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Foto © Stefan Brion

Herrliches Vaudeville-Theater

LE POSTILLON DE LONJUMEAU
(Adolphe Adam)

Besuch am
30. März 2019
(Premiere)

 

Opéra Comique, Paris

Adolph Adam kompo­nierte 53 Opern und Ballette, von denen uns aber vielleicht haupt­sächlich das Ballett Giselle in Erinnerung geblieben ist. Von seinem damaligen großen Triumph Le Postillon de Lonjumeau hört man heute höchstens noch hin und wieder das Postillon-Lied in Unter­hal­tungs­kon­zerten. Die Oper ist auch seit 1894 in Paris nicht mehr aufge­führt worden. Umso erfreu­licher, dass die Opéra Comique diese musika­lisch wie auch theatra­lisch spritzige Komödie nun wieder auf die Bühne gebracht hat – es hat aber auch zehn Jahre Vorbe­reitung gebraucht, bis alles richtig war. Halb gesprochen, halb gesungen ist Le Postillon de Lonjumeau der Inbegriff des Vaude­ville-artigen Stils der Opéra comique des frühen 19. Jahrhun­derts in Frankreich.

Das bühnen­wirksame Textbuch erzählt die Geschichte, wie zur Zeit Ludwigs XV. der fesche, junge Postillon von Lonjumeau mit seiner schönen Tenor­stimme vom vorbei­rei­senden Inten­danten der könig­lichen Oper überredet wird, als Opern­sänger große Karriere zu machen. Er verlässt seine hübsche junge Frau, die er eben erst gehei­ratet hat, und zieht nach Paris. Zehn Jahre später treffen sie einander bei Hof wieder. Er ist inzwi­schen als Sänger hochbe­rühmt geworden, sie durch eine Erbschaft reich und nun Dame der Gesell­schaft. Er erkennt sie nicht wieder, aber sie ihn. Er verliebt sich in sie und macht ihr einen Heirats­antrag. Nach der Trauung klagt der Opern­in­tendant, der ihr auch, aber vergeblich, den Hof macht, den Postillon respektive Opern­sänger der Bigamie an, worauf Todes­strafe steht. Sie, die ihren Postillon von damals immer noch liebt, lässt ihn erst etwas schwitzen, bevor sie sich ihm zu erkennen gibt und ihm um den Hals fällt. Die Musik ist sorgfältig kompo­niert, schwungvoll, unter­haltend und einprägsam.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Das possen­hafte Werk kommt dem Wesen des etwas burlesk-dandy­haften Schau­spielers und Regis­seurs Michel Fau sehr entgegen. Mit sehr viel Phantasie bis hin zum Surrea­lis­ti­schen hat er sich des Postillon de Lonjumeau angenommen, damit das heutige Publikum davon ebenso begeistert sei, wie seinerzeit das des 19. Jahrhun­derts. „Was mich hier begeistert, ist die Geschichte der Oper in der Oper. Und so habe ich mich entschlossen eine gepflegte, ein bisschen affek­tierte, etwas dekadente, fantas­tische, übertriebene, farbige, ja sogar übersät­tigte Insze­nierung vorzu­be­reiten“, sagt er selbst dazu. Und er hat Wort gehalten. Vor blumen­reichen, bunten und etwas ländlich-naiv gemalten Bühnen­bildern, besonders reizvoll in hellem Grün und Violett im dritten Akt, spult er ein Schau­spiel ab – halb gesungen, halb gesprochen – voll reizender Einfälle, burlesker Tänze und närri­scher Szenen. Bei ihm liegen Tragödie und Komödie ganz eng neben einander. „Ich spreche immer von Tragödie, wenn ich mit Sängern an einem burlesken Register arbeite wie beim Postillon. Denn Tragödie ist es, wenn der Held, der von dem, was ihm geschieht, überfordert ist, ebenso ist es im Vaude­ville oder in der Posse. Die Personen werden verrückt durch das, was ihnen geschieht. Nur flößt eine solche Situation in einer Tragödie Angst ein, während sie in einem Vaude­ville zum Lachen bringt“, sagt Fau. So ist man auch während der ganzen Oper nie ganz sicher, ob ein ernstes Geschehen auf der Bühne nicht schon ins Lachhafte, ins Groteske überge­kippt ist. Und meistens ist es der Fall, aber immer sehr subtil. Am köstlichsten vielleicht die Karikatur der barocken Oper in der Oper mit ihren übertrie­benen Gesten, aufwän­digen Kostümen und Feder­bü­schen auf dem Kopf. Man braucht sich da bei Christian Lacroix keine Sorgen zu machen, dass er nicht alle Formen, alle Farben, alle Muster ausge­schöpft hat, um die ländliche Gesell­schaft, die Hofge­sell­schaft und vor allem natürlich die Haupt­dar­steller, vage im Stile Ludwigs XV., mit den buntesten und extra­va­gan­testen Beklei­dungen auszustaffieren.

Foto © Stefan Brion

Der Star des Abends ist ganz ohne Zweifel der ameri­ka­nische Tenor Michael Spyres, der sich ganz in diese urfran­zö­sische Oper eingelebt hat. Seine gesungene, aber auch gespro­chene Diktion ist einwandfrei, seine Schau­spiel­kunst unüber­trefflich und überdies wird er mit schön timbrierter Tenor­stimme der anspruchs­vollen Rolle des Postillons voll gerecht. Nicht nur im ersten Akt das bekannte Postillon-Lied Mes amis, écoutez l’histoire, mit dem gefürch­teten hohen D, sondern auch die fast heroische Arie im dritten Akt A la noblesse, je m’allie. Sogar der Regisseur staunt über das Phänomen: „Man könnte meinen, die Rolle sei für ihn geschrieben. Er hat die stimm­liche Kraft, die Gelen­kigkeit und die Durch­trie­benheit. Es ist verblüffend!“

Seine nicht weniger durch­triebene und letztlich noch raffi­niertere Gegen­spie­lerin in zahlreichen Duetten ist Florie Valiquette. Sie ist zierlich und graziös. Sie singt mit beweg­lichem, aber dennoch kraft­vollem, klang­vollem Sopran erst die ländliche Madeleine in hübschem, schwarz­weißem Hochzeits­kleid und ab dem zweiten Akt die hoheits­volle Madame de Latour in orange­roter Krinoline und pompöser Turmfrisur, wie in ihrer großen Arie Je vais donc le revoir gleich zu Beginn des zweiten Akts. Sie spielt beide Rollen mit charmanter Weiblichkeit. Ihr zur Seite Michel Fau – diesmal Schau­spieler – als ihre Zofe Rosa, ebenfalls in orange­roter Krinoline und pompöser Turmfrisur wie ein grotesker Abklatsch ihrer Herrin. Franck Legué­rinel als der Opern­in­tendant versteht zu spät, dass er der Bauern­schläue seiner Angebe­teten nicht gewachsen ist. Laurent Kubla singt den ellen­langen Dorfschmied Biju, der mit seinem Freund den Sprung vom Dorf auf die Opern­bühne gewagt hat. Der gut einstu­dierte Chor Accentus begleitet wirkungsvoll die Handlung.

Sébastien Rouland hat offen­sichtlich gute Proben­arbeit geleistet, denn er leitet das Orchester der Opéra de Rouen Normandie, den Chor und die Solisten straff, präzise und doch leicht­händig durch die Partitur, in der Rhythmen und Tempi sich in schneller Abfolge tänze­risch schwungvoll abwechseln, in der auch die Bläser immer wieder klangvoll in Erscheinung treten.

Es ist einer jener glanz­vollen Erfolge, die das Geheimnis der Opéra Comique ausmachen. Das Publikum applau­diert begeistert. „Es ist einer jener Abende, die einen fröhlich stimmen!“ sagt eine Zuschauerin nach der Vorstellung.

Alexander Jordis-Lohausen

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