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IL PRIMO OMICIDIO
(Alessandro Scarlatti)
Besuch am
24. Januar 2019
(Premiere)
Alessandro Scarlatti hat neben vielen anderen Werken 114 Opern und 38 Oratorien geschaffen, von den die meisten nicht erhalten geblieben sind. Als er 1707 mit 48 Jahren das Oratorium Il primo omicidio komponierte, hatte er schon den wichtigsten Teil seiner Karriere und vor allem die 18 Jahre als der große Meister der neapolitanischen Oper hinter sich. Aber auch fünf Jahre als Kirchenkapellmeister von Santa Maria Maggiore in Rom, während derer er sich hauptsächlich geistlichen Kompositionen widmete. Er verdankte diesen Posten Kardinal Pietro Ottoboni, dessen Vater Antonio auch den Text zum Oratorium schrieb. Scarlatti komponierte es in Venedig, kurz vor seiner Rückkehr nach Neapel.
Als Giacomo Carissimi, Scarlattis ehemaliger Lehrer und der unerreichte Meister des noch weitgehend von der einfachen vokalen Polyphonie Monteverdis inspirierten oratorio latino, starb, begann das klassische römische Oratorium, neue Wege zu gehen. So gehört auch Il primo omocidio, das die alt-testamentarische Geschichte von Kain und Abel behandelt, schon zu jener neuen Form des oratorio dramatico. Es ist eine der Oper nahestehende Art des geistlichen Konzerts, mit Arien, Duetten, Rezitativen und instrumentalem basso continuo ohne Chor, daher in gewissem Sinne ein „virtuoses belcantistisches Solo-Oratorium“. Hier kommt auch die Da-capo-Arie, wie wir sie aus Händels Opern kennen, eine Form, die Scarlatti als Opernkomponist in Neapel zur Vollendung entwickelt hat, voll zur Geltung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Romeo Castellucci, der schon mit einer modernen Inszenierung von Schönbergs Moses und Aaron 2015 in Paris Aufsehen erregt hat, versucht sich hier an einem barocken Oratorium. Seine langjährige Mitarbeiterin und Dramaturgin der Aufführung, Piersandra Di Matteo, erklärt in einer langen Ausführung die Ideen des Regisseurs, von der hier nur der Anfang und der Schluss zitiert seien: „ In Romeo Castelluccis Kunst vibriert eine visuelle Spannung und eine starke Einbildungskraft, die das Wissen des Unbewussten durchquert … Letztlich, vor dem Werk dieses Philosophen der Bühne muss man sich um die Bilder kümmern. Bilder, die von einer unerbittlichen, universellen Intensität durchdrungen sind. Romeo Castelluccis Kunstwerke haben die Kraft, die berühren kann, die zu berühren weiß, ohne zu sehr zu berühren, erschüttert durch eine kortikale Gemütsbewegung, die sich dem Sentimentalismus entgegenstellt. Bilder, vor denen man entscheiden muss, ob man den Blick kappen, zögern oder sich vielleicht unterwerfen will.“ Nach solch hochtrabenden Worten, könnte man das Schlimmste befürchten. Doch Castellucci überrascht uns mit einer einfallsreichen, vielschichtigen, ja zum Teil sogar poetischen Inszenierung. Vor allem aber tut seine Regie der sublimen, zierlichen und sensiblen Musik Scarlattis keinen Abbruch.
Im ersten Teil der Oper spielen und singen die sechs Hauptdarsteller auf der Vorderbühne die Geschichte von Kain und Abel wie in einem mittelalterlichen Mysterienspiel, aber in zeitgenössischen Alltagskleidern, allerdings mit einer der Bibel und dem Altertum entlehnten Gestik. Der Hintergrund ist verschwommen wie eine Nebelwand, auf die von hinten meist abstrakte Lichtformen projiziert werden, schwarzweiß oder farbig, die sich manchmal fast wie ein Nordlicht verschieben. Die Intensität dieser Lichtbilder ist vage auf die Handlung abgestimmt. Um die immer wieder auftauchenden Anspielungen auf die Parallele der Dreigestirne Eva, Adam, Abel sowie Maria, Josef und Jesus zu unterstreichen, wird am Anfang der Oper vorübergehend die Riesenreproduktion einer Marienverkündigung aus der sienesischen Frührenaissance umgekehrt über der Bühne aufgehängt. Im zweiten Teil ändert sich alles. Die Bühne wird zu einem öden Feld. Die Sänger werden in den Orchestergraben verbannt und singen jetzt wie in einem Oratorium. Statt dessen mimen Mitglieder eines Kinderchors, ohne aber zu singen, auf der Bühne den grausamen Brudermord, sodass man plötzlich den Eindruck einer Vorstellung mit Miniaturdarstellern gewinnt, man gleitet in eine ganz andere unwirkliche Realität einer Kinderpantomime, die bis ans Ende des Opernoratoriums anhält und der eine gewisse Poesie nicht abgeht.

Kristina Hammarström singt und spielt überzeugend den von Eifersucht und Neid gequälten Kain. Doch die Klangfarben ihres dunklen Mezzosoprans kommen eigentlich erst richtig zur Entfaltung in ihren lyrischen Arien, wie in ihrem Abschied von den Eltern Miei genitori, addio. Olivia Vermeulen hat einen freude-strahlenden, hellen Mezzo mit einem betörenden Timbre; sie ist Ausdruck der reinen Unschuld Abels gleich in ihrer ersten Arie Della mandra un puro agnello und einer erfrischende Zuversicht als Stimme vom Himmel in Miei genitori amati, Abel son io. Brigitte Christensen singt die Eva mit reicher, voller Sopranstimme, aber hat fast zu viel Vibrato für den frühen Barock. Bewegend ist ihr Lamento Madre tenera et amante am Ende der Oper. Thomas Walker ist mit hohem Tenor ein wohlmeinender Adam wie in Più dei doni il cor devoto, der hofft seine Söhne im rechten Sinne zu erziehen, ohne das Unheil zu ahnen, das sich zusammenbraut. Denn Benno Schachter als Luzifer flüstert giftig und gewaltig wie in der dramatischen Arie Nel poter il Nume imita. Doch Pauken und Posaunen ertönen und Gott erscheint. Schachter singt ihn mit Majestät, aber auch mit Bravour, besonders gewaltig in den beiden Strafarien Come mostro spaventevole und Vuò il castigo, non voglio la morte. Alle sechs Stimmen durchlaufen die oft schwierigen Melismen mit scheinbarer Leichtigkeit, die Diktion ist einwandfrei und die Interpretation auf hohem musikalischem Niveau.
René Jacobs dirigiert dieses Kleinod barocker Vokal- und Instrumentalmusik mit einer bewundernswerten Präzision und Ausgewogenheit. Er gesteht allerdings auch, dass das Original-Autograph dieses Opernoratoriums, außer dem Vermerk unisoni, keinerlei Angaben zur Instrumentierung des Werkes macht: opera a sei voce con strumenti ist alles, was Scarlatti dazu sagt. Es sei aber damals üblich gewesen, die Instrumentierung der Größe des Saals anzupassen, in dem die Aufführung stattfand. Dieser Praxis folgend und um die Klangfarbe seines ausgezeichneten B’Rock-Orchesters zu erhöhen, hat er daher für den Großraum eines Opernhauses des späten 19. Jahrhunderts instrumentiert, das Streichorchester durch Oboen, Blockflöten, und Posaunen bereichert, und als Basso continuo Orgel, Cembalo, Laute und Harfe besetzt.
Es ist René Jacobs und der Pariser Oper zu verdanken, dass dieses lange vergessene Meisterwerk des italienischen Barocks wieder auf die Bühne gekommen ist. Dessen eingedenk applaudiert das Premierenpublikum begeistert.
Alexander Jordis-Lohausen