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Foto © Stefan Brion

Unmögliche Suche nach dem Glück

PICTURE A DAY LIKE THIS
(George Benjamin)

Besuch am
25. Oktober 2024
(Premiere)

 

Opéra Comique, Paris

George Benjamin ist einer der Haupt­ver­treter der heutigen Musik, der jenseits aller Schulen und mit einer außer­ge­wöhn­lichen techni­schen Meister­schaft, verfei­nerte Struk­turen und klare Formen, durch Tradition als auch durch Experi­men­tieren genährte Inspi­ra­tionen, visuelle Anregungen und Tonzau­berei, expressive Kraft und Sinnlichkeit in Einklang bringt.“ So charak­te­ri­siert Timothée Picard die Musik des 1960 in London geborenen Kompo­nisten, der sich 25 Jahre lang an die Oper heran­tastet, um dann 2006 im Auftrag des Festival d’Automne de Paris die erste Oper Into the little Hill – nach dem Märchen Der Ratten­fänger von Hameln – auf die Bühne zu bringen, gefolgt 2012 von dem psycho­sexu­ellen Werk Written on Skin beim Festival d’Aix-en-Provence, und elf Jahre später wieder in Aix Picture a day like this. Diese, seine vierte Oper entstand, wie die voran­ge­gan­genen, in Zusam­men­arbeit mit dem Bühnen-Schrift­steller Martin Crimp. Crimps Textbücher sind modern gehalten, aber deutlich von Märchen, von der Legende oder von Shake­speares Tragödien inspi­riert und ihre Handlungen sind meist an die Grenze der materi­ellen und der metaphy­si­schen Welt verlegt. Der Schrift­steller wie der Komponist sind dabei stets bestrebt eine univer­selle Geschichte zu erzählen.

Foto © Stefan Brion

Crimp hat sich zu dieser metaphy­si­schen Fabel von uralten orien­ta­li­schen Legenden inspi­rieren lassen und mit kargen, knappen Worten daraus eine Prosa-Dichtung geschaffen. Sie erzählt die Geschichte von einer Frau, die erlebt, wie ihr Kind stirbt, und das nicht akzep­tieren kann. Da gibt eine andere Frau ihr eine Seite mit Namen und sagt ihr, dass ihr Kind ins Leben zurück­kehrt, wenn sie vor Sonnen­un­tergang unter diesen Menschen einen findet, der wirklich glücklich ist, und wenn sie ihm einen Knopf von seinem Ärmel abschneidet. Sie macht sich auf den Weg. Doch schon bei den ersten, bei einem verliebten jungen Paar entfesselt die Bitte um einen Knopf einen entsetz­lichen Streit. Dann zerschlägt sich auch bei einem pensio­nierten Handwerker, der früher Knöpfe herge­stellt hatte, im Laufe der Unter­haltung jede Hoffnung, ist er doch in Wirklichkeit ein gebro­chener Mann, der zum Selbstmord neigt. Bei einer berühmten, von allen bewun­derten Kompo­nistin muss die Frau feststellen, dass auch Selbst­herr­lichkeit nicht glücklich macht. Nach diesen Erfah­rungen ist die Frau wütend und entmutigt, nichts scheint zu gelingen. Ganz nieder­ge­schlagen trifft sie den Kunst-Sammler, der ihr alles verspricht, wenn sie nur bei ihm bleibt, denn er ist trotz seiner Kunst­schätze einsam. Sie verweigert sich ihm. Doch er hat Mitleid mit ihr und öffnet ihr schließlich die Tür zu einem geheim­nis­vollen Garten. In diesem wunder­schönen, ganz stillen Wunder­garten trifft die Frau auf Zabelle, die glücklich scheint. Sie bittet um einen Knopf, aber Zabell klärt sie auf, dass auch ihr Kind tot sei und sie nur glücklich, weil sie nicht existiere. Der Zauber­garten verschwindet und die Frau befindet sich wie zu Beginn der Oper vor ihrem toten Kind und eine Frau erklärt ihr, die Seite mit den Namen stamme aus dem Totenbuch. Das Ende bleibt geheim­nisvoll, als die Frau den blanken Knopf vorzeigt, den sie in der Hand hat.

Foto © Stefan Brion

Die beiden Regis­seure Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma haben den Einakter in sieben kurzen Bildern mit zeitlosem, minima­lis­ti­schem, eiskaltem Dekor und mit meist dunkler Beleuchtung völlig statisch, ja, fast ausdrucklos in Szene gesetzt. Die Kostüme sind modern. Die einzige Extra­vaganz sind Hicham Berradas aquari­en­hafte Videos, die die märchen­hafte, aber geheim­nisvoll-gefähr­liche Fantasie-Vegetation des Zauber­gartens recht einleuchtend auf der Bühne erwachsen lässt, die aber auch symbo­li­sieren soll, wie sonst tödliche Chemi­kalien ins Wasser geworfen eine üppige, verfüh­re­rische Pflanzen-Scheinwelt entfalten können. Wie Jeanneteau es ausdrückt: „Der Garten ist zugleich sehr verfüh­re­risch und tödlich. Wie die Versu­chung, sein Kind zu retten, wenn das nicht möglich ist. Der Garten der Zabelle ist ein tödliches Bild. Herrlich und gefährlich.“

Die Besetzung der Oper ist dieselbe, wie beim Festival von Aix-en-Provence.  Als Haupt­dar­stel­lerin hat der Komponist Marianne Crebassa ausge­wählt und die Rolle für sie und für ihre Stimme kompo­niert. Und sie spielt die Frau ernst, streng und entschlossen und singt sie sehr nuanciert. Mit fast tonloser, leiser Stimme beginnt sie ihre Geschichte, dem Sprech­gesang nahe, doch steigert sich, als der Schmerz zu groß wird, in eine lautstarke, lang hinaus­ge­zogene, oft nur auf einem Ton ruhende Litanei. Ein langwäh­rendes, amelo­di­sches legato-lamento. Im Gegensatz dazu überzeugt Beate Mordal mit leichter, beweg­licher Stimme sowohl als die über die fucking polyamory ihres Liebhabers wütende Geliebte als auch als die selbst­herr­liche, egozen­trische Kompo­nistin. Der Kontra­tenor Cameron Shahbazi spielt und singt lüstern den flatter­haften Liebhaber. John Brancy beein­druckt durch eine technisch gut kontrol­lierte, schön timbrierte Bariton­stimme und mit gewagten Sprüngen in die Kopfstimme. Er verströmt Unruhe als der Handwerker und ist eher ein beruhi­gendes Element als Kunst­sammler. Mit Anna Prohaska als die geheim­nis­volle Zabelle und mit ihrem Garten steigt die Oper szenisch, aber auch musika­lisch in eine neue Dimension auf, und das lyrische Duett der beiden Frauen­stimmen nähert sich fast schon der tradi­tio­nellen Opernwelt, bis die verfüh­re­rische Fata Morgana wie eine spukhafte Illusion wieder verschwindet.

Wenn die Gesangs­rollen oft etwas eintönig erscheinen, so ist das Orchester umso erregter. Es sind 23 Musiker des Philhar­mo­ni­schen Orchesters von Radio France, die oft sehr lautstark und eher als unabhängige Solisten den Ton angeben.

George Benjamin leitet Soli und Orchester souverän durch seine Oper.

Das Premie­ren­pu­blikum bedenkt die Solisten, das Orchester, das Regie-Team, vor allem aber auch George Benjamin und Martin Crimp mit eifrigem Beifall.

Alexander Jordis-Lohausen

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