie bei den weiblichen Haupt­per­sonen die komplexen, wider­sprüch­lichen Liebes­emp­fin­dungen tatsächlich weitgehend offen­sichtlich werden, sowie bei den männlichen, besonders beim Figaro und beim Grafen, auch noch die sozialen Gegen­sätze des Standes durch­schimmern. Aber auch die komischen Szenen kommen voll zur Geltung. Denn seine Perso­nen­regie ist bis in alle Einzel­heiten und Finessen einstu­diert. Jeder Blick, jede Geste, jeder Gesichts­aus­druck hat seine Bedeutung.

Foto © Vincent Pontet

Auch musika­lisch ist die Aufführung voll gelungen. Keinem Kompo­nisten vor oder nach ihm ist es wie Mozart gelungen, die psycho­lo­gi­schen Stimmungen und Stimmungs­wechsel der Personen auf der Bühne in der Musik so stark wieder­klingen zu lassen, aber auch die drama­tur­gische Spannung dauerhaft aufrecht zu erhalten – mit plötz­lichen Wechseln der tempi oder des Rhythmus oder auch mit fast unscheinbar wirkenden Neben­themen in der Orches­ter­be­gleitung. Wie zum Beispiel in den Ensem­ble­szenen des zweiten Aktes, in dem eine Überra­schung die andere jagt. Jérémy Rohrer hat diesem Reichtum voll ausge­schöpft und zum Klingen gebracht. Und man merkt, dass Regie und musika­lische Leitung harmo­nisch auf einander abgestimmt sind. Der Dirigent gibt seinem ausge­zeich­neten, auf alten Instru­menten musizie­rendem Cercle de l‘Harmonie schon ab der Ouvertüre ein sehr schnelles Tempo vor, dieses Tempo und damit die Spannung hält er bis Ende der Oper durch. Die Sänger kommen manches Mal kaum mit.

Robert Gleadow hat Tempe­rament und Bühnen­präsenz. Er ist stimmlich und schau­spie­le­risch ein ausge­zeich­neter Figaro, der weiß, was er will. Polternd und schonungslos macht er in Non più andrai kurzen Prozess mit dem völlig überfor­derten Cherubino. Ihm zur Seite Anna Aglotova als Susanna, die alles sieht, hört und durch­schaut und in ihrem eigenen und im Interesse ihrer Herrin danach handelt. Sie ist genauso, wie man sie sich vorstellt. Dabei stimmlich sensibel und nuanciert, wie in der Rosenarie Deh vieni mit der zauber­haften Bläser­be­gleitung im vierten Akt. Von der Gräfin sagt Gray, sie sei „eine der schönsten Schöp­fungen Mozarts. Bei Beaum­ar­chais ist sie nur die oberfläch­liche und enttäuschte Gemahlin eines zynischen, ausschwei­fenden Herrn. Bei Mozart ist sie edel, sittlich, sensibel und tief liebend.“ Vannina Santoni verkörpert diese Rolle in Pracht­kleidern und mit großer Würde, aber auch mit tiefer Mensch­lichkeit, die Wehmut und Traurigkeit durch­blicken lässt. Ihre klare, weiche Sopran­stimme entfaltet sich voll in der Kavatine Porgi amor zu Beginn des zweiten Akts. Aber auch das gegen­seitige Einver­ständnis zwischen Herrin und Dienerin kommt gut zum Ausdruck, wie in dem Brief­duett Eh scivi dico; e tutto io prendo su me stessa im dritten Akt. Eine sehr erfreu­liche Überra­schung ist Eléonore Pancrazi als Cherubino. Stimmlich klar und beweglich, klangvoll und bestens kontrol­liert, schau­spie­le­risch linkisch-unbeholfen, stürmisch-jugendlich, immer zur falschen Zeit an falschem Ort, und mit sehr komischer Mimik. Sehr rührend das Ständchen vor der Gräfin Voi che sapete, aber auch das flatternde duettino mit Susanna:  Aprite, presto, apprite … Jennifer Larmore in schwarzem Pracht­kleid ist umwerfend als intri­gante Marcellina und Carlo Lepore ein glaub­hafter Bartolo, der einem Rembrandt-Gemälde entstiegen scheint. Florie Valiquette ist eine hübsche Barberina, Mathias Vidal der dienst­be­flissene Basilio, Matthieu Lécroart der immer betrunkene Gärtner Antonio und Rudolphe Briand ist Curzio. So wie alle einzeln aufge­führt sind, muss auch das Zusam­men­spiel des ganzen Ensembles erwähnt und gelobt werden. Auch zu erwähnen sei der Chor Unikanti.

Die derzeitige Tendenz, Opern der vergan­genen Jahrhun­derte um jeden Preis unserer modernen Welt anzupassen, ist so weit fortge­schritten, dass der Kritikus von heute jeder Insze­nierung im alten Stil, wie gut sie auch gelungen sein mag, misstrauisch gegen­über­steht. Natürlich ist es durchaus legitim, dass eine Opern­auf­führung durch die theatra­lische Dynamik ihrer Zeit getragen wird. Doch muss man hier gut unter­scheiden. Es gibt genug Beispiele von sehr gelun­genen, ins Moderne übertra­genen Insze­nie­rungen, sogar von Barock­opern. Ich denke zum Beispiel an die witzige Regie David McVicars von Händels Agrippina. Aber bei allen Opern geht das eben nicht, nicht immer kann man alten Opern neue Kleider anziehen. Denn sonst entsteht der peinliche Gegensatz des Gesehenen und des Gehörten. Le nozze di Figaro ist so ein Fall. Deswegen kann man James Grays zugleich charmantes wie auch demütiges: „Ich verstecke mich hinter dem Genie der Musik!“ durchaus nachvoll­ziehen und gutheißen.

Das Publikum im ausver­kauften Théâtre des Champs Elysées scheint derselben Meinung, denn es spendet einhel­ligen, anhal­tenden Beifall.

Alexander Jordis-Lohausen

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