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ORFEO ED EURIDICE
(Christoph Willibald Gluck)
Besuch am
22. Mai 2018
(Premiere)
Fast jeder Opernliebhaber kennt Glucks Orfeo ed Euridice und die herzzerreißende Klage Che farò senza Euridice. Weniger bekannt ist vielleicht, dass es sich um eine Oper handelt, mit der Gluck begonnen hatte, die italienische Opera seria des 18. Jahrhunderts weitgehend zu reformieren. Als Glucks Orfeo 1762 in Wien uraufgeführt wurde, lebte dort noch der Operntextdichter Pietro Metastasio, der als höchste Instanz auf seinem Gebiet galt. Doch angeregt durch die heiteren, leichten französischen vaudevilles, die damals in der Kaiserstadt Mode wurden, nahm Gluck hier sowie in seinen folgenden Opern Alceste und Paride ed Helena nicht nur von den formellen, steifen Dichtungen Metastasios Abstand, sondern verwarf auch die damals übliche übertriebene Virtuosität der Sänger und Sängerinnen. In Zusammenarbeit mit seinem Textdichter Raniero Calzabigi schuf er Handlungen, die „Einfachheit, Wahrheit und Natürlichkeit“ widerspiegeln sollten und Helden, die „die Sprache des Herzens“ sprechen. Es war seine Absicht, „all die Missbräuche, welche die falsch angebrachte Eitelkeit der Sänger und die allzu grosse Gefälligkeit der Komponisten in die italienische Oper eingeführt hatten, sorgfältig zu vermeiden; Missbräuche, die eines der schönsten und prächtigsten Schauspiele zum langweiligsten und lächerlichsten herabgewürdigt haben. Ich suchte daher, die Musik zu ihrer wahren Bestimmung zurückzuführen, d.h. die Dichtung zu unterstützen, um den Ausdruck der Gefühle und das Interesse der Situationen zu verstärken, ohne die Handlung zu unterbrechen oder durch unnütze Verzierungen zu entstellen“. So schrieb Gluck in seiner Vorrede zu Alceste.
Orfeo ed Euridice und der neue Opernstil fanden Gefallen und setzten sich durch, sowohl in der italienischen Fassung in Wien sowie wenige Jahre später in der französischen Fassung in Paris. Das Werk wirkt wegweisend für die weitere Entwicklung der Oper in der zweiten Hälfte des 18. und bis hinein ins 19. Jahrhundert. Nach Glucks Tod entstanden eine Vielzahl verschiedener Versionen der Oper, von denen die wichtigste und über ein Jahrhundert ausschlaggebenste Hector Berlioz’ Bearbeitung von 1859 war. Die Hauptrolle der Wiener Version war für einen Altkastraten, die der Pariser für einen hohen Tenor à la française – also Kontratenor oder haute-contre – und in Berlioz’ Bearbeitung für eine Altstimme geschrieben. Dieser Aufführung liegt die Wiener Version zu Grunde, obgleich begreiflicherweise die Orfeo-Rolle von einem Kontratenor gesungen wird.
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Regisseur Robert Carsen ist sich nach eigener Aussage sehr des historischen Erbes der Oper bewusst und lässt sich davon leiten. So ist es naheliegend anzunehmen, dass auch seine karge, aber ausdrucksstarke Inszenierung den Reformgedanken der Oper unterstreichen soll. Die Bühne – gleichbleibend in allen drei Akten – ist eine graue Schotterwüste, in die durch geschickte Beleuchtung die jeweiligen Stimmungen und Farben hineinprojiziert werden, wobei der Chor mal von vorne beleuchtet ist, sich dann wieder als Silhouette gegen den hellen Hintergrund abhebt. Das schafft oft Bilder von großer Ästhetik, die jedoch durch das Fehlen von Balletten in dieser Version leicht etwas statisch wirken. Die Gestik der drei Darsteller ist expressiv, ohne übertriebene Gefühlsbetonung. Die Choreografie einfach und wirksam. Der Leichenzug im ersten Akt in schwarzen Anzügen und Kleidern illustriert zeitgenössisch ein Begräbnis in einer griechischen Dorfgemeinschaft. Erst im zweiten Akt steigen wir in den Mythos, in die griechische Unterwelt hinab, rotdunkel in einen Kreis von lodernden Feuerschalen, in dem, in weiße Leichentücher gehüllt, die Bewohner des Hades lagern. Der Kreis taucht in allen drei Akten auf, ohne dass seine Symbolik klar wird. Der dritte Akt ist wieder zeitgenössisch bis hin zum Happy End, in Abänderung der griechischen Tragödie, weil ja nach Auffassung des 18. Jahrhunderts das Geschehen „nicht so sein darf, wie es ist, sondern nur so, wie es sein soll“.

Die Oper steht und fällt mit der Rolle des Orfeo. Und man muss sich hier erst mit der Idee einer Kontratenorstimme anfreunden, die ja bei allem klanglichen Reichtum selten die Fülle einer Altstimme erreicht, wie man sie bei den meisten Aufführungen oder berühmten Aufnahmen gewöhnt ist, beispielsweise bei der mit Kathleen Ferrier. Doch es gibt keinen Grund zur Enttäuschung. Philippe Jaroussky liefert eine sehr schöne, einleuchtende Interpretation. Während sich seine helle, ungemein nuancierte Stimme im ersten Akt, vor allen in den tieferen Lagen, manchmal etwas schwer gegenüber dem Orchester durchsetzen kann, so erreicht sie im zweiten Akt eine menschlich sehr bewegende und musikalisch wundervolle Dimension in seinem Flehen gegenüber den Furien der Unterwelt Deh placatevi con me, Furie. Und eine volle lyrische Entfaltung etwas später in der Arie Que puro ciel! Che chioro sol! Sowohl szenisch wie musikalisch übertrifft er hier noch die sehr schön gesungene Arie Que farò senza Euridice im dritten Akt. Euridice, die man in der Wiener Version ja erst im dritten Akt hört, wird mit Leidenschaft und Intensität von Patricia Petibon überzeugend gespielt und gesungen. Ihre weiche Sopranstimme verliert weder in den dramatischen Teilen des langen verzweifelten Duetts mit Orfeo noch in der Arie Qual‘ vita è questa mai an Klangfarbe. Schauspielerisch wie stimmlich ergibt sich mit Jaroussky eine bewundernswerte Übereinstimmung. Emöke Baráth, die sich erst einige Wochen vorher auf derselben Bühne als Morgana in Händels Alcina Lorbeeren verdient hat, ist mit beweglichem, gut kontrolliertem Sopran der deus ex machina Amor.
Der kräftige Choeur de Radio France, einstudiert von Joël Suhubiette, singt und spielt die Chorpartien, die ja einen wesentlichen Teil des Geschehens ausmachen, mit Präzision und Konzentration. Und – last, but by no means least – Diego Fasolis, ein Spezialist der Musik des 18. Jahrhunderts, dirigiert das Ensemble I Barocchisti mit mestria und Feingefühl.
Die Oper dauert nur eineinhalb Stunden und wird ohne Pause in einem durchgespielt. Das Publikum hat genug Musikverständnis und Geschmack, um die Handlung nicht durch Szenenapplaus zu unterbrechen. Dafür gibt es begeisterten Beifall nach Ende der Aufführung.
Alexander Jordis-Lohausen