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Der Wagner-Zyklus, den Philippe Jordan seit Antritt seines Amtes als Musikdirektor der Opéra National de Paris 2009 dirigiert hat, begann mit der ersten Aufführung der gesamten Tetralogie seit über 50 Jahren in Paris im Frühjahr 2010. Er endet nun mit dem Bühnenweihfestspiel Parsifal. Dieses letzte Werk Wagners kreist um das Thema der Erlösung im religiösen Sinne, eine Idee, die ja seit dem fliegenden Holländer immer wieder in Wagners Opern auftaucht. Aber hier wurde sie in einem sehr persönlichen Synkretismus nicht nur von den christlichen mittelalterlichen Heldenepen eines Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach inspiriert, sondern auch von viel älteren heidnisch-keltischen Mythen um König Arthur und die Ritter seiner Tafelrunde, und überdies vom Gedankengut Schopenhauers und vom Buddhismus beeinflusst. Mit seiner sehr eindringlichen Symbolik gilt das Werk als religiöser Abschluss, eine Apotheose von Wagners dichterischem und musikalischem Schaffen.
Ganz in diesem Sinne erklärt Jordan als Dirigent der Aufführung schon vor der Premiere sehr eindeutig: „Im Parsifal wird schon im Vorspiel der Ton immateriell, unwirklich, in gewisser Weise visionär, der Ton wird zum Raum, in dem die Zeit manchmal stillsteht … Wir dringen ein in eine Welt der Töne … deswegen könnten wir Parsifal ebenso gut konzertant aufführen. Denn die Kulissen, die Beleuchtung, die Handlung sind alle in dieser Welt der Töne. Wagner lädt uns in eine Dimension von Trance und Meditation ein. Er schafft den Raum durch Töne“. Diese Erklärung klingt fast so, als ob sich unter solchen Vorzeichen die Inszenierung mehr oder weniger in Luft und Töne auflösen sollte.
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Nun kann man bei jemandem wie Regisseur Richard Jones, der sich in der Vergangenheit weltweit durch sehr originelle, manchmal fast surrealistische Inszenierungen – wie sein Hänsel und Gretl an der Met in New York – einen Namen gemacht hat, kaum erwarten, dass er eine Felsenlandschaft mit gotischer Burg auf die Bühne setzt. Doch löst sich seine Inszenierung auch nicht in Luft und Töne auf. Im Gegenteil, auch er will interpretieren und illustrieren, auf seine Weise. Was in der Musik vielleicht esoterisch oder vergeistigt wirkt, wird bei Jones zu konkreten, handfesten, modernen Bildern und nur am Rand tauchen hin und wieder stilisierte christliche Symbole auf. Seine Gralsburg ist ein moderner Klosterbau, in dem Männer in modernen Straßenkleidern ein- und ausgehen. Die Knappen in Trainingsanzügen. Nur zu den religiösen Zeremonien ziehen die Ritter schwarze, goldbestickte Kittel über. Das Innere des Klosters lernt der Zuschauer genauestens kennen, denn bei jedem Szenenwechsel schiebt sich die Kulisse ein Stückchen weiter nach links und gibt damit rechts einen weiteren Raum frei: vom Refektorium mit einfachen Holzmöbeln und ganz moderner Einbauküche angefangen, geht es weiter zum Spital mit medizinischen Geräten, wo oben Titurel im Sterben liegt und unten Amfortas behandelt wird. Danach taucht der Saal auf, in dem der Gral aufbewahrt wird und anschließend schließlich die Burgkapelle. Alles nicht übermäßig inspiriert, sehr rechteckig, einfach, funktionell, aber im Grunde doch irgendwie einleuchtend. Bei Klingsor und seinem Zaubergarten hingegen fühlt sich Jones offensichtlich dennoch wohler und lässt hier seiner Fantasie und seinem Humor freien Lauf. Klingsor ist hier nicht nur Zauberer, er ist auch Hypnotiseur und Gentechniker. So bringt er durch Hypnose Kundry dazu, letztlich gegen ihren Willen Parsifal zu verführen. Sein Zaubergarten ist am Anfang des zweiten Akts noch ein ultra-modernes Gewächshausbeet, in dem fein säuberlich aufgereiht seine kleinen Pflänzchen wachsen. Doch schon kurz darauf verlocken sie als höchst lustvolle Freudenmädchen, die aus Gen-veränderten Maiskolben herauswachsen, in einem Pop-Art-Sex-Ballet mit überdimensionalen nackten Brüsten und ebenso nackten verführerischen Scham- und Hinterteilen, von dem so manche sex-show noch etwas lernen könnte. So verführerisch, dass die Pariser Oper es vorgezogen hat, kein Foto dieser Szene zur Verfügung zu stellen. All die heitere Pracht zerstört dann Parsifal mit der einfachen Bewegung seiner heiligen Lanze, sodass nur noch Aschehaufen und makabre, verkohlte Skelette übrigbleiben. Nach diesem, auch in der Musik aufregenden, aber unheiligen Mittelteil, kehren wir im dritten Akt wieder in die nüchterne, gequälte, aber fromme Atmosphäre des Klosters zurück. Die Choreografie ist gut. Die Beleuchtung ist vor allem im zweiten Akt ausschlaggebend wirkungsvoll.

Günther Groissböck meistert mit gediegener, klangvoller Bass-Stimme eine der umfangsreichsten Rollen der Oper, die des Gurnemanz. Eine Wagnersche legato-Partie par excellence, die er mit bewundernswert gleichmäßiger Phrasierung interpretiert, wie in der Szene, in der er den jungen Knappen die Geschichte des Grals erzählt Mit ihm bewehrt, Amfortas, Allzukühner. Mitten in diese Geschichte stolpert plötzlich Andreas Schager, nur mit Pullover und Leinenshorts bekleidet, als Parsifal herein. Eher ein unbedarfter Tölpel mit trotzig-jugendlicher Gestik als ein „reiner Tor“. Doch sein schön timbrierter, beweglicher Heldentenor entfaltet sich erst voll im zweiten Akt, in der Verführungsszene mit Kundry, zuerst im lyrischen Teil und dann, als er sich der Situation klar wird, beim höchst dramatischen Aufschrei Amfortas! Die Wunde! – Die Wunde! Seine Verführerin Kundry ist eine der interessantesten und reichhaltigsten Frauengestalten in Wagners Opern, jeweils Aschenputtel, Herodias und Maria Magdalena. Anja Kampe verleiht dieser letztlich tragischen Rolle eine große Menschlichkeit. Auch ihre Stimme entfaltet sich zu ihrer vollen Dimension erst im zweiten Akt. Gleich am Anfang, in der wilden Auflehnung gegen Klingsor, nimmt ihr vibratoreicher, dunkler Sopran fast hexenhafte Züge an, die dann im Duett mit Parsifal einer zauberhaft zarten, leichten, verführerischen Lyrik weichen, wenn sie ihn in hellviolettem, weitem Seidenkleid zu umgarnen sucht Nein, Parsifal, du tör‘ger Reiner! Er sitzt wie ein kleiner Junge vor ihr am Boden. Als ihr die Verführung aber doch nicht gelingt, schlägt diese Lyrik dann wieder mit bewundernswerter stimmlicher Flexibilität in eine ebenso überzeugend wütende und zugleich verzweifelte Dramatik um. Dieses Duett wird damit auch zur eindrucksvollsten Szene der ganzen Oper und das bezeichnenderweise fast ohne szenische Untermalung, weil sie sich auf einer fast dunklen, leeren Bühne abspielt, mit einer Bank als einzigem Requisit.
Peter Mattei ist der unglückselige, ewigleidende Amfortas. Er singt mit warmem, vollem Bariton wie in der Leidensarie Nein! Lasst ihn unenthüllt! Auch spielt er seine Rolle überzeugend, aber man hätte ihm seine Wunde auch geglaubt, selbst wenn nicht ganz so viel rotes Blut auf die Bühne, auf die Laken und auf seine Kleider geströmt wäre. Auffallend gut ist auch seine Diktion. Evgeny Nikitin hat einen kraftvollen, sehr eindringlichen, schönen Bass-Bariton und stellt mit dunkler Dramatik glaubhaft den Klingsor dar. Reinhard Hagen singt mit Grabesstimme den sterbenden Titurel. Alle anderen Darsteller, Knappen, Gralsritter und Zaubermädchen, fügen sich harmonisch in das ausgezeichnete Ensemble ein. Lobend sei noch der Chor unter der bewährten Leitung von José Luis Basso erwähnt.
Philippe Jordan hat sich im letzten Jahrzehnt international zu einem der ersten und vielseitigsten Operndirigenten profiliert. Sein Weggang in zwei Jahren wird zweifellos einen Gewinn für die Wiener Staatsoper, aber einen großen Verlust für die Pariser Oper bedeuten. Hier dirigiert er souverän, schöpft die ganze Klangfülle von Wagners Partitur voll aus. Solisten, Chor und vor allem auch das Orchestre de l’Opéra National de Paris, das er im Laufe der letzten Jahre zu einem der besten Klangkörper der französischen Hauptstadt entwickelt hat, immer fest im Blick. Und man versteht nun gut, was er meint, wenn er sagt, er schaffe den Raum durch Töne.
„Man hört da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt, edel und voller Kraft. Das ist eines der schönsten Klangdenkmäler, die zum unvergänglichen Ruhm der Musik errichtet worden sind“, schreibt Claude Debussy, der ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Wagners Musik hatte und der beileibe kein Wagnerianer war und es auch nicht sein wollte, offensichtlich sehr beeindruckt von einer Parsifal-Aufführung, die er 1889 in Bayreuth besuchte. Und das haben wohl auch die meisten Anwesenden an diesem verspäteten Premierenabend – die vier ersten Aufführungen mussten wegen einer Sicherheitspanne in der Oper an der Bastille abgesagt werden – ähnlich empfunden, denn der Applaus war selten so einhellig und tosend.
Alexander Jordis-Lohausen