O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Adolph Adam komponierte 53 Opern und Ballette, von denen uns aber vielleicht hauptsächlich das Ballett Giselle in Erinnerung geblieben ist. Von seinem damaligen großen Triumph Le Postillon de Lonjumeau hört man heute höchstens noch hin und wieder das Postillon-Lied in Unterhaltungskonzerten. Die Oper ist auch seit 1894 in Paris nicht mehr aufgeführt worden. Umso erfreulicher, dass die Opéra Comique diese musikalisch wie auch theatralisch spritzige Komödie nun wieder auf die Bühne gebracht hat – es hat aber auch zehn Jahre Vorbereitung gebraucht, bis alles richtig war. Halb gesprochen, halb gesungen ist Le Postillon de Lonjumeau der Inbegriff des Vaudeville-artigen Stils der Opéra comique des frühen 19. Jahrhunderts in Frankreich.
Das bühnenwirksame Textbuch erzählt die Geschichte, wie zur Zeit Ludwigs XV. der fesche, junge Postillon von Lonjumeau mit seiner schönen Tenorstimme vom vorbeireisenden Intendanten der königlichen Oper überredet wird, als Opernsänger große Karriere zu machen. Er verlässt seine hübsche junge Frau, die er eben erst geheiratet hat, und zieht nach Paris. Zehn Jahre später treffen sie einander bei Hof wieder. Er ist inzwischen als Sänger hochberühmt geworden, sie durch eine Erbschaft reich und nun Dame der Gesellschaft. Er erkennt sie nicht wieder, aber sie ihn. Er verliebt sich in sie und macht ihr einen Heiratsantrag. Nach der Trauung klagt der Opernintendant, der ihr auch, aber vergeblich, den Hof macht, den Postillon respektive Opernsänger der Bigamie an, worauf Todesstrafe steht. Sie, die ihren Postillon von damals immer noch liebt, lässt ihn erst etwas schwitzen, bevor sie sich ihm zu erkennen gibt und ihm um den Hals fällt. Die Musik ist sorgfältig komponiert, schwungvoll, unterhaltend und einprägsam.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das possenhafte Werk kommt dem Wesen des etwas burlesk-dandyhaften Schauspielers und Regisseurs Michel Fau sehr entgegen. Mit sehr viel Phantasie bis hin zum Surrealistischen hat er sich des Postillon de Lonjumeau angenommen, damit das heutige Publikum davon ebenso begeistert sei, wie seinerzeit das des 19. Jahrhunderts. „Was mich hier begeistert, ist die Geschichte der Oper in der Oper. Und so habe ich mich entschlossen eine gepflegte, ein bisschen affektierte, etwas dekadente, fantastische, übertriebene, farbige, ja sogar übersättigte Inszenierung vorzubereiten“, sagt er selbst dazu. Und er hat Wort gehalten. Vor blumenreichen, bunten und etwas ländlich-naiv gemalten Bühnenbildern, besonders reizvoll in hellem Grün und Violett im dritten Akt, spult er ein Schauspiel ab – halb gesungen, halb gesprochen – voll reizender Einfälle, burlesker Tänze und närrischer Szenen. Bei ihm liegen Tragödie und Komödie ganz eng neben einander. „Ich spreche immer von Tragödie, wenn ich mit Sängern an einem burlesken Register arbeite wie beim Postillon. Denn Tragödie ist es, wenn der Held, der von dem, was ihm geschieht, überfordert ist, ebenso ist es im Vaudeville oder in der Posse. Die Personen werden verrückt durch das, was ihnen geschieht. Nur flößt eine solche Situation in einer Tragödie Angst ein, während sie in einem Vaudeville zum Lachen bringt“, sagt Fau. So ist man auch während der ganzen Oper nie ganz sicher, ob ein ernstes Geschehen auf der Bühne nicht schon ins Lachhafte, ins Groteske übergekippt ist. Und meistens ist es der Fall, aber immer sehr subtil. Am köstlichsten vielleicht die Karikatur der barocken Oper in der Oper mit ihren übertriebenen Gesten, aufwändigen Kostümen und Federbüschen auf dem Kopf. Man braucht sich da bei Christian Lacroix keine Sorgen zu machen, dass er nicht alle Formen, alle Farben, alle Muster ausgeschöpft hat, um die ländliche Gesellschaft, die Hofgesellschaft und vor allem natürlich die Hauptdarsteller, vage im Stile Ludwigs XV., mit den buntesten und extravagantesten Bekleidungen auszustaffieren.

Der Star des Abends ist ganz ohne Zweifel der amerikanische Tenor Michael Spyres, der sich ganz in diese urfranzösische Oper eingelebt hat. Seine gesungene, aber auch gesprochene Diktion ist einwandfrei, seine Schauspielkunst unübertrefflich und überdies wird er mit schön timbrierter Tenorstimme der anspruchsvollen Rolle des Postillons voll gerecht. Nicht nur im ersten Akt das bekannte Postillon-Lied Mes amis, écoutez l’histoire, mit dem gefürchteten hohen D, sondern auch die fast heroische Arie im dritten Akt A la noblesse, je m’allie. Sogar der Regisseur staunt über das Phänomen: „Man könnte meinen, die Rolle sei für ihn geschrieben. Er hat die stimmliche Kraft, die Gelenkigkeit und die Durchtriebenheit. Es ist verblüffend!“
Seine nicht weniger durchtriebene und letztlich noch raffiniertere Gegenspielerin in zahlreichen Duetten ist Florie Valiquette. Sie ist zierlich und graziös. Sie singt mit beweglichem, aber dennoch kraftvollem, klangvollem Sopran erst die ländliche Madeleine in hübschem, schwarzweißem Hochzeitskleid und ab dem zweiten Akt die hoheitsvolle Madame de Latour in orangeroter Krinoline und pompöser Turmfrisur, wie in ihrer großen Arie Je vais donc le revoir gleich zu Beginn des zweiten Akts. Sie spielt beide Rollen mit charmanter Weiblichkeit. Ihr zur Seite Michel Fau – diesmal Schauspieler – als ihre Zofe Rosa, ebenfalls in orangeroter Krinoline und pompöser Turmfrisur wie ein grotesker Abklatsch ihrer Herrin. Franck Leguérinel als der Opernintendant versteht zu spät, dass er der Bauernschläue seiner Angebeteten nicht gewachsen ist. Laurent Kubla singt den ellenlangen Dorfschmied Biju, der mit seinem Freund den Sprung vom Dorf auf die Opernbühne gewagt hat. Der gut einstudierte Chor Accentus begleitet wirkungsvoll die Handlung.
Sébastien Rouland hat offensichtlich gute Probenarbeit geleistet, denn er leitet das Orchester der Opéra de Rouen Normandie, den Chor und die Solisten straff, präzise und doch leichthändig durch die Partitur, in der Rhythmen und Tempi sich in schneller Abfolge tänzerisch schwungvoll abwechseln, in der auch die Bläser immer wieder klangvoll in Erscheinung treten.
Es ist einer jener glanzvollen Erfolge, die das Geheimnis der Opéra Comique ausmachen. Das Publikum applaudiert begeistert. „Es ist einer jener Abende, die einen fröhlich stimmen!“ sagt eine Zuschauerin nach der Vorstellung.
Alexander Jordis-Lohausen